Berliner Bahnhofsklage 

Vieles in Indien ob nun Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Kinder, Korruption oder die nicht funktionierende Wasservesorgung um nur die wenigsten zu nennen gibt Anlass zur Klage und oft entfährt einem ob all des Elends und all des Jammers ein „Oh Mutter Indien“ und man seufzt schwer. Eins aber gibt niemals Anlass zu Klage und Wehgeschrei: die Bahnhöfe Indiens ob nun in Mumbai oder Delhi gelegen oder gar im fernen Shrinagar oder hoch oben im kühlen Mussoori befindlich, sie alle sind auf das Vortrefflichste auf die Bedürfnisse des bahnreisenden Menschen eingestellt. Steigen sie also spät am Abend aus dem Zug so werden Sie sofort von chai-wallhas umringt, die ihnen heißen Tee andienen, Zeitungshändler wollen ihnen Kurzweil verschaffen, ein anderer wallah verkauft geröstete Kichererbsen, sie können zwischen heißen, gerösteten Maiskolben wählen, die auf kleinen Grills vor sich hin schmoren oder einen paratha mit Kartoffeln gefüllt verzehren. Gelüstet es Ihnen nach etwas Süßem so werden sie nicht enttäuscht zurückbleiben, sofort bringt man ihnen Mango oder Anansschnitze und müssen sie lange warten, setzen Sie sich neben den paan-wallah, der Geruch des Betels vertreibt die Fliegen und der paan-wallah kennt die besten, die traurigsten und natürlich immer nur wahren Geschichten und erzählt sie gern. Kommt dann ihr Zug so reisen sie wohlgestärkt und auf das Beste gestimmt ihrem eigentlichen Ziel entgegen. Oh, gepriesen Mutter Indien, sagen sie dann und grübeln noch nach über die Geschichte, die sie eben hörten und in der eine Frau erst in der Hochzeitsnacht entdeckte, dass ihr Mann, allem Bartwuchs zum Trotz so männlich nicht wahr, wie die Schwiegermutter es wollte. Oder gerade wollte, wer weiß das schon?

Ganz anders aber ergeht es Ihnen, erreichen sie gegen zehn Uhr am Abend die Stadt Berlin, die eben nur an der Spree und nicht am großen Ganges gelegen ist und der es an vielem, insbesondere aber an der so vortrefflichen Bahnhofskultur des indischen Subkontinents mangelt. Durstig sind sie und natürlich haben sie auf dem Flug von Dublin nach Berlin nur einen Salzcracker gegegessen doch keiner der Händler ist bereit ihnen auch nur eine Flasche Wasser zu verkaufen von einem belegten Brot ganz abgesehen. Durstig, hungrig und staubig irren Sie also zur S-Bahn, die sie vom Bahnhof Zoo nach Nikolassee befördern soll, doch schon zeigt sich: von diesem Gleis wird keine Bahn fahren, sie stürzen also in die U-Bahn, fahren zum nächsten Bahnhof, inzwischen ausgedörrt wie ein Kamel nach dem Marsch durch die Wüste Gobi, doch nirgendwo biegt ein Chai-Wallah um die Ecke ihnen Tee einzuschenken, keine Frauen wollen Ihnen Wassermelonen zur Erfrischung reichen und nirgendwo wird an einem Stand Zuckerrohrsaft gepresst. Sie sind ganz allein nur ein Obdachloser murmelt Unverständliches, wahrscheinlich ähnlich wie sie selbst: Durst, Durst, Durst. Alle Geschichten aber hat er anders als der paan-wallah schon vergessen. Sie eilen also zum Automaten, kein Ersatz natürlich für die vielen indischen Möglichkeiten der Erfrischung, denn natürlich lässt der Zug auf sich warten. Der Automat schnappt nach ihren Münzen, aber im Gegenzug erhalten Sie nicht einmal eine Flasche Wasser. Schließlich gibt der Automat alle Münzen bis auf ein Fünfzig-Cent-Stück zurück, jenes behält er wohl aus Ärger darüber so spät noch geweckt zu werden. Nach weiteren zwanzig Minuten fährt die Bahn ein und nachdem ihnen forsche Rentner nur beinahe die Zehen mit ihren Elektromrädern abgemäht haben, erreichen Sie Ihr Ziel.

Mit brüllenden Durst schließlich, endlich eilen sie nach Hause, dort denn Durst ist ja schlimmer als Heimweh fällt ihnen just die eben geöffnete Flasche aus der Hand und das Wasser läuft nicht in ihre Kehle, sondern über ihre Füße. Dies ist der Moment in den Ihnen ein tiefes und gestöhntes, ein jaulendes und hartes, ein flehendes und beschwörendes „Oh Mutter Indien“ entfährt, in ihm eingeschlossen der tiefe Wunsch, dass allen Problemen des großen Indiens, die vielen Götter doch wenigstens einen chai-wallah mitsamt seiner Frau und Kindern und einen paan-wallah nach Berlin schicken mögen, um sofort den dort grassierenden Mangel an zivilisierter Bahnreisen ein für allemal zu beheben. Oh, Bharat Mata, Oh Mutter Indien, hilf deinen Kindern an der Spree.

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