Read On mag Mosebach

Manchmal passiert es ganz beiläufig und fast unbemerkt. Aus einem Buch fällt ein Foto heraus oder in einer Dose liegt noch immer eine schon längst nicht mehr duftende Rosenblüte. Ein anderer dreht dann das Photo in den Händen herum oder dreht die schon fast zerfallende Blüte in den Händen und fragt: Wie war das eigentlich bevor wir uns kannten?“ Eine heikle Frage ist das, eine jener Fragen die fast schon zu unschuldig ist und nicht nur deshalb kaum zu beantworten ist. Der Erzähler dieses Buches aber nimmt die Herausforderung an. Und uns nimmt der Erzähler mit. Auch wir stehen in einem Zimmer, das sich für kurze Zeit nur in Licht verwandelt, auf einer Zugfahrt aber nur von Ferne, aus den Augenwinkeln lernen wir die Frau nicht kennen, nein das nicht, aber sehen sie doch mit den Augen desjenigen der mit ihr fuhr. Aber die Geliebte allein ist es nicht, um dies es geht: schließlich gibt es ja immer auch noch die anderen, ein Ehepaar, dass sich ganz ausgesprochen nicht mehr liebt, aber doch sehr erfolgreich ein gemeinsames Leben repräsentiert, einen Patriarchen, der in der Zurückstufung seines Sohnes das größte und wohl auch einzige Vergnügen findet, wir besuchen eine Erbtante, die der Liebe nachtrauert, die es wohl so nie gab. Einem nimmermüden Geschäftsmann sehen wir ganz kurz in die Karten, der enttäuschende Sohn verläuft sich- aber nur fast in Cairo und löst nur fast in Italien einen Waldbrand aus, seine Ehefrau trinkt zu viel und bleibt uns doch als ewig heiter und keineswegs betrunken in Erinnerung. Über weite Strecken liebt man sich ganz ausgesprochen nicht, auf einer Fahrt im Schnee kommt manches ins Rollen, wenn auch ganz anders als Thomas Mann sich das anderswo einmal dachte. Am Ende trennt man sich wieder, die einen bitterer als die Anderen. Schließlich öffnet sich auch die Tapetentür zur eingangs beschriebenen Wohnung noch einmal- den schließlich liebt man nie umsonst in Frankfurt sondern ist stets auch eingebunden in die ökonomischen Zirkel, die doch die Welt zusammenhält. Über allem aber wacht ein Kakadu, ihm und seinem scharfen Schnabel kommt im Geschehen einen nicht unerhebliche Rolle zu. Das alles liest sich so leicht, so flirrend, so fantasievoll und schön, so heiter und leicht erscheint noch der dümmste Zufall und die widrigste Begebenheit, dass man sich am Ende doch leise fragt ob vielleicht alles auch ganz anders gewesen sein mag von dem was davor geschah. So klug und so leuchtend aber ist die Frage: „Wie war das eigentlich bevor wir uns kannten?“ noch selten beantwortet wurden, wenn sich auf diese Frage denn überhaupt antworten lässt.

Martin Mosebach, Was davor geschah, München 2010, Taschenbuch, 9, 90 Euro.

5 Gedanken zu “Read On mag Mosebach

  1. Vor allem dieses Buch mag ich wirklich sehr. Das Blutbuchenfest hat mich weniger zu fassen gewusst. Aber Mosbach ist glaube ich ein Autor, der Ihnen mehr gehört als mir.

    • Verschroben? Nein gar nicht. Es war Ihr Text über Tante Ria, der mich zu Mosebach gebracht hat. Der Ton, die Geschichten und ja die seltsame Spannung zwischen dem Schönen und dem Grässlichen,der bei ihnen beiden nie banal ist,ich mag das sehr. Obwohl bei Mosebach mich die Häresie der Formlosigkeit sehr ratlos zurückliess.

  2. Pingback: Schon wieder Mosebach | READ ON MY DEAR, READ ON.

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