Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (III)

Der Neue Jüdische Friedhof in Prag liegt eingefasst zwischen mehreren Schnellstraßen. Zu seiner Rechten liegt das Hotel „Don Giovanni“ vor dem Touristenbus um Touristenbus hält, das aber mit seinen Business Facilities wirbt. Vielleicht soll das Schnellstraßenambiente die großen Idee beflügeln. Unscheinbar wirkt der Friedhof, den man durch ein Portal betritt. Am Eingang versucht eine junge Frau, die Männer zum Tragen einer Kippa zu bewegen, aber es gelingt ihr nur schwer. Die meisten Besucher lehnen es ab. Rundheraus und wie ich finde reichlich unverfroren. Den Diskussionen indes, die sich ergeben kann ich kaum folgen. Ich spreche keine Tschechisch und eigentlich bin ich als ich auf dem Friedhof stehe, sehr froh darüber. Ein Pfeil weist den Besuchern den Weg: „Dr Franz Kafka“, 200 Meter. Wie das klingt! Auf keinen Fall klingt es nach dem, was ich zu finden hoffe. Aber ich laufe brav, den ausgewiesenen Weg hinunter. Noch 100 Meter. Kafka-Countdown. Schließlich der Grabstein. Sachlich-nüchtern ist der Stein und verwitterungsbedingt verwaschen. Wieder ist Kafka, Prag nicht entkommen, sondern im Zinksarg schließlich aus dem österreichischen Sanatorium zurück nach Prag. Dieses Mütterchen hat Krallen, schrieb er nicht nur, sondern er lebte es wohl. Entkommen ist er, der so beständig Fliehende auch den Eltern nicht, deren Namen unter dem seinen auf dem Grabstein stehen. Eine merkwürdige Vorstellung: Familie Kafka. Noch bescheidener als das Grab Kafka’s aber ist die Gedenktafel für seine drei Schwestern, die reichlich lieblos auf dem Boden vor dem Grabstein liegt. Anrührend in ihrer Bescheidenheit und Hässlichkeit, die Plastikblumen, die handgemalten Bilder und Devotionalien, anders kann man die merkwürdigen Gegenstände, die sich auf dem Kies türmen wohl kaum nennen. Seltsam anmutend jedoch die Münzen, die auch dort liegen. Dreht man sich um zur den Friedhof begrenzenden Mauer, sieht man eine schmale Gedenkplatte für Max Brod. Es ist ein sehr merkwürdiger Gegensatz, das laute Getümmel an Kafka-Tassen und Kafka- Schirme der Stadt und die ganz vergessene Welt Kafka’s, die dem Gedächtnis Prags eigentlich entschwunden ist. Da Kafka’s Gesicht auf allem prangt, kann man ihn leicht vergessen, er ist ja überall, er ist nur nicht mehr da. 

Eine Handvoll Steine habe ich aus Irland mitgebracht und ich wiege sie in meiner Hand, kühl und glatt liegen sie da und dann wende ich mich hin zu den Gräberreihen, die sich anschließen. Wenige Meter reichen und schon bin ich herauskatapultiert aus Prag und mir ist als ginge ich über einen deutschen Friedhof, der überall sein könnte- in Trier ebensogut wie in Berlin. Ein evangelischer nochzumal, denn die Grabsteine des Neuen Jüdischen Friedhofs in Prag lesen sich wie das Bilderbuch protestantischer Tugenden. Fleißig und gütig waren Väter wie Brüder und die Mütter und Schwestern tugendhaft und einfühlsam, milde und von gutem Geist. Hier reimen sich Fabrikantensohn und Gotteslob, unvergessen und natürlich pflichtbesessen. Die Grabsteine sind immer auch eine Liebeserklärung an die deutsche und in diesem Falle eben Prager Heimat. Hier liegen Patrioten, Wagner-Verehrer, Goethe-Leser, hier trauerten Eltern stolz um die Söhne die den süßen Tod für ihr Vaterland starben und immer wieder noch mit dem letzten Atemzug betont man die Liebe für Patria. Die Lücken beginnen Mitte der 1930er Jahre und schließlich fehlen die Jahrgänge ganz. Die Kinder, der Eltern werden kein Grab mehr bekommen, keine Grabsteine aus festem schwarzen Stein, niemand wird mehr Stabreime für sie machen und keiner weiß, dass hier Malwine und Meta, Eduard und Isaac lebten und liebten, um schließlich in ganz und gar heimischer Erde die Augen zu schließen. Mir liegen die Steine schwer in der Tasche. Schon meine Großmutter nämlich, die einmal im Jahr nach Karlsbad zur Bäderkur reiste, besuchte den Neuen Jüdischen Friedhof, besuchte die Eltern des „Auschwitzer Kreises“, Sie der doch alle religiöse Symbolik fremd war, legte Steine auf die sonst so vollständig vergessenen Gräber. Jetzt also komme ich und vorsichtig lege ich Steine auf die Gräber der Orenstein, der Lachmanns und all der anderen, die einmal die Prager Juden waren. Es ist ganz still in den vielen Gräberreihen, die alle von Efeu überwachsen sind, viele Grabsteine sind umgestürzt und ich sitze auf einer kleinen Bank, als ich keinen Stein mehr in der Tasche fühle und sehen in die meterhohen Pappeln. Ich kann nicht aufhören, die Namen zulegen, so als könnte ich sie alle behalten und obwohl es so glühend heiß ist, wird mir je weiter ich gehe immer nur kälter, bis ich schließlich den Friedhof verlasse. Vor dem Tor rauscht der Verkehr, neue Busse fahren in die Auffahrt des „Don Giovanni“ und ich gehe durch die Unterführung zur U-Bahn zurück.

Heute habe ich nicht weiter nach Franz Kafka gesucht. 

Neuer Jüdischer Friedhof  Prag, Izraelská 712 /1, Prag, U-Bahn Station : Želivského , Geschlossen während des Shabbat

3 Gedanken zu “Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (III)

    • Wenn ich das nur wüsste. Ich glaube die meisten Leute bleiben nicht länger als drei Minuten, drei Minuten Respekt sollte doch möglich sein, aber was denkt man nicht alles und am Ende wundert man sich sehr.

  1. Pingback: Woanders – Mit Muße, Kafka, Gedenken und anderem |

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