Schweißflecken

Als ich vor vielen Jahren ein kleines Mädchen war, sah ich nicht so aus wie die anderen Kinder. Ich hatte keine blonden Zöpfe, die im Wind wippten, sondern einen schiefen Pony, den ich mir im Badezimmer selbst, wenn auch sehr schief geschnitten hatte. Anders als die anderen Mädchen trug ich keine Kleider oder ein buntes Mickey-Mouse-T-Shirt über den Leggins. Schon gar nicht hatte ich einen bunten tüllfarbenen Rock wie die I., die das beliebteste Mädchen in der Klasse war. Ich sehe noch immer wie sie sich auf dem Flur drehte, schneller und schneller bis die Farben des Tülls zu einem glitzerndem Regenbogen wurden. Der Rock hieß es ,sei aus Paris. Ich aber trug die größte Zeit meiner Schulzeit abgeschnittene Cargopants aus dem Krankenhaus auf. Wenn ich den langen Sommerferien nach Europa kam, erbte ich manchmal Abgetragenes vom Schwesterchen. Schwesterchen jedoch ist zehn Jahre älter als ich und so verschwand mein neunjähriges ich fast vollständig in ihrem neunzehnjährigen Kapuzenpullover. Anders als die anderen Kinder hatte ich auch keine Adidas oder Nike -Trainer an den Füßen, sondern trug Schlappen auf, die aus dem selben Klinikfundus stammten, wie die alten Cargopants. Irgendwann erbte ich dann ein Paar viel zu große Chucks vom Schwesterchen, die ich mit Kleenex ausstopfte, damit sie mir nicht von den Füßen rutschten. An dem Tag an dem ich zum ersten Mal mit diesen Schuhen in die Schule ging, war mir als hätte ich ein halbes Königreich gewonnen. Getragen habe ich die Schuhe bis sie mir von den Füßen fielen. Als ich ein kleines Mädchen war, wollte niemand in der Schulklasse neben mir sitzen. „Read On stinkt“ war eine so geflügelte Redewendung, dass es gar keiner Überprüfung des Sachverhalts mehr bedurfte. Und ziemlich sicher hatten die anderen Kinder Recht. Anders als sie, wurde ich nicht in einem klimatisierten Wagen durch die Hitze Nairobis chauffiert, sondern fuhr mit Herrn G., der ein Sammeltaxi betrieb zur Schule. Das Auto war alt und klapprig und beladen mit geschlachteten Hühnern, denen das Blut noch in den Federn steckte, mit Baumaterialien, Eisenrohren, Säcken voll Mais und oft balancierte ich neben meiner Jute-statt-Plastiktasche noch eine Schüssel mit Maniok und scharfer Soße auf dem Schoß, die Frau G. ihrem Mann für die Mittagszeit mitgegeben hatte. Oft blieb das Auto stehen oder wir blieben im Verkehr stecken. Sehr oft musste ich den letzten Kilometer zur Schule rennen. Ziemlich oft war ich durchgeschwitzt passierte ich das Schultor und ganz bestimmt klebten die Ärmel meines Shirts unter meinen Achseln. Aber selbst wenn das Auto Herrn G. und mich nicht im Stich ließ: ich konnte nie mithalten mit der glänzenden Reinlichkeit der anderen Mädchen. Wann immer ich den Schulhof betrat stellte mir jemand ein Bein und kam ich in den Klassenraum fingen die 25 Mädchen an ihre Nasen zu kräuseln und hörbar zu schnüffeln. Die I. das beliebteste Mädchen der Klasse war irgendwann einmal auf die Idee gekommen es sei noch viel lustiger, die Luft anzuhalten ,näherte ich mich ihnen. Wenn die I. das so wollte, wollten es die anderen Kinder auch. Als ich ein kleines Mädchen war, schnupperte ich an mir herum, unauffällig erschien mir das, aber die 25 Mädchen stießen sich in die Rippen und kicherten. Rannten sie nach dem letzten Klingelzeichen aus dem Raum versäumten sie es nie mich die Treppen hinunter zu schubsen und mit ihren hellen und hübschen Mädchenstimmen nachzurufen: „Read On, du stinkst.“ Dann stiegen sie in ihre klimatisierten Autos, die mit Fahrer vor dem Schultor warteten und entschwanden meines Blickes.

Heute bin ich lange schon kein kleines Mädchen mehr, und heute trage  ich einen blauen Pullover von COS, blaue Jeans von LEVIS, gepunktete Schuhe, die keine Löcher haben und mein Lieblingsdeo riecht nach grüner Gurke und Pfefferminz. Ich schnuppere nicht mehr an mir herum und setze ich mich irgendwo dazu, dreht niemand mehr den Kopf weg von mir, als fiele in meiner Gegenwart das Atmen schwer. Aber zeigt mir der D. heute morgen, das Bild eines Fußballtrainers, den ich nur vom Hören-Sagen kenne und der- nach einem Fußballspiel- an Überraschung ist es kaum zu überbieten, schwitzt. Er lacht der D. und will mir mit dem Bild, eine Freude machen. Ich tauge schlecht zur Schadenfreude und ein Bild eines Mannes mit Schweißflecken taugt mir zu nichts. Der D. wundert sich. Ich wundere mich auch aber anders. Ich wundere mich darüber, dass den Mädchen und Buben, den Männern und Frauen , die doch für Tierschutz, veganes Leben und Menschenrechte aller Art sofort zu haben sind, nicht unwohl wird bei ihren Witzen. Den ganzen Tag muss ich schwer schlucken und daran denken wie ich ein kleines Mädchen war und mir die Kinder hinterherriefen: Read On, Du Stinkst und dabei lachten. Ihr Lachen war wie sie, hell und wunderschön.

7 Gedanken zu “Schweißflecken

  1. Das ist eine traurige Geschichte, die Du da erzählst. Zumindest auf den ersten Blick.
    Je länger ich aber darüber nachdenke, umso reicher erscheint mir Dein Leben, im Vergleich zu den chauffierten duftenden Mädchen.
    Ich bin beinahe sicher, dass die eine oder andere im Verlauf ihres Lebens immer mal wieder an Dich denkt, und an das,w as sie Dir angetan haben, aber auch an das, was Du erlebt hast, als Du auf dem Weg zur Schule warst, während sie hinter kühlen Glascheiben durch ein ihnen fremdes Land glitten.

    Es geht mir wie Dir: ich verstehe nicht, warum Menschen ihre Achtsamkeit auf vegane Lebensweise usw beschränken und dabei nicht sehen, was sie ihrem Nächten tun, wenn sie ihn hänseln, über ihn lachen und ihn ausgrenzen.

    • Schön, dass wir uns in der Ablehnung jener doch recht verstörenden Häme einig sind. Manchmal frage ich mich, was die schönen Mädchen heute wohl machen. Ich glaube nicht einmal, dass Ihnen bewusst war was sie da taten, Kinder sind grausam und Außenseiter lernen ganz wie sie sagen, manche Lektionen früher im Leben als Andere.

  2. Am liebsten würde ich das kleine Mädchen in den Arm nehmen und ihm sagen, dass sein Weg ein anderer sein wird als die Wege der anderen. Und bunter und lebendiger, aber schwerer, zumindest sieht es so aus am Anfang. Danach wird sie mehr gesehen haben und mehr wissen als alle anderen zusammen.
    Wie die anderen heute leben?
    Dafür braucht man vermutlich nicht allzuviel Phanstasie.

    • Das Mädchen gibt es schon lange nicht mehr. Irgendwo ging es einmal verloren und kam nicht mehr zurück. Merkwürdig, dass die alten Geschichten noch immer an einem ziehen und zerren. Wahrscheinlich haben sie Recht und die I. und all die anderen, starren auf weiße Wände in weißen Leben.

  3. Musste Kleidung meiner sechs Jahre älteren Schwester auftragen. In der Grundschule musste ich ein Gedicht vor der Klasse vortragen und meine Freunde haben sich kaputt gelacht, da ich ein Oberteil von meiner Schwester anhatte, das nicht mehr dem aktuellen Chic entsprach. Ich wollte im Boden versinken.

    • Schrecklich! Kinder können ja unendlich grausam sein. Empathie muss man lernen und Kinder sind sehr begabt Außenseiter zu identifizieren und bloßzustellen. Es waren keine guten Jahre.

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