Leise Stimmen

“I like to look at the advertisements/ Sutton’s Coal, Gibney’s Wine, Cash’s Bread/and wonder will one of us ever appear/ on signs like these. Will we see/ a Goldberg plastered on the side of a tram?”,

Simon Lewis, “The side of a Tram”

Klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist die Ausstellung, die unter dem Namen „Representations of Jews in Irish Literature“ noch bis Anfang August in der Royal Irish Academy  zu sehen ist. Klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist auch das Jüdische Leben in Irland- es gibt nahezu keins. Aber wie in Zusammenhängen allen jüdischen Lebens heißt das noch lange nicht, dass es keinen Antisemitismus gebe. Der blüht in Irland wie überall und die Repräsentation von Juden in der irischen Literatur, ist dann auch zu weiten Teilen eine Reise in das überreiche Land der Stereotypen, die so alt sind wie das Judentum selbst. Die spezifisch irischen Wurzeln des Antisemitismus beginnen in Chroniken des 13. Jahrhunderts und werden stetig befeuert. Edmund Spenser einem der notorischsten Kolonialideologen des 16. Jahrhunderts, der gegen Iren und Juden gelichermaßen wütete und sich wohl nur beim Verfassen schwülstiger Lobeshymnen auf Elisabeth I von seiner eigenen Wut erholte, machte den Anfang in einer langen Reihe von Diffamierung und lautem Krakeel. Oliver Cromwell, so evangelikal-radikal wie besessen vom irischen Untergang konversierte mit dem Rabbi Menasseh ben Israel, den Rembrandt beinahe zärtlich malte. Die in Dublin geborene Maria Hall hat dieses Gespräch 1832 in einem sehr lesenswerten Buch „The Buccaneer“ nachempfunden. Eindrucksvoll erinnert die Ausstellung daran, dass die Debatten um die Judenemanzipation nicht nur von Moses Mendelssohn und Napoleon geführt wurden, sondern einen spezifischen anglo-irischen Kontext hatte: die viel zu selten gelesene Schrift  „ Reasons for Naturalizing the Jews in Great Britain and Ireland“gehört zu den seltenen Leuchttürmen in einem doch über weite Strecken mehr als nur überschattetem Verhältnis. Charles Macklin, der irische Gustaf Gründgens des 18. Jahrhunderts, der im wahrlich alttestamentarischen Alter von 106 Jahren verstarb, machte Shylock zu seiner Paraderolle. Er gefiel sich vor allem darin Antisemitismus zu ästhetisieren sprich bühnenreif zu machen. Er traf auf offene Ohren, staunende Augen und empfängliche Herzen. Daneben zeigt die Ausstellung so rührend wie hilflose Versuche der jüdischen Theatertruppe in den 1950er George Barton’s Broadway Flop „Ramshackle Inn“ auf die Bühne zu bringen. Die sorgfältigen ausgeschnittenen Zeitungsausschnitte und aufbewahrten Programmhefte erzählen noch einmal eine ganz, eigene und eigentlich schon vergessene Geschichte des Versuches eine eigene Stimme zu finden. Es sind aber durch die Jahrhunderte die anderen, die laut und lauter werden. Maria Edgeworth, die mit „Castle Rackrent“ ein frühes Buddenbrooks vorlegt, macht ihre Romane zum steten Panoptikum des gierigen, schlauen wie verschlagenen Händlers und Wechslers, der dem irischen Landadligen nicht das letzte Hemd auf dem Leibe gönnt. Andere wie Charles Lever pflichten ihr bei, sein Porträt des jüdischen „moneylender“ greift tief in die Mottenkiste ewig wiederholter Hässlichkeiten. Man kennt das ja. Man kennt das ja nicht anders. Im 20. Jahrhundert aber geht der Ausstellung ein wenig die Luft aus. Leopold Bloom darf nicht fehlen, obwohl er mir immer als einer der leblosesten Figuren im schillernden Ulysess vor. Wirklich vergeben aber wurde die Chance die Geschichte der Dubliner Solomons zu erzählen. Ärzte, Poeten, Künstler, vor allem aber Freigeister und ja auch Iren erzählen sie jüdische Geschichte und nicht nur Geschichten über Juden. Michael Solomons  zudem gehörte zu den frühen Verfechtern von Geburtenplanung und legalen Abtreibungsregelungen-aktueller kann es kaum werden, diskutiert ganz Irland doch erbittert den 8. Verfassungsartikel- wie schon in den 1930er und 1980er Jahren. Seine Lebensbeschreibung „One doctor in its time“ ist ein eindrucksvolles Zeitzeugnis und sei Ihnen dringend zur Lektüre anempfohlen. Überhaupt ist die Familie mehr als nur illuster zu nennen: Vater Bethel, Rugby-Spieler und glühender Verfechter der irischen Unabhängigkeit, Estella Salomons Künstlerin und ihre Schwester Sophie: Opernsängerin. Daneben wirkt die Tafel zu den Bindestrichidentitäten blutarm und vor allem im direkten Vergleich mit realen Biographien so konstruiert, dass sie wohl für einen universitären „turn“ taugen mag, aber nichts erhellt. Zeitgenössische Stimmen jüdischer Literatur fehlen völlig, aber die Abwesenheit ist ja nie nur Leere, sondern zeigt einmal mehr wie klein, unscheinbar und leicht zu übersehen jüdisches Leben und jüdische Stimmen in Irland sind. Angesichts einer bemerkenswert großen und sichtbaren muslimischen Gemeinde, die in Irland auch eine religiöse Heimat gefunden hat -As-Salaam-Alaikum und ungezählten christlichen Gemeinden aller, aber wirklich aller Couleur, stimmt es doch bedenklich, dass Juden in der irischen Gesellschaft bestenfalls in Buchform existieren, ansonsten aber in der irischen Gesellschaft keine Rolle spielen oder auch nur als fehlend wahrgenommen würden. Das gilt natürlich nicht für den Antisemitismus.

Wenn Sie Büchern und der englischen Wissenschaftskultur zugetan sind, lohnt sich ein Besuch in der Royal Irish Academy auch über den Besuch der Ausstellung hinaus. Die Ausstellung „Representation of Jews in Irish Literature“ ist noch bis zum 05. August 2016 zu sehen.

Royal Irish Academy, Academy House, 19 Dawson Street, Dublin 2, Montag bis Freitag, 10-17 Uhr, Eintritt frei. 

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