Prag-Ein Abstecher zum „Prager Tagblatt“

„Es wird Dir nicht gefallen“sagt, die E. „Das macht nichts E.“, sage ich. „Warst Du immer schon so stur?“,fragt die E. „Ich glaube schon“,sage ich und die E. knickt seufzend ein. „Also gut, um halb elf vor dem Café Louvré“ sagt sie und ich laufe los. Seit 1902 gibt es schließlich das „Louvré“, das zentral gelegen am Ende des Wenzelplatzes liegt. Und Max Brod und Franz Kafka gingen eine ganze Zeitlang bis zu einem recht großen Krach kam, gern zu den abendlichen Zirkeln. Aber es eilt ja nicht. Es ist noch einmal neun Uhr.

Aber noch ist ja Zeit. Zeit genug jedenfalls sich vom Wenzelsplatz aus nach rechts zu wenden und eine Parallelstraße zu wählen, die nämlich führt direkt in die Panská. Niemand, wirklich niemand der Wörter liebt und gute Geschichten, kann in der Panská Nummer 8 einfach so vorbeigehen. Denn dieses Haus, das heute so unscheinbar, reichlich verkommen eine Schusterwerkstatt und eine Art recht obskure Touristinformation beherbergt, war einst der Redaktionssitz der wohl berühmtesten und besten Tageszeitung der Welt: des Prager Tagblatts nämlich. Es gibt Menschen, die sagen, das Prager Tagblatt sei eine jüdische Zeitung gewesen. Andere hingegen meinen, dass es vielmehr eine Zeitung gewesen sei, die für die Sache der tschechisch-deutschen Versöhnung eingetreten sei, wieder andere finden es sei die erste liberale Tageszeitung, die 1876 ihre Arbeit aufnahm. Ich aber bin der festen Überzeugung, dass das Prager Tagblatt, die erste und wichtigste europäische Zeitung war, die es je gab. Die Redakteure der Zeitung waren doch alle mindestens zweisprachig, die meisten aber sprachen mehr als vier oder fünf Sprachen, ihre Heimat das Wort nämlich führte sie durch ganz Europa und so versammelte das Prager Tagblatt bis 1939, die besten Geschichten, die Europa zu bieten hatte. Egon Erwin Kisch verfasste seine legendären Reportagen. Kennen Sie die, in der er nach dem Golem sucht? Wie selbstverständlich erschien Thomas Mann’s Zauberberg als Vorabdruck. Selbst Franz Kafka, der doch nie einen Text beenden konnte, schaffte den Abgabetermin für eine Zeitung, man stelle sich das vor, die mehrmals täglich erschien. Hermynia zur Mühlen versorgte die Leser mit Übersetzungen englischer Texte, natürlich gab es französische Musikritiken. Joseph Roth brachte Neuigkeiten aus Brody, ach eigentlich doch von überall, Kurt Tucholsky schrieb wie immer die größte Satire, Dinah Nelken brachte die große Mode, Alfred Plgar ging für das Prager Tagblatt in Berlin ins Theater und die besten Comic Zeichnungen kamen von Thomas Theodor Heine, der auch für den Simplicissimus und vor allem nach 1933 viele der besten politischen Karikaturen zeichnete, die es je gab. Das Prager Tagblatt war international ohne den Sinn für die Provinz zu verlieren, es war so trivial wie es ernst sein konnte, es nahm seine Leser ernster als sich selbst, das Prager Tagblatt, das waren große Reportagen, politische Skandale, es waren   Miniaturen aus Bukarest und Ostschweden, das Prager Tagblatt, das waren Redakteure, die nicht weltscheu waren, die neue Texte wagten,aber die vor allem, selbst im heißen Sommer 1914, nur kurz die Besinnung verloren, und dann weitermachten, was sie am besten konnten, eine europäische Zeitung nämlich. Das Prager Tagblatt erzählt nämlich auch eine Geschichte davon, dass Europa nicht nur zwischen Berlin, Paris und London stattfindet, sondern zwischen 1876 und 1939 wurde Europa von Prag aus in die Welt getragen, zuverlässig von Montag bis Sonntag. Max Brod, der ja alles konnte und noch viel mehr hat dem Prager Tagblatt, den schönsten Liebesroman geschrieben, den eine Zeitungsredaktion wohl je erhielt. 1924 jedoch bot das Prager Tagblatt, Anlass für eine traurige Nachricht: Herrmann und Julie Kafka gaben Nachricht vom Tod ihres Sohnes Franz.

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Das Redaktionsgebäude des „Prager Tagblatts“ , der progressivsten und europäischsten Zeitung, die es vielleicht jemals gab.

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Die berühmte Nummer 8 hat kein Klingelschild mehr.

Heute bietet die Redaktion des Prager Tagblatts einen traurigen Anblick. Der Hinterhof ist eine Ruine. Ein post-sozialistischer Zerberus schreit mich an, ich solle verschwinden und bleckt die vom vielen Rauchen gelben Zähne.

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Im Hinterhof regiert die Abrissbirne und bald schon wird die Redaktion des „Prager Tagblatts“ wohl endgültig nur noch Erinnerung sein.

Die Frauen in der Touristinformation schütteln den Kopf: „Prager Tagblatt“- nie gehört. Trotzdem und dennoch und gerade jetzt gilt es sich doch zu erinnern, dass eine europäische Zeitung, die doch von Selbstironie und Großzügigkeit, von Humor und Neugier, von ätzender Kritik ( ja auch das ) und scharfer Analyse getragen war, keineswegs eine Utopie, sondern eine so fantastische wie bewundernswerte europäische Realität gewesen ist, die keineswegs Vergangenheit bleiben muss.

Das Café Louvré übrigens hat mir wirklich nicht gefallen. Roter Linoleumboden, man stelle sich das vor. ( Oder besser nicht ). Gehen Sie einfach weiter, setzen Sie sich bloß nicht hin, sonst lacht die E. Sie aus, wie heute mich.

 

 

12 Gedanken zu “Prag-Ein Abstecher zum „Prager Tagblatt“

  1. Neinnein, ausgelacht werden möchte ich nicht. Schon gar nicht von der E. Allein wenn ich der ästhetischen Trrübseligkeit des Louvré entgehen möchte, die ich auch noch so in Erinnerung habe, kann man die Nummer 8 denn noch bestaunen? Oder wird das Gebäude abgerissen? Es schien mir so.

    • Ausgelacht werden ist nicht schön, die E. aber hatte natürlich Recht. Das Vorderhaus lässt sich weiter besehen, aber der Hinterhof, in dem sich wie ich annehme die Druckerei und weitere Redaktionsräume befanden, ist nahezu vollständig abgerissen. Aber sicher wird das Gesamtgebäude wohl bald einer gänzlichen Umgestaltung unterzogen. Für die letzten Atemzüge des „Prager Tagblatts“ glaube ich, muss man sich beeilen.

    • Vielen Dank! Das ist wahrhaftig zu viel des Lobs. Aber ich kann sehr empfehlen sich auf die Spurensuche zu begeben. Man sieht und erlebt Erstaunliches….Überhaupt, Prag ist für mich eine Stadt wie aus dem Märchen.

  2. Pingback: Woanders – Mit Muße, Kafka, Gedenken und anderem |

  3. Great article about the Prager Tagblatt. Is the building being taken down? Do you have any more information about the newspaper it self and who owned it?

    • Thank you. The rear side of the building, where the printing and storage was done has been demolished. I am not to sure what will happening with the front. The newspaper was founded by Heinrich Mercy who then handed over the newspaper to his son, Wilhelm Mercy. But the Prager Tagblatt attracted the most gifted and talented editors. Max Brod for example was responsible for culture and books and was able to attract the most prominent writers who made the Prager Tagblatt the newspaper with the highest circulation.

      • Thank you for the info!! Its a shame the rear side has been taken down. How do you know all of this? I am interested in knowing more as I know Rudolf Keller who was my second great uncle was one of the editors but I have also been told that The Fischel family managed or owned the newspaper sometime before 1938/39. I am descendant from the Fischel’s of Prague so would love to know more about their life! I heard that once the printing of the preger tagblatt was stopped printing began of a new nazi newspaper. Do you know if this was in the same place? Thank you in advance.

      • I do think it truly is a shame, but the German-Jewish heritage does not play a role in contemporary Prague or the Czech Republic. I do have a strange obsession with Franz Kafka and Max Brod, so I do know a little bit, but I am not an expert at all. Rudolf Keller however was indeed an editor. He had married a daughter of the above mentioned Mercey and by training a bio-chemist, but very successfully in running the newspaper. He and I do think this is extraordinary was asked by Thomas Masaryk after 1919 to become Minister of Education, but he denied, claiming his Czech being not good enough for the purpose. He emigrated I think to the UK, but you might know much more about him than I do….! The Prager Tagblatt was shut down when the Nazi’s took over in 1939.
        In regard to the Fischl family, the only Fischl I know of, would be Viktor Fischl, who later changed his name into Avigdor Dagan and emigrated to the UK in 1939. I think he was then an ambassador. Was he your relative? I would love to hear about your family. If you want to get in contact, my email is: readonmydear.readon(at)gmail.com

  4. Eine Fundgrube für Beschreibungen von idiosynkratischen Mitarbeitern des Prager Tagblatts (und darueber hinaus schlicht essentielle Lektuere) ist Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ und der Folgeband „Die Erben d. Tante Jolesch“. Unter anderem werden vorgestellt: Sigmund Blau(1976-1937, Chefred.), Karl Eis(s)ner (Nachtredakteur), Max Heller (Lokalreporter), Rudolf Keller (1875-1964, Hrsg.), Harry Erich Klepetar (1906-94, Polit.Red.), Siegfried Raabe-Jenkins (1860-?,Sportred.), Otto Rosenfeld (aka Roeld, 1892- v.Nazis ermordet), Ludwig Steiner (ca1888-1942 KZ, geschätzt von Karl Kraus), Rudi Thomas (eig.Taussig, 1895-1938, stellv.Chefred. Suizid zus. mit seiner Frau).
    Wann wird die Geschichte dieser Zeitung geschrieben werden?

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