Wo es begann-Karl Kraus in Jičín

Eigentlich benötigt man für die Strecke zwischen Olomouc und Jičín, nicht länger als 2,5 Stunden. Aber das Fräulein Read On verbringt sehr viel Zeit im Diözesanmuseum- allein der Name- und staunt über die barocken Schätze die hier noch einmal die katholische Geschichte Mähren’s erzählen. Dann sitze ich noch für eine ganze Weile auf einer Bank in der Sonne, denn in den ganzen zehn Tagen, die ich in Tschechien verbringe ist es heiß, es ist eine schwüle Hitze und ein feuchter Wind, der von anderswo kommt, aber nicht aus dem Osten. Fast bin ich versucht zu sagen, es sei der Scirocco selbst, aber ich weiß gar nicht, ob das überhaupt möglich ist. Aber ich schwimme in der Hitze und halte mein Gesicht in den feuchten Wind bevor ich losfahre. Auf Tschechiens Straßen man kann es nicht anders sagen, wird allenthalben gebaut, das führt zu interessanten Erkenntnissen. Niemand im tschechischem Bauministerium scheut sich davor den Gegenverkehr der gesperrten Straße in den fahrenden Tramverkehr zu legen, hier hat man noch Mut zum Risiko. Allerdings gerät man so zwangsläufig in einen Stau. Aber auch ein Stau bietet vielseitige Erkenntnis. Immer wieder bestaune ich den festen Glauben derjenigen, die meinen durch schreien oder hupen, den Lauf der Dinge verändern zu können. Sind sie nicht die wahren Optimisten, die sich nicht einmal durch offensichtliche Unmöglichkeit von ihrem Glauben an Wandel durch Willenskraft abbringen lassen? Mir ist solche Natur nicht gegeben und so stelle ich den Motor ab und kaufe eine halbe Wassermelone, bei einer jungen Frau am Straßenrand. Beim sprachlichen Abgleich zeigt sich, sie spricht Französisch und noch ehe ich dumm fragen kann, stellt sich heraus, dass die Sinti-Frau den größten Teil ihres Lebens in der Nähe von Lyon verbracht hat. „Dann kam die Polizei“, sagt sie lakonisch, viel zu lakonisch, aus guter und oh-so fürchterlicher- Gewohnheit wohl und seitdem seien sie in Tschechien. Ich nicke. Sie aber helfe nur heute aus, eigentlich würde nur noch ihre Mutter, Obst verkaufen. Inzwischen sitze ich neben ihr am Straßenrand, der Stau wird länger, das Hupen lauter und wir schwatzen recht vergnügt vor uns hin. Ich begeistert, dass sie mir mein zungenschweres Südfranzösisch nicht übel nimmt und sie so strahlend-hell, so fest auf dem Boden stehend, das man sich augenblicklich verliebt. Schließlich sieht sie mich zögernd an. „Ob sie mich etwas fragen, könne?“ Sicher“, sage ich und sehe sie an. Sie wird rot und ich überlege, wann ich zum letzten Mal jemanden habe erröten sehen. „Ihr Freund“, sagt sie lebe in Jičín, ob ich sie wohl ein Stück mitnehmen könne?“. Na klar, sage ich und wir verstauen die letzte Melone im Kofferraum. Eine halbe Stunde später fahren wir weiter. Die junge Frau bekreuzigt sich an jeder Marienstatue und ich muss leise lächeln. „Das ist albern, ich weiß sagt sie, aber ich kann es mir einfach nicht abgewöhnen.“Nein, sage ich, es ist nicht albern, ich habe nur schon lange nicht mehr diese Frömmigkeit gesehen.“ Pieté denke ich und frage mich wann ich das Wort zum letzten Mal im Mund hatte. Es ist lange her.Wann immer wir, an einer Polizeistation vorbeifahren oder ein Polizeiauto unseren Weg kreuzt, drückt sie sich so beiläufig wie sie das Kreuz schlägt ,tiefer in den Sitz. Ich wünschte, ich hätte ihr etwas zu sagen, aber alles klingt doch schal, angesichts meiner Sicherheit und ihrer Realität. Aber immer noch lächelt sie mich an und ich lächle zurück. „Warum fährst du nach Jičín?“fragt sie mich.

Ich erzähle ihr nicht von jenem Wohnzimmer in Jerusalem, in dem ich vor vielen Jahren jenes Gedicht entdeckte, dass in einen Bilderrahmen gesteckt war und mit dem meine Liebe zu Karl Kraus begann. Das Wohnzimmer gehörte einem Mann, den alle den „Ausgestoßenen“ nannten. Ausgestoßen war er wirklich, ausgestossen von allen, verachtet von jedem, eine Schande für jeden fühlenden Juden, sagten die Leute im Wohnhaus, die ihn nie grüßten, denn bevor er und seine Familie ins Lager kamen, hatte er im 1933iger Jahr, die NSDAP gewählt. Nur meine Großmutter unterhielt eine lebenslange Brieffreundschaft zu ihm, denn wenn auch ihr Vater nie die NSDAP gewählt hatte, so teilte sie mit ihm, die unerschütterliche Liebe, die die deutschen Juden für Deutschland hegten. Niemals hatte ihre Familie ganz ähnlich der Seinen, das was kam für möglich gehalten. Einmal, da lebte der Ausgestossene und von allen verachtete noch, und ich 18 Jahre alt und wütend, fragte ich ihn: „Warum?“ Ich wünschte ich hätte es nicht getan.

Aber bei ihm fand ich jenes Gedicht, das mich seitdem nie wieder losließ und weiter und weiter hineinzog in den Kosmos Karl Kraus.  Vor zwei Jahren bin ich auf Schloss Janowitz gewesen, dem Schloss seiner großen Liebe Sidonie. Aber angefangen hat es eben Jičín. Im Auto also, übersetze ich das Gedicht für die junge Frau neben mir:

Nun weiß ich doch, ’s ist Frühling wieder.

Ich sah es nicht vor so viel Nacht

und lange hatt‘ ich’s nicht gedacht.

Nun merk‘ ich erst, schon blüht der Flieder.

Wie fand ich das Geheimnis wieder?

Man hatte mich darum gebracht.

Was hat die Welt aus uns gemacht!

Ich dreh‘ mich um, da blüht der Flieder.

Und danke Gott, er schuf mich wieder,

indem er wiederschuf die Pracht.

Sie anzuschauen aufgewacht,

so bleib‘ ich stehn. Noch blüht der Flieder.

( aus Karl Kraus, Worte in Versen, IV, Leipzig/ Wien 1919 )

Sie sieht mich an wie jemand der etwas vom Flieder weiß. Langsam wiederholt sie die Worte, die in ihrem Französisch viel schöner klingen als in meinem ewig breitem Dialekt. In ein Buch mit Hello Kitty-Katzenkopf schreibt sich den Namen auf Karl Kraus auf. „Ich will wissen“, sage ich zu ihr „wie viel Jičín in Karl Kraus steckt, der hier 1874 geboren wurde.“ Dann sind wir da und ihr Freund macht große Augen. „Passt auf euch auf“, sage ich als wir uns verabschieden und ganz schnell beugt die junge Frau sich vor und küsst mich auf die Stirn. Pieté , denke ich wieder und lächle ihr noch einmal zu.

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Das Geburtshaus von Karl Kraus Fortna nam. 43, Jicin

Der Marktplatz von Jičín liegt heiß in der späten Sonne. Schon fünf Minuten später, stehe ich an der Ecke Fortna namesti 43, die sich direkt an den Wallensteinplatz anschließt und in deren Eckhaus Karl Kraus im April, als neuntes Kind der Familie geboren wurde. Ein Geburtsort, so nimmt man an, ist oft etwas Zufälliges, selten jedoch etwas geplantes, aber für eine jüdische Familie im 19. Jahrhundert gab es keine Zufälle, sondern nur sorgfältig, geplante Entscheidungen. Denn das es Juden möglich war, den Wohnort selbst zu wählen, das kam erst in Folge der gescheiterten Revolution von 1849 und der Thronbesteigung des damals noch so jungen Franz Joseph. Mobilität also, das war soziale, politische und ökonomische Mobilität. Aber die Judenemanzipation von der deutsche Historiker gern wohlfeil schwärmen, kam zu einem Preis. Haustüren wurden mit Blut beschmiert, Fensterscheiben zertrümmert, diejenigen Nachbarn, die willens waren an Juden Grundstücke oder Geschäfte zu verkaufen bedroht und mit Boykottaufrufen belegt. Zahlreiche Städte in Böhmen lancierten Prozesse gegen den jüdischen Zuzug und wollten ihr Prinzip des non tolerando Judeos verteidigt wissen. Ob widerwillig akzeptiert oder offen verachtet, willkommen waren sie nicht in Böhmens Städten und Dörfern. Und es war im Zuge jener kaum zehn Jahre alten Mobilität als Jakob Kraus 1859 aus Dolní Kralovice nach Jičín kam. Und wie das so geht verliebte er sich Ernestina, die Tochter, die Tochter eines Jičíner Arztes. Ignatz Kantor, der Schwiegervater der zukünftige Schwiegervater also, warb für den Bau einer Stadtsparkasse und hatte das was man wohl gemeinhin sozial-reformatorische Gedanken nennt. Während sein zukünftiger Schwiegersohn den beispiellosen ökonomischen Aufstiegswillen symbolisierte, war Kantor Repräsentant einer Generation, die in vielfachen Pamphleten, Broschüren und Jahreskalendern, Kaisertreue, gutes Benehmen und Leistungsbereitschaft predigte. Es war der so hilflos wie hoffnungslose Versuch gegen die blühenden antisemitischen Verdammungsschriften. Es blieb nicht bei heißen Worten. 1860 Jakob eben gerade so in Jičín arriviert, versuchte ein christlicher Mob in Prag eine jüdische Geschäftsfrau zu steinigen. ( Das christliche Abendland, das jetzt so nachdrücklich verteidigt werden soll, erinnert sich eher ungern an diese Bräuche, denn es ist immer schon leichter gewesen, den anderen den Barbaren zu heißen.) 1861 muss das Militär antisemitische Ausschreitungen in Prag beenden und die Wirtschaftskrise, die in der Mitte der 1860er Jahre zu Hungerunruhen und ökonomisch motivierten Selbstmoden führte, tat ihr übriges. Daraus wurde 1866 überhaupt ein schlechtes Jahr, ein Flächenbrand, der durch ganz Böhmen zog. In Böhmen musste das Standrecht verhängt wurden, dann wurde es ruhiger bis 1870 erneut Plakate auftauchten die forderten, die Juden zu erwürgen, zu hängen, zu ersäufen und zu erschießen. Jakob Kraus aber ließ im so gefährlichen 1866er Jahr, Bismarck ins Haus. Ist das nicht ein so surreales wie fantastisches Bild? Bismarck mit einem der vielen Kraus-Kinder auf dem Schoß und Lebensversicherung gegen den Mob?

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Wieviel Jicin ist in Karl Kraus?

Jakob Kraus das kann man wohl, ließ sich nicht bange machen,er hatte eigene Pläne und eröffnete einen Kolonialwarenladen in eben jenem Eckhaus. Aber da bei blieb es nicht. Wer zehn Kinder hat, hat wohl nicht nur eine schöne Frau, sondern die Zukunft im Sinn. Wer weiß vielleicht pflanzte er für jedes einen Fliederstrauch. 1874 jedenfalls war Jakob Kraus schon weit über die Grenzen des Kolonialwarenhändlers hinausgegangen, er lieferte Waren nach Brünn und Prag und eröffnete bald ein weiteres Geschäft ,kaufte 1869 eine Metzgerei dazu und pachtete 1870 eine Gaststätte mit Weinbrandausschank. Aber überregionale Bekanntheit als Unternehmer erlangte Jakob Kraus mit einem Produkt, das uns heute so hoffnungslos altmodisch erscheinen mag. Er begann in der Mitte der 1870er Jahre mit der großangelegten Herstellung von Papiertüten, die bis dato von Lehrlingen in den Krämerläden selbst geklebt wurden und in denen von Kaffee, über Zucker und Mehr alles abgewogen und portioniert war. Jakob Kraus aber der Mann mit der Zukunft im Herzen machte daraus eine Großproduktion für die er auch Insassen des Gefängnisses von Valdice beschäftigte. Gleichzeitig verlegte er sich auf die Herstellung von Farben insbesondere von Ultramarinblau. Und schließlich eröffnete Jakob Kraus Filialen in Prag und Wien und nahm seine Familie mit. Karl Kraus war drei Jahre alt. Aber das hieß nicht, dass die Familie Kraus Jičín ganz verließ, das Haus vor dem ich stehe, blieb im Besitz der Familie. Es mag gut sein, dass Karl Kraus dann und wann in den Ferien zurück in das Eckhaus kam. Mag gut sein, dass er im Garten unter dem Fliederstrauch las, sich mit den Brüdern stritt und aus dem Fenster des Oberstocks auf den Marktplatz sah, der noch immer, noch heute, hell in der Sonne liegt. Vielleicht hat er hier auf der Fensterbank und im Umgang mit den jene Schärfe gelernt, die ihm die Biedermeier so verächtlich machen und sicher wohl hat er von seinem Vater Jakob Kraus gelernt, im Vorbeigehen sozusagen, dass man als Jude nicht nur in der böhmischen Provinz darauf gefasst sein muss, sich verteidigen zu müssen. Und Karl Kraus ist angegriffen wurden. Ein Leben lang.

Geht man aber ein paar Straßen weiter trifft man auf die Synagoge des Ortes. Sie lässt sich auf 18. Jahrhundert zurückdatieren und sieht so aus, wie Synagogen eben aussehen, die sich einer christlichen Umgebung behaupten wollten. Jakob Kraus war zwischen 1870 bis fast zur Geburt seines Sohnes Karls im April 1874 Gemeindevorsteher. Da ist sie wieder die Frömmigkeit. Kraus war kein Shabbesjude, sondern gründete die TalmudThora Gesellschaft, die die Jiciner Juden wohl mit eher mäßigem Erfolg zurück zur Schrift führen sollte. Auch als die Familie schon in Wien wohnte, unterstützte Jakob Kraus, die Synagoge wie die angrenzende jüdische Schule weiter. Pieté. Als ich zur Synagoge komme, ist niemand zu sehen. Schließlich treffe ich eine Frau, die im Garten, der links hinter der Synagoge liegt, Wäsche aufhängt und mir aufschließt. Im Inneren wie im Äußeren ist die shul renoviert wurden, aber als ich mich umsehe, beschleicht mich das Gefühl, das etwas fehlt und dann realisiere ich, dass es nirgendwo, nicht in der Thoranische, nicht in den Schränken an der Wand, auch nicht in den Fächern auf der Frauenempore, nein nirgendwo gibt es auch nur ein einziges Buch. Kein noch so kümmerlicher Talmud-Kommentar, keine  abgegriffenen Gebetbücher,nicht, die Synagoge ist leer. „Schön?“, fragt mich die Frau, die nicht mit hineinkommt. Aber ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll.

Am Abend liege ich lange wach, die Kirchturmuhr schlägt ihre Stunden und ich liege wach. Noch einmal stehe ich in der leeren Synagoge und noch einmal trete ich ans Fenster uns sehe hinüber zum Eckhaus von Karl Kraus. Ich denke noch einmal an die junge Frau neben mir im Auto, die ganz vorsichtig den Namen Karl Kraus in ihr Notizbuch übertrug und ich denke noch einmal zurück an das Mädchen,das ich einmal war, die vor vielen Jahren in der Wohnung des Ausgestossenen das Gedicht vom Flieder las, eines jener Gedichte von denen man sich nie wieder ganz erholt. Hier in Jičín begann die Reise des Mannes, der nach Heinrich Heine wohl der größte Liebhaber der deutschen Sprache war.

Am nächsten Morgen fahre ich nach Berlin zurück.

Ein Gedanke zu “Wo es begann-Karl Kraus in Jičín

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