Wer gefragt wird, soll antworten.

Die dicke Regenwolke, die tief über meinem Fenster hängt, hat mir und dies völlig zu recht Frau Tikscherk aus Kreuzberg herübergeschickt. Denn vor Wochen schon hat Sie mir freundlicherweise 10 Fragen geschickt und ich muss doch gar nicht gebeten werden, sondern werde so gerne gefragt. Hier also nun endlich die Antworten:

1. Wo möchten Sie leben?

Ginge es, ich packte schon morgen meinen Koffer, packte einen Bücherstapel unter den Armund zöge ohne zu Zögern nach Vrochtovy Janovice und säße wie Karl Kraus vor vielen Jahren im Garten. Einmal in der Woche brächte mir jemand Brot und Milch und ganz langsam schriebe ich einen verstiegenen Roman.

2. Ihr wichtigster Lehrmeister?

Meine Großmutter. Ich verdanke Ihr wenn nicht alles, so doch sehr, sehr viel. ( Eigentlich alles und noch viel mehr.)

3. Wie möchten Sie sterben?

Ich fiele, wenn es denn so einfach wäre, kopfüber in ein geöffnetes Buch. Oder öffnete dem Tod stehend, wie einstmals Kant die Tür.

4. Ihr Lieblingskomponist?

Immer wieder der große Altmeister Bach, gefolgt von Nichte 2, die mit mir die schönsten Quatschlieder singt,die sie sich vorstellen können.

5. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten? 

Niemand hat es besser gesagt und wohl auch verstanden als Michel de Montaigne: „If you press me to say why I loved him, I can say no more than because he was he and I was I.“Mir ist daher auch das Konzept der Kontaktanzeige völlig unbegreiflich, die einen Menschen qua Setzbaukasten offeriert- als meinte das Verlesen von Eigenschaften irgendetwas. Aber ich mag auch Ikea nicht.

6. Was ist ihre Lieblingsblume?

Schon immer Flieder, am Liebsten den weißen in meinem Garten und den blauen am Wegesrand. Ich halte meine Nase gern in Gartenrosen, liege ich in Irland im Bett, höre ich das Schilf rauschen und ich bin eng befreundet mit der Kiefer vor dem Berliner Haus. Niemals jedoch: rote Rosen und ich nehme Nelken als persönliche Beleidigung an.

7. Ihre Helden in der Wirklichkeit? 

Ich bewundere all die Traurigen, all die Enttäuschten, all die Verlorenen, all die Müden und die mit den Narben, all diejenigen die angeschlagen sind und niedergeschlagen und die Mutlosen, die Hadernden, die Zweifler und die an denen das Glück vorbeigeht und die trotzdem immer wieder neu beginnen. Ich bewundere die, die man nicht sieht, die man nicht hört,vor allem all die Mütter, die nicht nur in Neu-Delhi, am Straßenrand für ihre Kinder sorgen, ihr seid so stark und ich, ohne euch: niemals. Euch zu kennen, ist mir immer die größte Ehre gewesen und wird es immer sein.

8. Ihr Motto?

Ich habe kein Motto, ich hege eine unüberwindbare Abneigung gegen Kalenderspruchweisheiten und Coelho-Bücher. Das Leben schien mir zu ernsthaft, um es mit banalen Pflastern zu überkleben, deren Sinnhaftigkeit ich nicht zu sehen vermag. Schon als Kind habe ich mich herzhaft geweigert, schwüle Zeilen von Veilchen und Freundschaft in Poesie-Alben zu schmieren.

9. Ihr Lieblingslyriker?

Oh, das ist schwer. Eigentlich ist es eine Frau, Gertrud Kolmar, nämlich, aber dann ist da Paul Celan, dann ist da die Stimme meiner Großmutter, die mich mit Schiller und Goethe plagte, bis die Gedichte von ganz allein in meinem Kopf auf Wanderschaft gingen, dann gibt es Tal Nitzán und Robert Frost. Ach, es sind so viele und immer nur werden es mehr.

10. Ihr Lieblingsschriftsteller?

Oh, was für eine Frage! Unbeantwortbar zumal für Leser auch sie. Es gibt Kulturen, die kennen ein Totem-Tier, eine Art Referenzpunkt, für alles und alle. Gäbe es Totem-Autoren, so wäre meiner Franz Kafka. Für mich sind Kafka’s Texte, die Briefe, die Tagebücher, die Notizen, die Referenzpunkte allen Lesen, alles was ich lese, führt mich wieder und wieder zu Kafka zurück. Neben Kafka sind es Thomas Mann und Karl Kraus,die ich in endlosen Schleifen wieder und weiterlese.

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Aber die mag ich auch alle sehr, es ist sehr kompliziert. Unbeantwortbar.

Es sind noch Fragen übrig und wer antworten mag, der sei so frei.

 

 

4 Gedanken zu “Wer gefragt wird, soll antworten.

  1. Ihre Antworten gefallen mir, vor allem jene auf die Fragen Nr. 7 und Nr. 10.
    Ich hoffe, Sie ziehen eines Tages nach Vrochtovy Janovice und schreiben das Buch, auf das wir alle warten.

  2. Danke.

    .
    Wird die Frau in dieser unsäglichen Stiftung das überhaupt lesen?
    .
    Und wenn ja: wird sie es verstehen?
    (ich glaube, ich kenne die Antwort. Auch sie steht oben im text.
    Nochmals: DANKE. )

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