Auf der Bank im Garten

IMG_4591 (2)Vor drei Jahren seufzte mein Lieblingsnachbar schwer und hörbar. Dann nahm er sein Schlüsselbund aus der Hosentasche und machte den Schlüssel vom Gartentor ab. „Read On“, sagte er, mir fällt niemand ein außer Dir. Dann schob er das Schlüsselbund langsam über den Tisch zu mir herüber. Ich nickte sehr zögerlich. Dann gingen wir in den Garten hinunter. Der Lieblingsnachbar wies mich in die Funktionsweise der Wasserpumpe ein, ließ mich in einen Klarapfel beißen, und stellte mich den Mitbewohnern vor: der Kröte in der rostigen Gießkanne, der Igelfamilie unter der Buchenhecke und all den Vögeln, die hier und dort ihre Nester haben. Dann saßen wir auf der Bank , die schräg unter der großen Kastanie steht. „Hör mal Read On“, sagte er, „Du fürchtest dich doch nicht so schnell,oder?“ Ich fuhr über mir über die Rippen und erinnerte mich: „Nein, sagte ich“ , so schnell fürchte ich mich nicht.“ Der Lieblingsnachbar nickte zufrieden. Seit Jahr und Tag schon, fuhr er fort, vor allem in den warmen Sommermonaten, sieht oft ein obdachloser Mann vorbei. Manchmal schläft er hier auf der Bank im Schatten der Kastanie oder wäscht sich das Gesicht an der Wasserpumpe. „Jedenfalls eine arme Seele“, sagte der Nachbar, der ja nicht ohne Grund der Lieblingsnachbar war und sah mich an. Wieder nickte ich. Wenige Wochen später zogen die Lieblingsnachbarn aus und sehr traurig sah ich ihnen hinterher. Seitdem also grabe und jäte ich, hacke und gieße, stutze und schneide ich und ernte und ernte und ernte. Die Kröte fand mich wohl reichlich fad, denn bald schon zog ein Kröterich zu ihr in die Gießkanne ein und nun hüpft man gemeinsam durch das immer ein wenig zu hohe Gras. Die Amseln gehen morgens spazieren und die Igel verlangt es dann und wann nach einer Erdbeere zum abendlichen Dessert oder ein paar Brombeeren gegen das Nachmittagstief. Allein der obdachlose Mann ließ auf sich warten. Eines Tages kam er dann doch. Bemerkt aber habe ich zunächst nicht, denn ich stecket kopfüber in der dichten Buchenhecke und sägte dichte Äste heraus. Die Hecke allerdings verlor die Geduld mit mir und beförderte mich mit Schwung aus der Hecke heraus. „Hoppla“, sagte da eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen Mann an der Wasserpumpe stehen, der sich so gründlich wie es eigentlich nur Chirurgen tun, die Hände wusch. Eigentümlich bekannt schien mir der Mann, aber erst später als das Wasser schon nicht mehr über seine Hände lief und er die Frage nach einem Stück Kuchen mit einem kurzen Kopfnicken beantwortet hatte, fiel es mir wieder ein. Der Mann, der nun dort unten im Garten auf der weißen Bank unter der alten Kastanie saß, dass war doch Innstetten, Baron von Innstetten, der da unter der Kastanie seine Füße in die Sonne hielt. Denn der, der dort in der Sonne saß, der lümmelte nicht, der saß nicht hingefläzt, sondern gerade und mit durchgedrücktem Rücken, ganz wie Innstetten eben der doch auch und vor allem ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten war. Dieser erste Eindruck aber setzte sich fort, denn wie Innstetten ist er diszipliniert und noch bei schlechtestem Wetter und auch an den widrigsten Tagen geht er mit festem Schritt durch das Gartentor und niemals lässt seine Haltung auch nur das leiseste zu wünschen übrig. Mit mir wie schon mit Effi, diesem Luftkind, spricht Innstetten nur das Nötigste. Ausführlicher hält er mit der Kröte in der rostigen Kanne Zwiesprache. Allerdings, denn Privatheit ist ein hohes Gut, halte ich mich fern und kann nicht sagen, ob er über Kunst referiert oder gar vom Chinesen anfängt zu sprechen. Seit Jahr und Tag also richte ich Kuchen und Kaffee, sehe ich seine hochgewachsene Gestalt in der Straße auftauchen. Zweimal im Jahr, stelle ich eine Tasche mit neuen Anziehsachen auf die Bank und längst schon liegt ein Stück Seife und ein Handtuch neben der Wasserpumpe. Lange Zeit versuchte ich herauszufinden, wie er wohl über den Winter käme, aber die Antwort, die ich bekomme lautet immer: „Dies wird ein gutes Jahr für die Äpfel“ oder „hat der Regen viele Pflaumen zerschlagen?“ Aber hat Innstetten je auf etwas direkt Antwort gegeben? Ich muss zugeben, ich habe immer eine Schwäche für Innstetten gehabt, der im Buch als ewiger Langweiler von Anfang an auf recht verlorenem Posten steht, und schließlich Effi dann Crampas, diesem Geck und Stutzer dreingeben muss, nein leicht hat er es nicht gehabt und dann noch die Briefe im Nähkästchen, die ja auch keine Größe, sondern nur Preußisch-Verdruckstes enthielten. Auch sein Wiedergänger, unten im Garten, das sieht man sofort hat es nicht leichtgehabt mit dem Leben und wer weiß schon, wer sein Crampas gewesen sein mag. Noch aber scheint die Sonne, das Gartentor quietscht in den Angeln, der Kirschkuchen kommt warm aus dem Rohr, die Brombeeren werden schwarz und die erste Schale bekommen wie stets die Lieblingsnachbarn und unter der Kastanie im Garten sitzt derweil Baron von Innstetten und sieht in die dichten, grünen Blätter der Hecke, in der die Vögel ihre Nester bauen.Aber dennoch hier im Garten am südwestlichen Ende der großen Stadt Berlin, da sei noch einmal daran erinnert, dass es Innstetten war, der fand “ Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen“ und der aller schneidenden Strenge zum Trotz etwas davon verstand, was es heißt nicht mehr dazuzugehören.

5 Gedanken zu “Auf der Bank im Garten

  1. Was den Baron betrifft, könnten Sie recht haben. Selbst der romantische Teenager, der ich war, als ich „Effi Briest“ las, hatte nicht viel Sympathie für Effi und schon gar nicht für Crampas. Ich habe mich immer gewundert, was sie an ihm fand.

    • Ah, wie gut zu hören, dass ich nicht allein mit meiner Schwäche für Innstetten bin. Nein, Effi mochte ich nie gern leiden, ich hatte zu viele Banknachbarinnen die wie sie immer auf den eigenen Vorteil schielten und mir mit dem freundlichsten Lächeln ein Bein stellten, wo immer sie nur konnten.

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