Die Nonnen

Eines verregneten Abends klopfte der Priester an meine Tür. „Read On“ sagt er als wir schließlich am Küchentisch sitzen, „Ich muss Sie um einen Gefallen bitten.“ Ich nicke. Der Priester räuspert sich zweimal bevor er beginnt: Die italienische Partnergemeinde entsendet eine Delegation. Stärkung des Glaubens, Gemeinsames Singen, Vereintes Beten. Ich nicke wieder. Allerdings und nun räuspert der Priester sich wieder handelt sich es bei der Delegation um eine Gruppe von Nonnen. Genauer gesagt um Ordensschwestern des Klosters zu den lieben Frauen unweit Neapels gelegen. Der Priester, der selbst viele Jahre unweit des Vatikans die Messe las, wird stets melancholisch, erinnert er sich an seine italienischen Jahre. „Eine andere Erde“ pflegt er zu sagen, dieses Mal aber trommelt er mit den Fingerknöcheln nervös auf den Tisch. Ich aber habe schon verstanden. „Wie viele“ frage ich ihn, denn alle weiteren Nachfragen erübrigen sich wohl, angesichts seines blassen Gesichts und der hastig trommelnden Knöchel. „Fünf Schwestern, vier Tage sagt der Priester und sieht mir nicht ins Gesicht. Ich nicke. „Sagen sie es Ihnen oder soll ich?“, frage ich ihn. Aber der Priester schüttelt denn Kopf: „natürlich sage ich es Ihnen.“ Und so erfahren die Schwestern des Klostern zu den lieben Frauen, dass sie Quartier beim einzigen Juden des Ortes nehmen werden, dessen Haus direkt an der Kirchenmauer gelegen durch eine Pforte direkten Zugang zum Kirchhof bietet. Ich indes lüfte die Zimmer des Oberstocks, schüttle Betten auf, räume mein Schlafzimmer für die Mutter Oberin, stelle neben jedes Bett einen Rosenstrauß, backe Kuchen, verwarne die Katze nachdrücklich, trage mein Bettzeug zum grünen, verblichenen Sofa und stehe eines späten Nachmittags mit dem Priester vor dem Haus in Erwartung der geistlichen Gäste. Die geistlichen Gäste tragen kratzige Wollstrumpfhosen wie alle Nonnen die ich kenne, ein taubengraues Kleid und eine weiße Haube, sie nähern sich singend. „Nonnen auf Klassenfahrt“ sage ich zum Priester, der nicht lachen darf, aber gerne würde. „Sie sind schlimmer als die Jesuiten, Read On“ sagt er bevor die Nonnen vor uns an der Gartentür stehen. Wenig später sitzen sie am Küchentisch. Mir wird klar was ich schon ahnte, wo die Schwestern sind, ist auch das Kloster. Am Kopf des Tisches sitzt wie selbstverständlich die Mutter Oberin und einer ganz eigenen unverbrüchlichen Ordnung folgend, gruppieren sich die vier anderen Nonnen um sie herum. Einer Choreographie, die am Hofe Louis XIV. nicht strenger und auch nicht ausgefeilter hat sein können, denn genau synchronisiert, schenkt eine Nonne der Mutter Oberin Tee ein, gießt eine zweite Milch nach, breitet eine dritte die weiße Serviette auf ihrem Schoß aus und legt die vierte schließlich ein Stück Kuchen auf ihren Teller. Als Gastgeschenk überreichen sie mir einen Bildband mit den Schönheiten des napolitanischen Landschaft und ein Votivbild San Gennaros. Das Lächeln der Mutter Oberin, die mir das Bild überreicht ist von kühler, unnachgiebiger Schärfe. Alles kann man den Schwestern es Klosters zu den lieben Frauen nachsagen, aber nicht, dass sie nicht subtil zu beleidigen wissen. Der Priester versucht höfliche Konversation, er scheitert an der Mutter Oberin, die hier das Heft in der Hand halten will, wie sie wohl auch schon seit Jahrzehnten das Kloster unbeugsam gegen Außen wie Innen führt. Eine Nonne, die scheu ihre Stimme erhebt um mich nach Mann und Kindern zu fragen, wird sogleich auf ihren Platz verwiesen, schneidend fällt ihr die Schwester Oberin ins Wort: „ non e sposata“ sagt sie und sieht mich an. Die anderen Nonnen jedoch sehen weg und starren auf den dünnen Goldreif, der ihre Zugehörigkeit bezeugt. Die Schwester Oberin jedoch trägt keinen Ring. Sie ist deutlich erhaben über jene die Erinnerung nötig haben. Sie ist gegen das Außen der Welt gewappnet und kein Zweifel kann daran bestehen, dass die Gegenwart G*ttes durch sie stattfindet, wo immer sie auch geht und steht. Für die restlichen vier Tage werden die anderen Nonnen ganz wie es angebracht ist, still nicken oder leise lächeln, immer wie die Wetterhähne nach der Stimmungslage ihrer Ordensschwester Ausschau haltend als sicherem Wegweiser in unvertrautem Gelände. Sprechen wird mit mir nur die Mutter Oberin, der man wohl zutraut auch angesichts größter Anfechtungen, die Sache des Kloster zu den lieben Frauen standhaft und mit Prinzip zu vertreten. Ihr Italienisch ist hart und kühl, mein Italienisch schleppend, fehlerhaft und unverkennbar von einem argen französischen Akzent getragen. Aber dennoch treffen wir uns am Morgen in der Küche in der ich Porridge für die Damen richte, mein Angebot auch Weißbrot, Marmelade und ein Ei zu richten, wurde von ihr ausgeschlagen: È sufficiente, wir sind ja nicht zum Spaß hier, ist nicht zu überhören, sie wie sie da sitzt mit durchgedrücktem Rücken und einem Rosenkranz, den sie durch ihre Finger fädelt, kurz vor halb sechs und ich im Morgenmantel, könnten wahrlich verschiedener nicht sein. Wir sprechen über Capri, beide aus anderen Gründen, aber immerhin und als sie in ihrem Zimmer die Bücherberge habe ich nicht aus ihrem Zimmer geschleppt einen Bildband zu Zurbarán entdeckt, sieht sie mich an und schüttelt den Kopf: „das habe sie nicht gedacht“, es klingt fast anerkennend, aber sie verdirbt es sich ein wenig mit der Bemerkung, dass schon ihr Vater befunden habe, dass die Juden nicht dumm seien. Sie wartet ganz offensichtlich auf ein Zeichen der Zustimmung von mir, aber ich tue ihr den Gefallen nicht und setze den Tee auf. Es wäre doch schade führe die Mutter Oberin vom Kloster der lieben Frauen zurück ohne etwas zum Nachdenken zu haben in den vielen stillen Stunden, die es im Kloster sicherlich gibt. Als wir uns nach vier Tagen verabschieden, die Schwestern reisen weiter in den Western Irlands, überrascht sich die Oberin selbst und küsst mich hastig und trocken auf die Wangen. Stumm sehen die vier anderen Nonnen ihr zu und auch sie selbst scheint ein wenig erschüttert von der wohl unverhofft kommenden Gefühlsaufwallung, die es in der ihr entsprechenden Lebensform so wohl nicht geben kann und die sie hier, ausgerechnet hier überrascht, bevor sie mit kerzengradem, durchgedrücktem Rücken die anderen Nonnen ins Dorf zurückführte, ohne sich auch nur noch einmal umzusehen.

7 Gedanken zu “Die Nonnen

  1. Da haben Sie aber welche von der ganz harten Sorte erwischt. Gastfreundschaft wird nicht immer mit Herzlichkeit belohnt. Aber sie haben es ja dem Pfarrer zuliebe getan.
    Habe ich Ihnen erzãhlt, dass ich mal sechs Jahre an einer Klosterschule gearbeitet habe?

    • Nein, niemals von der Klosterschule habe ich noch nie gehört. Jetzt bin ich natürlich sehr neugierig.
      Die Lebensform der Schwestern ist glaube ich enorm unter Druck. Selbst hier im ländlichen Irland, in dem das Moralgerüst der 70er Jahre allgegenwärtig ist, ist die Geistlichkeit längst nicht bestimmender Motor. Herzlichkeit gar, hat glaube ich im Leben der Nonnen nie eine Rolle gespielt, jetzt geht es vor allem darum, dass das Gerüst des eigenen Lebens nicht völlig zerbricht.

      • Ich hab hier schon so viel erzählt wie nirgendwo sonst. Ich ärgere mich schon ein bißchen, dass ich an Ostern nicht den Mut gefunden habe. Ich war sogar im College für ein Konzert, naja, das nächste Mal.
        Bei den Nonnen gab es verschiedene, auch sehr freie kluge Frauen. Die harten gab es aber auch. Dieses Zusammenleben im Konvent ist nicht ohne. Ich saß gerne bei der Küchenschwester, die erzählt hat, wie das so ganz unten in der Hierarchie ist.
        Je mehr ich von den Schwestern aus ihrem Leben und ihren Motiven erfuhr, desto barmherziger wurde ich. Ich habe vieles verstanden durch sie, und sie dann durch mich das Leben draußen. Sie haben sich von mir die Haare schneiden lassen und Klamotten geliehen für Klassenfahrten ohne Habit. Ich habe im Kloster gesessen und gegessen. Es war eine reiche Zeit. Doch die Härte ließ es mich nicht mehr aushalten. Ich wollte frei sein. Und wenn ich in meiner Arbeit eingeschränkt werde, wie ich unterrichte, wie ich Noten vergebe, dann halte ich das auf Dauer nicht aus. Ich war frei, konnte gehen, und tat das dann auch.

      • Oj! Sie sollen natürlich immer nur erzählen , was sie auch sagen mögen. Dies ist hier ja ein winzig kleines Wohnzimmer, mit Blick auf das Meer, unbeachtet von aller Welt. Wahrscheinlich waren wir sogar im gleichen Konzert. Wirklich schade, ich bin wirklich sehr zugänglich und selbst die Nonnen hatten am Kuchen nichts auszusetzen. Ich freute mich sehr und bin ja nicht nur in Dublin, sondern auch in Berlin zu haben. Ihre Erzählung von den Nonnen ist so bildhaft wie eindrücklich. Die Hierarchien habe ich ganz ähnlich wahrgenommen. Anrührend der Kleidertausch und die Frisuren. Einfache Biographien sind es wohl alle nicht. An der Härte indes kann man zerschellen und dann ist es wohl besser, die Tür zu schließen und ja auch geschlossen zu halten. Dies gilt aber nicht für meine, die zwar wieder einmal gestrichen werden könnte, aber Ihnen immer herzlich offen steht.

  2. Nein, einfach Biographien waren es nie. Töchter waren nichts wert bei den niedersächsischen Bauer, waren sie nun arm oder reich. Auf dem Hof als Magd könnten Sie bleiben, wenn man die nicht gut verheiraten könnte. Dass, wenn sie klug waren, eine höherer Schule in Frage kam, war nie in irgend einer Vorstellung. Sowas gab es nur, wenn sie ins Kloster ging. Bildung für Gehorsam, Keuschheit und Demut. Ein hoher Preis!
    Ich verspreche, dass ich mich melde, wenn ich in Dublin oder Berlin bin.

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