Der zündende Funken

Als die B. zum Frühstück zu uns dazu kommt, isst der freundliche, ehemalige geschätzte Gefährte, der F. sein drittes Stück Rosinenchallah und ich setze Lammmerguez auf den Einkaufszettel.

Die B. mag lieber ein Stück Pflaumenkuchen und während sie noch kaut, sieht sie uns fragend an: „Habt ihr schon das Neueste vom Burli gehört?“Der F. hört auf zu kauen und ich lege den Kugleschreiber aus der Hand. Neuigkeiten vom Burli sind nämlich vor allem eins explosiv. Die D. nämlich haben die B. und ich in der ersten Woche unseres Studium kennengelernt. Die D. studierte aber gar nicht, sie hatte sich eingeschrieben um einen Mann zu finden. Der fand sich unter den älteren Semstern der Bauingenieursstudenten und nach dessen Examen wurde Hochzeit gehalten, es folgte der Umzug an den Starnberger See und bald schon erhielten wir eine Karte aus schwerem Büttenpapier: Unser Burli ist geboren. Wir freuten uns und sandten der Mutter Pralinen und dem Burli einen Stoffelefanten. Als der Burli drei wurde, kamen sie zu Besuch. Erstaunt sah ich, dass der Burli nach den auf dem Tisch befindlichen Streichhölzern griff und eins nach dem anderen fröhlich entflammte. Die D. indes erklärte mir, dass wichtigste in der Aufzucht von Kindern sei die konsequente Umsetzung des gewählten Erziehungskonzeptes. Ihre Wahl sagte sie damals, sei aus guten Gründen auf „unerzogen“ gefallen. Ich nickte andächtig und war erstaunt, dass die D. auf einmal so philosophisch über das Leben dachte, aber ein wenig unruhig um nicht zu sagen besorgt,  war ich auch. Denn die Streichhölzer in den Burlifingern und das zischende Geräusch der Flammen hatten für mich nichts Vertrauenerweckendes. „Du D.“ sagte ich damals, „magst du dem Burli nicht die Streichhölzer entwenden?“ Die D. aber sah mich an, wie man einen tumben Tor zu mustern pflegt und erwiderte: „Aber Read On“, der Burli und seine zarte Seele sollen doch nicht durch das Wort ’nein‘ Schaden nehmen.“ Auch der Diplomingenieur fand nichts Befremdliches am kleinen Pyrotechniker auf dem Schoss seiner Frau: „Sieh her Read On, sagte er mit triumphierendem Funkeln in den Augen: „was für ein naturwissenschaftlich begabtes Kind! Bei unserem Burli ist mir um den Wissenschaftsstandort Deutschland nicht Bange.“ Zum Glück waren bald darauf die Streichhölzer aufgebraucht. Der Besuch ging und ich verabschiedete mich von der eigentlich recht hübschen Tischdecke, die ich einst in der Bretagne erstanden hatte, die nun aber von Burli großflächig versengt wurden war. Aber wer wäre schon so kleinlich, sich einem zukünftigen Nobelpreisträger in den Weg stellen zu wollen, mit derartigen Nichtigkeiten. Die Jahre vergingen und der Burli wuchs heran. Dann und wann bekam ich ein Foto mit Dank für den Chemiebaukasten auf dem Burli irgendetwas zerlegte, was daraufhin von niemanden mehr zusammenzusetzen war. Zuletzt hörte ich, dass die Nähmaschine der D. dran glauben musste. Stolz waren die Eltern auf ihren pfiffigen Burli, den sie keineswegs als Zerstörer betrachteten, sondern als Pfiffikus und jungen Forscher, dessen geniale Kreise auf keinen Fall zu stören seien. Dann hörten wir länger nichts. Nur, dass der Burli aus der AG Junge Naturforscher ausgeschlossen wurde, weil er im Chemiesaal den Bunsenbrenner eigenmächtig aufgedreht hatte. Die D. und ihr Mann waren voller Empörung und schrieben so lange böse Briefe an den Direktor, bis der Burli wiederaufgenommen wurde. Ein Nein war für den Bulli noch immer nur ein Wort von vielen, das ihn nicht betreffen sollte.

Die B. aber die inzwischen auch bei der Rosinenchallah angekommen ist, aber atmet tief aus, denn ihre Mutter ebenfalls am Starnberger See ansässig habe ihr erst gestern berichtet, dass der Burli erneut Hand angelegt habe. Diesmal aber habe er alle Erwartungen übertroffen. Der Burli nämlich trug eine in der Garage befindliche Flasche Motorenöl in die hübsche, ganz in altbyerisch- modern gehaltene Küche, die laut der Mutter der B. erst kürzlich generalüberholt worden sei und nahm eine der zahlreichen an einem Haken platzierten und recht schweren Pfannen herunter und hievte sie- ganz Entdecker und Wissenschaftler auf den Herd. Dort angelangt goss er reichlich Motorenöl in die Pfanne und drehte den Herdknopf auf seine höchste Stufe. Dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis eine gewaltige Stichflamme an die Decke der Küche schoss und diese in sekundenschnelle tiefschwarz verfärbte und das Haus sekundenschnell roch als sei der Teufel selbst in einem mit Pech gefülltem Kupferkessel direkt aus Dante’s Inferno in eine Küche am Starnberger gefahren. Der herbeistürzende Großvater indes schrie: „Nein,Burli, nein“, aber Burli der doch dieses Wort nicht kannte, stand überwältigt in Feuer, Rauch und Explosionen und konnte- wie man so sagt in letzter Minute vom im Flammen stehenden Herd davongezogen werden. Der Großvater des Burlis indes versengte sich Schnurrbart und Brauen und als die Eltern des Burlis vom Einkauf zurückkamen, fanden sie die Feuerwehr in der Küche und Burli wie Großavter im Krankenhaus vor. Ob und wie die Verfechter des Konzeptes „unerzogen“ aber solche Zwischenfälle bewerten, darüber war der Mutter der B. nichts bekannt, auch nicht ob der Ingenieursvater und die D. seine Frau noch immer stolz und zufrieden auf den Burli, den Forscher und Verfechter des Wissenschaftsstandortes Deutschland schauen.

Nicht einmal der F. mit seinem Chirurgenmagen mag hernach weiter essen. Irgendwann aber fahren wir dann doch zum Markt und da ist ja auch schon Herr Yilmaz, der mir eine Papaya aufgehoben hat, während der F. mit dem Metzger ratscht.

7 Gedanken zu “Der zündende Funken

  1. Wie heißt es doch – wer den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht mehr zu sorgen… Was mich persönlich an der Situation mit der Tischdecke interessieren würde – als Vater zweier Kinder, die auch dann und wann Dinge tun, die anderen Leuten nicht gefallen (und als jemand, der als Junge unglaublich gerne mit Streichhölzern gezündelt hat) – ist: Warum haben Sie sich an die Mutter gewandt, und nicht direkt an den Jungen? „Burli, ich habe Angst um meine Tischdecke, bitte leg die Streichhölzer weg.“ Es fällt mir immer wieder auf, dass die meisten Menschen es als Aufgabe der Eltern empfinden, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder sich so verhalten, dass niemand an ihrem Verhalten Anstoß nimmt. Ich hingegen würde mir wünschen – insbesondere von Freunden und Bekannten – dass sie meinen Kindern direkt sagen, was sie von ihnen wollen und warum. Aber die meisten Menschen tun das nicht aus Gründen, die ich gerne näher verstehen würde.

    • Sie legen Ihren Finger natürlich in die Wunde des ganzen Textes. Ich finde wie Frau Arboretum es schon angesprochen hat, es tatsächlich sehr schwierig „an den Eltern vorbeizusprechen“, noch dazu als jemand der eben keine Kinder hat. Eltern so meine Wahrnehmung, nehmen sich nicht nur als Eltern, sondern als Experten für das Wohl ihres Kindes wahr und sind oft sehr energisch- dafür gibt es ja auch gute Gründe-übernimmt jemand anders diese Aufgaben. Insbesondere Eltern, denen das Individualitätsbedürfnis ihrer Kinder sehr wichtig ist, sind da wenig nachsichtig. Ich habe auf dem Spielplatz auf dem ich mit meiner Nicht war, ein anderes Kind einmal gebeten, doch nicht Sand auf die Rutsche zu kippen, damit die anderen Kinder dort rutschen können. Die Standpauke der Mutter, die mir hernach blühte, gellt mir immer noch in den Ohren. Also das ist ein schwieriges Feld und sicher auch eine Frage der Nähe. Natürlich ließe ich kein Kind im Teich ertrinken oder das ganze Haus abbrennen, und natürlich habe ich zu meinen Nichten und Neffen ein anderes Verhältnis als zu Kindern von Bekannten, aber es bleibt ein schwieriges Terrain. Als Nicht-Elternteil kann man sich nur einer Sache gewiss sein: was immer man macht, man macht es falsch.

      Sie sind der Erste vom ich je höre, dass Einmischung willkommen sei- nicht nur deswegen bedanke ich mich sehr für Ihren Kommentar.

      • Sehr geehrte Read on. Danke für die ausführliche Antwort – und dafür, dass Sie mich daran erinnert haben, wie schwierig auch ich es fand, mit Kindern umzugehen, bevor ich eigene hatte.
        Ist es wirklich Einmischung, was ich mir wünsche? Mein Punkt ist – ich empfinde es nicht als Einmischung, wenn jemand mir oder meinen Kindern erklärt, dass ihn/sie etwas stört und um etwas bittet. Wofür ich plädiere, ist direkte Kommunikation. Dafür, mit Kindern wie mit Menschen umzugehen, also wie mit vernunftbegabten, empathischen Wesen, denen man Dinge erklären kann und auf deren Verständnis man bauen kann. Und das ist leider (zumindest hier in Berlin) die absolute Ausnahme. Ich habe mir daher angewöhnt, die unausgesprochenen Gefühle anderer Menschen meinen Kindern zu übersetzen. Auf das Beispiel mit der Tischdecke angewandt hätte ich das als Vater so gemacht: „Schau mal Burli, die Read on zieht gerade die Stirn ganz kraus, und jetzt, wo das Streichholz brennt, bekommt sie so rote Flecken im Gesicht. Ich glaube, irgendetwas passt ihr nicht.“ Und dann könnten Sie die Gelegenheit wahrnehmen, zu sagen „Die Tischdecke! Ich habe Angst um meine Tischdecke! Das ist meine Lieblingstischdecke und aus der Bretagne!“ Und ich würde sagen „Wenn die Tischdecke Brandflecken bekommt, wäre Read on sehr traurig. Das kann ich verstehen.“ Und Burli könnte sagen „Aber ich will mit Streichhölzern spiehiehielen!!!“ Und ich würde sagen „Das kann ich auch verstehen – ich weiß, wie gerne Du mit Streichhölzern spielst. Vielleicht gibt es hier einen Ort, wo Du das machen kannst, ohne dass Read on Angst um ihre Sachen haben muss“ usw.
        Das funktioniert aber nur, wenn ich mich als Vater nicht angegriffen fühle – dadurch dass Sie etwas am Verhalten meines Sohnes auszusetzen haben – und wenn Sie sich nicht angegriffen fühlen – durch das offensichtlich total unangemessene Verhalten meines Sohnes und die unmöglichen Eltern, die das Kind einfach so machen lassen.
        Aber warum fühlen sich alle Beteiligten in der Regel so schnell angegriffen?

      • Sie haben natürlich in weiten Teilen Recht. Natürlich ist direkte Kommunikation ein mühsamer, wohl aber und auch insbesondere mit Kindern ein gangbarer Weg. Allein,diese Geschichte ist ja nur in zweiter Hinsicht eine Geschichte über Burli, der dreijährig übrigens glaube ich kaum in der Lage gewesen wäre, das Konzept Tischdecke zu begreifen. Ich glaube es gibt durchaus Situationen, in denen tatsächlich erst einmal die Eltern entscheiden müssen und zwar für sich und ihr Kind: ist das jetzt gangbar oder nicht. Die Geschichte, die ich hier erzähle, staunt ja vor allem über die Eltern, die gar kein Gefahrenpotential ahnen wollen. Sprich und ihr Beitrag erklärt das ja sehr schön: Menschen handeln oft gut, öfter noch schlecht und am allermeisten eben gar nicht. Ich teile Ihre Überlegungen zum Nicht-Angegriffen sein natürlich,aber auch hier: Theorie und Praxis sind ein weites Feld…

    • Das kann natürlich passieren. Und tatsächlich ist auch bei mir der Wunsch, Konflikten aus dem Weg zu gehen, stark ausgeprägt. Aber ist das wirklich der einzige Grund?

  2. Sehr geehrte Read On, eine Bemerkung würde ich zu der Geschichte gerne noch machen, wenn Sie gestatten:
    Kinder brauchen, mehr als alles andere, ein direktes emotionales Feedback von Ihren Eltern, insbesondere dann, wenn sie die Grenzen der persönlichen Integrität der Eltern verletzen. Eltern, die in solchen Fällen nicht in der Lage sind, zu Ihren Kindern „Nein!“ zu sagen – aus Angst vor dem Konflikt, Desinteresse oder weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind – sind für die Kinder nicht „greifbar“, bieten keinen Kontakt, keinen Halt. Kinder, insbesondere wenn sie sensibel sind, werden in solchen Situationen alles, was in ihrer Macht steht, in die Wagschale werfen, um eine emotionale Reaktion ihrer Eltern – dieses „Nein!“ – zu bekommen. Abhängig vom Charakter der Kinder geben manche schneller auf und resignieren, andere kämpfen auf diese Weise hartnäckig über Jahre um ihre Eltern. Von außen betrachtet sind es dann die gebrochenen, resignierten Kinder, die wir als „wohlerzogen“, „brav“ und „nett“ wahrnehmen, während wir die, die noch nicht resigniert haben, „schwierig“, „aggressiv“ oder „problematisch“ finden.
    Ich habe natürlich keine Ahnung, in wie weit das Gesagte auf Burli und seine Eltern zutrifft, aber ich kenne viele solcher Fälle aus meinem Bekanntenkreis und fühle mich durch die Geschichte sehr an diese erinnert.

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