Olomouc- Ein Spaziergang am Beginn des vorherigen Jahrhunderts

Sie haben ja Recht: im Grunde gibt es nichts Fürchterliches als Reisberichte. Wir alle erinnern doch die quälenden Nachmittage an denen Onkel A. endlose Diavorträge vom Angelurlaub an der Schlai oder Tante B. die für zehn Drachmen, zwölf Apfelsinen erstand,zeigte.Überhaupt Urlaubsbilder bestehend aus langen, öden Stränden an denen Menschen krebsrot braten kann man nur still bestaunen, denn wer wäre man schon, den Rückkehrern die letzten Illusionen zu rauben? Wer je Bilder von Cousin C. bestaunen musste auf denen der zehnjährige Burli einen Karpfen in die Höhe stemmt-Angler im Glück-der weiß, was ich meine.Ich verspreche Ihnen also, ich quäle sie nicht mehr lange und werde dabei doch Onkel A. immer ähnlicher, der auch immer behauptete, dies sei das letzte Dia und hemmungslos nachschob, was auch immer Bad Schandau’s Straßen boten. Aber  einmal will ich Sie noch mitnehmen in die Olmützer Straßen, die wirklich voller, unerwarteter architektonischer Schätze sind. Noch sind sie da, während es Onkel A.’s Dias schon lange nicht mehr gibt.

In der Rigerova 10 noch mitten in der Stadt steht eines jener Häuser an denen die Welt schnell vorbei geht und doch dringend stehen bleiben sollte. 1910 nämlich baute hier der Architekt Jaroslav Kovar ein außergewöhnliches Gebäude. Kovar, der 1908 in Chicago mit Vertretern der radikalen Moderne in Berührung kam, die angeführt von Henry Sullivan propagierte, dass die Form der Funktion folgen müsse, baute hier mitten in der Provinz ein Gebäude, dass Richard Wagner Ornamentik mit nordamerikanischer Kühle zusammenbrachte. Die Fassade ganz in schwarz/grau gehalten, setzte nicht auf den Stück, den diese Zeit so liebte, sondern auf metallene Nägel. Es ist eines jener Häuser, denen ich in bester Bauarbeitermanier hinterherpfiffe: Baby, du bist zauberhaft!

Chicago feat Olomouc


Wunderschön anzusehen und schon außerhalb des Innenstadtringes gelegen, ist auch das Haus, welches Ladislav Skrivanek 1923 für Eduard Šrot und seine Frau Leokadie ( ist das nicht ein zauberhafter Name? ) entwarf. Das Haus relativ einfach und sehr geometrisch erscheinend, ist eine raffinierte Verbindung von dezidiert tschechischem Jugendstil und Renaissance-typischer Graffitomalerei.

Das neue Bürgertum, trida Spojencu 20, Olomouc

Can you handle me?

An einer vielbefahrenen Kreuzung baute Jindrich Kumpost 1925 die Bezirkskrankenkasse. Kumpost, ein Schüler, Franz von Kraus, der die Villa Primavesi baute, wurde in der jungen, neuen tschechischen Republik eine Art Stadtarchitekt mit Büro on Brno. Der Junge Staat brauchte nämlich weniger Patrioten, denn Institutionen, die Theorie in die Praxis überführen sollten. Das Gebäude sollte demnach nicht nur eine Krankenkasse beherbergen, sondern zweiflüglig angelegt und so monumental wie funktional bot es Platz für Wohnungen, Büros und Praxisräume.

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Die Bezirkskrankenkasse, nam. Národních hrdinu 2, Olomouc

Geht man aber noch ein Stück weiter aus der Stadt heraus, bis in die Vedenska hinein, dann trifft man auf ein Haus, das einen sofort in seinen Bann zieht und man sieht, wie sehr Adolf Loos eine ganze Generation junger Architekten geprägt hat. Hier inspirierte er Hans Stratil zu einem so wunderbar geometrisch wie grazilem Haus. Eine richtige Dame von einem Haus. Eine Dame im durchaus strengen Seidenkleid, kein Mädchen mehr, sondern so ernsthaft wie frei. Ich kann mir nicht helfen, aber das Haus, gebaut für Josef Kraus und Franz Bruckmann ist brillanter Funktionalismus und vor allem ein Beispiel für das was man Proportionen nennt. Dieses Verständnis von Form, die allein auf einer Grundform, quadratischen Quadern nämlich basiert, ist so feinsinnig, das es nicht fern liegt sie mit den ägyptischen Pyramiden zu vergleichen, die ja auch großartig und bestechend durch ihre Einfachheit sind. Hier ist es ein Meisterwerk von einem Haus. Gebaut 1932, heute ist es leider eine Versicherung, das finde ich so schade, denn so, genau so muss man wohnen.

Hans Stratil, Die Villa Josef Kraus und Franz Bruckmann, 1932, Videnska 14, Olomouc

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Konventioneller und natürlich auch früher gebaut, ist das von Heinrich Czeschner 1902 erbaute Ensemble, das sich über eine ganze Straße entlang zieht. Es war die Zeit der großen Mietswohnungen und hier lebt sie noch einmal auf. Es war eben immer auch Repräsentation und das nicht nur im Palmengarten oder im Esszimer mit schweren Seidentapeten, sondern schon auf der Straße sollte zu sehen sein, wer hier Quartier nahm. Heute sind die Häuser teilweise saniert und teilweise rotten sie vor sich hin. Die Bewohner haben längst keine Palmengärten mehr, sondern hängen mit nackten Oberkörpern aus dem Fenster und neben ihnen kläfft ein Hund.


Ich weiß, ich habe mich nunmehr und mit ähnlich schlechten Fotos, in die Nachfolge Onkel A.’s gestellt, aber wenn sie einmal nach Olomuc kommen, laufen Sie einfach los, denn hier können Sie noch einmal einen Blick in das alte Europa werfen und für eine Stunde oder zwei zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückkehren, an dem die Möglichkeiten der Form schier grenzenlos waren- mitten in der Provinz

7 Gedanken zu “Olomouc- Ein Spaziergang am Beginn des vorherigen Jahrhunderts

  1. Mir gefällt besonders das gläserne Vordach am von Kovar erbauten Gebäude. (Ich genieße übrigens Ihre Reiseberichte und kann Ihnen versichern, dass es etwas schlimmeres gibt als Urlaubsfotos: 900 Hochzeitsfotos an einem Abend. Die Freundin, die mich vor Jahren zwang, sie anzusehen, habe ich seit jenem Abend nicht mehr besucht, denn sie hat noch 600 weitere Fotos vom angeblich schönsten Tag ihres Lebens.)

    • Vielen Dank! Ich fürchte ja immer, das alles sei furchtbar öde und langweilig und vergraulte nun auch noch die treusten Leser. Das Haus ist fantastisch. Leider ist es in einem enorm schlechten Zustand, wenn Sie auf das Bild klicken sehen Sie, dass nur noch die unterste Etage vermietet ist, der gesamte Oberstock steht leer und die offenen Fenster tragen leider nicht zum Wohlergehen des Hauses bei. Ich wünschte, oh, ich wünschte ich hätte die notwendigen Mittel, ich kaufte es sofort. Es ist ein solcher Jammer es in solchem Zustand zu sehen.

      900 Hochzeitsfotos! Das ist stark. Ich finde seist schon fast ein Fall für die UN- das ist bestimmt ein Verstoß gegen die Menschenrechte, es klingt nach einem wirklich unendlichem Alptraum.Mir ist regelrecht übel, dass es von diesem Tag noch 600 Aufnahmen mehr geben soll. Das stellt ja jedes royale Großereignis in den Schatten.

  2. Ich fürchte ja immer, das alles sei furchtbar öde und langweilig und vergraulte nun auch noch die treusten Leser.

    Wie kommen Sie bloß auf die Idee? Es ist kein bisschen öde und langweilig, Sie erzählen doch so interessant! Ich genieße es sehr, mit Ihnen auf diese Weise „zu verreisen“, zumal der eigene Urlaub auch in diesem Jahr wieder ausfällt.

    • Ach, wie schade, dass ihr Urlaub ausfällt. Vielleicht ein verlängertes Wochenende? Ich freue mich sehr, dass Sie mit mir reisen mögen. Schwesterchen nämlich gähnt nur, komme ich ihr mit Häuserbildern und findet lieber ich solle ihr nach Südfrankreich folgen.

    • Vielen Dank! Ich werde immer nur noch röter. Ich reise ja gern und immer wieder auch zurück zu Karl Kraus, Franz Kafka und all den anderen, denen ich so viel verdanke. Herzliche Grüße zurück!

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