Das Limonadenglas

Die B. mit der ich an einem milden Sommerabend irgendwo in Mitte sitze,ist gerade im dritten Akt einer komplizierten amourösen Verwicklung angelangt als die Kellnerin, die in Berlin-Mitte natürlich keine profane Kellnerin, sondern ein unentdecktes Fotomodell oder eine verhinderte Schauspielerin ist- die Gurken-Zitronenlimonade, die sie vor uns auf den Tisch stellt, in einem Weckglas serviert. Bevor die B. aber ihre unterbrochene Erzählung wieder aufnimmt, beeile ich mich die Kellnerin zu bitten, ob sie so freundlich wäre die Limonade wohl in ein ganz und gar gewöhnliches Glas umzufüllen? Die Kellnerin zuckt mit den Achseln und dreht sich wortlos um. Die B. kehrt endgültig zu ihrer Erzählung zurück, aber ich höre sie nur aus weiter Ferne und starre auf das Einweckglas vor mir auf dem wackligen Tisch.

Unmöglich ist es mir mich nicht sofort und unmittelbar an die Sommerferien bei meiner Großmutter zu erinnern und an die Nachbarn, die im Hausflur des alten und verwinkelten Hauses am Markt auf den Fensterbänken, dieselben, großen Einweckgläser aufstellten, aus dem die B. gerade einen Schluck nimmt. Die Einweckgläser die im Sommer auf den Fensterbänken standen waren zu einem Drittel mit Limonade gefüllt. Limonade gab es im Haus meiner Großmutter nicht. Meine Großmutter trank Zeit ihres Lebens nicht anderes als Bad Lauchstädter Mineralwasser, dem sie eine besonders bekömmlich Wirkung zuschrieb und Apfelmost der in einer nahegelegenen Kelterei, aus den garteneigenen Äpfeln gepresst wurde. Der Most hatte immer eine strenge, schon etwas vergorene Note, meine Großmutter stritt mit dem Kelter, den sie verdächtigte, eigene faule Äpfel anstatt der ihren zu verwenden, aber nie ließ es sich nehmen, den Apfelmost: „als echtes Naturprodukt“ zu preisen. Auf Wanderungen, die wir durchaus unternahmen, schwor meine Großmutter auf kalten Malzkaffee. Ihrer Überzeugung, das nichts den Durst so gut lösche, war nichts hinzuzufügen, niemand der von diesem Gebräu je gekostet hatte, forderte einen zweiten Becher. Die Nachbarn indes und dies geschah zu meinem großen Erstaunen tranken Limonade, die mir unerreichbar war und stellten die großen Weckgläser zur Hälfte mit Limonade gefüllt an heißen Sommertagen auf die Fensterbänke. Da meine Großmutter vormittags in der Praxis Zähne zog, war ich mir selbst überlassen, obwohl dies nicht ganz stimmte, denn die Zugehfrau, die auf dem Küchenstuhl schlief sollte eigentlich ein Auge auf mich haben. Ich aber saß mit einem Buch auf den Knien, im kühlen Flur oder auf der breiten Fensterbank und beobachtete die Leute auf der Straße, besonders gern sah ich in das Blumengeschäft auf der anderen Seite der Straße. Dort lebte ein echter Papagei, der auf den Palmen der Auslage hübsche Kunststücke zu vollführen wusste. Durch die weit offenen Fenster des Treppenhauses konnte man vom Briefträger bis zur Schneiderin alles genau mitverfolgen, was sich auf der Straße zutrug. In Sichtweite immer auch das Weckglas mit Limonade. Immer wieder aber kamen auch Wespen durch das Fenster angelockt von der süßen, klebrigen Limonade im Glas. Verführerisch duftete es wohl für die Wespen, die sich immer im Schwarm näherten und niemals allein. Für eine ganze Weile umflogen die Tiere das Glas, einmal näher, einmal ferner, tänzerisch fast und einer ganz eigenen Choreographie folgend. Mit großer Bedachtsamkeit schließlich, um nicht zu sagen mit äußerster Vorsicht machte eine Wespe den Anfang und berührte schließlich mit ihren dünnen Fühlern, den schimmernden See aus gelber Limonade. Noch eben so schwerelos wie elegant, zappelte die Wespe nun, verzweifelt bemüht, nicht weiter in die klebrige Masse zu geraten und sank doch immer nur tiefer hinein, bis die schillernden Flügel untrennbar wie durch Leim aneinander gepresst waren und schließlich ein im Todeskampf völlig verformter Körper auf den Boden des Glases sank. Die anderen Wespen aber nicht abgeschreckt durch das grausige Schicksal einer der ihren, waren vielmehr ermutigt nun ihrerseits in das Glas zu tauchen, nur um bald auf den Boden zu sinken, wie all die anderen, die vor ihnen die gold-gelbe Limonade glitzern sahen. Schließlich verklebten die vielen einzelnen Wespenkörper zu einer amorphen Masse, was den bis dahin zurückgebliebenen Tieren als Vorteil erschien: sie versuchten die Körper der toten Wespen als Floß und Anker zu ihrem Nutzen zu gebrauchen, sie tauchten nicht mehr selbst in den Limonadensee, sondern nahmen Aufstellung auf den toten Körpern ihrer Vorgänger, sie schienen siegesgewiss doch auch ihr Verderben lag schon im süßen Genuss, dem sie nie länger als für einen kurzen Augenblick fröhnen konnten, denn die schwimmenden Körper hielten nicht dicht, brachen auseinander und zogen die eben noch überlegene Wespe mit sich nach unten auf den Grund. Einige Wespen, versuchten dem Tod noch einmal zuvorzukommen und mit schier übermenschlichen Willen, pressten sie ihre Körper noch einmal wie von einem Katapult beschleunigt aus dem Glas an den Rand hervor, bevor der klebrige Sud, sie doch bei den Flügen packte und zerriss. Alles was blieb war Agonie, war doch schon willenlos gewordenes Zappeln und Treten, alle Hoffnung auf Rettung war reines sich Winden in der Aussichtslosigkeit. Schließlich, das wusste ich nur noch nicht würden die Wespen doch im klebrigen Zucker ersticken, mochte ich auch noch, endlich in der Lage meine Augen  abzuwenden und aus der Küchenschublade- streng verboten- aber die Zugehfrau schlief tief und fest, wie ein mechanisches Uhrwerk- erwachte sie stets 25 Minuten vor der Rückkehr meiner Großmutter, die Kartoffeln auf den Herd zu stellen- eine Schachtel Streichhölzer, mit der ich glaubte die Wespen könnten an ihnen entlang gezogen das Einweckglas lebendig verlassen. Ich sollte mich irren. Aber als ich meine Großmutter endlich auf der Straße entdeckte, rief ich nah ihr und rief sie zur Hilfe. Meine Großmutter besah die Leichen im See und schüttete die Gläser in den Ausguss. Den Nachbarn verbat das Aufstellen der Limonadengläser im Flur und auf mein Drängen stieg sie auch auf die hohe Leiter und schnitt die Bänder, die im Treppenhaus hingen und den Fliegen mit Leim zu Leibe rücken wollte, ab. Aber nach zwei oder drei Tagen standen die Weckgläser wieder auf der breiten Fensterbank als süße Versuchung und tödliche Falle und alles begann von vorn.

„Sag, schmeckt dir, die Limonade nicht, fragt die B. und ich schüttele abwesend den Kopf. Die B. leert das Weckglas in einem Zug. Die Kellnerin ist nicht wiedergekommen und die B. ist ja auch noch nicht zu Ende mit einer komplizierten Geschichte in der auch ein Holzpferd keine ganz unwichtige Rolle spielt.

 

 

 

 

 

 

 

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