Rettungsringe

Die Amseln sitzen in den Baumkronen. Sie lachen mich aus. Wenn sie gerade nicht über mich lachen, picken sie Kirschen und haben sie noch nicht genug gelacht, dann spucken sie Kirschkerne zu mir nach unten. Die Stare und Amseln, die Spatzen und auch die Tauben haben schon lange verstanden, dass ich trotz der Holzleiter die schwankend in den Zweigen lehnt ihnen hoffnungslos unterlegen bin. Die Vögel lachen und ich harke angepickte und auf den Boden gespuckte Kirschen und Kirschkerne zusammen. Dann aber gilt es die Erdbeeren vor dem nächsten Regen zu retten. Sonst lachen auch noch die Schnecken über mich und das wäre vielleicht dann doch zu viel des Guten. Patschnass bin ich dann, aber immerhin sind die Erdbeeren gerettet. Gerettet ist vielleicht doch ein zu großes Wort.

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Kleiner ist der Freitagstisch geworden mit den Jahren. Aber meine Hände, die so oft es sich einrichten lässt am Freitag Gemüse hobeln, Fleisch marinieren und einen Kuchen in den Ofen schieben, haben es noch nicht verstanden, dass der Zirkel der alten Damen, die zu mir zum Shabbat kommen kleiner und kleiner wird und so bleibt der Topf mit Briehe wie es heißen muss sehr, sehr groß. An diesem Freitag sind wir zu viert. Aber sind wir es wirklich? Kommen nicht all die Toten auch zu Tisch. Sitzen sie nicht schweigend mit uns am Tisch und legen uns unsichtbar und doch kaum zu übersehen die Hände auf die Schultern? Schließlich sind die Freitagabende doch seit jeher Achterbahnfahrten in die Vergangenheit, die nicht Vergangenheit wird. Schließlich weiß keiner der alten Damen, ob dieser Freitag nicht der letzte gewesen sein wird und wer wird sich dann noch erinnern? Mitten in den Sätzen brechen sie ab oder es bricht lauernd aus ihnen hervor: Lilja war ein schönes Mädchen, sagt B. und sieht mich und alle anderen am Tisch an, sieht uns sehr streng an und für einen Moment, einen sehr langen Moment, herrscht eine angespannte Stille. So als müsse Lilja, die schönste ihrer Schwestern, die wohl wie sie, das zarte Budapester Deutsch sprach und die, so schön gewesen sein muss, wie sonst nur die Mädchen im Märchen, gleich oder doch bald, die Treppen hinauflaufen, klopfen, lachend und ein bisschen atemlos, vielleicht mit roten Wangen zur Tür hineinsehen müsste, weil sie ihre Schlüssel hat liegenlassen oder sich doch für ein anderes Paar Schuh zu begeistern mag und wir alle noch mit einem Hauch ihres Parfums in der Nase, hätten sobald die Tür sich hinter ihr schlösse, alle wie wir da sitzen gesagt: Lilja ist ein schönes Mädchen. Aber niemand kommt die Treppe hinaufgerannt, keiner lässt den Schlüssel liegen und erst recht bleibt der Schuhschrank verschlossen und wir, die wir warten, wenn uns auch Lilja versetzt, ob nicht B. noch etwas hinzufügt, warten auch hier vergeblich, und eine andere Dame erzählt an einer ganz anderen Stelle weiter, von einer Reise nach Odessa vielleicht oder einer Cousine dritten Grades, die auch Lilja geheißen habe und sogar mit einem Rebbe verheiratet gewesen sei. Aber inmitten all des Redens, das ein angestrengtes Gegenanlaufen gegen die große und nicht zu schließende Lücke- die nicht nur Lilja, die wohl ein schönes Mädchen war- hinterlassen hatte, liegt über jedem Freitag Abend eine undurchdringliche Stille, die sich durch keine Sprache, nicht durch das Prager, das Budapester, das Berliner Deutsch durch Hebräisch oder Jiddisch aufheben lässt. Haben wir uns wirklich gerettet, frage ich mich, noch spät in der Nacht als ich den letzten Teller in den Schrank zurückstelle. Rettung ist das nicht ein zu großes Wort?

„Rette mich“, sagt der ehemalige geschätzte Gefährte am Telefon. Air France nämlich schickt ihm Emails, die im warnenden Ton Streiks androhen. Denn vor Monaten schon, immer noch bin ich erstaunt, dass ausgerechnet mir der Einfall kam, saß ich mit der Kreditkarte zwischen den Zähnen vor dem Notebook und erstand Fußballkarten für den F., der schon gestern am Freitagstisch im Trikot zwischen den alten Damen saß. Nun gilt es also den F. nach Paris zu lotsen und schließlich finden sich Zugticket, Reservierung und Schichtende des Krankenhauses glücklich zusammen und wir rasen zum Bahnhof. Ich winke dem F. der mit Trikot, Rosen und Lavendel für die A. gen Frankreich reist, das Stethoskop hängt ihm halb aus der Hosentasche. Der F. der schon als Kind heimlich, denn in der Familie gab es doch gewisses Unbehagen, der deutschen Nationalmannschaft in Israel die Daumen hielt, für ihn so merkwürdig und so fern mir das sein mag, für ihn ist das Spiel dieser Mannschaft, ein Rettungsanker und stetig Vergewisserung hier am rechten Platz zu sein. „Wieder einmal gerettet“, sagt er, bevor die Türen sich schließen. Ich muss lächeln. Aber eigentlich weiß ich es doch, Rettung ist ein zu großes Wort.

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