Prag-Das Haus zu den zwei goldenen Bären 

„Du meinst das ernst, sagt die E.  und ich nicke. Du willst nur wegen eines Hauses wegen nach Olomuc fahren? „Ja“, sage ich genau das will ich tun. Die E. sieht mich fassungslos an. Aber in der immer belebten Prager Altstadt kann man nicht lange stehen bleiben,ohne weitergeschoben zu werden. „Komm, sage ich noch einmal, man kann Prag nicht verlassen ohne beim Haus zu den zwei goldenen Bären vorbeizusehen.“An dem großen Eckhaus in der kleinen Gasse Kozná, das sich bis in die Renaissance zurückdatieren lässt, sieht man eine runde und nicht sehr auffällige Plakette:

Man sieht einen mittelalten und reichlich distinguierten Mann, der ziemlich ernst dreinblickt. Er könnte ein Handelsreisender sein, ein Postbeamter und vielleicht auch en fleißiger Chemiker, aber nichts davon ist der Mann auf der Plakette je gewesen. Die Bildunterschrift lautet: „Hier lebte und arbeitete der Schriftsteller und Reporter Egon Erwin Kisch vom 29.4. 1855 bis zum 31.3. 1948. Aber dieses an das Haus geheftete Kurzporträt geht am Leben des rasenden Reporters doch weit vorbei. Kisch lebte in Berlin, in Mexiko, sprang vor der australischen Küste aus dem Boot und kannte Wien so gut wie die serbischen Schützengräben. Richtiger wäre, denn was ist schon wahr, dass Egon Erwin Kisch in diesem Renaissancehaus, das auf den schönen Namen „zu den zwei goldenen Bären“ getauft wurde, geboren wurde. Schwerer wird es schon zu sagen, ob Kisch und seine Brüder wohl auch die Spukgeschichten, die wohl in den Gemäuern wohnen, erzählt bekam und ob er vielleicht sogar die Räuberballade des Gauners Babinskejs, die ihn später so faszinierte, auf dem Hof des Gebäudes hörte, bleibt ungewiss. Kisch selbst befeuerte die Legendenbildung auf das Schönste und wer weiß vielleicht führt ja wirklich ein unterirdisches Treppenhaus direkt in die Tiefen Gewölbe der Teynkirche?  Überhaupt, das Haus zu den zwei goldenen Bären ist wie gemacht für dunkle Geschichten und den Geruch von Rost und Eisen, knarrenden Scharnieren und all den Geheimnissen, die in den engen Prager Gassen der Altstadt nur oberflächlich verborgen liegen. Es ist doch die nahe und nächste Nachbarschaft in der nach der Schlacht am Weißen Berg, der berüchtigte Henker Mydlár, mehr als zwanzig Adlige hat hinrichten lassen in einer Nacht. Die Teynkirche, die man von hier aus nicht übersehen kann, in der sowohl Tycho Brahe als auch Rudolf der II begraben liegen, hat ja selbst so unendlich viele Geheimnisse von denen wir nicht das Mindeste ahnen. Und vor noch nicht länger Zeit waren es nur wenige Minuten vom Haus zu den zwei goldenen Bären bis in das Jüdische Viertel, das erst zu Anfang des letzten Jahrhunderts assassiniert wurde. Aber noch sind sie nicht vergessen die Geschichten vom Rabbi Löw und Esther seiner schönen Frau. Mag ja sein, dass Egon Erwin Kisch als Kind jemanden gekannt hat, der jemanden kannte, der von jemanden ganz bestimmt gehört hatte, wie es war damals mit dem Golem, dem Rabbi, dem Kaiser, der Pest in der Stadt Prag, der schönen Jüdin Esther und der verzweifelten Liebe Rudolf des II. All das mag sein. All das mag hier vom Dachgeschoss oder vom Erkerfenster aus, irgendwann einmal beobachtet, aufgeschrieben oder auch nur leise weitererzählt wurden sein.

Das Haus zu den zwei goldenen Bären

Erst zum Ende seines Lebens und um alle Illusionen ärmer ist Egon Erwin Kisch ganz und gar heimatlos und fremd geworden in der Welt noch einmal nach Prag und wohl auch noch einmal in das Haus zu den zwei goldenen Bären zurückgekehrt. Die Bären- man weiß es nicht genau- beschützen sie die zwei Jünglinge oder sind sie Gefangene der beiden Tiere? Lassen sich Bären vielleicht mit Blumen zu Sanftmut bewegen? Bären so scheint mir, haben schon lange das Zutrauen zu den Menschen verloren. Egon Erwin Kisch wird das verstanden haben und vielleicht ließ sich in den letzten Lebensjahren, in denen die Namen der Toten immer nur mehr wurden, nur Zuflucht finden in den alten, so tief in der Vergangenheit liegenden Geschichten, die in den Kellergewölben, mächtigen Speichern, in den verschlossenen Türen und unter staubigen Balken verborgen liegen. Über alles, das kann man mit ruhigem Gewissen sagen, hat Egon Erwin Kisch geschrieben. Fast überall auf der Welt ist Egon Erwin Kisch gewesen.


Nur über sein Zuhause, nur über das Haus zu den zwei goldenen Bären hat Egon Erwin Kisch nichts geschrieben und nie etwas gesagt.

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