Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka 


Im Vinohrady, dem Prager Viertel, das seinen Namen den Weinbergen verdankt, die in Leo Perutz Geschichten ja keine unwesentliche Rolle spielen, liegt heiß in der Nachmittagssonne, nur von Ferne sieht man den Hradschin liegen und auch der nur wenige Meter entfernte Wenzelsplatz scheint meilenweit entfernt. Hier haben die Nachbarn, Liegestühle auf die Straße gestellt, zwei Männer spielen Gitarre, ein kleines Mädchen hüpft auf einem Bein und ich schenke ihm eine Handvoll Kirschen. Bald sitzen auch J. und ich in einem der kleinen Straßencafes, wir trinken eiskalte Limonade und der J. bläst Rauchringe in die Luft. Dann fährt er los nach Berlin und mit seinem Schlüsselbund in der Hand sehe ich von seiner Wohnung im obersten Stockwerk auf die glühende Stadt zu meinen Füßen. Aber dann gehe ich doch noch einmal hinunter, bewundere eine Frau im gestreiften Kleid und weiß nicht, ob ich sie mehr um ihr Kleid oder um ihre grünen Sandalen beneiden soll. Weit muss ich nicht laufen, nur zweimal ums Eck und dann in die lange Straße einbiegen, die um 1900 Nerudagasse und heute Polská heißt. Die Häuser ihrem Datum nach alle um die Jahrhundertwende gebaut, erzählen noch einmal die Geschichte des Bürgertums, das in diesen Jahren zwar etwas Parvenühaftes hatte und doch so selbstbewusst zu leben wusste, wie wir es wohl niemals tun. Hier also lebte auch Elli geborene Kafka mit ihrem Mann Herrmann, der die ein paar Kilometer entfernt gelegene Asbestabrik in Zizkov zu einem Erfolg machen sollte und doch nur der misstrauisch beäugte katholische Schwiegersohn blieb. Die Fabrik wurde bald zum Alptraum vor allem für Franz Kafak, der doch den elterlichen Zwängen so erfolglos wie hartnäckig zu entkommen versuchte und im Sommer 1914 in die Nerudagasse, die heute die Polská 48 ist, zog. Schwester Elli bangte um Mann und dessen Brüder, die alle für den alten Kaiser in die weiche böhmische Erde fielen. Das Haus, in dessen erstem Stock Kafka nun drei Zimmer bezog, liegt still an der Straßenecke. Im Erdgeschoss wird Billiard gespielt und die Haustür ist nur angelehnt. Als ich zaghaft an ihr ziehe, treffe ich ein Frau im Hausflur, die auf meine wortreichen Wendungen mit den Schultern zuckt und sagt: gehen Sie nur nach oben. Für eine ganze Weile sitze ich auf den Stufen und höre dem Haus zu. Kindergeschrei und Radiomusik, der Geruch nach Desinfektionsmitteln im Flur, Erdäpfelgulasch für das es doch an einem Tag wie heute viel zu heiß ist, vertrocknete Sukkulenten auf der Stiege und eine deutlich gedämpfte Außenwelt, selbst die Kneipe ist nur noch ein fernes Rauschen, hier im stillen, kühlen, etwas versunkenem Flur, in dem ein Kinderfahrrad vor der Eingangstür doch von Leben kündet. Und doch das schmiedeeiserne Geläner, die hohen Türen, die grausigen, gelben noch aus CSSR Zeiten stammenden Ölsockel und das nie ganz vergangene k.u.k von dem niemand so genau wusste, ob es nun königlich und kaiserlich oder doch etwas ganz anderes bedeuten hat, das alles tritt hier noch einmal hervor und an die kühlen Studen gelehnt, schlägt hier noch einmal das Herz Europas, das eine Geschichte davon erzählt, wie es eigentlich hätte sein müssen,wäre es nicht so unwiederbringlich anders gekommen.
Dann stehe ich auf und gehe zurück in die heiße Welt und warte bis die Sonne tiefer und tiefer über das Haus in der Polská 48 sinkt, um schließlich ganz zu verschwinden.

3 Gedanken zu “Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka 

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  2. Prag, für mich die schönste Stadt! Wunderbare Jahre habe ich dort verbracht und in Vinohrady gelebt. Danke fürs Mitnehmen:-)

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