Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (II)

Eingerüstetes Vorderhaus , Borivojova 27, Prag, Im Hinterhof befand sich die von Franz Kafka verhasste Asbestfabrik

Wendet man sich nun von der Polská ab und quert die Straße gelangt man bald in das ehemalige Arbeiterviertel Zizkov. Auf den ersten Blick hat sich zu den vorherigen Straßenzügen noch nicht viel oder gar Grundlegendes gewandelt: noch immer sind die Häuser so prächtig wie hoch. Mächtige Stuckfiguren beschirmen die Hauseingänge, die Balkone sind mit schmiedeeisernen Gittern versehen, die man wenn nicht künstlerisch gelungen so indes in ihrer Standhaftigkeit nur bewundern kann und doch ändert sich zunächst kaum merklich, dann immer deutlicher das Bild der Straßen. Die Fensterrahmen sind abgeblättert, der Putz der Häuser oft löchrig, den Stuckfiguren fehlt hier eine Nase, dort ein halber Arm und die langen Jahre voll Regen und Ofenheizung haben auch an den Bluemnkränzen der Figuren merkliche Spuren hinterlassen. Das häufigste Accessoire der Fensterbänke sind dann auch dicke Federkissen auf denen unverblümt starrend die alten Mütterchen kauern, diesen Grundfesten der Straßen zwischen Prag und Bukarest liegen und die alles wissen. Hochzeiten und Scheidungen bemerken bevor noch der Ehemann die Tür ins Schluss donnert oder selbst die misstrauischste Mutter auch nur den kleinsten Verdacht schöpfen konnte. Säumten eben noch Vinotheken und indische Restaurants den Weg, riecht es hier nach Sauerkraut und billigem Schnaps. Die Männer tragen alle Jogginghosen, viele haben einen energisch kläffenden Hund an der Leine und die Mädchen in pinken Frotteehosen haben die Namen ihrer Kinder zumeist auf die Innenseite des Halses tätowiert. Sie riechen nach gefälschtem Parfum und stählernem Zigarettenrauch. Den arabischen Händler an der Ecke indes, frage ich nach dem Weg, denn ganz sicher bin ich mir nicht ob hier wirklich die Asbestfabrik, die Franz Kafka bis zu ihrer Liquidierung stetig quälte, liegt. Der Händler indes beruhigt mich: dies sei genau die richtige Straße , für den Weg gibt er mir ein Stück Baklava mit und schreibt sich den Namen Franz Kafka auf. Ich laufe weiter und weiter die Straße hinunter, nebenan wird Billiard gespielt und auf den Stufen vor der Kneipe sitzen die Trinker und blinzeln müde in die Sonne. Dass es die noch gibt, scheinen sie sich zu wundern, von oben lauern mit scharfem Blick auf den Kissen,die ewigen Wächterinnen, die sich wundern, was jemand wie ich, wohl hier bei Ihnen will. Ich suche nach Franz Kafka, müsste ich ja richtigerweise sagen und ich bin mir nicht sicher, ob die Federkissen mit ihren Geheimnissen wohl von Generation zu Generation weitergegeben werden und die alten Mütterchen von ihren Großmüttern lernten, dass der schnellfüßige und doch so hagere Mann, mit Abscheu zur Prager Asbestfabrik eilte, oder ob auch Franz Kafka in Zizkov immer zu fremd blieb und deswegen auch unauffällig. Asbest aber war um 1900 ein Wunderstoff, ähnlich wie Tesla versprach er die große technische Revolution: Autoreifen und Dächer sollten nur der Anfang sein, es sollte dann anders kommen, aber Karl Hermann glaubte an das große Glück, was für seinen Schwager Franz das große Unglück blieb: sollte er doch der Fabrik zu wahrem Schwung verhelfen. Dann aber erreiche ich die Borivojova 27, das Haus in dessen Hinterhof die Fabrik lag, ist eingerüstet, hier beginnt jetzt unwiderruflich eine neue Zeit. Eigentumswohnungen werden geplant, der Blick indes fällt auf triste Sozialbauten der 1970er Jahre und auch wenn die schon 1917 liquidierte Fabrik hier kein Begriff mehr ist. Die Stimmung ist ähnlich den Jahren, als zu viele Männer auf der Staße waren, als die Liebe für die vielen Kinder nie so Recht reichte, hier riecht es nach der Armut die sich über Generationen vererbte, hier war das Unglück, das musste auch der Schwager einsehen, immer häufiger zu Gast als das Glück und noch immer noch heute liegt eine schwere Decke der Trostlosigkeit über der Straße- sie wird wohl nicht doch aus Asbest gemacht sein?

Seitlicher Blick aiuf die dem Haus gegenüber befindliche Straßenseite. Trotz mildem Licht, liegt eine schwere Trostlosigkeit über der Straße

Eine leider verschlossene Durchfahrt durch die um die Ecke gelegene Ondrichkova 29 ermöglichte ebenfalls Zugang zur Asbestfabrik

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