Zwischen den Seiten

Jeden Abend wenn ich in den Zug steige, sehe ich die mir unbekannte Frau. Genau wie ich, steht sie im Mittelgang des Zuges der Dublin erst mit den Vororten und dann mit den weiter entfernt liegenden Dörfern und Städten verbindet. Voll ist der Zug, stickig und verbraucht ist die Luft schon beim Einstiegen. Die Lehrerinnen, Bankangestellten, die Mütter mit Kinderwagen, die Rentner und Bauarbeiter sie alle sehen müde aus und oft auch geschafft. Der Zug gleitet anders als ein ICEnicht lautlos durch die Landschaft, sondern rumpelt so vor sich hin und bleibt oft auf der Strecke länger stehen als an den eigentlichen Bahnhöfen. Die Züge und Gleise der Iarnród Éireann, der irischen Bahn sind veraltet und wie der gesamte öffentliche Sektor natürlich chronisch unterfinanziert. Wohl auch deswegen stehen die Frau und ich jeden Abend fast parallel zueinander im Mittelgang. Auffällig ist die Frau dabei nicht. Blass ist sie auf eine Weise, die man im 19. Jahrhundert anämisch genannt hätte, verbunden mit der Aufforderung doch auf ein paar Wochen einen Lungensanatorium aufzusuchen. Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Heute trug  die Frau einen schwarzen Rock aus einem mich irritierendem weil nicht zu identifizierendem schwarzen Stoff und ein blaues Shirt mit angedeutetem weißen Bubi-Kragen,fest geflochten sind ihre fast farblosen Haare und nur zwei kleine hellgrüne Ohrringe nehmen ihrem Gesicht die Strenge. Die Frau liest. Sie steht mit den Füßen ineinander verhakt an einen Sitz gelehnt und liest. Aber nein, sie liest nicht nur, sie ist versunken in eine andere Welt. Sie lächelt vorsichtig und fein, wenn vielleicht ein Liebesbrief endlich doch den richtigen Empfänger bekommt, ich habe sie aber auch schon missmutig auf die Unterlippe beissen sehen, wenn möglicherweise ein liebgewonnener Held etwas besonders Dummes gesagt haben mag, manchmal aber sehe ich sie tief seufzen, weil es doch anders gekommen ist, als sie es vielleicht erwartet hat. Genauso gut aber, habe ich die Frau schon kichern sehen als eine Geschichte wohl Fahrt aufnahm und sich auf einmal alles drehte. Manchmal aber blättert die Frau so hastig durch die Seiten, verschlucken sich ihre Augen fast an den Wörtern, so dringend und so ansichtig ihr Wunsch doch zu erfahren, wie es wohl weitergeht auf der nächsten und übernächsten Seite. Traurig blickte die Frau schon manches Mal ins Leere und packte das Buch in die schwarze Handtasche, die sie bei sich trägt, manchmal sieht sie beschwingt durch das schlierige Fenster bevor sie das Buch weglegt und aussteigt. Immer wieder während jeder Fahrt jedoch muss ich von meinem Buch aufsehen und sie ansehen. Fast schon ehrfürchtig staunend, sehe ich ihr Gesicht hinter dem Buch, das mitfühlt und mitleidet, das hofft und staunt und klagt , dem das Herz schwer wird und das Lachen in den Mundwinkeln zuckt, ihr Gesicht das ganz und gar mit den Figuren lebt, das sich aufhellt und verdunkelt mit den Seiten, das ganz und gar aufgeht im Lesen und ankommt in den Welt die hinter sechsundzwanzig Buchstaben liegt und in jedem Buch auf ein Neues beginnt. Wunderschön ist die Frau, die da mit mir im Mittelgang des Zuges steht, heute ganz staunend versunken in „My brilliant friend“ von Elena Ferrante, und seien Sie versichert, auch wenn sie nicht von Dublin aus weit in die Landschaft fahren, bestimmt gibt es auch in Ihren Zügen eine Leserin ganz unverkennbar wie sie.

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