Gravuren

IMG_1131 (1).jpgDie Tische an denen wir saßen, mussten vor unendlich langer Zeit einmal braun gewesen sein. Als ich zur Schule ging waren die Tische schon lange dunkelschwarzgrau und fuhr man mit den Fingern über die leicht abgeschrägte Holzplatte zog man sich fast immer einen Splitter in den Daumen. Trotz ihrer langen Benutzung waren die Pultplatten uneben. Eine ganze Armee von Zirkelspitzen hatte die Tischplatten löchrig und porös gebohrt, so als nagten unzählige Holzwürmer nach dem Läuten der Schulglocke sich durch die tintengeschwärzten Tische. Die Tischplatten aber hatten nicht nur feine Zirkelspitzenlöcher, sondern Generationen von Schülern hatten im Kampf gegen die Langweile und die stickige Luft, Gravuren in die Tischplatte geritzt. Die Gravuren waren zum Teil sehr ausgefeilt wie einst die Holzarbeiten norditalienischer Meister. Die Gravuren waren Herzen. Die Gravuren waren Herzen mit durchgeschossenen Pfeilen. Die Gravuren waren Herzen mit Initialen. Ganz deutlich erinnere ich mich, dass ich ein R und ein I unter meinen Fingerspitzen fühlen konnte, häufiger noch waren die Herz-Namen aber mit heftigem Zirkeldruck und wütender Gebärde durchgestrichen oder unkenntlich gemacht. Das Herz irrt oft, das lernten die Schüler und sie gaben ihr Wissen bereitwillig weiter. Tischplatten vergessen nichts. Die Gravuren waren „FUCK U.S.A“ und „Hamda macht’s mit Aydin.“ Lauter Verdächtigungen. Die Gravuren waren Hakenkreuze und Geschlechtsteile. Die Gravuren waren überall. Die Gravuren überzogen die Türen der Toilette wie die Fensterbänke des Direktorats. Tag für Tag, so schien es wurde die Schule weniger und die Gravuren, die Herzen, die Namen, die durchkreuzten Namen, die Hakenkreuze bildeten das eigentliche Fundament der alten noch in die Kolonialzeit des Landes A. zurückreichenden Schule.

Fuhr ich mit meiner linken Hand über die Tischplatte bis fast in die Mitte erreichten meine Fingerspitzen ein Hakenkreuz. Es war mit Sorgfalt und Können in die Tischplatte graviert und korrespondierte mit dem auf paralleler Höhe eingeritztem „La mort aux Juifs“-Tod den Juden. Es waren die beiden Fixpunkte meiner Schulbankjahre, eingebrannt und unauslöschlich warteten Hakenkreuz und Todeswunsch auf meine Fingerspitzen, die wieder und wieder wie magnetisch angezogen an ihnen entlangfuhren. Unter die Haut. Ich das einzige Mädchen in der Klasse ohne Kopftuch blieb stumm. Niemals wäre mir eingefallen zu sagen, dass ich Jude sei. Lieber zogen meine Finger langsam über die Landkarte der Gravuren entlang. Vorsichtig manövriert es sich länger, das hatte ich schon in der Primarschule unter den harten Augen der Nonnen gelernt. Der D.von dem es hieß er habe in der Fremdenlegion gedient, gab Geographie. Irgendwie musste auch er in der Stadt A. gestrandet sein, wahrscheinlich aber verbarg sich hinter seinem Gesicht keine mystische Geschichte, sondern nur seine schlechte verhehlte Trunksucht. Seine Nase war nach harten Nächten blau und sein Atem den er keuchend hervorblies, so streng, das niemand in den ersten beiden Bankreihen sitzen mochte. Der D. sprach nie, sondern schrie immer: „Herrschaften schrie er, obwohl wir doch eine Klasse voller Mädchen waren, Herrschaften, wo der Lehrer steht ist Norden, merken sie sich das.“ Süden, das merkten wir bald, gab es hier gar nicht. Meine Finger fuhren über den Tisch, wo hält man sich fest wenn die Richtung unverrückbar die Falsche ist? Am „FUCK U.S.A“ der Tischplatte etwa? Oder am seltsam bananenhaft geformten Penis gleich daneben? Dessen Präsenz wurde erst durch die markig-militärisch, aber eben auch vollkommen alkoholisch-verwahrloste Anwesenheit des brüllenden D. obszön, unanständig, unangenehm. Einmal glaubte der D. hinterrücks lauernd, wie es so seine Art war, und eigentlich doch mit der verblichenen Landkarte, welche die geologischen Besonderheiten der nordafrikanischen Länder erläuterte, hantierend einen Schmierer erwischt zu haben, der ein Herz in die doch längst von Intarsien bedeckten Tischplatten ritze, entdeckt zu haben. „Was soll das ?“, schrie er lauthals aber die Angeschriene zuckte nur mit den Achseln: sollte sie wissen, was wohl Schülergenerationen vor ihr schon nicht beantworten konnten? Und überhaupt war es nicht vollkommen absurd, dass ausgerechnet der D. das ins Holz geritzte Herz auf der Zunge trug? Der D. aber war nun in Fahrt gekommen und forderte Rückererstattung des Tisches. Aus seinem Mund klang alles immer wie ein Kapitalverbrechen und überhaupt ließ er keine Gelegenheit aus für Sprüche der Fremdenlegion: „mitgefangen, mitgehangen“ schrie er und forderte die Klassensprecherin zum Einsammeln des Geldes auf. Dem Ganzen folgte eine lange Tirade: „in diesem Saustall müsse endlich einmal so richtig aufgeräumt werden“. Dabei sah er mich an. Ich sah zurück. Meine Finger umkreisten wie üblich Hakenkreuz und Todesdrohung. Wir alle schauten nach Norden also zum D. und warteten auf den Moment in dem der D. sich wieder dem äußersten Norden, der schlammgrauen Tafel nämlich zuwenden würde um weiter über Gesteinsvorkommen im Atlas-Gebirge vorzutragen. Dies geschah jedoch nicht, ohne dass der D. einem von uns den Tafellappen auf das Pult warf mit der Aufforderung versehen sich hic et nunc nach Norden zu bewegen und die Tafel zu säubern, was nichts weiteres hieß als neue Schlieren über alte und noch ältere Schlieren zu wischen, denn das Waschbecken rechts von der Tafel, war lange schon Papierkorb geworden. Wasser war knapp in A. Dann fuhr der D. fort und die Klasse, also wir versanken in angespannte Stille, die Q. hinter mir ritzte ein neues Herz in die Pultoberfläche, während feine braune Holzsplitter neben ihr zu Boden rieselten, meine Finger gingen auf ihre übliche Reise, bis sie Hakenkreuz und „La Mort aux Juifs“fanden, und die Sonne durch die Fenster sengte bis der Norden über den der D. gewalttätig herrschte fast bis zur Unkenntlichkeit verschwamm.

Vom eingesammelten Geld indes ist niemals ein neuer Tisch angeschafft haben, sondern der D. kaufte davon wohl Schnaps, wenn am Ende des Monats das Geld nicht mehr reichte, ein paar Jahre später wurde er dann schließlich ganz aus dem Schuldienst entlassen, es hieß er habe trunken wie er war, einer Schülerin „qhabi, qhabi-Hure, Hure“ hinterhergerufen, ob das aber stimmt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, damals ging ich schon nicht mehr zur Schule und über den D. erzählte man sich viele Geschichten und wer kann schon wissen welche wahrer als andere sind? Noch immer und heute, wo meine Tischplatte braun und glatt ist, kann ich blind Hakenkreuz und „Tod den Juden“ unter meinen Fingerspitzen fühlen, eingebrannt in jenen Jahren als selbst der Süden immer nur der Norden war.

8 Gedanken zu “Gravuren

  1. In diesen Geschichten, so lakonisch erzählt, tun sich Abgründe auf. Meine Mutter, geboren 1936, erzählte immer von einem „Lehrer“, der das Dritte Reich nur knapp und mit einem Trauma überlebt hatte, und mehrmals buchstäblich über Tische und Bänke sprang, um einen Schüler in der letzte Reihe zu erwischen und mit dem Stock zu prügeln. Ob er wirklich Lehrer war, wusste niemand. Dass er Lesen, Schreiben und Rechnen konnte, war in jenen Zeiten auf dem Land genug.

    • Was für Geschichten. Ja, was für Geschichten und die meisten bleiben wohl unerzählt oder sind nur angedeutet und unter Mühen zur erfahren. Das Lesen, Schreiben, Rechnen können, galt sicher auch als Kriterium das den D. zum Lehrer erhob.

    • Das Gleiche dachte und denke ich auch immer wieder, wenn ich hier lese.
      So gut erzählt, dass es weh tut.

      (OT: Wenn Sie mögen können Sie, Frau ReadOn, den Fragebogen, der bei mir drüben wartet beantworten. Würde mich freuen)

      • Oj, meine Damen ich werde ganz rot! Ich finde mein Schreiben ja sehr banal und keineswegs druckreif. Aber ich freue mich sehr über die so überaus freundlichen Kompliment. Danke!

        Ich beantworte den Fragebogen natürlich sehr gern! Auch dafür Danke!

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