Schwanensee

Early morning swim with half awake swan #schlachtensee #berlin #swimming #lake #nature #swan #earlymorningswim

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Früh aber, das heißt nicht später als Viertel nach Fünf aufstehen und mit den Zehen nach den Flip-Flops angeln. Um diese Zeit läuft der Sand im Stundglas noch nicht so schnell durch die Finger, sondern der Stundenzeiger träumt vom Uhrenbuch, der Minutenzeiger seufzt im Halbschlaf leise weiter und selbst der unerbittliche Sekundenzeiger gähnt noch einmal herzlich. Da aber fahre ich mit dem Rad schon zweimal rechts, die lange Straße hinunter biege links in den Ortskern ein und um halb sechs tauchen meine Zehenspitzen schon ins Wasser. Kühl und glatt ist das Wasser, aber auch dunkel und tief. Die Enten schlafen, selbst die beiden Schwäne vor denen ich mich fürchte haben die Hälse elegant zurückgebogen und träumen vielleicht von einem Ei aus Gold. Schon so viele Sommer fahre ich jetzt zum See und immer schwimme ich die gleiche Strecke, vierzig Minuten und immer ist alles ganz still. Vom Lärm des Tages und der Nächte künden nur die Bierflaschen und Mülltüten, die am Ufer liegen. Einmal, ich glaube es war in meinem ersten Berliner Jahr, trat ich mir die Scherben einer solchen Flasche tief in die Fußsohlen hinein, denn ohne Brille bin ich blind wie eine Natter. Blutend saß ich damals auf dem Baumstamm, aber wiedergekommen bin ich trotzdem, Tag für Tag, und immer ist der See tief und verschwiegen, manchmal wenn die Sonne schon aufgeht auf dem Weg zurück ans Ufer, leuchtet er golden und weiß etwas vom Glück des Sommers. Aber schon meine Großmutter, die mir das Schwimmen beibrachte und an deren Rücken ich klammerte, schwamm sie mit mir ins Tiefe, warnte mich vor dem Herrscher der Meere, dessen jüngerer Bruder, der Nöck nämlich auf dem Boden des Sees die Herrschaft streng in seinen Händen hielte. Die Fische, die man manchmal am vorbeigleiten sieht, sagte meine Großmutter seien des grausigen Herrrscher’s Spione und noch das leiseste Flüstern der Weiden, die ihre Spitzen in die Wasseroberfläche tauchen und auch den Gesang der scheuen Wasserelfen, die mit dem frühen Nebel aus den Tiefen tauchen. Achtsam musst Du sein mein Kind, sagte meine Großmutter und erzählte von Bräuten, die nie mehr die Oberfläche des Sees erreichten, mochte der Bräutigam auch weinen und klagen und auch Männer die mit langen Stöcken nach den Verlorenen suchten seien stets nur mit einer Hand voll Schilf oder Tang von ihren Exkursionen zurückgekehrt. Selbst Taucher habe der Nöck geknackt wie manche Menschen Hummer äßen, denn wenn der Herrscher der Tiefen ein Opfer fordere, helfe kein Jammern, kein Klagen, sondern alles sei vergebens. Ich strampelte dann stets fester mit den Beinen und hoffte niemals würde der Nöck sein Antlitz erheben, wäre ich zugegen. Noch immer, noch heute erreiche ich die Mitte des Sees aber schwimme ich so leise es geht, um ja den Nöck nicht zu wecken, der vielleicht schlafend gegen seinen Muschelthron lehnt, hinter ihm ein halbverwester Brautschleier und eine ganze Galerie vor aller Taucherhelme. Mich aber hat der Nöck mich nicht bemerkt. Schwimme ich zurück, dann sind die Enten aufgewacht und die Entenmütter zählen ihre Kinder, schwerer aber wiegt, dass auch die Schwäne, die ich in heimlichem Bunde mit dem Nöck wähne, längst schon Teewasser aufsetzen und Tanggrütze mit Schilfhalmessenz frühstücken. „Bonjour Monsieur le Cygne“ sage ich daher freundlich und rücksichtsvoll wate ich aus dem Wasser zurück ans Ufer. Französisch scheint mir die beste Sprache, denn wer weiß, ob sie nicht eigentlich auf Schloßteichen in der Normandie, Manieren erlernten und so vielleicht sanftmütiger sind gegen mein Beisein an ihrem Frühstückstisch. Scheußlich scharf erscheinen mir ihre Schnäbel, und wer einmal eines Schwans kräftige Floßen-Füße neben sich im Wasser rudern sah, schläft deutlich unruhiger ein. Noch dazu erzählte mir erst gestern der S., das einmal sein Großvater in einen Kampf mit einem Schwan geriet, den er nur unter Einsatz eines Hammers für sich entscheiden konnte. Weder führe ich jedoch einen Hammer mit mir, noch möchte ich mich in einem Handgemenge mit einem Schwan wiederfinden und so mache ich ein freundliches Gesicht, und eile ans Ufer. Da steht manchmal die Sonne, aber heute tropft es von den Bäumen, ich angle erneut nach den Flip-Flops, und fahre zurück nach Haus. Inzwischen sind ja auch die Uhren erwacht und beständig schon nimmt der gelbe Haufen Sand im Stundglas ab.

4 Gedanken zu “Schwanensee

  1. Ihren Respekt vor den Schwänen kann ich gut verstehen.

    Ich bin heute morgen einer Wasserratte begegnet, sie war so groß wie ein kleiner Hund. Ihr Körper maß ohne Schwanz schon so viel wie mein Unternarm mitsamt Hand. Sie watschelte auf dem Weg herum und machte keine Anstalten zu verschwinden, als ich näher kam. Erst als ich mit den Schuhen scharrte, weil es mir ungemütlich war, direkt an ihr vorbeizugehen, machte sie einen raschen Abgang in den hochwasserführenden Fluss.

  2. Das klingt nach keiner angenehmen Begegnung. Wasserratten stelle ich mir auch nicht unbedingt als Sympathieträger vor. Gesehen habe ich allerdings- zum Glück- noch nie eine. Ich hoffe das Hochwasser geht bei ihnen bald zurück. Das sind ja oft auch rechte Mückenpfuhle.

  3. Über den Nöck habe ich andere Geschichten gehört: von Bauerntöchtern und arme Mägden, die ihm in die Tiefe folgten und Jahre später, mit Reichtümern überhäuft, aber auf immer unglücklich, an die Oberfläche zurückkehrten.
    Als Kinder spielten wir mit heimlichem Gruseln am Fluß und erzählten einander, die langen Wasserpflanzen seien die Haare der Nixen. Wasserratten habe ich dort nie gesehen, aber die älteren Kinder warnten mich mit so drastischen Schilderungen vor ihnen, so dass ich mich lange Zeit vor einem Bach fürchtete. So sehr, dass ich, als ich einmal barfuß in einen Kuhfladen trat, nicht wagte, den Dreck im Bachwasser abzuspülen und lieber nach Kuhmist stinkend nach Hause lief.

    • Oh, dass man dem Nöck freiwillig in die Tiefen folgte, kannte ich nicht. Spannend. Der Nöck, den meine Großmutter entwarf, war jedes lockende Werben fremd, er war ganz Kälte und grausamer Rausch. Was hatte es auf sich mit dem Unglück derjenigen, die zurückkehrten? Der Tang als Nixenhaare ist ausgesprochen schön, die Wasserraten aber wirklich verstörend. Sie Ärmste, einen Kuhfladen am Fuß ist nun wahrlich keine Freude.

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