Olomouc-Die Villa Primavesi

Gemeinhin genießt die Provinz keinen guten Ruf. Abgelegen sei sie und wenn nicht hinter den sieben Bergen gelegen, so doch weit entfernt von allem wofür es sich zu leben lohnt. Ihre Bewohner zudem werden als kleingeistig und engstirnig gescholten und wer je in Berlin, Menschen über Bad Segeberg oder Fürstenwalde hat reden hören, der ist überzeugt, das es sich bei diesen Orten mindestens um jenes Tomi handeln müsse, in dem Ovid verdorrte. So verwundert es nicht wenig, dass die E. sich weigert und zwar unter lauten Ausrufen: niemals fahre ich mit dir in die hinterste Provinz, mich nach Olomuc zu begleiten, obwohl die Stadt gar nicht klein ist, aber sie ist weit genug weg von Prag und natürlich auch von Berlin um für die E. all das zu symbolisieren, was nicht nur sie, sondern viele mit ihr verachten: das Provinzielle und Entlegene und vor allem die Langweile, die sie mit der Provinz verbinden. So küsse ich also die E. und fahre los. Denn ich habe vor vielen Jahren schon gelernt, das man nirgendwo so viel über ein Land lernt, wie in seinen entlegeneren Gegenden. Dabei ist Olomouc, das früher einmal Olmütz hieß und zwischen Brno und Ostrava an der Mach gelegen,ein Zentrum ganz eigener Art. Es wäre nicht übertrieben, es das östliche Rom zu nennen, denn Olomuc ist bis heute ein Zentrum katholischen Glaubens in dem selbst die langen Jahren des grauen und weithin sichtbaren CSSR Kommunismus, das jesuitische Rückgrat nicht haben brechen können. Sie hätten es besser wissen können, denn schon Friedrich II hat hier vergeblich versucht einen Fuß in den erzbischöflichen Palast zu bekommen. Aber ich bin nach Olomouc  eines Hauses wegen gekommen, das mag Ihnen seltsam genug erscheinen, dabei erzählt dieses Haus noch einmal eine andere Geschichte von Provinz und Zentrum. Für eine kurze Zeit nur, die eigentlich nicht mehr als ein kurzer Wimperschlag war, etablierte sich in der mährischen, böhmischen und schlesischen Provinz des alten Österreich-Ungarn eine erregende, aufregende und nie wieder erreichte Architektur der Moderne, die gerade die Provinz zu ihrem Zentrum machte. Und so gehe ich an einem sehr heißen und sehr sonnigen Tag, die lange Straße hinauf, an den mächtigen erzbischöflichen Bauten vorbei, die heute vorwiegend Universitätsgebäude sind, den steilen Weg hinauf, der zur Villa Primavesi führt und bevor ich um die Ecke biege, bleibe ich noch einmal stehen. Ich gehe nämlich mit klopfendem Herzen und weichen Knien, für die ich mich selber schäme, wer ist denn schon aufgeregt wie vor einer ersten Verabredung, wenn er ein Haus besieht? Ich bin es. Und dann auf dem Platz angelangt, mich nach links drehend, sehe ich sie, die Villa Primavesi.

Primavesi

„Villa Primavesi“ erbaut 1905/6, Franz von Kraus und Josef Tölk, Außenansicht

Erbaut wurde sie in den Jahren zwischen 1905 und 1906 nach einem Entwurf von Franz von Kraus und Josef Tölk. Neben Adolf Loos und natürlich Mies van der Rohe, zählten Josef Tölk und sein Partner von Kraus zu den Stararchitekten ihrer Zeit. Wenn Sie durch Wien spazieren und sich nicht sicher sind, von wem das Gebäude stammt, ich versichere Ihnen mit Josef Tölk liegen sie nahezu immer richtig. Aber die Villa Primavesi, ist anders als die Villa Tugendhat in Brno oder die Villa Fischer in Pilsen kein paradigmatisches Stilbeispiel für die Moderne, sondern vor allem auf den ersten Blick eine annehmliche, großzügige, in jedem Falle aber durchaus konservative Villa, wie sie auch im Grunewald oder in München-Grünwald zu finden sein könnte. Dennoch ist alles ganz anders. Schon die Auftraggeber des Hauses, das Ehepaar Otto und Eugenie Primavesi waren keineswegs konventionelle Industrielle. Otto Primavesi war nicht nur Industrieller, sondern vor allem und vor allem gemeinsam mit seiner Frau Eugenie, Mäzen eines Kreises der unter dem Namen „Wiener Werkstätten“ noch heute Weltruhm genießt. Sie alle haben Eugenie Primavesi schon einmal gesehen. Und es war die Villa Primavesi in der die Künstler die einmal gemeinsam und für kurze die Wiener Scession bgründet hatten gemeinsam zusammenarbeiten sollten. Josef Hoffmann, dieses Wunderkind gestaltete zwei Räume des Hauses, Anton Hanak, der Bildhauer, entwarf einen Wandspringbrunnen und märchenhafte Mosaiken für die Eingangstreppe. Hanak, der Rodin-Liebhaber entwarf ebenfalls die Kassettendecke und die schweren und doch so wenig protzigen Esszimmermöbel mit ihren phantastischen Intarsien, Gustav Klimt beschränkte sich nicht auf Porträts, sondern fertigte ganze Tapetengemälde für das Haus an. Die Einrichtung wurde komplett von den Künstlern der Wiener Werkstätten entworfen und die so zerstrittene, ewig verkrachte Gemeinschaft mit ihrem Muttersöhnchen Gustav Klimt arbeitete hier Hand in Hand und macht die Villa Primavesi zu einem Gesamtkunstwerk. Es ist fast müßig zu erwähnen, dass das Haus mit einem eigenen Elektrizitätswerk ausgestattet, über alle Annehmlichkeiten verfügte, die jeder Berliner Eigentumsbesitzer oder schwäbische Häuslebauer zu schätzen weiß. Erwähnt sei es nur deshalb, weil Mies van der Rohe, in der Unkomfortabilität großes Glück empfand, die Architekten und Mitarbeiter der Villa Primavesi aber Ästhetik und Komfort zusammenbrachten.

So stehe ich vor dem Tor und von außen sehe ich schon, dass die Villa Primavesi heute einen verschlossenen Eindruck macht. Das Restaurant, wie die Galerie, die sich hier befinden sollen, existieren nur noch auf dem Papier, nicht aber mehr in der Realität eines heißen Sommertages. Aber die Klinke des Gartentores lässt sich mühelos herunterdrücken. Jemand so scheint es, ist im Garten. Schließlich finde ich erst einen Gartenschlauch und dann einen Gärtner oder einen Hausmeister oder einen Hausbestellten, ich weiß es nicht, denn wir stellen beide fest, das wir nicht die Sprache des Anderen sprechen. Dafür stellt der Mann fest, dass man mich offenbar ins Haus lassen kann, denn er sagt: „Moment“ und kommt mit einem Schlüsselbund wieder und einen Moment später, stehe ich in der Eingangshalle der Villa Primavesi, stehe ich direkt unter dem bunten Mosaik.

Treppenaufgang mit Mosaik und Mosaik-Detail

Im Oberstock ist jetzt eine Musikschule, die Styroporplatten an die Wände geklebt hat.

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Eingangshalle der Villa, die Treppe führt in ein verschlossenes Obergeschoss

Das Untergeschoss aber steht leer. Und der Mann schließt Raum um Raum auf, öffnet die Terrassentür, wo auf einer Werkbank alte Blumentöpfe stehen und in vielen Räumen eben Gerümpel. Er sei im Garten bedeutet er und hält mir das Schlüsselbund hin. Ich nicke und streiche mit den Fingern langsam und vorsichtig über den Tisch mit den reichen Intarsien und meinem Finger weicht der der Staub. Die Lampen funktionieren noch immer. Das Wunderkind Josef Hoffmann eben. Ich bestaune die Abdeckungen der Heizkörper, denn wer könnte ihnen die Bewunderung verweigern? Und die Blumenkästen mit ihren kleinen Mosaiken, diese Achtung für das Detail, wo gibt es die schon? Natürlich lege ich meinen Kopf in den Nacken und schon leuchtet das Mosaik über dem Türbogen, denn was soll der Schatten schon sein gegen das bunte Licht? Ich kann den Hausbesorger oder Gärtner verstehen: hier an diesem Fenster muss man sitzen und nie mehr gehen. Das Licht überhaupt das Licht in diesem Haus, das Licht, das sich in den Türscheiben bricht und genau in dem Moment in dem man ganz sicher annimmt, nun könne man wirklich nicht mehr überwältigt werden, da fällt das Licht durch einen anderen Winkel ein und wieder ist man verzaubert und versunken in dem noch immer still leise atmenden Haus, dem alle Vernachlässigung ein Kratzen an der Oberfläche nicht aber einen Riss in der Tiefe hat anzutun vermochte. Für eine lange Zeit sitze ich auf den Stühlen mit ihrer geraden Lehne und sehe hinaus und immer wieder in das betörende Haus hinein und für einen Moment lang, bleibt die Zeit stehen und noch einmal scheint es als sei die Möglichkeit, dass alles von vorn begönne, nicht ganz so aussichtslos wie es doch eigentlich ist.

Das Esszimmer mit Blick zum Garten, Mosaikfenster und Türdetail

Im Garten treffe ich den Mann bei Rhodendron-Büschen und gebe ihm das Schlüsselbund zurück. Wir, die beiden ganz Fremden sehen uns für einen Moment lang an, wie verstehen uns ja nicht, aber als er mit seinem linken Zeigefinger über seine rechte Wange fährt, verstehe ich sofort was er meint, verstehe ich sofort, dass ihm Tränen über die Wangen laufen. Die Styroporplatten, die Vernachlässigung, das Gerümpel, der Müll und ein allgegenwärtiges Desinteresse, das nur auf Abnutzung zielt und verschleißt, hat nichts mit der Villa Primavesi zu tun, die es noch gibt, aber ganz sicher nicht mehr für immer.

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Detailfragen.

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Das Licht geht noch immer an.

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Esszimmer

Eugenie und Otto Primavesi übernahmen die Leitung der Wiener Werkstätten, sie übernahmen sich und als Unternehmen Bankrott ging, zerkrachte sich auch das Paar. Wie so viele Häuser wurde das Haus während der lange und grauen Jahre des CSSR-Kommunismus als Sanatorium genutzt. Heute sind die oberen Stockwerke an eine Musikschule vermietet, die Villa als solche aber steht leer. Noch immer verteilt die Touristinformation in Olomuc, Prospekte, die für Galeire und Restaurantbesuch werben.

Anton Hanak, verstarb 1934 sein letztes Großprojekt war das erst nach seinem Tode beendete „Denkmal des Vertrauens in in Ankara. Das heute ein österreichischer Bildhauer in Ankara, türkische Nationalgeschichte schreibt, taugt wohl nicht einmal mehr als Satire. Josef Hoffmann, das Wunderkind, dieser Vielgestaltige wollte auch nach 1938 Karriere machen und war begabt genug es auch den Nazis Recht zu machen. Die nahmen gerne an. Gustav Klimt zog doch noch bei seiner Mutter aus, aber mit dem Ende des alten Österreich-Ungarn verstarb auch er. Aber Mäda, die Tochter der Primavesis hat er noch einmal porträtiert. Vielleicht lag der Teppich ja einmal in der Villa auf dem Fußboden und das Mädchen sah an die Decke und das Licht war blau und grün, rot und gelb und brach sich in immer neuen Winkeln, ein sich ewig wandelndes Kaleidoskop und das Versprechen in ihm so groß und so schön, wie das Haus für das es stand.

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Man beachte die formschöne Tapete späterer Jahre. Blick hinaus.

Die Villa von Otto und Eugenie Primavesi, Univerzitní 7, Olomouc, Tschechien. 

2 Gedanken zu “Olomouc-Die Villa Primavesi

  1. Hihi, das Haus sieht von außen einem Haus ähnlich, das ich sehr gut kenne. Mein Großvater hat es 1910 gebaut. Er war Bildhauer und hatte an großen Dombauhütten gearbeitet und war auch sonst rumgekommen. Vielleicht war er ja in Prag. Innen sieht es natürlich nicht so pompös aus.
    Das Haus hier gefãllt mir sehr, obwohl keiner für es sorgt.

    • Toll! Darf ich fragen, wo ihr Großvater das Haus gebaut hat? Die Villa Primavesi ist wirklich ein Wunder, von außen wirklich ein im Grunde konventionelles Musterstück großbürgerlicher Architektur und tritt man hinein, eine Welt voller Wunder. Man ist unweigerlich berührt von diesem Haus. Es ist ein Jammer, es so zu sehen.

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