Die Stasi am Küchentisch

Gestern las ich diesen Artikel im Tagesspiegel. Viel sagte er mir nicht. Weder kenne ich die Stiftung, ihre Vorsitzende und den guten Glauben an Broschüren habe ich nie besessen. Aber diesen einen Satz nämlich in dem der Autor einen Stasi-Forscher zitiert, der behauptet, die benannte Dame habe niemandem Nachteile mit ihrer IM-Tätigkeit zugefügt, den nahm ich mit und merkte ihn mir. Dann musste ich weiter, denn der Tag brüllte in mein Ohr und zog an meinem Ärmel. Aber Nachts ,spät war es schon, da fiel er mir wieder ein: Sie habe niemanden geschadet während ihrer Zeit als IM für den Staatssicherheitsdienst der DDR. Diesen Satz habe ich schon einmal gehört, ganz ähnlich, vor vielen Jahren, als ich ein Kind war, am Küchentisch meiner Großmutter nämlich.

Aber der Satz beginnt an einer anderen Stelle. Eines Morgens während der langen Sommerferien, die ich Jahr für Jahr bei meinen Großeltern in Deutschland verbrachte, zog meine Großmutter ihr blaues Reisekostüm an, hieß mich ein Buch einzustecken, nahm mich bei der Hand und dann saßen wir im Zug nach Leipzig. Meine Großmutter hatte Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Ist das nicht ein wahres, deutsches Wort? Einsicht wurde gewährt, aber ich verstand nicht, was das war eine Akte und warum es eine über meine Großmutter, die neben mir saß, geben sollte. Meine Großmutter, die ich liebte wie niemanden sonst. „Später, sagte meine Großmutter, erkläre ich es dir.“ Dann sah meine Großmutter ihre Akten ein. Ich tat nur so, als würde ich in meinem Buch lesen und sah sie an. Vieles überblätterte sie, manchmal nickte sie und manchmal schüttelte sie den Kopf. Aber dann blieben ihre Augen hängen. Ihre Hand ballte sich zur Faust und sie las schneller und schneller. Dann schlug sie die Akte zu und wir gingen. Wir gingen zum Auberbach’s Keller und sie gab den Faust, wir aßen Schokoladenkuchen im „Coffe-Baum“ und ich sah, dass ihre Hand noch immer zur Faust geballt war. Weiße Knöchel und eine kalte Hand.  Aber meine Großmutter verlor niemals in der Öffentlichkeit die Contenance und so saßen wir  schließlich in der Thomaskirche und hörten Bach. Im Zug schlief ich ein gegen sie gelehnt, die so gut roch und auch als wir ankamen, wachte ich nicht auf. Meine Großmutter aber trug mich nach Hause. Sie war die stärkste Frau, die ich kannte und ihre Arme waren der sicherste Ort der Welt.

Meine Großmutter hasste Kochen wie Putzen. Es war ihr reine Zeitverschwendung und sie sah nicht ein, wieso sie sich um klare Fensterscheiben und gefeudelte Böden bekümmern sollte. Als meine Großeltern in den 1950er Jahren aus Israel nach Deutschland zurückkehrten in den kleinen Ort im bald dann geteilten Deutschland, da suchte meine Großmutter bevor sie in erst in der Poliklinik und dann in ihrer eigen Praxis zu praktizieren begann, eine Zugehfrau, die ihr den Haushalt führen sollte. Die Zugehfrau war aus Ostpreußen. „Ostpreißn“ sagte sie, wurde sie gefragt. Meine Großmutter wollte es nicht wissen. „Vier Briiieder“ sagte sie und meinte an der Front für Großdeutschland gefallen. „So, so“, sagte meine Großmutter und sagte nichts weiter. Die Zugehfrau zog in die Einliegerwohnung im Haus und fragte nicht weiter. „Wir sind von der anderen Seite“, sagte meine Großmutter und ich weiß nicht ob die Zugehfrau es verstand. In den nächsten Jahren, die bald Jahrzehnte wurden also wusch und mangelte sie, lernte Labskaus zu kochen und Strudel zu machen wie meine Großmutter sie mochte, die ihr auch Königberger Klopse abgewöhnte, sie pahlte Erbsen, reinigte Flure, schüttelte die Betten auf, machte Besorgungen, bügelte, goss die Blumen, fegte den Hof, stellte den Milchreis zum Ziehen unter die Daunen des Ehebetts und Morgens reichte sie meinem Großvater, der sich in Hemdsärmeln rasierte ein heißes Handtuch an, einmal fragte sie ihn, ob seine Briiieder auch gefallen waren. Mein Großvater sah sie stumm an. Am Abend saß sie mit am Tisch der Familie und sie reiste auch mit der Familie in die Ferien. Sie war kein Familienmitglied, aber sie gehörte dazu. Ihr wurde nichts anvertraut, aber vor ihr wurde auch nicht geschwiegen. Geheiratet hat sie nie. Dies alles änderte sich nicht , auch nach 1990 nicht und als meine Großmutter ihr den Ruhestand antrug war sie empört: „Aberrr Frau Dokterrrr!“ Meine Großmutter nickte und freute sich der immer reinen Fenster. Dann fuhr sie mir nach Leipzig. Am nächsten Morgen ging sie nicht in die Praxis. Sie saß am Küchentisch und wartete. Ich wartete vor dem Schlüsselloch. Viel verstand ich nicht. Aber, das meine Großmutter sagte: „Verschwinden Sie“, das verstand ich doch. Und auch den Satz: „Aberrrr ich habe doch niemanden geschadet, ich habe immer nur Gutes über sie geschrrrieben“, das verstand ich doch. Dann ging die Küchentür auf.. Die Zugehfrau heulte und nie werde ich die tiefe Verachtung im Blick meiner Großmutter vergessen. Die Zugehfrau habe ich nie wieder gesehen.

Viele Jahre später erzählte mir meine Großmutter, dass die Zugehfrau über viele Jahre, Berichte über das Familienleben an die Staatssicherheit geliefert habe. In schlechtem Deutsch zumal, was meine Großmutter nie genug verachten konnte. „Sie wahren im Theater“, so hieß es im Bericht,  notiert wurden die Bücher, die auf dem Nachtkasten des Ehebetts lagen und die meine Großeltern lasen, es gibt Kopien des Gästebuchs und jedes Westpaket, wurde akribisch notiert. Feindliches Ausland: Israel. Eine so vollständig wie fehlerhafte Familienchronik. Akribisch beschrieben der Geburtstagstisch meines Vaters: nur Eisenbahn ohne h. Vieles muss ihr Rätsel aufgegeben haben, der Besuch eines mit meinem Großvater befreundeten Rabbiners, wurde als Mann in schwarzem Mantel mit Fragezeichen ( „Priesther“ ) vermerkt. Jahrelange Notizen über alles und nichts. Immer wieder der Blick durch das Schlüsselloch in der selbst die Migräneanfälle meiner Großmutter akribisch vermerkt sind. Dann wieder „Zielperson beklagt die schlechten hygienischen Zustände der Poliklinik.“

Als die Zugehfrau schließlich das Haus verließ, schloss sich meine Großmutter im Schlafzimmer ein. Das war nie ein gutes Zeichen und ich wartete mit klopfendem Herzen vor der Tür bis sie heraus kam. Ich musste lange warten, dann kam sie doch und hielt mich in den Armen. Niemand war stärker als meine Großmutter, nirgends war ich sicherer als in ihren Armen. Aber ich sah, dass sie geweint hatte und ich verstand damals etwas über die Grenzen die zwischen schaden und beschädigt verlaufen und es scheint mir fatal, so zu tun als würde es sie nicht geben, als spielten sie für diejenigen deren Schritte durch das Schlüsselloch dokumentiert wurden, keine Rolle.

Edit, 08. September 2016. Philipp Lengsfeld hat das Gutachten zur Stasi-Tätigkeit von Anette Kahane einer kritischen Lesart  unterzogen, ein durchaus lesenswerter und bedenkenswerter Beitrag zur Erzählfigur des „Niemanden-Geschadet-Habens“ früherer Mitarbeiter der DDR Staatssicherheit. 

98 Gedanken zu “Die Stasi am Küchentisch

  1. Angenehm zu lesen. Danke. Aber die prohibitionisten und totale überwachungsbefürworter (alles ok solange keine videoaufnahmen von ihnen zuhause gemacht werden) bewegt das doch nicht. Teilweise sind die so uninformiert wie die Magd der Großmutter und andererseits sind die bereit viele unschuldige zu opfern für… das Gefühl was getan zu haben. Effektivität istso egal. Kein Thema.

    Und ja… für die geht das hier und vielmehr in die beanstandete kategorie: niemandem geschadet

    • Ach, wissen Sie, man weiß nie, wen etwas bewegt und wen nicht. Ich erzähle ja nur eine Geschichte, das hilft manchmal einen vor Allgemeinplätzen zu bewahren. Die Befürworter vs Die Gegner meistens kommt man damit nicht weit. Die Zugehfrau aber war eher keine Magd, sondern erhielt, so wie es sein soll- ein Gehalt. Oft verhalten sich Menschen falsch und noch viel öfter verhalten sich Menschen gar nicht. Aber ich kann Ihnen nicht beantworten, warum sie sich für diesen Weg entschied. Es ist kompliziert.

      • Entschuldigung, dass magd nicht gleich zugehfrau bzw bezahlt oder nicht bezahlt, wusst ich nicht. Da sie erwachsen war, nahm ich in nachkriegszeit ja schon mal einfach an dass sie bezahlt wurde.

        Hochdeutsch und davon heut nicht mehr gebräuchlich verwendete wörter sind mir halt… teilweise fremd.

        Bezüglich was die meisten leute so dazu bringt der entwicklung in einen überwachunsstaat wohlwollend und zustimmend zuzuschauen… da kann man schon von wenigen persönlich und allgemein bekannten beispielen veralgemeinern.

        An totaler sicherheit interessiert (was ich positiv sehen könnte) sind die eher nicht. Kritik am existierenden schiff und automobilverkehr (unfälle und schmutz) oder pestizidegebrauch lachen die meist grad aus oder verteidigen beides intensiv.

      • Aber spezifischer zur im tätigkeit von personen und wie die sich das rechtfertigen…

        Ist wohl hauptsächlich obrigkeitsgehörigkeit.
        Also… anfrage kommt von staatlicher stelle, dann wird das ja gut oder nötig sein.

        Da kann man vieleicht grosse unterschiede in den einstellungnn von leuten beobachten je nachdem ob und welche geschichten sie konsumieren. Gar keine oder hauptsächlich die staatsfernsehen krimi serien/filme mit polizei und staat als ewiges gutes und erfolgreiches. Oder echte historische angelegenheiten und komplizierter gestrickte fiktionen.

      • …auf die vermutung zu dnn konsumierten medien (und vorhandenes oder fehlendes geschhixhtswissen) die ich grad gemacht habe… leider kann ich das mit eigenen beobachtungen und personnn die ich kenne widerlegen.

        Es liegt and mehr als an bildung und wissen 😦

  2. Die Überwachung heute ist in vielerlei Hinsicht besser als damals. Ich habe mich viel über die Diskrepanz der Empörung über die Überwachung durch Stasi und zeitgenössische Institutionen und Firmen gewundert. Jetzt habe ich das erste Mal eine Ahnung. Danke!

    • Das Konzept von Überwachung hat sich sicher- auch technologisch bedingt- verändert, aber es gibt eben auch Kontrollinstanzen, die es in der ehemaligen DDR nicht gab. Ich freue mich sehr, dass ich Ihnen einen kleinen Einblick in ein sehr weites und kompliziertes Feld vermitteln konnte. Danke!

      • Wo gibt es bei uns Kontrollinstanzen? Es gibt defekte Simulationen von Kontrollinstanzen, diese Illusion von Kontrollinstanzen gab es in der DDR wohl nicht.

        Weder parlamentarische Kontrollgremien noch Untersuchungsausschüsse noch Gerichte kommen gegen die Geheimdienste an. Das zeigt das NSU-Debakel aktuell, war aber schon immer so und ist den Geheimdiensten immanent. Deshalb gehören sie abgeschafft.

        Der Text oben ist auch deshalb so großartig, weil er zeigt, warum!

      • Ich sehe das wie Hanns-Jörg. Mein Eindruck ist, dass der wesentliche Unterschied in der persönlichen Ebene liegt. Mir als Nerd war immer unverständlich, warum man Menschen fast unmöglich klar machen kann, wie problematisch die aktuelle Überwachung ist, während die Empörung über die Stasi nach wie vor groß ist. Aber wenn man sich voll auf die persönliche Ebene einlässt, ist es offensichtlich. Menschen verstehen Technik nicht und sie interessiert sie auch nicht. Überwachung ist ein abstraktes, irrelevantes Konzept, aber der Bruch eines persönlichen Vertrauensverhältnises tut ganz real weh. Deshalb ist die Stasi böse und NSA wie Facebook nicht.

  3. Die Zugehfrau war offensichtlich aufrichtig naiv. Wenn es aber jemand besser wissen müßte und dann auch „niemanden geschadet hat“, wie nennt man das dann? „Abgebrüht“ ist ein zu mildes Wort, die Sache ist zu Ernst. Eigentlich müßte so jemand alle seine Ämter und Posten abgeben und sich öffentlich entschuldigen und dennoch ausgestoßen werden, weil alle Glaubwürdigkeit dahin ist. Das gebietet der Anstand. Aber der Anstand gebietet hier nicht mehr in diesem Land, wenn man Leute öffentlich hofiert, die keinen haben.

    Es hat System wie nur ganz bestimmte Linke positive Aufmerksamkeit bekommen und andere Linke nur dann Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie anschließend demontiert werden. Ehemalige IMs, die genehm sind, gehören leider zu ersteren und nicht zu letzteren. Wem nützt es? Dem politische Gegner, weil der braucht sich nicht mehr intellektuell ins Zeug legen. Er glänzt neben der deutschen Linken, ganz ohne Anstrengung. Race to the bottom.

    • Ich weiß nicht ob sie „naiv“ war, ich neige dazu Menschen doch eigene Handlungsspielräume zuzutrauen. Das schließt sich ja nicht aus. Abgebrüht glaube ich ist es schon in gewissem Gerade ein Verhältnis, das durchaus ein Vertrauensverhältnis war, über lange Jahre hinweg mit einem doppelten Boden zu versehen.

      Im Grundsatz stimme ich Ihnen zu, eine Tätigkeit als IM schließt die Wahrnehmung eines öffentlichen Amtes aus, es zeigt aber wie ich finde nicht nur oder ausschließlich Hoffährtigkeit, sondern ist eines der grundsätzlichen Probleme im Umgang mit Diktaturen, die eben auf verschiedensten Ebenen Personal für ihre Zwecke genutzt haben. Deswegen scheint es mir so wichtig die Geschichten derjenigen zu erzählen und zu dokumentieren wo immer es möglich ist. Das ist eine der stärksten Möglichkeiten über die Demokratien verfügen. Das will nicht sagen, dass es für die Opfer des Systems, die in Bautzen oder in Jugendwerkhöfen zerbrochen wurden, nicht sehr schwer und oft sehr bitter ist zu erleben, wie Karrieren weitergehen. Dennoch es gilt ihre Geschichten zu erzählen.

  4. Schrotie schreibt, die Überwachung heute ist „besser“ und ich verstehe darunter, dass sie weitaus umfangreicher und ins-Leben-eingreifender ist als damals. Sie ist also technisch besser, aber menschlich wesentlich schlechter. Ich warte sehnlichst auf den Tag, an dem die Mehrheit dies erkennt. Vermutlich aber wird das erstmal in eine Katastrophe führen. Es ist erstaunlich, wie „die Stasi“ als moralisch verwerflich gilt, von einer Gestapo gar nicht zu reden. Dass aber die Konsequenzen heutiger Überwachung im Endeffekt wesentlich weitreichender und Einschränkender sind, ist den meisten Leuten alles andere als einleuchtend. Es erscheint eben viel schlimmer, wenn ein einzelner „unschuldig“ ins Gefängnis geprügelt wird als wenn hunderte ihrer Chancen und Gesundheit beraubt werden.
    Wir müssen auch nichts gegen „den Terror“ unternehmen (man wird nämlich viel eher vom Blitz getroffen), aber gegen Autounfallopfer und Polizeiopfer sehr wohl.

    Auch stimme ich Florian zu, das so jemand alle Ämter abgeben sollte, wenn er solche Aussagen tut. Wenn er aber einsieht, dass es falsch war und warum, sollte ihm auch Vergeben werden.

  5. Das ist Verrat im eigentlichen Sinne; man verrät Dinge, die vertraulich sind.
    Ob es schadet, kann man doch nie abschließend beurteilen und ist eigentlich dadurch schon eine Lüge.

    • Genau! Ich frage mich bis heute, was eigentlich der Grund für gewesen sein mag, über so eine lange Zeit also das waren über 30 Jahre Informationen zu liefern. Materiell hat sie so weit ich es beurteilen kann, keine Vorteile erlangt. Es ist schwer zu verstehen. Ich finde es oft sehr unpassend, beurteilt man Beschädigungen von außen. Das sind doch sehr komplexe und sehr schmerzhafte Prozesse.

  6. Ein anderes, „für uns heutzutage“ ggf. besser verständliches Beispiel: Der eifersüchtige Freund oder Ehemann. Der alles, was Frau andernortens tut, sich von Bekannten, Freunden und Kollegen zutragen lässt. Logging- und Überwachungs-Apps auf dem Handy und Computer installiert. Beobachtet ja nur. Das verursacht ja keinen Schaden. Mobbing? Stalking? Ach Quatsch, wer macht denn sowas?

    Ja.

    cu, w0lf.

    • Es gibt und Ihr Beispiel ist ja eindrücklich genug, viele und immer furchtbare Beispiele für Spitzel-Dienste und sehr schwere und tiefgreifende Vertrauensbrüche. Allerdings und das muss schon historisch einordnen, war die DDR eben ein Staat der umfassende Überwachung institutionalisiert und organisiert hat. Heute können Sie die Institutionen des Rechtstaats nutzen, um gegen solche Dinge vorzugehen, allein die Möglichkeit das zu unterbinden, fehlte in der DDR.

    • Wer fragt, will verstehen, das stört mich nicht. Von der anderen Seite heißt hier: eine jüdische Familie, deren Familienmitglieder in den Lagern umkamen, hatte eine diametral andere Position zu den zwölf deutschen Jahren und ihren Folgen.

      • Offenbar nicht nur zu den zwölf Jahren, sondern auch zu den Deutschen.
        Zudem bezeichnet sie alle Deutschen als Nazis und beschuldigt alle für die Naziverbrechen.
        Da frage ich mich allerdings ob das nicht der Mangel an Differenzierung ist, der heute als Rassismus, Hate spech oder Hassrede bezeichnet wird.

  7. Eine sehr schön geschriebene Geschichte. Wirklich ergreifend.

    Heute braucht ihr keine Zugehfrau mehr. Ihr habt eine Smartphone in der Tasche.
    Und das berichtet nur gutes über euch, schadet keinem Dritten. Ehrlich. Denn zum Glück gibt es keine Stasi mehr.

    scnr

    • Ich habe noch immer Zugehfrau und auch meine Großmutter hatte eine Haushaltshilfe. Sehen Sie, wir sind wirklich nicht zur Raumpflege begabt. Ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes über „uns“ sagt, weiß ich nicht. Ein Leben ist ja selten sehr schwarz oder sehr weiß. Dass es die Stasi nicht mehr gibt, halte ich in der Tat für ein sehr großes Glück. Ehrlich! Ganz unironisch.

      • Entschuldige, meine Worte waren von Hilflosigkeit und Fassungslosigkeit geprägt. Eine spontane Äusserung die nicht allzu persönlich genommen werden sollte. Denn persönlich kennen wir uns ja gar nicht. Das sagt jetzt sicherlich etwas mehr über mich und meine Temperament als alles andere. Und sicherlich nichts gutes, deswegen entschuldige ich mich.

      • Es gibt keinen Grund für Entschuldigungen. Ich freue mich immer über andere Meinungen und nehme mich selbst nie öfter als zweimal im Jahr ernst.

  8. Ein starker Text. Das merkwürdige ist, dass Helmut Müller-Enbergs mal auf einem (sehr interessanten) Vortrag in 2010 gesagt hatte, dass „ich hab ja niemand geschadet“ ja sozusagen die Standard-Ausrede der Leute ist, wenn sie mit ihren Taten konfrontiert werden. Viele IMs meinten ernsthaft, sie hätten „Gutes“ getan, und das auch Jahre nach der Wende. Ein Wissenschaftler der alle seine Kollegen aufs Übelste ausspioniert hatte, meinte er habe sie „gerettet“ damit sie nicht in Schwierigkeiten geraten.

    • Vielen Dank! Ich kenne den Mann gar nicht, aber was Sie sagen klingt plausibel. Viel plausibler als das Zitat des Artikels.Man müsste natürlich auch den Kontext dieses Zitats prüfen. Ich kenne den Fall Kahane auch gar nicht. Aber ich stimme Ihn völlig zu. Da ist ja ein Phänomen und Ihr Beispiel sehr eindrücklich sich als „Schlimmeres-Verhinderer“ zu inszenieren, ich glaube das taugt sehr vielen gut als Erklärungsmuster der eigenen Tat. Da denke ich müssten die Debatten eigentlich beginnen und das sind doch auch die interessanten Schnittstellen: wo und warum entscheiden sich Menschen für eine Handlungsoption und andere eben nicht.

      • Warum entscheiden sich Menschen für z. B. das Spitzeln? Ganz klar aus Angst und Schwäche, dies sind m. M. n. hier die Hauptantriebsfedern. Wenn ich mal das „BÖSE“ vernachlässige. Die Erklärungsmuster, “Schlimmeres-Verhinderer” oder „Sie haben niemanden geschadet“, sind Ausflüchte die der Selbstbetäubung, Rechtfertigung bzw. dem mentalem Selbstschutz dienen, da diese Denunzianten ganz genau wissen, das sie unrecht taten.
        So mal ganz salopp mein Erklärungsversuch, als Küchenpüchologe

  9. Ja, Spitzel sind widerlich, egal ob tiefbraun oder schmutzigrot. Dennoch – und da spricht wohl meine Manie, noch für die abseitigsten Charaktere Verständnis aufbringen zu wollen – frage ich mich, ob da nicht eine offensichtlich ungebildete und vielleicht etwas dumme Person in etwas hineingeraten ist, was sie zumindest zuerst nicht überblickt hat. Wie auch immer, der moralische Kompass hat offensichtlich gefehlt.

    (Ich hoffe, Sie haben sich nicht zu viele Hass-Kommentare eingefangen, die Sie löschen mussten. Diesmal habe übrigens nicht ich Sie verlinkt; ich habe aus dem letzten Mal – weswegen ich immer noch ein schlechtes Gewissen habe – gelernt.)

    • Nein keine Manie. Ich finde das einen sehr richtigen Ansatz „verstehen zu wollen.“ Ich will das auch sehr gern. Natürlich war diese Frau ungebildet und in gewisser Weise sicher naiv. Allerdings sperre ich mich immer ein wenig gegen die Vorstellung, dies allein erkläre ein solches Verhalten. Ich glaube es gibt keine einfachen Menschen ( im Sinne von einfach gestrickt ) , sondern Menschen verhalten sich sehr komplex. Was diese Frau bewogen haben mag über 30 Jahre hinweg den Alltag meiner Großeltern zu dokumentieren, ist für mich schwer zu erklären. Materielle Vorteile hat sie wohl nicht erhalten, vielleicht war es der Wunsch nach Aufmerksamkeit, vielleicht ihre Art mit einem Umfeld umzugehen, dass ihr als komplett fremd erschien. Aber ich weiß es nicht. Ich bin für Erklärunsversuche dankbar, den man verstünde es gern. Sie ist auf allen Familienfotos dabei und es gibt Bilder von ihr mit mir auf dem Schoss. Man hält es nicht für möglich.

      Die Kommentare, ich sehe sie gerade an, sind erstaunlich zivilisiert und oft bemerkenswert, was mich immer freut. Das schlechte Gewissen, liegt aber ganz bei mir, dass Sie da mit so viel Unerträglichem zu tun hatten. Das bedauere ich wirklich. Der Kommentator, der meinen Tod wünscht, schreibt ungefähr wöchentlich….

      • Sie dürfen annehmen, dass sie absolut, in jeder Beziehung, ungebildet war. Unterwürfig, mit Spaß an Ordnung. Die Oma kam aus Israel und war damit im Zentrum des Radars. Die Putze wurde gezielt angesprochen („Was dir mit deinen Briiedern passiert ist, wird es mit uns nie mehr geben.“). Sie hatte einen lokalen Führungsoffizier. Sie war Teil seiner täglichen Arbeit. Er sorgte für das zielgerichtete Berichten (Gäste, Bücher, Gespräche, Briefe, Pakete). Und er schrieb selber (Hygiene…). Es ist so banal!

      • Troll ist ein hübscher Begriff! Vielleicht haben diese treuen Begleiter ja tatsächlich Ähnlichkeit mit finsteren Zwergen, die tief unter Tage nach Erz zu graben versuchen.

  10. Pingback: Die Stasi am Küchentisch | Waschbaer's Notizbuch

  11. Jede Form von Sozialismus, ob „National-„, „Real existierender“ oder der heutige „Sozialstaat“ halten das Anderssein, die Individualität, das Freisein-Wollen für gefährlich. Und es gibt eine Mehrheit, die Volksgemeinschaft, Kollektiv, Religion, Sozialsysteme für so selbstverständlich und unverzichtbar halten, dass alle anderen als Feinde gelten. Zu denen in diesem diffamierenden Klima heute durchaus auch Selbständige, Unternehmer, Naturwissenschaftler, Künstler u.v.a. gehören. Zu allen Zeiten fanden sich genug Blockwarte, Stasi-IMs und Denunzianten als willige Helfer für Funktionäre.

    • Vielleicht erhellt der Wikipedia-Artikel über Sozialismus Ihr Gemüt. 😉 Den bitte ganz durchlesen.

      Spitzeldienste entstehen aus Gutmütigkeit („bissl aufpassen“), Naivität („Ist nix schlimmes“), Aufmerksamkeitsheischend („Ich hab gesehen…“), Vorteilsnahme („Bekommst auch was dafür“) oder Neid und Eifersucht. Alles normale menschliche Schwächen, die gezielt genutzt/benutzt werden. Ist völlig Systemunabhängig.
      Durch einen offene Ansprache dessen, kann man versuchen die Leute dafür zu sensibilisieren. Verschwinden wird es nie.

    • Das es Feindbilder gibt, immer und überall steht außer Frage. Natürlich gibt es immer auch Denunzianten, das ganze bekommt aber eine andere Qualität institutionalisiert ein Staat dieses Verhalten.

  12. Guter Text. Danke.
    Die Frage ist, was man als Gesellschaft mit sochen Menschen wie der Zugehfrau nach der „Wende“ eigentlich so tun sollte. Ich selbst war da 20. Wobei es sich nach Ihrer Beschreibung zweifellos um ein „Naivchen“ gehandelt haben muss. Da gab es weit schlimmere Fälle. Von denen natürlich auch kaum einer jemandem „geschadet“ haben will, so man den Aussagen der jeweiligen Bürger folgt.
    Wenn man überlegt, dass zu dem Überwachungsapparat nach unbestätigten Meldungen „jeder 8.“ gehörte (wenn man Polizei, NVA usw. mit dazuzählte), ergibt das eine erhebliche Bevölkerungsgruppe. Und mit „Stasi in die Produktion“ hat das ja auch nicht funktioniert, es war dann einfach viel zu wenig Produktion da.
    Und mehr als 10% einfach „ausstoßen“? Aus Erzählungen kennt man ja die Integrationsbestrebungen nach 1945. Auf beiden Seiten. Nur, dass die im Ostteil sicher besser erpressbar waren.

  13. Hervorragend geschrieben. Den Abscheu gegenüber diesen Menschen die das entgegengebrachte Vertrauen so willig und leichtfertig missbrauchen ist gut nachvollziehbar. In unserer heutigen Zeit gibt es leider niemanden mehr auf den man persönlich seinen Zorn projizieren kann. Die Schnüffelei und Auswertung unserer initimen Lebensinhalte passiert vollautomatisch. Jeder führt seinen kleinen Spitzel in der Tasche mit sich, benutzt sorglos seine Kreditkarte, Gesundheitskarte und sucht Gleichgesinnte in Foren und Blogs. Die Erfassung dieser Dinge findet vollautomatisch statt, die Risikobewertung deiner Person: Ein Algorithmus. Die „Korrektur“: Ein Verwaltungsvorgang…

    • Vielen Dank! Jeder hat aber auch die Möglichkeit sich zu schützen. Das einfachste Beispiel sind Abblocker und Ähnliches. Es braucht eben immer wieder, neue Debatten über die Risiken und Nebenwirkungen digitaler Gesellschaft und vor allem auch einen bewussten Konsumenten, der nicht nur nach der Deutschlandcard im Supermarkt giert, sondern sich aktiv Gedanken über Datenverwahrung und Datenverwertung macht. Über all das wird zu reden sein und das wir es hier im Kleinen tun, scheint mir ein guter Beginn.

      • Ja, es gibt (eingeschränkte) Möglichkeiten sich vor der Spionage durch Privatunternehmen zu schützen.
        Zum Beispiel: Bargeld, Tails/Tor und anonyme Prepaid-SIM. Doch von denen geht ja eigentlich auch keine direkte Gefahr aus.
        Mehr Angst macht mir da die zunehmende und unkontrolliert Sammelwut/Vernetzung durch den Staat.
        Geschichtlich gesehen sollten wir doch gelernt haben was für Grauen diese Daten ermöglichen.
        Wir leben momentan in einer freiheitlichen Demokratie, ob diese auch noch in zwanzig Jahren besteht kann dir niemand sagen.
        In der Türkei ist momentan ja schön zu sehen wie man durch einfache Datenbankabfragen Haftbefehle zusammenstellen kann.

  14. Das war eine sehr interessante, spannende Geschichte.. Aber es kann so oder so passieren.
    Ich hätte eine „Gegengeschichte“ und würde die gerne dieser gegenüberstellen, da ich selbst kein Blog habe. Es ist auch eine sehr persönliche Geschichte.
    Würdest Du diese hier veröffentlichen?
    Ich finde, vielleicht dadurch wird dieses ganze Leben in der DDR vielleicht klarer, dieses dauernde Spannungsverhältnis, in dem man sich befand..

    LG
    Marv

  15. Als „Neuleser“ auf dieser Seite, kam durch Fefe hier her, nur eine Anmerkung. Niemand kann in einen anderen Menschen hineinschauen. Man kann nur die Taten betrachten und Vermutungen anstellen.

    Falls diese „Zugehfrau“ noch lebt, würde ich an ihrer Stelle versuchen mit dieser Person zu reden. Denn damals waren sie ja wohl als Kind zu jung.

    So wie ich damals, mit 5 Jahren, die Geschichten meines Großvaters hörte, als er ein Dienstjubiläum hatte, und dabei Geschichten vom Krieg, dem Verlust eines Auges, und andere Inhalte erzählte. Nicht mir, sondern den Gästen, ich ihn dann nie fragen konnte, warum … und ich mich noch Heute, er ist seit 1974 verstorben, wundere. Ich habe meinen Großvater solche Dinge nie zugetraut … ich kannte ihn nur als gutmütigen und friedlichen Menschen … und werde so auch nie erfahren, warum …

    Zu ihrer Großmutter, ich verstehe, sie hatte das Vertrauen in diese Person verloren … und der Verlust war so groß, dass es keine Vergebung gab. Meine „Methode des Vertrauen“ ist, naiv betrachtet, allen Menschen, die ich näher kennen lerne, einen „Vorschuss“ zu geben, wenn ich dann erkenne, das Vertrauen war nicht berechtigt, reduziere ich das erst einmal nur etwas, erst wenn ich erkenne, das Vertrauen wurde erneut beschädigt, gebe ich es auf, diesen Menschen noch einmal Vertrauen zu schenken. Ist halt meine „Natur“, und dass ich Naiv sei, wurde mir schon oft vorgehalten.

    • Zum letzten Absatz: Ja, so halte ich das auch. Pauschal gehe ich davon aus, dass alle Menschen einen guten Kern haben. Man muss ihn nur finden. Auch wenn ich weiß, dass viele einfach nur Arschlöcher sind – manchmal „bekehrt“ man ein solches aber zum „Guten“ (Menschlichen). Das mag auf andere auch naiv wirken, ist es aber nicht. Nur weil ich jedem Menschen die Menschlichkeit zutraue, heißt das ja nicht, dass ich mich einfach verschaukeln lasse. Wer dieses Vertrauen mißbraucht, erntet nach dem Three-Strikes-Prinzip am Schluß ein völliges Ignorieren seiner Person. Im besten Fall Mitleid.

      cu, w0lf.

      • Die Wohltaten

        Wär‘ auch ein böser Mensch gleich einer lecken Bütte,
        Die keine Wohltat hält: dem ungeachtet schütte –
        Sind beides, Bütt‘ und Mensch nicht allzu morsch und alt, –
        Nur deine Wohltat ein. Wie leicht verquillt ein Spalt!

        [Lessing, Sinngedichte]

        Und nun noch von der etwas herberen Seite betrachtet:

        Die meisten Menschen sind wohl mehr oder weniger Opportunisten, und viele sogar von völlig uneigennütziger Liebedienerei gegenüber oben, sobald sich nur am Horizont hinreichend viele von den passenden Plakaten zeigen. So gesehen wäre es doch grob unbillig, denen gegenüber nachtragend zu sein, die wohl nur eines auszeichnet, nämlich dass sie ihre Okkasion zum Verrat schon hatten – im Unterschied zu all den anderen, die noch warten müssen.

  16. Ein ganz wunderbarer und eindringlicher Text, der das Thema von „ich habe doch niemandem geschadet“ und ebenso „ich habe doch nichts zu verbergen“ sehr emotional aufzeigt, eben weil es eine Geschichte aus dem Leben ist.
    Danke fürs Aufzeigen und mit uns Teilen!

  17. Geheimdienste sind wohl auch immer dazu da, jemandem zu schaden. Es ist einfach ein Mangel an dialektischem Denken, wenn man annimmt, dass eine Sache, eine Institution nur schwarz oder nur weiß ist. Wie will man es einer weniger gebildeten Person wie der ausführlich beschriebene Zugehfrau verdenken, wenn sie solchen Denkstrukturen verhaftet ist, wenn auch akademische gebildete Menschen häufig durch ähnliche Denkschemata „glänzen“.
    Erstaunlich, dass die Zugehfrau den Satz „Zielperson beklagt die schlechten hygienischen Zustände der Poliklinik.“ ganz ohne Rechtschreibprobleme hinbekam.

    • Sehen Sie ich teile die Maßgabe, dass nur Menschen mit Abitur in der Lage sind zu denken und reflektierte Entscheidungen zu treffen nicht. Da muss man noch gar nicht die Dialektik bemühen, sondern willens sein komplexe Sachverhalte nicht zu simplifizieren. Ich glaube, dass eine Geschichte wie diese nicht so viel über den geistigen Horizont von Zugehfrauen aussagt, wie es vielleicht scheint. Nun ist dies ein kleines Blog, dass ich durchaus die sprachliche Freiheit nimmt, Dinge nicht zu stenographieren, sondern zu beschreiben. Ich will ja nicht zeigen, dass die Zugehfrau waren mit h schrieb, was sie tat, sondern das die Stasiakten auf völlig absurde Weise eine eigene Sprache schuf, die banale Bemerkungen mit technokratischen Ausdrücken versetzte und auch darin liegt Teil der Beschädigung. Das können Sie aber bei Viktor Klemperer nachlesen.

  18. ..durch fefe hier gelandet.. toll geschriebener & bewegender Text, der zum Nachdenken anregt.
    Überwachung schadet immer, btw – nur eine Frage, ob direkt oder indirekt die Auswirkungen spürbar werden..
    Überwachung macht unfrei – lasst uns was dagegen tun!

  19. Ghostery zeigt an, dass diese Seite über 4 Tracker überwacht und weltweit an Unbekannte weiterleitet von wann bis wann ich diese Seite gelesen habe und von welcher Seite ich kam und wo hin ich diese Seite verlasse.
    Übrigens hat ein Kumpel von mir und anderen aus meinem Freundeskreis zirka 10 Jahre lang Stasiberichte verfasst hat. Er hat dabei wirklich Kritisches weggelassen oder schöngefärbt. In dieser Sache haben wir damals allerdings niemandem voll Vertraut. Ich habe mir seine Rechtfertigung angehört, ihn zusammen geschissen und verziehen (naja, nicht ganz). Meine Freunde meiden ihn – wohl für immer.

  20. Man kann das, also die Kontrolle auf privater Ebene, natürlich kritisieren. Es war sicherlich übertrieben, aber man sollte dabei auch die Hintergründe, bzw. das Umfeld nicht übersehen. Es waren keine normalen Zeiten. Mit der BRD und der DDR standen sich nicht nur 2 verschiedene Wirtschaftsysteme gegenüber, sondern auch 2 feindliche Militärblöcke, inkl. Geheimdienste. In beiden Staaten wurden die Bürger überwacht. Auch der Post- und Fernmeldeverkehr wurde nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD überwacht. Auch Post aus dem Osten wurde kontrolliert. Ob und wie weit es schon Untersuchungen gab, wie weit BRD-Bürger mit Ostkontakten überwacht und kontrolliert wurden, weiß ich jetzt nicht.

    Übertriebene Überwachung war aber nicht die Regel. Es wird immer behauptet, das allle DDR-Bürger intensiv überwacht wurden. Ich war nun auch kein treuer Parteigenosse, sondern eher westlich eingestellt, was ich auch nicht verbarg, allerdings auch kein DDR-Hasser. Im Knast wegen Vorbereitung zum illegalen Verlassen der DDR war ich auch – allerdings war der Tatbestand nicht erfüllt. Nach der Entlassung hatte ich auch Westkontakt, allerdings zu kirchlichen Organisationen, von denen ich mir Materialien schicken ließ. Über Verwandtschaft gab es auch lose Kontakte. Zudem bekam ich eine zeitlang Informationsmaterial, also Propaganda, aus Albanien zugeschickt. Warum weiß ich bis heute nicht. Daher hatte ich nach der Wernde auch Akteneinsicht beantragt in der Hoffnung was zu mir zu finden.. Also ich war richtig enttäuscht, wie wenig zu mir zu finden war. Außer paar Hinweise auf Registrierung wurde kaum etwas gefunden, obwohl ich später sogar noch einen erneuten Suchantrag gestellt hatte. Noch nicht mal paar IM hatte man für mich übrig…

    Es soll auch ein BVerfG-Urteil geben, was besagt das die StaSi ein rechtmäßiger Geheimdienst eines Staates war. Das der nun organisatorisch die Stellung eines Ministeriums hatte und somit mehr Befugnisse und weniger Kontrolle, ist natürlich etwas anderes. Weiterhin sollte man nicht übersehen, das die Aktivitäten von westlicher Seite aus nicht immer so friedlich waren, womit auch Grund zu verstärkter Überwachung bestand. Das diese im Einzelfall übertrieben und unbegründet war, mag sein, das kam allerdings auch im Westen vor. Warum die Überwachung im obigen Fall, vorausgesetzt es hat sich so zugetragen, so lange war, weiß ich natürlich nicht, also ob es begründeten Anlaß gab. Von irgendwelchen Nachteilen, abgesehen davon, das das Vertrauen mißbraucht wurde, konnte ich im obigem Text nichts lesen.

    Nach der Wende, als die Medienhetze gegen die StaSi bekann, hatte ich schon vermutet, das das nur geschah um von den Schandtaten der westlichen Gehemdienste abzulenken. Im Laufe der Jahre wurde das bestätigt. Die StaSi war sicherlich kein kirchlicher Gesangsverein, aber im Vergleich zu anderen Westlichen Geheimdiensten eher eine Art Geflügelhalter-Verein. Man bewachte und schützte das eigene, gelegentlich wurden paar allzu Aufsässige besser eingesperrt und man schaute nach der Konkurrenz, was die so macht und vor hat. Natürlich hätte man vieles anders machen können, aber wie schon erwähnt, wenn eine Kontrolle der Organisation kaum vorhanden ist, nimmt diese sich immer mehr Rechte heraus. Das ist hier wohl ähnlich, auch da gibt es bei Verfassungsschutz und BND kaum richtige Kontrolle.

    Aber natürlich ist es jedem selbst überlassen, ob man sich lieber von den »guten« westlichen Geheimdiensten überwachen lassen hätte…

  21. Guter Artikel, vielen Dank.
    Habe selbst ähnliches erlebt, wurde 8 Jahre bespitzelt. Einer davon war mein „bester Freund“.
    Einige Informationen, die er an die Stasi gab waren vielleicht harmlos, aber wenn man in einer Verhörsituation ist, und die Stasi kann mit den kleinsten Details aufwarten, sind diese Informationen nicht mehr harmlos.
    Man wird unsicher und denkt, die wissen Alles … und macht Fehler.

    Es ist gut das auch dieses Thema immer wieder diskutiert wird. Nochmals vielen Dank für den Artikel.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich glaube es ist unendlich wichtig, dass Ihre Geschichte und all die Geschichten der Anderen, die so oder anders beschädigt wurden, zu hören sind. Wenn diese Geschichte dazu einen Sandkorn- großen Beitrag leistete, freute mich das sehr.

  22. Vielen Dank fuer diesen sehr ergreifenden Bericht, er beleuchtet die Geschichte aus einem ganz anderen Blickwinkel.
    Zur Verteidigung der Zugehfrau muss man sagen, dass die Taetigkeit als IM ja in den meisten Faellen nicht freiwillig passiert ist. Die Stasi hatte ein grosses Repertoire an Druckmitteln, und die Moeglichkeit, „nein“ zu sagen hat schlicht nicht existiert. In diesem Fall haette eine Ablehnung vermutlich die Abschiebung in die Tschechei o.ae. bedeutet, oder andere Repressalien gegen sie oder ihre Familie. In anderen Faellen wurden halt berufliche Aufstiege verhindert, Zugestaendnisse gestrichen etc… die Stasi war gut darin, die angeworbenen „Mitarbeiter“ gefuegig zu machen.
    Der einzige Weg, dieses Dilemma beizulegen, waere gewesen, wenn die Zugehfrau direkt nach der Wiedervereinigung (und der Aufloesung der Stasi) auf Ihre Grossmutter zugegangen waere, und haette ihr gebeichtet was da all die Jahre gelaufen ist, haette Gruende genannt, und um Vergebung gebeten.
    Der eigentliche Vertrauensbruch war nicht die Aktivitaet unter der Stasi, sondern das lange Schweigen danach.

    • und die Moeglichkeit, “nein” zu sagen hat schlicht nicht existiert.

      Mit Verlaub, das ist Quark. Wie die Stasi-Unterlagenbehörde selbst einmal berichtete, hat die Mehrheit der Leute, die die Stasi als IMs anwerben wollte, abgelehnt, oder sich selbst sofort „dekonspiriert“, indem sie allen im Familien- und Freundeskreis davon erzählte.

      In diesem Fall haette eine Ablehnung vermutlich die Abschiebung in die Tschechei o.ae.

      Häh? Wie kommen Sie denn auf diese schräge Idee? Sie wissen schon, wo Ostpreußen war, oder?
      Im Übrigen wurden die Sudetendeutschen aufgrund der Beneš-Dekrete unter anderem in die DDR verfrachtet. Die ČSSR hätte eine Sudetendeutsche bestimmt nicht zurückgenommen, auch nicht vom sozialistischen Bruderstaat.

      • Zum Thema: „… dass die Tätigkeit als IM ja in den meisten Fällen nicht freiwillig passiert ist … “
        Das stimmt so nicht. Die Stasi hat sicherlich eine Menge psychologischer Tricks benutzt, aber die wollten Zuträger die freiwillig für sie arbeiten. Denn Informationen von Freiwilligen waren zuverlässiger.

        Und man konnte sich der Spitzeltätigkeit entziehen, ohne gleich in den Knast zu wandern. Das man dazu gezwungen war, ist ein Ammenmärchen. Viele IMs lügen hier, um sich selbst zu entschuldigen.

      • Das ist für den Einzelfall doch eine sehr verharmlosende Darstellung solcher Anwerbeversuche.

        Dazu zwei Anekdoten:
        Lange vor meiner Geburt war meine Mutter eine junge begeisterte Studentin der französischen Sprache. Ihre Chancen diese Sprache jemals mit einem echten Franzosen sprechen zu können waren mehr als gering. Da ergab sich während einer Veranstaltung in Berlin die Gelegenheit als Dolmetscherin für zwei Veranstaltungsteilnehmer aus Frankreich zu fungieren. Keine Bezahlung, einfach die Gelegenheit Französisch zu sprechen. Natürlich wurde meine Ma vor der Zusage angesprochen. Die haben sich, so wurde es zumindest erzählt, nicht vorgestellt. Doch meine Ma war jung, aber nicht sooo naiv. Ob sie etwas unterschreiben musste oder nicht habe ich nie gefragt. Zumindest musste sie selbst nicht direkt berichten. Ihr war aber natürlich schon damals klar, dass sie bis heute würde nachlesen können, was wer in der Bar getrunken hat, ohne dies selbst aufzuschreiben. Hier ist es nur das Wedeln mit einer Gelegenheit. Und ich maße mir nicht an dem Leser ein Urteil der Sache vorzugeben.

        Die Sache ist aber deshalb so interessant, will meine liebste Ma später eine Episode hatte, die auch zu einem längeren Aufenthalt in einer Psychiatrie führte. Dort lernte sie eine Frau kennen, die von der Stasi überwacht worden war, weil sie als promisk halt. Diese Frau war gezwungen worden, und über die Methoden des Zwangs weiß ich nichts, bei Messen in Leipzig westlichen Geschäftsleuten sexuell Diensten zu sein und über diese zu berichten. Das fand viele viele Jahre vor der Wende statt. Was ihr damals widerfahren war, war wohl auch der Grund, warum meine liebste Ma sie noch Mitte der 2000er Jahre in der Geschlossenen als Zimmernachbarin antreffen und kennenlernen konnte.

        Wir kennen die Zwänge der Zugehfrau nicht, und ich habe Read On auch gar nicht so verstanden, als ob diese für ihre Geschichte wichtig wären. Wer das Urteil über diese Frau in dieser Geschichte sucht, liest sie meines Erachtens falsch. Hier geht es über den Schaden der durch den Bruch von Vertrauen entsteht, egal ob unter Zwang oder nicht. Die Geschichte der Zugehfrau ist eine Eigene. Sie mag so banal sein wie von Frau Aboretum beschrieben, aber das wissen wir nicht und es ist eigentlich auch nicht wichtig.

        Die Stasi war aber auch für ihre Zuträger keinesfalls so harmlos, wie im obigen Kommentar dargestellt.

    • die Moeglichkeit, “nein” zu sagen hat schlicht nicht existiert.

      Das stimmt nicht, es gab sie sehr wohl. Wie die Stasi-Unterlagenbehörde selbst einmal berichtete, hat ein Großteil der Leute, die die Stasi als IM anwerben wollte, eine Zusammenarbeit abgelehnt. Andere haben sich danach sofort „dekonspiriert“, indem sie im Familien- und Freundeskreis davon erzählte.

      In diesem Fall haette eine Ablehnung vermutlich die Abschiebung in die Tschechei o.ae. bedeutet,

      Häh? Wie kommen Sie denn auf diese schräge Idee? Sie wissen schon, wo Ostpreußen war, oder?

      Im Übrigen wurden die Sudetendeutschen aufgrund der Beneš-Dekrete unter anderem in die DDR verfrachtet. Die ČSSR hätte bestimmt keine Sudetendeutsche zurückgenommen, auch nicht vom sozialistischen Bruderstaat.

  23. Pingback: Unter Terrorverdacht weil man ein Buch liest? | König von Haunstetten

  24. Manchmal erschrecke ich, wenn sich Kreise unvermittlelt schliessen, obwohl sie scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben. Vor zwei Wochen nahm ich Sie in meiner (zugegebenermaßen: sehr langen) Favoritenliste auf, als ich Sie von Lakritzes Blog aus anklickte und merkte mir gleichzeitig Patrick Leigh Vermoor (kam auf meiner ebenfalls langen Liste der Bücher, die ich besorgen will, weil mehrfach empfohlen). Heute werde ich erneut über Fefe’s Blog (ebenfalls auf meiner Favoritenliste) auf Sie aufmerksam. Wie kann das denn sein? Wie auch immer: zwei Mal danke!

  25. Das Gutachten ist bei der Stiftung veröffentlicht, falls es interessiert https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/gutachten-anetta-kahane.pdf.
    Ja, man möchte wissen warum. Ich habe berufsbedingt viele Stasi-Akten gelesen. Zu Beginn zögerlich und unsicher. Und immer mit der Maßgabe, ich könne mir doch kein Urteil erlauben, ich habe doch nicht in diesem Staat gelebt. Dann sicherer, und durchaus urteilend. Ja, es gab Fälle, da wurde die Zusammenarbeit schlicht erpresst. Meist keine sehr lange oder fruchtbare Zusammenarbeit. Es gab die linientreuen, die sich regelrecht aufdrängten mit ihrem Sendungsbewusstsein und Belastungseifer. Und es gab die ganz normalen Menschen aus allen Schichten, die aus verschiedensten Gründen zur inoffiziellen Mitarbeit aufgefordert wurden und es einfach machten. Diese gerne mit der Maßgabe, das war damals halt so und ich habe doch niemandem geschadet. Das waren dann meiner Erfahrung nach auch die, die am detailverliebtesten berichteten. Bücher, Zeitschriften, Kleidung, Freude, Lover, Gespräche, Briefe, Alltag nichts war vor ihnen sicher. Auf die Frage nach dem warum kam häufig nur: das war damals so, ich habe niemandem geschadet, ich konnte das doch nicht beenden, dann hätte ich Nachteile gehabt, sonst hätte ich nicht studieren dürfen, sonst hätte XY Nachteile gehabt etc. pp. Und manche werden auch die kleinen Zuwendungen zu schätzen gewußt haben, die kleinen Geldbeträge, die Blumen, den Sekt. Wieder andere haben sich Vorteile erhofft. Und über den Verrat und die Beschädigung haben sie nicht nachgedacht.
    Was ich sagen wollte: Danke für das Erzählen.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar, der eine ganz wichtige Perspektive liefert. Ich glaube es ist wohl ganz natürlich, dass Menschen Entschuldungsstrategien für ihr Verhalten suchen. Deswegen glaube ich braucht als unbedingtes Korrektiv die Geschichten und Erfahrungen der „Anderen.“ Meine Großeltern wussten natürlich, dass sie observiert wurden. Meine Großeltern haben sich den Institutionen der DDR komplett verweigert, sie haben nie gewählt, was ja quasi undenkbar war, mein Vater hat mit Hilfe meiner Großmutter den Wehrdienst verweigert, also es war klar, dass sie unter massiver Beobachtung standen. Aber der Zugehfrau eben hatten sie es nicht zugetraut, nicht weil sie glaubten, die wäre zu dämlich, sondern weil sie 30 Jahre lang miteinander lebten. Das Erschreckende an den Akten ist für mich die Kongruenz zwischen Banalität und Akribie, zwischen Technokratie und Gemeinheit, der sich wie eine Krake über ein Leben legt. Die Zugehfrau glänzte ja vor allem durch Zuverlässigkeit auf beiden Seiten und durch ein fast bizarr zu benennendes Nicht-Verhalten.

      Ich sehe mir das Gutachten gern an- auch dafür meinen Dank.

      • Vielleicht ergibt sich irgendwann einmal die Gelegenheit, zu erzählen, wie Ihr Vater es mit Hilfe Ihrer Großmutter geschafft hat, den Wehrdienst zu verweigern, ohne bei den ‚Spaten‘ zu landen. Das interessiert mich sehr.

      • Zum Thema „Spaten vermeiden“: Es gab auch in der DDR Personengruppen mit bestimmten Privilegien. Die DDR hat zwar Israel gehaßt bis aufs Blut (deswegen wohl auch die Überwachung durch die Stasi, wer aus Israel kam, der kam direkt aus dem Hort des Bösen), als Jude (teilweise auch als Mitglied einer kirchlichen Familie) hatte man aber doch gewisse Möglichkeiten die der gemeine DDR-Bürger nicht hatte, bsp wenn man um den Wehrdienst rumkommen wollte. Einerseits wollte man den Juden aus geschichtlichen Gründen diesen Zwangsdienst nicht unbedingt zumuten, andererseits hat man alles von offizieller Seite vermieden, was als antisemitisch angesehen werden könnte.
        Bei kirchlichen Leuten wars auch so (allerdings erst so richtig heftig in den Achzigern): man wollte jeglichen Anschein einer Diskriminierung vermeiden. So konnten Pfarrerskinder teilweise ohne FDJ-Mitgliedschaft Abitur machen oder ohne den verlängerten Wehrdienst studieren. Das ging beim Standardbürger nicht.

  26. Ergreifender Beitrag. Nicht zu verstehen, was Jemanden dazu treiben konnte. Den Vergleich, dass die Überwachung heute ja viel umfassender wäre, halte ich für unpassend. Das Perfide der der Überwachung war die persönliche Komponente.

  27. Was für eine Geschichte …

    Und was für eine wundervolle Liebeserklärung an eine Großmutter …

    Dank dafür.

    ___________________________________________________________

    Zum Thema „niemanden geschadet“ …:

    IMs haben Informationen geliefert.

    Selbst noch so – anscheinend – unbedeutende Informationen konnten Inhaftierte zusammenbrechen lassen, wenn sie in Verhören damit konfrontiert wurden.

    Daß sich diese, an sich äußerst simple und sehr nachvollziehbare Tatsache noch nicht gänzlich herumgesprochen hat und ehemalige Zuträger (nebst heutigen Verteidigern von ehemaligen Zuträgern) bis heute ihr Sprüchlein „niemanden geschadet“ aufsagen, sagt viel über unser Land aus.

    Und vom Versagen hinsichtlich der Aufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur.

    • Dankeschön. Ich habe meine Großmutter sehr geliebt. Sie war eine unendlich große Frau.

      Das Versagen der Aufarbeitung können wir nur verhindern, wenn wir die Geschichten der Anderen erzählen.

  28. Pingback: Enthüllt: Amadeu Antonio Stiftung ist Tarnorganisation des deutschen Verfassungsschutzes bzw. Inlandgeheimdienstes! von Gerhard Wisnewski | Blog von Klaus Schreiner Österreich, Tirol, Innsbruck

  29. Von der FAZ kommend hier gelandet und deshalb auch hier noch einmal: Dieses „ich habe niemandem geschadet“ hatten sie, nur wenig überspitzt formuliert, damals alle gesagt. Das war schon ein regelrechter Running Gag. Ich denke, dieser Haushälterin ist das bei der geschilderten Konfrontation auch nicht spontan eingefallen. Sie dürfte sich das nach anderen Vorbildern schon so zurechtgelegt haben.

    Der Text zeigt ansonsten sehr anschaulich, wie das mit diesem „niemandem geschadet“ in der Praxis ganz konkret aussah.

  30. An ein ähnliche Geschichte habe ich auch gedacht, als ich von der Feststellung über die Vorsitzende einer Stiftung las, eine Untersuchung hätte festgestellt, sie hätte mit ihrer IM-Tätigkeit „niemanden geschadet“. Später erfuhr ich, die von ihr geleitete Stiftung erhielte Mittel vom Staat, um als von der Regierung völlig unabhängige Organisation die Wortmeldungen im Internet in „gut“ und „böse“ einzuteilen und ein Draufhauen auf die „Bösen“ zu organisieren. Da wurde mir richtig schlecht:

    Mein Vater hat nach dem Zusammenbruch der DDR festgestellt, dass es auch von ihm eine StaSi-Akte gab. Der IM wurde nie zweifelsfrei identifiziert, es gibt aber handfeste Indizien, die auf einen Verwandten hinweisen. Es ist müßig, die kalte Wut meines Vaters zu beschreiben. Aber auch dieser IM kann von sich behaupten, er hätte niemanden geschadet. Es ist auch nichts passiert. Aber mein Vater stand auf einer Liste der Ortsbewohner, die im Krisenfall zu internieren wären.

    Irgendwie kann ich diese Schadensfreiheit bei IM’s nie so richtig glauben. Und eine von diesen alten Kämpferinnen bringt jetzt den jungen Hüpfern, das „Suchen und Zersetzen“ bei. Das stimmt mich wirklich zuversichtlich für die Zukunft.

    • Die Geschichte ist Vaters ist erschütternd.Das sind sehr schwere Bruchmarken für Biographien.

      Das Tätigkeitsfeld dieser Stiftung scheint mir relativ weit gefasst, ich glaube man sollte den Protagonisten und ihren Broschüren keine zu große Wirkungsmacht einräumen. Mir scheint, ich schrieb das schon öfter in diesem Zusammenhang, das die Stimmen der Beschädigten und ihre Geschichten diejenigen sind, die den Erinnerungslücken, Beschwichtigungsversuchen und Abwiegeleien am meisten entgegenzusetzen haben.

  31. Pingback: Lesestoff - Ausgabe 117 - DenkfabrikBlog

  32. Pingback: Meinungsfreiheit | stapelchipsblog

  33. Beeindruckend. Ein kurzer Eintrag, der doch wieder das Grauen prägnant darstellt.

    Die Kommentare sind sehr interessant. Wie „einfach“ es für manche Kommentatoren gewesen wäre „Nein“ zu sagen. Ich bin mir nicht sicher ob es immer so einfach gewesen wäre.

    Sie schreiben, dass die Frau nicht Teil der Familie war. Aber wenn man 30 Jahre zusammen gewohnt hat, dann ist länger als die meisten Kinder bei ihren Eltern wohnen. Die Vorstellung, dass meine Frau, Kinder oder ich der IM wäre ist schrecklich. Wie sich wohl das Leben ändert wenn man niemanden vertrauen kann.

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