Olomouc-Die Villa Primavesi

Gemeinhin genießt die Provinz keinen guten Ruf. Abgelegen sei sie und wenn nicht hinter den sieben Bergen gelegen, so doch weit entfernt von allem wofür es sich zu leben lohnt. Ihre Bewohner zudem werden als kleingeistig und engstirnig gescholten und wer je in Berlin, Menschen über Bad Segeberg oder Fürstenwalde hat reden hören, der ist überzeugt, das es sich bei diesen Orten mindestens um jenes Tomi handeln müsse, in dem Ovid verdorrte. So verwundert es nicht wenig, dass die E. sich weigert und zwar unter lauten Ausrufen: niemals fahre ich mit dir in die hinterste Provinz, mich nach Olomuc zu begleiten, obwohl die Stadt gar nicht klein ist, aber sie ist weit genug weg von Prag und natürlich auch von Berlin um für die E. all das zu symbolisieren, was nicht nur sie, sondern viele mit ihr verachten: das Provinzielle und Entlegene und vor allem die Langweile, die sie mit der Provinz verbinden. So küsse ich also die E. und fahre los. Denn ich habe vor vielen Jahren schon gelernt, das man nirgendwo so viel über ein Land lernt, wie in seinen entlegeneren Gegenden. Dabei ist Olomouc, das früher einmal Olmütz hieß und zwischen Brno und Ostrava an der Mach gelegen,ein Zentrum ganz eigener Art. Es wäre nicht übertrieben, es das östliche Rom zu nennen, denn Olomuc ist bis heute ein Zentrum katholischen Glaubens in dem selbst die langen Jahren des grauen und weithin sichtbaren CSSR Kommunismus, das jesuitische Rückgrat nicht haben brechen können. Sie hätten es besser wissen können, denn schon Friedrich II hat hier vergeblich versucht einen Fuß in den erzbischöflichen Palast zu bekommen. Aber ich bin nach Olomouc  eines Hauses wegen gekommen, das mag Ihnen seltsam genug erscheinen, dabei erzählt dieses Haus noch einmal eine andere Geschichte von Provinz und Zentrum. Für eine kurze Zeit nur, die eigentlich nicht mehr als ein kurzer Wimperschlag war, etablierte sich in der mährischen, böhmischen und schlesischen Provinz des alten Österreich-Ungarn eine erregende, aufregende und nie wieder erreichte Architektur der Moderne, die gerade die Provinz zu ihrem Zentrum machte. Und so gehe ich an einem sehr heißen und sehr sonnigen Tag, die lange Straße hinauf, an den mächtigen erzbischöflichen Bauten vorbei, die heute vorwiegend Universitätsgebäude sind, den steilen Weg hinauf, der zur Villa Primavesi führt und bevor ich um die Ecke biege, bleibe ich noch einmal stehen. Ich gehe nämlich mit klopfendem Herzen und weichen Knien, für die ich mich selber schäme, wer ist denn schon aufgeregt wie vor einer ersten Verabredung, wenn er ein Haus besieht? Ich bin es. Und dann auf dem Platz angelangt, mich nach links drehend, sehe ich sie, die Villa Primavesi.

Primavesi

“Villa Primavesi” erbaut 1905/6, Franz von Kraus und Josef Tölk, Außenansicht

Erbaut wurde sie in den Jahren zwischen 1905 und 1906 nach einem Entwurf von Franz von Kraus und Josef Tölk. Neben Adolf Loos und natürlich Mies van der Rohe, zählten Josef Tölk und sein Partner von Kraus zu den Stararchitekten ihrer Zeit. Wenn Sie durch Wien spazieren und sich nicht sicher sind, von wem das Gebäude stammt, ich versichere Ihnen mit Josef Tölk liegen sie nahezu immer richtig. Aber die Villa Primavesi, ist anders als die Villa Tugendhat in Brno oder die Villa Fischer in Pilsen kein paradigmatisches Stilbeispiel für die Moderne, sondern vor allem auf den ersten Blick eine annehmliche, großzügige, in jedem Falle aber durchaus konservative Villa, wie sie auch im Grunewald oder in München-Grünwald zu finden sein könnte. Dennoch ist alles ganz anders. Schon die Auftraggeber des Hauses, das Ehepaar Otto und Eugenie Primavesi waren keineswegs konventionelle Industrielle. Otto Primavesi war nicht nur Industrieller, sondern vor allem und vor allem gemeinsam mit seiner Frau Eugenie, Mäzen eines Kreises der unter dem Namen „Wiener Werkstätten“ noch heute Weltruhm genießt. Sie alle haben Eugenie Primavesi schon einmal gesehen. Und es war die Villa Primavesi in der die Künstler die einmal gemeinsam und für kurze die Wiener Scession bgründet hatten gemeinsam zusammenarbeiten sollten. Josef Hoffmann, dieses Wunderkind gestaltete zwei Räume des Hauses, Anton Hanak, der Bildhauer, entwarf einen Wandspringbrunnen und märchenhafte Mosaiken für die Eingangstreppe. Hanak, der Rodin-Liebhaber entwarf ebenfalls die Kassettendecke und die schweren und doch so wenig protzigen Esszimmermöbel mit ihren phantastischen Intarsien, Gustav Klimt beschränkte sich nicht auf Porträts, sondern fertigte ganze Tapetengemälde für das Haus an. Die Einrichtung wurde komplett von den Künstlern der Wiener Werkstätten entworfen und die so zerstrittene, ewig verkrachte Gemeinschaft mit ihrem Muttersöhnchen Gustav Klimt arbeitete hier Hand in Hand und macht die Villa Primavesi zu einem Gesamtkunstwerk. Es ist fast müßig zu erwähnen, dass das Haus mit einem eigenen Elektrizitätswerk ausgestattet, über alle Annehmlichkeiten verfügte, die jeder Berliner Eigentumsbesitzer oder schwäbische Häuslebauer zu schätzen weiß. Erwähnt sei es nur deshalb, weil Mies van der Rohe, in der Unkomfortabilität großes Glück empfand, die Architekten und Mitarbeiter der Villa Primavesi aber Ästhetik und Komfort zusammenbrachten.

So stehe ich vor dem Tor und von außen sehe ich schon, dass die Villa Primavesi heute einen verschlossenen Eindruck macht. Das Restaurant, wie die Galerie, die sich hier befinden sollen, existieren nur noch auf dem Papier, nicht aber mehr in der Realität eines heißen Sommertages. Aber die Klinke des Gartentores lässt sich mühelos herunterdrücken. Jemand so scheint es, ist im Garten. Schließlich finde ich erst einen Gartenschlauch und dann einen Gärtner oder einen Hausmeister oder einen Hausbestellten, ich weiß es nicht, denn wir stellen beide fest, das wir nicht die Sprache des Anderen sprechen. Dafür stellt der Mann fest, dass man mich offenbar ins Haus lassen kann, denn er sagt: „Moment“ und kommt mit einem Schlüsselbund wieder und einen Moment später, stehe ich in der Eingangshalle der Villa Primavesi, stehe ich direkt unter dem bunten Mosaik.

Treppenaufgang mit Mosaik und Mosaik-Detail

Im Oberstock ist jetzt eine Musikschule, die Styroporplatten an die Wände geklebt hat.

FullSizeRender-3

Eingangshalle der Villa, die Treppe führt in ein verschlossenes Obergeschoss

Das Untergeschoss aber steht leer. Und der Mann schließt Raum um Raum auf, öffnet die Terrassentür, wo auf einer Werkbank alte Blumentöpfe stehen und in vielen Räumen eben Gerümpel. Er sei im Garten bedeutet er und hält mir das Schlüsselbund hin. Ich nicke und streiche mit den Fingern langsam und vorsichtig über den Tisch mit den reichen Intarsien und meinem Finger weicht der der Staub. Die Lampen funktionieren noch immer. Das Wunderkind Josef Hoffmann eben. Ich bestaune die Abdeckungen der Heizkörper, denn wer könnte ihnen die Bewunderung verweigern? Und die Blumenkästen mit ihren kleinen Mosaiken, diese Achtung für das Detail, wo gibt es die schon? Natürlich lege ich meinen Kopf in den Nacken und schon leuchtet das Mosaik über dem Türbogen, denn was soll der Schatten schon sein gegen das bunte Licht? Ich kann den Hausbesorger oder Gärtner verstehen: hier an diesem Fenster muss man sitzen und nie mehr gehen. Das Licht überhaupt das Licht in diesem Haus, das Licht, das sich in den Türscheiben bricht und genau in dem Moment in dem man ganz sicher annimmt, nun könne man wirklich nicht mehr überwältigt werden, da fällt das Licht durch einen anderen Winkel ein und wieder ist man verzaubert und versunken in dem noch immer still leise atmenden Haus, dem alle Vernachlässigung ein Kratzen an der Oberfläche nicht aber einen Riss in der Tiefe hat anzutun vermochte. Für eine lange Zeit sitze ich auf den Stühlen mit ihrer geraden Lehne und sehe hinaus und immer wieder in das betörende Haus hinein und für einen Moment lang, bleibt die Zeit stehen und noch einmal scheint es als sei die Möglichkeit, dass alles von vorn begönne, nicht ganz so aussichtslos wie es doch eigentlich ist.

Das Esszimmer mit Blick zum Garten, Mosaikfenster und Türdetail

Im Garten treffe ich den Mann bei Rhodendron-Büschen und gebe ihm das Schlüsselbund zurück. Wir, die beiden ganz Fremden sehen uns für einen Moment lang an, wie verstehen uns ja nicht, aber als er mit seinem linken Zeigefinger über seine rechte Wange fährt, verstehe ich sofort was er meint, verstehe ich sofort, dass ihm Tränen über die Wangen laufen. Die Styroporplatten, die Vernachlässigung, das Gerümpel, der Müll und ein allgegenwärtiges Desinteresse, das nur auf Abnutzung zielt und verschleißt, hat nichts mit der Villa Primavesi zu tun, die es noch gibt, aber ganz sicher nicht mehr für immer.

FullSizeRender-7

Detailfragen.

unnamed

Das Licht geht noch immer an.

unnamed-1

Esszimmer

Eugenie und Otto Primavesi übernahmen die Leitung der Wiener Werkstätten, sie übernahmen sich und als Unternehmen Bankrott ging, zerkrachte sich auch das Paar. Wie so viele Häuser wurde das Haus während der lange und grauen Jahre des CSSR-Kommunismus als Sanatorium genutzt. Heute sind die oberen Stockwerke an eine Musikschule vermietet, die Villa als solche aber steht leer. Noch immer verteilt die Touristinformation in Olomuc, Prospekte, die für Galeire und Restaurantbesuch werben.

Anton Hanak, verstarb 1934 sein letztes Großprojekt war das erst nach seinem Tode beendete „Denkmal des Vertrauens in in Ankara. Das heute ein österreichischer Bildhauer in Ankara, türkische Nationalgeschichte schreibt, taugt wohl nicht einmal mehr als Satire. Josef Hoffmann, das Wunderkind, dieser Vielgestaltige wollte auch nach 1938 Karriere machen und war begabt genug es auch den Nazis Recht zu machen. Die nahmen gerne an. Gustav Klimt zog doch noch bei seiner Mutter aus, aber mit dem Ende des alten Österreich-Ungarn verstarb auch er. Aber Mäda, die Tochter der Primavesis hat er noch einmal porträtiert. Vielleicht lag der Teppich ja einmal in der Villa auf dem Fußboden und das Mädchen sah an die Decke und das Licht war blau und grün, rot und gelb und brach sich in immer neuen Winkeln, ein sich ewig wandelndes Kaleidoskop und das Versprechen in ihm so groß und so schön, wie das Haus für das es stand.

unnamed-2

Man beachte die formschöne Tapete späterer Jahre. Blick hinaus.

Die Villa von Otto und Eugenie Primavesi, Univerzitní 7, Olomouc, Tschechien. 

Read On…


braucht heute eine Pause. Zudem gibt sich der Schlosshof heute Italienisch. Nur der Schlosshund,der liegt neben mir auf den warmen Steinen. Der Rest der Welt bleibt außen vor. Denn wer den Schlüssel hat, kann keine Sorgen haben. 


Sorgenfrei und federleicht tanzt auch Pan und ich mag ihn nicht stören. Ganz  leise soll man, ich weiß das ja, die bestaunen, die das Leben liebt. Die Figurinen kann man flüstern hören und ich, ich geh ganz leise. Vielleicht fällt später etwas Glück zu mir hinunter in den Hof. 


Schloss Litomyšl, Tschechische Republik

Prag-Das Haus zu den zwei goldenen Bären 

“Du meinst das ernst, sagt die E.  und ich nicke. Du willst nur wegen eines Hauses wegen nach Olomuc fahren? “Ja”, sage ich genau das will ich tun. Die E. sieht mich fassungslos an. Aber in der immer belebten Prager Altstadt kann man nicht lange stehen bleiben,ohne weitergeschoben zu werden. “Komm, sage ich noch einmal, man kann Prag nicht verlassen ohne beim Haus zu den zwei goldenen Bären vorbeizusehen.”An dem großen Eckhaus in der kleinen Gasse Kozná, das sich bis in die Renaissance zurückdatieren lässt, sieht man eine runde und nicht sehr auffällige Plakette:

Man sieht einen mittelalten und reichlich distinguierten Mann, der ziemlich ernst dreinblickt. Er könnte ein Handelsreisender sein, ein Postbeamter und vielleicht auch en fleißiger Chemiker, aber nichts davon ist der Mann auf der Plakette je gewesen. Die Bildunterschrift lautet: “Hier lebte und arbeitete der Schriftsteller und Reporter Egon Erwin Kisch vom 29.4. 1855 bis zum 31.3. 1948. Aber dieses an das Haus geheftete Kurzporträt geht am Leben des rasenden Reporters doch weit vorbei. Kisch lebte in Berlin, in Mexiko, sprang vor der australischen Küste aus dem Boot und kannte Wien so gut wie die serbischen Schützengräben. Richtiger wäre, denn was ist schon wahr, dass Egon Erwin Kisch in diesem Renaissancehaus, das auf den schönen Namen “zu den zwei goldenen Bären” getauft wurde, geboren wurde. Schwerer wird es schon zu sagen, ob Kisch und seine Brüder wohl auch die Spukgeschichten, die wohl in den Gemäuern wohnen, erzählt bekam und ob er vielleicht sogar die Räuberballade des Gauners Babinskejs, die ihn später so faszinierte, auf dem Hof des Gebäudes hörte, bleibt ungewiss. Kisch selbst befeuerte die Legendenbildung auf das Schönste und wer weiß vielleicht führt ja wirklich ein unterirdisches Treppenhaus direkt in die Tiefen Gewölbe der Teynkirche?  Überhaupt, das Haus zu den zwei goldenen Bären ist wie gemacht für dunkle Geschichten und den Geruch von Rost und Eisen, knarrenden Scharnieren und all den Geheimnissen, die in den engen Prager Gassen der Altstadt nur oberflächlich verborgen liegen. Es ist doch die nahe und nächste Nachbarschaft in der nach der Schlacht am Weißen Berg, der berüchtigte Henker Mydlár, mehr als zwanzig Adlige hat hinrichten lassen in einer Nacht. Die Teynkirche, die man von hier aus nicht übersehen kann, in der sowohl Tycho Brahe als auch Rudolf der II begraben liegen, hat ja selbst so unendlich viele Geheimnisse von denen wir nicht das Mindeste ahnen. Und vor noch nicht länger Zeit waren es nur wenige Minuten vom Haus zu den zwei goldenen Bären bis in das Jüdische Viertel, das erst zu Anfang des letzten Jahrhunderts assassiniert wurde. Aber noch sind sie nicht vergessen die Geschichten vom Rabbi Löw und Esther seiner schönen Frau. Mag ja sein, dass Egon Erwin Kisch als Kind jemanden gekannt hat, der jemanden kannte, der von jemanden ganz bestimmt gehört hatte, wie es war damals mit dem Golem, dem Rabbi, dem Kaiser, der Pest in der Stadt Prag, der schönen Jüdin Esther und der verzweifelten Liebe Rudolf des II. All das mag sein. All das mag hier vom Dachgeschoss oder vom Erkerfenster aus, irgendwann einmal beobachtet, aufgeschrieben oder auch nur leise weitererzählt wurden sein.

Das Haus zu den zwei goldenen Bären

Erst zum Ende seines Lebens und um alle Illusionen ärmer ist Egon Erwin Kisch ganz und gar heimatlos und fremd geworden in der Welt noch einmal nach Prag und wohl auch noch einmal in das Haus zu den zwei goldenen Bären zurückgekehrt. Die Bären- man weiß es nicht genau- beschützen sie die zwei Jünglinge oder sind sie Gefangene der beiden Tiere? Lassen sich Bären vielleicht mit Blumen zu Sanftmut bewegen? Bären so scheint mir, haben schon lange das Zutrauen zu den Menschen verloren. Egon Erwin Kisch wird das verstanden haben und vielleicht ließ sich in den letzten Lebensjahren, in denen die Namen der Toten immer nur mehr wurden, nur Zuflucht finden in den alten, so tief in der Vergangenheit liegenden Geschichten, die in den Kellergewölben, mächtigen Speichern, in den verschlossenen Türen und unter staubigen Balken verborgen liegen. Über alles, das kann man mit ruhigem Gewissen sagen, hat Egon Erwin Kisch geschrieben. Fast überall auf der Welt ist Egon Erwin Kisch gewesen.


Nur über sein Zuhause, nur über das Haus zu den zwei goldenen Bären hat Egon Erwin Kisch nichts geschrieben und nie etwas gesagt.

Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka (IV) 

Die meisten Besucher Prags laufen am Café Arco einfach vorbei. Das ist nicht schwer. Liegt es doch an einer vielbefahrenen Straße, die direkt zur Moldau führt. Hier an der Straßenkreuzung, wo sich die Havlicikova, die Hybernská und die Dlázdéna sich kreuzen,haben es alle eilig. Die Prager hetzen zur Arbeit, die Trambahn rattert vorbei und die Touristen werden von ihren schreienden Guides fachmännisch verkabelt. Eine Stadtführung verfügt heute über das technische Niveau der Mondlandung. Aber seit dem ich vor einigen Jahren angefangen habe, nicht nur in Prag nach Franz Kafka zu suchen, gehe ich am Schluss meiner Prager Tage immer noch einmal nachsehen, was das Arco, das einst legendäre Café Arco wohl gerade macht. Als ich 2014 zum letzten Mal in Prag war, da war das Café Arco vernagelt und leer.
Aber schon als ich noch auf der anderen Seite der Kreuzung stehe, sehe ich eine Tür steht offen. Eine Tür steht offen. Wer hätte das gedacht? Ich nicht? Wird vielleicht doch das weise Wort von Karl Kraus noch einmal wahr und es ” brodelt und kafkat und werfelt und kischt” wieder im Café Arco? Es gibt viele Orte in Prag an denen man Kafka suchen kann,aber vielleicht war das Arco und seine Gesellschaft doch der Ort an dem Kafka all das sein konnte, was er sonst nicht war. Es ist ja nicht umsonst ein Eckcafé, ein wenig verborgen, aber in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof der heute nach Masaryk benannt ist. Für all diejenigen, die den harten Kern des Arco bildeten, war dies von nicht zu geringzuschätzender Bedeutung. Franz Kafka konnte vom nächsten Zug nach Berlin oder Wien oder oder oder träumen, Egon Erwin Kisch konnte tatsächlich nach Berlin fahren, wo vielleicht am Abend noch ein Boxkampf stattfand und Max Brod, der ja bekanntlich am Bahnhof als erstes fragte, wo es denn die schönen Mädchen gäbe, musste immer schnell zum Bahnhof können, um entweder zur Geliebten zu fahren oder zurück zur Ehefrau zu eilen. Nie jedoch ohne noch einmal im Arco vorbeigesehen zu haben. Es passierte auch einfach zu viel: Franz Werfel brüllte und schrie Gedichte, Else Lasker-Schüler kam aus dem Morgenland zu Besuch und Kurt Tucholsky erzählte nun aber wirklich den letzten Witz. Otto Groß zergliederte Seelen und wem das noch nicht reichte der konnte sich immer noch von Alfred Kubin porträtieren lassen.

Die Bahnstation schräg gegenüber des Café Arco gelegen.

Heute kann aber auch ich endlich einmal einen Blick in das Innere des Arco werfen, denn die Tür steht als ich die Straße quere noch immer offen. An der Tür klebt ein Schild, welches ich nur mühsam entziffern kann, ich finde jedoch heraus, dass das Arco heute eine Kantine ist. Keine öffentliche Kantine jedoch, sondern die Mitarbeiter, die in irgendeiner Weise für die Prager Stadtverwaltung tätig sind, können zwischen 8-10 Uhr morgens einen Bon ziehen und sich für das Mittagessen anmelden. Als ich durch die Tür trete, bemerkt mich eine Frau in Kittelschürze sofort. Ihr ist klar, ich habe keinen Bon, ich bin ganz offensichtlich keine Mitarbeiterin einer ihr irgendwie bekannten Verwaltung und trotzdem bin ich hier. Die Irritation der Frau kennt keine Grenzen. Einen Tisch kann sie mir nicht zuweisen, aber mich abweisen kann sie auch nicht. Sie schüttelt den Kopf. Ich kann Ihr dabei zusehen, wie sie sich bemüht irgendeinen ihr bekannten Verhaltensmaßregelkatalog zu finden, mit dem sie meiner Person begegnen kann zu finden, sie bemüht sich sehr, ihr stehen, es ist auch wirklich sehr heiß, die Schweißperlen auf der Stirn und hätte sie Kafka gelesen, sie fühlte sich sofort an den “Prozess” erinnert und hätte keine Sympathie mit Josef K. der ihr ähnliche Schwierigekiten bereitete, wie ich ihr. Während sie also überlegt, wie mir zu verfahren ist, sehe ich mich um. Keiner der Gäste sieht auch nur vom Essen auf, die Polizisten schlürfen fette Hühnerbrühe, die Stadtverwaltunsgdamen picken Salat und etwas feiste Herren essen Lende mit Bergen von Kartoffeln. Das einzige Geräusch im Raum ist das Kratzen von Gabeln und Messern auf den Tellern. Ich kann gar nicht anders, als mich an den Landvermesser zu erinnern, der auch nicht glauben mochte, dass das geht: da zu sein, ohne stattzufinden. Schließlich nun energisch und mit Wischmop und Eimer bewaffnet vertreibt die Kantinendame mich aus dem Gastraum. Noch einmal aber sehe ich mich um, denn es war doch das Café Arco in dem Milena, die schöne, die kluge, die so begabte und energetische Milena Jesenská und Franz Kafka sich zum allerersten Mal sahen. Alle großen Liebesgeschichten glaube ich, haben ein “davor” und diese, die vielleicht doch die schönste Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts war, begann genau hier. Dann stehe ich wieder vor der Tür und ich muss lachen. Ich schütte mich aus vor Lachen. Kafka, sage ich halblaut zu mir selbst, das mir nun ausgerechnet in Gestalt einer Megäre begegnest, meint das nicht, es ein wenig zu toll zu treiben mit mir?

In eine offene Tür muss man eintreten.

Café Arco. Detail

“Und sagt, die E., die mich abholt, und hast du Kafka gefunden?” Aber ich kann noch immer nicht sprechen vor lauter Lachen und wie immer, wenn ich zum Café Arco gehe, an dem die allermeisten Menschen einfach vorbeigehen, muss ich mich auch als ich schon mit der E. auf der anderen Seite der Straße stehe und in Richtung Moldau laufe,immer wieder umdrehen. Es ist diese Starßenkreuzung, die mich wie keine andere, so sentimental werden lässt. Hier war Kafka. Kafka was here.

Prag-Ein Abstecher zum “Prager Tagblatt”

“Es wird Dir nicht gefallen”sagt, die E. “Das macht nichts E.”, sage ich. “Warst Du immer schon so stur?”,fragt die E. “Ich glaube schon”,sage ich und die E. knickt seufzend ein. “Also gut, um halb elf vor dem Café Louvré” sagt sie und ich laufe los. Seit 1902 gibt es schließlich das “Louvré”, das zentral gelegen am Ende des Wenzelplatzes liegt. Und Max Brod und Franz Kafka gingen eine ganze Zeitlang bis zu einem recht großen Krach kam, gern zu den abendlichen Zirkeln. Aber es eilt ja nicht. Es ist noch einmal neun Uhr.

Aber noch ist ja Zeit. Zeit genug jedenfalls sich vom Wenzelsplatz aus nach rechts zu wenden und eine Parallelstraße zu wählen, die nämlich führt direkt in die Panská. Niemand, wirklich niemand der Wörter liebt und gute Geschichten, kann in der Panská Nummer 8 einfach so vorbeigehen. Denn dieses Haus, das heute so unscheinbar, reichlich verkommen eine Schusterwerkstatt und eine Art recht obskure Touristinformation beherbergt, war einst der Redaktionssitz der wohl berühmtesten und besten Tageszeitung der Welt: des Prager Tagblatts nämlich. Es gibt Menschen, die sagen, das Prager Tagblatt sei eine jüdische Zeitung gewesen. Andere hingegen meinen, dass es vielmehr eine Zeitung gewesen sei, die für die Sache der tschechisch-deutschen Versöhnung eingetreten sei, wieder andere finden es sei die erste liberale Tageszeitung, die 1876 ihre Arbeit aufnahm. Ich aber bin der festen Überzeugung, dass das Prager Tagblatt, die erste und wichtigste europäische Zeitung war, die es je gab. Die Redakteure der Zeitung waren doch alle mindestens zweisprachig, die meisten aber sprachen mehr als vier oder fünf Sprachen, ihre Heimat das Wort nämlich führte sie durch ganz Europa und so versammelte das Prager Tagblatt bis 1939, die besten Geschichten, die Europa zu bieten hatte. Egon Erwin Kisch verfasste seine legendären Reportagen. Kennen Sie die, in der er nach dem Golem sucht? Wie selbstverständlich erschien Thomas Mann’s Zauberberg als Vorabdruck. Selbst Franz Kafka, der doch nie einen Text beenden konnte, schaffte den Abgabetermin für eine Zeitung, man stelle sich das vor, die mehrmals täglich erschien. Hermynia zur Mühlen versorgte die Leser mit Übersetzungen englischer Texte, natürlich gab es französische Musikritiken. Joseph Roth brachte Neuigkeiten aus Brody, ach eigentlich doch von überall, Kurt Tucholsky schrieb wie immer die größte Satire, Dinah Nelken brachte die große Mode, Alfred Plgar ging für das Prager Tagblatt in Berlin ins Theater und die besten Comic Zeichnungen kamen von Thomas Theodor Heine, der auch für den Simplicissimus und vor allem nach 1933 viele der besten politischen Karikaturen zeichnete, die es je gab. Das Prager Tagblatt war international ohne den Sinn für die Provinz zu verlieren, es war so trivial wie es ernst sein konnte, es nahm seine Leser ernster als sich selbst, das Prager Tagblatt, das waren große Reportagen, politische Skandale, es waren   Miniaturen aus Bukarest und Ostschweden, das Prager Tagblatt, das waren Redakteure, die nicht weltscheu waren, die neue Texte wagten,aber die vor allem, selbst im heißen Sommer 1914, nur kurz die Besinnung verloren, und dann weitermachten, was sie am besten konnten, eine europäische Zeitung nämlich. Das Prager Tagblatt erzählt nämlich auch eine Geschichte davon, dass Europa nicht nur zwischen Berlin, Paris und London stattfindet, sondern zwischen 1876 und 1939 wurde Europa von Prag aus in die Welt getragen, zuverlässig von Montag bis Sonntag. Max Brod, der ja alles konnte und noch viel mehr hat dem Prager Tagblatt, den schönsten Liebesroman geschrieben, den eine Zeitungsredaktion wohl je erhielt. 1924 jedoch bot das Prager Tagblatt, Anlass für eine traurige Nachricht: Herrmann und Julie Kafka gaben Nachricht vom Tod ihres Sohnes Franz.

image

Das Redaktionsgebäude des “Prager Tagblatts” , der progressivsten und europäischsten Zeitung, die es vielleicht jemals gab.

image

Die berühmte Nummer 8 hat kein Klingelschild mehr.

Heute bietet die Redaktion des Prager Tagblatts einen traurigen Anblick. Der Hinterhof ist eine Ruine. Ein post-sozialistischer Zerberus schreit mich an, ich solle verschwinden und bleckt die vom vielen Rauchen gelben Zähne.

image

Im Hinterhof regiert die Abrissbirne und bald schon wird die Redaktion des “Prager Tagblatts” wohl endgültig nur noch Erinnerung sein.

Die Frauen in der Touristinformation schütteln den Kopf: “Prager Tagblatt”- nie gehört. Trotzdem und dennoch und gerade jetzt gilt es sich doch zu erinnern, dass eine europäische Zeitung, die doch von Selbstironie und Großzügigkeit, von Humor und Neugier, von ätzender Kritik ( ja auch das ) und scharfer Analyse getragen war, keineswegs eine Utopie, sondern eine so fantastische wie bewundernswerte europäische Realität gewesen ist, die keineswegs Vergangenheit bleiben muss.

Das Café Louvré übrigens hat mir wirklich nicht gefallen. Roter Linoleumboden, man stelle sich das vor. ( Oder besser nicht ). Gehen Sie einfach weiter, setzen Sie sich bloß nicht hin, sonst lacht die E. Sie aus, wie heute mich.

 

 

Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (III)

Der Neue Jüdische Friedhof in Prag liegt eingefasst zwischen mehreren Schnellstraßen. Zu seiner Rechten liegt das Hotel “Don Giovanni” vor dem Touristenbus um Touristenbus hält, das aber mit seinen Business Facilities wirbt. Vielleicht soll das Schnellstraßenambiente die großen Idee beflügeln. Unscheinbar wirkt der Friedhof, den man durch ein Portal betritt. Am Eingang versucht eine junge Frau, die Männer zum Tragen einer Kippa zu bewegen, aber es gelingt ihr nur schwer. Die meisten Besucher lehnen es ab. Rundheraus und wie ich finde reichlich unverfroren. Den Diskussionen indes, die sich ergeben kann ich kaum folgen. Ich spreche keine Tschechisch und eigentlich bin ich als ich auf dem Friedhof stehe, sehr froh darüber. Ein Pfeil weist den Besuchern den Weg: “Dr Franz Kafka”, 200 Meter. Wie das klingt! Auf keinen Fall klingt es nach dem, was ich zu finden hoffe. Aber ich laufe brav, den ausgewiesenen Weg hinunter. Noch 100 Meter. Kafka-Countdown. Schließlich der Grabstein. Sachlich-nüchtern ist der Stein und verwitterungsbedingt verwaschen. Wieder ist Kafka, Prag nicht entkommen, sondern im Zinksarg schließlich aus dem österreichischen Sanatorium zurück nach Prag. Dieses Mütterchen hat Krallen, schrieb er nicht nur, sondern er lebte es wohl. Entkommen ist er, der so beständig Fliehende auch den Eltern nicht, deren Namen unter dem seinen auf dem Grabstein stehen. Eine merkwürdige Vorstellung: Familie Kafka. Noch bescheidener als das Grab Kafka’s aber ist die Gedenktafel für seine drei Schwestern, die reichlich lieblos auf dem Boden vor dem Grabstein liegt. Anrührend in ihrer Bescheidenheit und Hässlichkeit, die Plastikblumen, die handgemalten Bilder und Devotionalien, anders kann man die merkwürdigen Gegenstände, die sich auf dem Kies türmen wohl kaum nennen. Seltsam anmutend jedoch die Münzen, die auch dort liegen. Dreht man sich um zur den Friedhof begrenzenden Mauer, sieht man eine schmale Gedenkplatte für Max Brod. Es ist ein sehr merkwürdiger Gegensatz, das laute Getümmel an Kafka-Tassen und Kafka- Schirme der Stadt und die ganz vergessene Welt Kafka’s, die dem Gedächtnis Prags eigentlich entschwunden ist. Da Kafka’s Gesicht auf allem prangt, kann man ihn leicht vergessen, er ist ja überall, er ist nur nicht mehr da. 

Eine Handvoll Steine habe ich aus Irland mitgebracht und ich wiege sie in meiner Hand, kühl und glatt liegen sie da und dann wende ich mich hin zu den Gräberreihen, die sich anschließen. Wenige Meter reichen und schon bin ich herauskatapultiert aus Prag und mir ist als ginge ich über einen deutschen Friedhof, der überall sein könnte- in Trier ebensogut wie in Berlin. Ein evangelischer nochzumal, denn die Grabsteine des Neuen Jüdischen Friedhofs in Prag lesen sich wie das Bilderbuch protestantischer Tugenden. Fleißig und gütig waren Väter wie Brüder und die Mütter und Schwestern tugendhaft und einfühlsam, milde und von gutem Geist. Hier reimen sich Fabrikantensohn und Gotteslob, unvergessen und natürlich pflichtbesessen. Die Grabsteine sind immer auch eine Liebeserklärung an die deutsche und in diesem Falle eben Prager Heimat. Hier liegen Patrioten, Wagner-Verehrer, Goethe-Leser, hier trauerten Eltern stolz um die Söhne die den süßen Tod für ihr Vaterland starben und immer wieder noch mit dem letzten Atemzug betont man die Liebe für Patria. Die Lücken beginnen Mitte der 1930er Jahre und schließlich fehlen die Jahrgänge ganz. Die Kinder, der Eltern werden kein Grab mehr bekommen, keine Grabsteine aus festem schwarzen Stein, niemand wird mehr Stabreime für sie machen und keiner weiß, dass hier Malwine und Meta, Eduard und Isaac lebten und liebten, um schließlich in ganz und gar heimischer Erde die Augen zu schließen. Mir liegen die Steine schwer in der Tasche. Schon meine Großmutter nämlich, die einmal im Jahr nach Karlsbad zur Bäderkur reiste, besuchte den Neuen Jüdischen Friedhof, besuchte die Eltern des “Auschwitzer Kreises”, Sie der doch alle religiöse Symbolik fremd war, legte Steine auf die sonst so vollständig vergessenen Gräber. Jetzt also komme ich und vorsichtig lege ich Steine auf die Gräber der Orenstein, der Lachmanns und all der anderen, die einmal die Prager Juden waren. Es ist ganz still in den vielen Gräberreihen, die alle von Efeu überwachsen sind, viele Grabsteine sind umgestürzt und ich sitze auf einer kleinen Bank, als ich keinen Stein mehr in der Tasche fühle und sehen in die meterhohen Pappeln. Ich kann nicht aufhören, die Namen zulegen, so als könnte ich sie alle behalten und obwohl es so glühend heiß ist, wird mir je weiter ich gehe immer nur kälter, bis ich schließlich den Friedhof verlasse. Vor dem Tor rauscht der Verkehr, neue Busse fahren in die Auffahrt des “Don Giovanni” und ich gehe durch die Unterführung zur U-Bahn zurück.

Heute habe ich nicht weiter nach Franz Kafka gesucht. 

Neuer Jüdischer Friedhof  Prag, Izraelská 712 /1, Prag, U-Bahn Station : Želivského , Geschlossen während des Shabbat

Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (II)

Eingerüstetes Vorderhaus , Borivojova 27, Prag, Im Hinterhof befand sich die von Franz Kafka verhasste Asbestfabrik

Wendet man sich nun von der Polská ab und quert die Straße gelangt man bald in das ehemalige Arbeiterviertel Zizkov. Auf den ersten Blick hat sich zu den vorherigen Straßenzügen noch nicht viel oder gar Grundlegendes gewandelt: noch immer sind die Häuser so prächtig wie hoch. Mächtige Stuckfiguren beschirmen die Hauseingänge, die Balkone sind mit schmiedeeisernen Gittern versehen, die man wenn nicht künstlerisch gelungen so indes in ihrer Standhaftigkeit nur bewundern kann und doch ändert sich zunächst kaum merklich, dann immer deutlicher das Bild der Straßen. Die Fensterrahmen sind abgeblättert, der Putz der Häuser oft löchrig, den Stuckfiguren fehlt hier eine Nase, dort ein halber Arm und die langen Jahre voll Regen und Ofenheizung haben auch an den Bluemnkränzen der Figuren merkliche Spuren hinterlassen. Das häufigste Accessoire der Fensterbänke sind dann auch dicke Federkissen auf denen unverblümt starrend die alten Mütterchen kauern, diesen Grundfesten der Straßen zwischen Prag und Bukarest liegen und die alles wissen. Hochzeiten und Scheidungen bemerken bevor noch der Ehemann die Tür ins Schluss donnert oder selbst die misstrauischste Mutter auch nur den kleinsten Verdacht schöpfen konnte. Säumten eben noch Vinotheken und indische Restaurants den Weg, riecht es hier nach Sauerkraut und billigem Schnaps. Die Männer tragen alle Jogginghosen, viele haben einen energisch kläffenden Hund an der Leine und die Mädchen in pinken Frotteehosen haben die Namen ihrer Kinder zumeist auf die Innenseite des Halses tätowiert. Sie riechen nach gefälschtem Parfum und stählernem Zigarettenrauch. Den arabischen Händler an der Ecke indes, frage ich nach dem Weg, denn ganz sicher bin ich mir nicht ob hier wirklich die Asbestfabrik, die Franz Kafka bis zu ihrer Liquidierung stetig quälte, liegt. Der Händler indes beruhigt mich: dies sei genau die richtige Straße , für den Weg gibt er mir ein Stück Baklava mit und schreibt sich den Namen Franz Kafka auf. Ich laufe weiter und weiter die Straße hinunter, nebenan wird Billiard gespielt und auf den Stufen vor der Kneipe sitzen die Trinker und blinzeln müde in die Sonne. Dass es die noch gibt, scheinen sie sich zu wundern, von oben lauern mit scharfem Blick auf den Kissen,die ewigen Wächterinnen, die sich wundern, was jemand wie ich, wohl hier bei Ihnen will. Ich suche nach Franz Kafka, müsste ich ja richtigerweise sagen und ich bin mir nicht sicher, ob die Federkissen mit ihren Geheimnissen wohl von Generation zu Generation weitergegeben werden und die alten Mütterchen von ihren Großmüttern lernten, dass der schnellfüßige und doch so hagere Mann, mit Abscheu zur Prager Asbestfabrik eilte, oder ob auch Franz Kafka in Zizkov immer zu fremd blieb und deswegen auch unauffällig. Asbest aber war um 1900 ein Wunderstoff, ähnlich wie Tesla versprach er die große technische Revolution: Autoreifen und Dächer sollten nur der Anfang sein, es sollte dann anders kommen, aber Karl Hermann glaubte an das große Glück, was für seinen Schwager Franz das große Unglück blieb: sollte er doch der Fabrik zu wahrem Schwung verhelfen. Dann aber erreiche ich die Borivojova 27, das Haus in dessen Hinterhof die Fabrik lag, ist eingerüstet, hier beginnt jetzt unwiderruflich eine neue Zeit. Eigentumswohnungen werden geplant, der Blick indes fällt auf triste Sozialbauten der 1970er Jahre und auch wenn die schon 1917 liquidierte Fabrik hier kein Begriff mehr ist. Die Stimmung ist ähnlich den Jahren, als zu viele Männer auf der Staße waren, als die Liebe für die vielen Kinder nie so Recht reichte, hier riecht es nach der Armut die sich über Generationen vererbte, hier war das Unglück, das musste auch der Schwager einsehen, immer häufiger zu Gast als das Glück und noch immer noch heute liegt eine schwere Decke der Trostlosigkeit über der Straße- sie wird wohl nicht doch aus Asbest gemacht sein?

Seitlicher Blick aiuf die dem Haus gegenüber befindliche Straßenseite. Trotz mildem Licht, liegt eine schwere Trostlosigkeit über der Straße

Eine leider verschlossene Durchfahrt durch die um die Ecke gelegene Ondrichkova 29 ermöglichte ebenfalls Zugang zur Asbestfabrik