Auf dem Weg nach Madrid

In Berlin auf dem Flughafen habe ich die beiden Frauen nicht gesehen. Aber in Frankfurt da bin ich ganz sicher, saßen sie schon vor mir am Gate und warteten auf den Flug nach Madrid. Erst habe ich sie nicht bemerkt, denn all meine Aufmerksamkeit beanspruchte eine Reisegruppe, die von mir fotografiert werden wollte. Wenn die nur wüssten, dass ich die schlechteste Fotografin der Welt bin! Aber dann steigen wir schon ein und während ich noch versuche das richtige Buch aus der Tasche zu ziehen und den Rucksack in das Gepäckfach bugsiere, bemerke ich, dass die beiden Frauen im Begriff sind sich neben mich zu setzen. Sie beide sind alt. Das steht außer Zweifel, aber ich weiß nicht zu sagen, ob die beiden Frauen wohl Ende 60 oder Ende 80 sind. Denn die beiden Frauen, die mich nur kurz mustern und dann kerzengerade neben mir sitzen, sind ganz in schwarz gewandet. Sie tragen lange, steife, schwarze Kleider, die man eher in einem viktorianischen Kostümfilm vermuten würde, als in einem Lufthansa-Flug nach Madrid. Die Kleider sind bis unter das Kinn mit kleinen, jettschwarzen Knöpfen versehen, die wenn das Licht von der richtigen Seite kommt, schon abgegriffen glänzen. Über den schweren Kleidern tragen die beiden Damen einen schwarzen Spitzenschal aus gehäkelter Wolle, der mit einer kleinen, goldenen Brosche direkt über der Brust befestigt ist. Auf eine irritierende Weise sehen die beiden Damen sich sehr ähnlich, wenn ich auch nicht weiß, ob es wohl Mutter und Tochter sind, oder nicht doch zwei Schwestern, die entweder nie verheiratet waren oder schon lange verwitwet sind, denn eins ist klar, die beiden Frauen tragen nicht einfach schwarze Kleider aus schwerem Taft sondern aus ihnen spricht ihr Stand, der ebenso streng wie dicken und um ihre Hinterköpfe geflochtenen Zöpfe ist. Schwach weht von ihnen der Geruch nach Mottenpulver und Lavendelwasser hinüber und die eine der beiden liest in einem abgegriffenem Erbauungsbüchlein während die andere der beiden Damen prüfend in meine Richtung sieht. Natürlich gähne ich immer in solchen Momenten. Es liegt etwas Raubvogelhaftes in ihrem Blick, ein Blick aus schwarzen Augen, der nichts preisgibt und nichts vergibt. Dann und wann wechseln die beiden Damen ein paar Worte miteinander und ich brauche eine ganze Weile bis mir klar wird, dass sie Spanisch sprechen, auch wenn es nur von Ferne an das Spanisch erinnert, welches ich mühsam und unvollständig entziffern kann. Die beiden aber trennen die Konsonanten der Wörter und es liegt eine Schärfe in ihren Stimmen, die durch die Trennungsstriche die in ihren Wörtern liegt nicht gemildert werden kann. Als die Stewardess mit dem Frühstück kommt, winken sie ablehnend mit den knochigen Fingern. Auf jedem Finger tragen sie mindestens einen schweren Ring. Té sagen sie und es klingt wie Tee-Eh. Fünf Packerln Zucker, den sie aus der schwarzen Handtasche holen, schütten sie in den Tee, den sie in langen und langsamen Schlucken trinken. Alsdann beginnen sie einen zischenden Dialog, von dem ich kaum mehr als ein paar Wortfetzen verstehen kann. So sehr ich mich aber auch bemühe und ich beuge mich so weit ich es unauffällig tun kann, ich kann nicht herausbekommen, wie die beiden Damen heißen, einmal glaube ich etwas wie Isadora oder Isabeau verstanden zu haben, aber sicher bin ich mir nicht, nur eins vermag ich zu sagen: Isabelle oder Isabella ist es auf keinen Fall gewesen. Dann landen wir schon und wie immer bin ich überrascht, dass inmitten der ockerfarbenen Landschaft diese Stadt auftaucht. Die beiden Damen aber richten ihre Röcke und zupfen den Schal über ihren Schultern zurecht und holen aus dem Gepäckfach zwei, schwarze Regenschirme. Der Handknauf des Regenschirms ist aus gedrechseltem Holz: ein Entenkopf, unter die Arme geklemmt, der mich mit starr anstiert, ist das vorerst letzte was ich von den beiden alten Damen sehe. Aber als ich auf die Metro warte, da stehen sie schon vor mir in der Schlange und auch noch als ich die Regionalbahn in Richtung Aranjuez besteige, sehe ich die beiden Damen ihre Regenschirme wie Aktenmappen unter die Arme geklemmt auf einen Zug warten. Aber dann verlieren sich unsere Wege doch.

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Und bald schon erreiche ich den Plaza de Santa Anna und stehe vor dem großen Tor und seinen gewaltigen Löwenköpfen. Dreimal genauso oft, wie Consuela es mich hieß, lasse ich sie auf das Holz schlagen. Dann rührt sich eine ganze Weile gar nichts: die Löwenköpfe brauchen wohl etwas Bedenkzeit und beraten ob sie mir Einlass gewähren wollen, aber dann summt es doch und ich drücke die schweren Flügeltüren auf. „Read On, bist du es?“ ruft Consuela von oben herab und wirft den Schlüssel mit dem man den schmiede-eisernen Fahrstuhlkäfig öffnet, zu mir herunter. „Jaaaa“ rufe ich nach oben und knirschend und ächzend kreischt das Gestell nach oben und als ich aus der Fahrstuhltür trete, steht Consuela vor mir, die Frau die einmal fast meine Schwiegermutter geworden wäre. Für einen Wimpernschlag lang sehen wir uns befangen an, aber dann liege ich schon in ihren Armen. „Read On“, sagt sie und zieht mich herein, ich dachte schon, man müsse mich mit den Füßen voran aus der Wohnung tragen, bevor ich dich noch einmal bewege nach Madrid zu kommen.“ Dann lacht sie, ihr lautes, dröhnendes, ansteckendes Lachen, das nicht aus dem Mund kommt, sondern überall in ihr steckt und aus ihr herausbricht, ein warmer Schwall Freude und Wärme und ihr ganzes Herz liegt darin. „Du sollst doch nichts mitbringen“, sagt Consuela und freut sich doch über Marmeladengläser, Brombeerkuchen und einen flamingo-roten Schal, den sie sich über den Hals schlingt, wild und verwegen sieht sie aus. Lachend zeigt sie mir ihre bunt-gefärbten Fingernägel. „Hat Manolita extra für deinen Besuch gemacht“, sagt sie und ich bewundere ihre Nägel. Dann sitzen wir auf dem grünen Sofa, die Fensterläden sind geschlossen und ich bin nicht nur froh darum, dass es die Hitze abhält, sondern, auch das Hochzeitsbild das ihren Sohn mit seinem Mann zeigt, liegt im Schatten. „Um 18. 30 Uhr“ sagt Consuela „kommt Manolita und macht mir die Haare.“ Danach essen wir Tapas und Javier hat gesagt er macht Bacalao so wie du ihn magst.“ Dann legt Consuela, die vor einem halben Jahr einen zweiten Schlaganfall hatte sich hin. „Danke, sagt sie mein Mädchen“, als ich neben ihr auf dem Bettrand sitze, aber ich sage: „shhhh“ und streiche ihr über die Hand.

Es ist verrückt und wenn man so lange nicht in einer Stadt  wie ich, ist es besonders wahnsinnig, denn so viel ist zu sehen , aber ich nehme ein Handtuch, schlüpfe in den Bikini und fahre mit der Metro hinaus zum Caso del Campo, denn das Piscina del Lago ist das schönste Schwimmbad der Stadt. Und schon tauche ich tief, so tief ich kann und halte die Luft an, bevor das Wasser kühl und glatt über meinem Kopf zusammenschlägt.

Best way to escape the heat #madrid #piscinadellago #swimming #summer #heatwave #cityescapes

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