Ach, ach die Kinderlosen

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Verehrte Mütter, liebe Väter,

ich weiß sie haben es nicht leicht. Schlaflose Nächte, Wäscheberge, erste Zähne, die letzte Geschichte, Kindergartenplätze, Streit um das gelbe Auto und die grüne Hose, Breifrei oder Dinkel-Rohkost, all das und noch vieles mehr. Häufig und warum auch nicht klagen sie: Kinder seien nicht willkommen, Arbeitgeber zwängen sie in gnadenlose Hamsterräder, Berliner Cafés zudem verschlössen ihre Türen für Mütter und Kind ( aber in Berlin werben ja auch Busse für den Transport von Schwaben zum Flughafen) und selbst das Reisen zur Oma in den Taunus sei ihnen verleidet durch Mitreisende, die bei Kindergeschrei die Augen verdrehten oder gar vom Schaffner einen neuen Sitzplatz verlangten. Die Schlimmsten aber hört man ihnen zu, seien die kinderlosen Frauen. Egoistisch und verkniffen seien sie, so neidzerfressen wie karrieresüchtig, unleidlich und eben, denn nur Kinderliebe sei die reine und wahre: ungeliebt. Damit meinen sie dann wohl mich. Ich indes gebe leise zu bedenken, dass Kindergartenplätze und Ganztagsschulen, Musikunterricht, Betreuungsgeld und Schwimmbäder ja auch verdient werden müssen, aber das wischen sie weg, nicht nur weil sie lieber basteln, als Zahlen addieren, sondern weil kinderlose Frauen so wie ich per se kühl und hart und herzlos sind. Besonders oft da haben Sie natürlich recht, treffen wir uns nicht. Mein Beruf hat mit Spielplätzen wenig zu tun, aber manchmal treffen wir uns doch: ich verbringe etwa so viel Zeit in Flugzeugen und Bahnen wie sie mit dem Suchen nach Bügelperlenbildern oder entschwundenen Legofiguren, also unendlich viele Stunden, Tage und Nächte. Sie, die mit ihrem Burli in den Urlaub fahren, drehen sich oft kopfschüttelnd um, wenn sie mich mit Aktenordnern in der Hand neben ihnen sitzen sehen. Frage ich dann noch, ob auch ich eine Ecke des Tisches mit meinen Dingen belegen dürfe, schütteln sie wütend den Kopf und erklären ihrem Burli: „die Frau da, will nicht, dass du hier spielst“. Aber ich habe schon lange aufgegeben, sie werte Mütter und liebe Väter, darauf hinzuweisen, dass ich für ihre Wahrnehmung der Welt nicht zuständig sein kann und balanciere Akten und Bücherberge eben auf meinen Knien. Vor ein paar Tagen, also im ICE von Frankfurt nach Berlin, lese ich wie immer und überall in einem Buch und sehe aus den Augenwinkeln eine Mutter, wie sie selbst vielleicht eine sind, mit ihrem Burli an der Hand durch den Gang des übervollen ICE’s mehr schwanken als gehen. Ziemlich schnell ist klar, dass sie keine Reservierung, dafür ein müdes Kind, zwei Koffer und einen sehr hässlichen Hund bei sich hat. Als sie also vor mir zu stehen kommt, sieht sie sich um ob nicht wie durch ein Wunder ein Platz frei wird. Aber auf Wunder kann man lange warten, länger jedenfalls als bis ich mein Buch zuklappe, die Aktenordner staple, den Regenschirm und die Tasche greife und zu Frau, Burli und Hund sage: „hier nehmen sie meinen Platz.“ Die Frau mit Kind und Hund setzt sich hin. Wortlos, übrigens. Ich stehe für den Rest der Fahrt. Das ist nicht weiter schlimm, ich kann im Stehen lesen, kein Kind aber soll stehen müssen, Mütter dürfen Platzreservierungen vergessen und ganz wie sie liebe Mütter und werte Väter finde ich, man sollte über Selbstverständlichkeiten keine großen Worte machen. Dass ich ein „Dankeschön“ nicht unangemessen gefunden hätte, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht wäre sogar ein Lächeln drin gewesen, wäre nicht ich aufgestanden, sondern der ins Telefon schreiende Anwalt vom Platz gegenüber, der rot vor Zorn, endlich Aufklärung über die Aktenlage forderte und einem Dreijährigen, der in wüster Verzweiflung ein Eis verlangt, nicht unähnlich sieht. Aber wundern tue ich mich natürlich nicht, sie erklären es mir ja immer wieder: kinderlose Frauen sind das Allerschlimmste. Vor nicht langer Zeit und nach 36 Stunden Flug, saßen auf dem letzten Teilstück meiner Reise, Mutter und Kind neben mir. Kurz vor der Landung spie der Bube mir in den Schoss. Nein, nein, werte Mütter und Väter, mich graust das nicht. Ich käme nicht auf die Idee zu verlangen ein sechsjähriges Kind müsse in eine Tüte spucken, nur ebenso käme ich nie auf die Idee ein solches Vorkommnis mit den Worten: „was raus ist, ist raus“ zu kommentieren, obwohl auch ich zu Pragmatismus neige. Kinderlose Frauen wie ich, haben Eltern über gar nichts zu belehren, dass sagen sie immer wieder und ich nicke dann verständig und milde. Nur als jene Mutter behände anfing mir in den vollgespienen Schoß zu greifen und beherzt begann an mir herumzuwischen, verbat ich mir dies, denn mir sind fremde Hände mögen sie auch noch so vor Mütterlichkeit strotzen unangenehm und keineswegs willkommen. Diese, meine Ablehnung indes traf auf harsches Unverständnis und gipfelte in der zischend vorgetragenen Frage:“ ob ich denn Kinder hätte.?“ Als ich dies verneinte, war das Flugzeug gelandet und erbost schrie die Mutter mir zu, sie hätte es schon immer gewusst: „Kinderlose seien das Allerletzte.“ Das wusste ich aber schon, denn sie liebe Mütter und werte Väter erinnern mich oft genug daran, dass Leute wie ich daran schuld seien, dass ihr Leben voller Hürden ist und sie mit ihren Kindern fast überall nicht willkommen sind. Das Kleid, aber das muss sie nicht interessieren, habe ich im Flughafen in den Mülleimer geworfen und bin im verwaschenen Laufshirt zur nächsten Besprechung gefahren, ganz wie sich das für karrieresüchtige und verkniffene Frauen gehört, die von ihnen genussvoll verachtet werden, denn sie, sie haben es wirklich nicht leicht.

Herzlich,

Ihre Read On

12 Gedanken zu “Ach, ach die Kinderlosen

  1. Ich bin ja auch so eine Kinderlose, aber heute hat es die Menschheit ganz ohne die Mitwirkung von Kindern geschafft, mich gründlich zu verärgern. Bei manchen Menschen wird es, glaube ich, auch nicht besser, wenn sie erwachsen sind. (Ich weiß, ich bin Ihnen noch etwas schuldig, ich hoffe, ich komme morgen dazu, meine Schulden abzutragen.)

    • Keine Eile, die Menschheit ist schon eine kuriose Sache. Mich stören Kinder ja nie, aber Mütter leider sehr oft. Sie haben Recht manche Menschen bleiben die Unsympathen, als die sie sich schon im Kindergarten zu erkennen gaben.

  2. heeeeeeeeeeeeerzlichen Dank für die lauthalsigen Lachsalven, die Sie mir gerade beschert haben….. Ich bin ja auch so eine Verkniffene…..kicher….. und morgen haben die Nachbarskinder sicher wegen meiner Lachselaven Ohrenweh…. und ich habe Nick-Muskelkater….. und kicher mir eins weg….. !!!!! 🙂

    • Immer gern! Lachen kann man bekanntlich nie genug. Zurück lachen finde ich ja auch viel schöner als zurück blaffen…Grüße an die Nachbarskinder!

  3. Ich finde ja, es gibt blöde, unhöfliche Menschen und bezweifle dass die hier beschriebenen Personen zauberhaft, freundlich und nicht übergriffig wären, hätten sie kein Kind geboren.

    • Sie haben natürlich Recht, dass die beschriebenen nun gerade Mütter waren, mag nichts weiter erhellen, als das ich spottlustig bin und zur Polemik neige, dass sind ja auch keine Eigenschaften, die ein goldenes Band verdienen. Dennoch ist mir das Thema ernster als es hier klingt. Sehen Sie ich glaube sehr fest daran, dass viel mehr kinderfreundliche Räume geschaffen werden müssen, überall und immer. Vor gar nicht langer Zeit habe ich eine ziemlich internationale und je nachdem aus welcher Perspektive man es nimmt, auch bedeutende Konferenz organisiert, die thematisch nichts mit Kindern zu hat. Nun glaube ich aber auch, dass all-male-panel keine Option sind und mit viel Kraft und Hartnäckigkeit habe ich schon bevor die Ausschreibung rausging, im Budget Raum für Kinderbetreuung geschaffen, denn wenn wir mehr Frauen haben wollen, müssen wir uns Gedanken machen, wer die Kinder, die Frauen im Alter zwischen 20 und 45 ja durchaus haben, betreut. Damit meinte ich nicht das gönnerhafte Verteilen von Malbüchern, sondern professionelle Betreuung. Die Männer im Raum waren verblüfft – auch darüber müsste man reden- aber der heftigste Widerstand kam von den Müttern: „du hast doch keine Kinder, wie willst Du das entscheiden können?“ Das hat mich doch sehr verblüfft, denn wenn zwar Eltern postulieren dürfen, dass das Private politisch sei, gleichzeitig aber die Einzigen seien wollen, die wissen wie man eine kinderfreundlichere Gesellschaft gestaltet, scheint mir das doch in hohem Maße irritierend und ja auch übergriffig, wenn auch ganz anders als die Mutter mit ihren Fruchttüchern in meinem Schoß. Unter anderem daran, musste ich denken als ich im ICE von Frankfurt nach Berlin meinen Platz für Mutter und Kind räumte.

      So eine lange Antwort ist natürlich auch ein Übel. Bert Brecht hätte es kürzer gekonnt: so viele Fragen, so wenig Antworten.

  4. Ich vermute, ich hätte spontan zurückgekotzt. Reflexhaft. (Meiner Tante ist das mal in der Münchner U-Bahn passiert. Jemand erbrach sich mal auf ihren Mantel, woraufhin sie sich auch übergeben musste. Konnte ich gut verstehen.)

    Dass diese Mutter nicht den Anstand hatte, Ihnen das Geld für die Reinigung zu geben, finde ich übrigens das Allerletzte. War es ein Kleid, das Sie gerne trugen?

    • Zurück zu speien, auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Ihre arme Tante, verstehen kann ich den Impuls gut. Die Begegnung mit dieser Mutter war auf jeden Fall grenzwertig, am meisten aber verstörten mich die forschen Hände. Grässlich. Das Kleid, http://www.yoox.com/us/34646490WC/item#dept=women&sts=sr_women80&cod10=34646490WC&sizeId= dieses nämlich mochte ich sehr. Aber anziehen glaube ich, könnte ich es nicht wieder. Manche Erinnerungen kann man nur noch anekdotisch festhalten, aber anziehen mag man sie nicht mehr so Recht.

      • Es stand Ihnen sicherlich gut. Und ich kann gut verstehen, dass Ihnen die Freude daran gründlich vergällt war. Trotzdem hätte diese Person Ihnen das Geld für die Reinigung anbieten sollen (Sie hätten es ja in ein neues, anderes Kleid investieren können).

      • Ganz bestimmt hätte die Frau dies tun müssen. Aber leider ist das ja sehr oft so, dass Menschen sich entweder ganz offensichtlich falsch oder lieber gar nicht verhalten. Das Bedürfnis irgendetwas in Ordnung zu bringen hatte sie jedenfalls nicht und ich war wie so oft zu müde und wohl auch zu eilig, um den Kampf um ein ruiniertes Kleid aufzunehmen.

  5. Ich habe Kinder und meine Erfahrungen sind grundsätzlich sehr positiv. Die Menschen sind sehr verständnisvoll, besonders wenn sie sehen, dass man sich bemüht. Es gibt aber immer wieder Situationen wo ich mir auf die Zunge beißen muss, damit ich meine Meinung nicht sage. Von daher kann ich mir Ihre beschriebenen Situationen gut vorstellen. Das ist manchmal mehr als mühsam.

  6. Sehr geehrter guinness44, ohne Sie näher zu kennen, bin ich mir sicher, dass Sie (wie auch alle anderen Menschen) sich selbst und dem Rest der Welt einen Gefallen tun, wenn Sie aufhören, sich auf die Zunge zu beissen und anfangen, Ihre Meinung zu sagen, wann und wo Sie das Bedürfnis dazu verspüren.

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