Regenwand

Alles deckt der Regen zu. Die Häuser, die Straßen, selbst das Meer, sonst von jedem Winkel des Dorfes aus sichtbar, verschwindet hinter einer undurchdringlichen Wand aus Regen. So perlgrau wie undurchdringlich, kaum wahrnehmbar aber doch unausweichlich, habe ich mir immer das Leichentuch Penelopes, welches sie für Laertes webte, vorgestellt. Dieser dichte Vorhang aus Regen, seidenmatt und dunkelgrau verschluckt die Welt. Als ich hinaus gehe, hält der Regen mich fest bei den Händen. Die Frau des Krämers schimpft über die grauen Wolken als hätten diese ihr persönlich Rache geschworen. Aber die Frau des Krämers hat die Welt schon immer nach ganz eigenen Kriterien betrachtet. Über das Wetter kann sie genauso gut in Rage geraten, wie über den faulen Postboten oder ein Glas sauere Milch. Meine Theorie, das Penelope vielleicht doch in späteren Jahren, das Leichentuch nicht mehr auftrennte und dieses sich nun als Regen über Irland spiegele, findet sie maßlos verhoben. „ Twenty years of waiting for some odd fellow?“, sagt sie zu mir und schüttelt den Kopf. „I would have taught him a lesson“, fügt sie hinzu und zeigt auf den Besen, mit dem ihr Mann täglich den Ladenraum kehrt. „Twenty years“ murmelt sie entsetzt und schüttelt wieder den Kopf. „Read On“ sagt sie, „Du kennst wirklich zu komische Leute.“ Ich nicke, denn mit der Frau des Krämers heißt sich gut zu stellen im Dorf. Durch den dichten Regen laufe ich hinweg und winke den Nachbarn, die ich nur schemenhaft sehe zu. Grauen Gespenstern gleich, winken sie zurück. Zurück zu Haus, öffne ich der Katze die Terrassentür. Mit entgeistertem Blick sieht sie mich an und flüchtet auf den Sessel. Um 13 Uhr klopft der Priester an die Tür. Schon der kurze Weg über den Kirchhof hat ihn völlig durchnässt. Über Rostbeef erzählt er mir vom Besuch einer Messgewand-Ausstellung. Seidengewirkte Stoffe, bestickt mit Kirschen und Grünfinken beschreibt er mir und natürlich horche ich auf, als er mir mit beiden Händen weit ausfahrend ein silbergraues Gewand beschreibt, ein faden wie aus Quecksilber sagt er und ich nicke und füge leise und unhörbar hinzu: oder wie die silbergrauen Perlen des Regens vor dem Fenster. Schließlich geht der Priester um wie der Rest des Dorfes im Pub, das Fußballspiel zu sehen. Ich aber ziehe mit einem Stapel Zeitungen auf das Sofa um. Bald aber schon fallen mir die Augen zu und ich träume von Ithaka, träume vom weinenden Odysseus am Tisch von Nausikaa und als ich wieder aufwache, glaube ich wenigstens für eine Sekunde oder auch zwei, Penelope am Meeressaum zu sehen, die mir durch den weiterhin dichten und so seidenmatt wie perlgrauen Regen zunickt, bevor sie ihre eigenen und ganz verschlungenen Wege geht.

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