Die letzte Fahrt.

IMG_4611 (5)Verstorben ist das Ehepaar vom Haus quer gegenüber schon vor einigen Monaten. Auf der Beerdigung bin ich nicht gewesen, nur einen Blumenstrauß hatte ich gesandt, denn ich mochte die Nachbarn sehr gern. Die Trauerrede des Pfarrers stieß bei denen, die auf der Beerdigung zugegen waren auf deutliches Befremden. Der Pfarrer sprach ausführlich über Bruder Tier, dabei war der Verstorbene Wurstfabrikant und noch dazu aus Nürnberg gebürtig. Wenige Wochen später kamen die Kinder und beluden ihre Autos mit denjenigen Habseligkeiten, die sie behalten wollten. Dann stand das Haus leer. Am Montag aber wurde ein großer, gelber Container geliefert und als ich heute Morgen gegen halb sechs zum See schwimmen fuhr, sah ich das die Autos der Kinder schon in der Einfahrt standen. Dann ging ich in den Garten hinunter. Ich band die Wicken zusammen, die ich so mag und die pink und weiß überall leuchten, die Sonnenblumen sind dreimal so hoch wie ich und die dicke Kröte, die in der rostigen Gießkanne lebt, sieht skeptisch zu mir herüber als ich beginne den mich ewig ärgernden Spitzwegerich auszugraben. Dann ernte ich einen Eimer weiße und einen Eimer rote Johannisbeeren und fülle einen Wäschekorb mit Tomaten und Gurken. Auf dem Balkon sitzend, esse ich ein Tomatenbrot und sehe hinunter auf die Straße. Auf der Mitte der Straße steht die Ehefrau des einen Bruders und kräht: „Jetzt kommt der ganze Krempel weg.“ Ihr Sohn jagt derweil Tauben mit einem Stock und ich finde er hat einen ähnlich harten Zug um den Mund wie seine Mutter. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Dann fliegen Skier, die Skischuhe noch in den Halterungen in den gelben Container. Die Skistöcke folgen und gleich hernach auch zwei schöne Schlitten aus Holz. Ich weiß noch wie der Nachbar mir eines Nachmittags das dicke Familienalbum zeigte: Zermatt und er und die Söhne, lachend und braungebrannt mit Skischuhen und Skiern in der alpinen Sonne. Schon aber donnern auch die Schneestiefel und Skianzüge in den Container. Ich hänge Wäsche auf und als ich die Pfandflaschen in den Fahrradkorb lege, kracht es zweimal und ein buntbemalter Bauernschrank zerbirst in zwei Hälften. Dann fahre ich auf den Markt. Ich treffe die R. und schwatze mit dem B. Herr Yilmaz, der mir die Kartoffeln und Aprikosen in Papier verpackt, scherzt zum ersten Mal nicht mit mir. „Ach Read On“, sagt er seufzend keiner kauft die türkischen Kirschen. „Wir wollen keine Erdogan-Kirschen sagen die Leute.“ „Ach, Herr Yilmaz“, sage ich und dann seufzen wir beide. Als ich zurückkehre zu mir nach Haus, ist die Vasensammlung der Nachbarin nur mehr ein Haufen Scherben und auch die Tischtennisplatte und die Pokalsammlung des örtlichen Tennisvereins ist Geschichte. Die Ikebana-Gestecke folgen alsbald und schon liegen die Korbstühle und Beistelltische, die Nachtkästen und Bettvorläufer, die Gardinen mitsamt ihren Stangen, das Aquarium und die Römergläser im Container. Dann hole ich die C. vom Bahnhof ab und wir sitzen im Garten bei Blaubeeren und Milch. „Sag Read On, fragt die C. kann ich mich wohl eine Stunde hinlegen? Ich hole das karierte Plaid und nehme die Zeitung mit auf den Balkon. Eine FAZ und zwei Kapitel in Chigozie Obiomas eigenwilligem wie grandiosem Buch „The Fishermen“ später wacht die C. auf und der Burli unten auf der Straße zerschlägt die Kristallgläser aus denen auch ich getrunken habe und in denen das Datum des 25. Hochzeitsjubiläum des Ehepaars eingraviert war. Dann folgt das hübsche japanische Service mit den Kois auf dem dunkelblauen Porzellan. Der Burli macht sich gut und seine Mutter filmt Burlis Geschicklichkeit im Zerschlagen der Chinoiserien. Der Container ist inzwischen fast bis zum Rand gefüllt. Nur die Nymphenburger Figurinen werden vorerst verschont. Dann kommen Freunde wir grillen Lammsteaks mit Rosmarin und müssen nur einmal vor dem Regen flüchten. Ich fülle viele Taschen mit Gurken, Tomaten und Johannisbeeren und die C. fragt: „Spielst Du etwas Klavier?“ Ich spiele Chopin, den ich lange verschmähte, bis ich ihn dann doch unter den Fingerspitzen zu fassen bekam. Die C. bekommt einen großen Strauß voll duftender Rosen obendrein, in denen der ganze Sommer liegt und ich bringe sie zum Bahnhof zurück. An der Straßenecke kommen mir die Autos der beiden Brüder entgegen. Der Container ist abgeholt.

Aber in der Einfahrt des Hauses liegt noch ein vergessenes hölzernes Schiff. Vielleicht war es einmal ein Geburtstagsgeschenk und die beiden Buben, die heute gesetzte Männer sind, fuhren wilde Schlachten auf dem Kinderzimmerboden oder gar auf dem Teich im Garten. Vielleicht gibt es auch im dicken Familienalbum eine Fotografie des hölzernen Bootes und der stolze Vater knipste gerührt den Sohn, der heute weit weg ein anderes Leben führt, im Keller vielleicht Filme sieht, aber an den Dingen die seine Eltern in Keller und Boden hüteten und verpackten in viel Papier, ist auch das Schiff nur Teil einer längst über Bord geworfenen Vergangenheit. Die Schätze der Kindheit sind längst keine mehr, aber trotzdem gehe ich hinüber und hebe das Boot vorsichtig auf. Vorsichtig streiche ich mit dem Finger noch einmal über die splittrigen Planken und richte die Segel, vielleicht für die wirklich letzte Fahrt.

9 Gedanken zu “Die letzte Fahrt.

  1. Und dann denkt man, dass Menschen, die Kinder haben, ja auch Bewahrer ihrer Sachen großgezogen haben. Die ein bißchen Ehrfurcht vor der Geschichte der Dinge haben, weil es auch ihre eigene ist. Nein, nicht mal auf dem Altar von ebay wollten sie sie opfern.
    Gerade stelle ich mir vor, wie Nichten und Neffe meine afrikanischen Masken containern. Geht ganz einfach.
    Danke für die Geschichte.

    • Ich habe einmal in einem Altenheim gearbeitet. Dort habe ich wirklich alle Illusionen über Kinder und ihre Eltern verloren. Ich glaube Menschen sind oft erstaunlich radikal insbesondere in Hinblick auf die eigene Geschichte, hier wurde entkernt bis nichts mehr übrig war. Ich weiß nicht Recht, wie man diesen Dingen vorbeugen kann, vielleicht muss man für die Dinge an denen das Herz hängt, nach Händen und Herzen suchen, die diese bewahren und deren Geschichten erzählen. Vielleicht aber kommt auch alles ganz anders und Nichten und Neffen sind einzig berührt von den Masken und ihren Geschichten. Ich hoffe es sehr.

  2. Mir tun die Nachbarn noch im Nachhinein leid, dass sie so gedankenlose Söhne und so eine primitive Schwiegertochter und groben Enkel hatten. Vieles von dem, was Sie nannten, hätten die Angehörigen ja spenden können. Oder wenigstens einem Haushaltsauflöser überlassen können.

    Türkische Kirschen, die es bis nach Deutschland geschafft haben, sind türkische Kirschen, die Erdogan nicht verschlingen kann. Vielleicht würde es helfen, sie als oppositionelle Kirschen anzupreisen. Kemalistische Kirschen, sozusagen (sie als PKK-Kirschen zu bezeichnen, kommt wahrschenlich nicht so gut).

    • Mir tut es auch sehr leid, denn die Nachbarn waren sehr lustige Leut‘ und beide hatten ein Herz aus Gold. Es ist sehr schade, dass der Wert der Dinge nur in Autos oder was weiß ich, was von dem Hausverkauf finanziert werden soll, zählt. Ich glaube wenn jemand Zahnarzt in Wiesbaden und Anwalt in Bonn ist, dann gibt es die Perspektive, dass für andere Menschen ein Bauernschlank die ganze Welt sein kann, verloren. Man kann es sich leisten, wegzuwerfen. Ich habe als Indikator für Reichtum immer das Vermögen wegwerfen zu können, festgestellt denn etwas anzuschaffen.

      Ihre Kirschanalyse ist brilliant und ich bin begeistert: Kemalistische Kirschen, wenn das nichts ist. Fahre ich nächste Woche zum Markt, ich werde Herrn Yilmaz in Kenntnis setzen, denn selbst in Berlin scheint mir, gibt es noch nirgendwo oppositionelle Kirschen! Genial.

      • Zahnwalt-Söhne, also. Und wer von beiden ist dieser Weibsperson, die garstige Smartphone-Videos dreht, und dem missratenen Sohn zuzuordnen?

        Hier ist die Kirschensaison seit Freitag leider vorbei. Herrn Yilmaz wünsche ich viel Erfolg beim Verkauf der oppositionellen Kirschen – Gezi-Park ist wahrscheinlich besser.

  3. Der letzte Satz meint aber nicht: Zur eigenen Haustür mitgenommen, nur um es dann doch in den Müll zu werfen?

    Tja, was soll man sagen: Es wird doch immer gern als Lebensweisheit gepredigt, alles wegzuwerfen. Ballast abzustreifen. Einen Umzug als Chance zu nutzen. Was es der schönen Formulierungen noch so alles geben mag.

    Ich hatte mir erlaubt, die klugen Ratschläge zu verschmähen. Und habe nicht das Gefühl, jetzt vom Ballast erdrückt zu werden.

    • Nein, das meint der letzte Satz gewiss nicht. Ich bin sehr sentimental in solchen Dingen Eher, das ich das Boot wohl restaurieren werde müssen und dann überlegen, wer daran Freude hätte, denn es scheint mir für die Welt gemacht und muss ja auch nicht bei mir im Zimmereck verstauben.

      Ich lebe auch sehr gern in der Fülle der Dinge, diejenigen die ein Leben präferieren in der es außer einem ebook nicht viel gibt erscheint mir außerordentlich fad. Mich hat auch der Hype um dieses „Werfen Sie weg und zwar mit ganzem Herzen“ sehr irritiert und ganz wie Sie, gebe ich auf solche Ratschläge weniger als nichts.

  4. Schöner Text, hat mich sehr berührt.

    Auf dem Mauerpark-Flohmarkt in Berlin gibt es riesige Stände von Haushaltsauflösern. Die schmeißen alles in Pappkartons, so wie es in der Wohnung stand. Verdreckt, ungewaschen. Das sind Berge von Bildern, Geschirr, Vasen und Fotoalben. Wenn ich da rüber gehe, dann wird mir immer wieder bewusst, wie wenig alles Materielle wert ist, was wir Zeit unseres Lebens sammeln. Die Kinder können nicht alles aufbewahren, zumal die Alten unendlich aufgehoben haben. Das weiß ich nun, nach drei Haushaltsauflösungen. Schön ist es dann, wenn das eine oder andere Teil doch in der Zeit hängen bleibt. So wie dieses alte Schiff.

    • Vielen Dank! Das freut mich sehr. Die weggeworfenen Fotoalben machen mich immer sehr betroffen. Wer weiß schon, was mit unseren Dingen wird, mag sein es kommen noch einmal unruhige Zeiten und sie verschlingen das Glas, die Silberbestecke, Vasen, Geschirr und am Ende vielleicht auch das alte Schiff aus Holz.

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