Weiter und weiter

Der ICE fällt aus. Aber ich kann nicht zwei Stunden auf den nächsten Zug warten, denn morgen fliege ich nach Madrid und bis auf einen Stapel Bücher ist noch nichts von den Dingen gerichtet, die man vor einer Reise so richten muss. Zehn Minuten später also sitze ich in der Regionalbahn. Mit mir reist eine Gruppe Pfadfinder. Sie singen, nein sie grölen, aber das Lied kann ich nicht herausbekommen, obwohl sie kein Ende finden wollen, aber das Ännchen auf Tharau war es nicht. Aber was weiß ich schon über das Liedgut der Pfadfinder? Das Land fliegt vorbei, draußen vorm Fenster, auf den Feldern wird Stroh zu gewaltigen Ballen gebunden. Aber längst schon hat das nichts mehr Van Gogh’s Bildern zu tun. Kein Schnitter geht mehr über das Weizenfeld mit Sense und Holzpantinen, sondern schwere Maschinen bewegen sich langsam und brüllend über die Äcker inmitten einer Woge aus Staub. Nur von Ferne sieht man manchmal einen Kirchturm am Horizont. Aber auch er ist protestantisch- nüchtern und immer aus rotem Backstein gemacht. Hier herrscht kein Überschwang, kein verspielter Barock, keine dicken Putten blasen die Posaune, sondern eine schwere Glocke nur zählt die Stunden. Öfter noch aber als ein Kirchtum ziehen die Windräder an uns vorbei, weit werfen sie Schatten und wie verloren wirkt die braune Mühle am Wegesrand, deren Flügel schon lange nicht mehr funktionsfähig sind. Es gibt auch keine Müller mehr, die mit weißen Säcken auf dem Rücken nach dem Stand des Windes sehen. Sie sind Märchenfiguren geworden und auch die Fenster der Mühle sind eingeschlagen. Die Pfadfinder indes schlingen Burger aus braunen Papiertüten und das ganze Abteil ist getränkt vom fettigen Dunst, der sich wie ein feiner Schleier über alles und alle legt. Grob erscheinen mir ihre Gesichter und naturverbunden wäre nicht das erste Wort, das mir zu ihnen einfiele, würde ich gefragt. Wie so viele, die sich im Dienst einer höheren Sache wähnen, sind sie polterig und laut. Immer ist es als verteidigten sie durch Geplärr eine Lebensform, die ja nicht gerade per se für sich besticht. Ich zumindest habe nie Gefallen an halbverkohlten Würsten über dem Lagerfeuer und Regengüssen unter Plastikplanen gefunden, aber hier gibt man sich hart und verwegen und wischt sich die fettigen Finger an der Kluft ab. Inzwischen sind die Felder, Wald geworden. Kiefern und noch mehr Kiefern im märkischen Sand. Ein Wald denke ich ganz ohne Geheimnis, sondern preußisch-streng wie die ganze Region. Dann aber doch die Sonne und weiches, dunkelgrünes Moos neben hellen Birken und ich wünschte der Zug hielte an und ich streifte mir die Sandalen von den Füßen, legte mich in den warmen Wind und schlösse die Augen. Aber vorbei sind wir schon, schneller und schneller, schon hält der Zug zum letzten Mal vor dem großen Berlin. Vier Trinker sitzen auf einer Holzbank vor einem halbverfallenen Bahnhofshaus, sie alle tragen die identischen Trainingshosen, die gleichen Schlappen und sie alle trinken Sternburger Bier. Dann aber fährt der Zug schon weiter, ich falte die Zeitung und greife nach den Aktenbergen, denn schneller als der Zug fährt, läuft mir die Zeit voran. Die Pfadfinder spielen Karten und stimmen ein neues Lied an.

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