Reisen in die deutsche Provinz-Aschersleben(I)

Wir sind die einzigen im Zug der sehr früh, sie kennen das ja schon, aus Berlin losfährt. Noch ist alles still und frisch, noch ist die Luft nicht abgestanden und erst eine gute Stunde später, zieht eine Gruppe von Männern durch den Zug, die mit Bierdosen in der Hand, ihren Junggesellenabschied mit dem Öffnen von Bierdosen einläuten. Leider entdecken sie nach zwei Bier auch die C. und mich. Sie fordern uns auf ‚Penisring’ zu sagen und wollen uns überzeugen ihnen Schnäpse oder Badeschlappen abzukaufen. Wir indes wollen nichts von alledem wissen. Sie grölen Zoten und ziehen ab. Dann sind wir schon in Dessau und müssen den Zug wechseln. Als wir losfahren, lacht die C. und zeigt in Richtung Bauhaus. „Weißt du noch?“ Ich weiß es noch und werde rot. Vor Jahren schon zu einer Ausstellung über Porzellan im Bauhaus, redete ich mich so in Schwung und zog die C. von Tasse zu Teller und wollte kein Ende finden vor Staunen und Glück.  Drei Stunden oder nochlänger verbrachten wir vor zwei Vitrinen und immer noch war die C. geduldig mit mir. Niemand als die C. hätte dies mitgemacht und noch viele erstaunlicher ist es, dass die C. noch immer mit mir verreist. Heute aber lassen wir die kurze deutsche Moderne hinter uns. „Du suchst noch immer nach Kaisersaschern“, sagte die C. als ich ihr antrug doch nach Aschersleben zu fahren. Natürlich hat die C. Recht, ich suche noch immer nach jenem unsterblich gewordenem Ort, den Thomas Mann im Doktor Faustus erfand, irgendwo zwischen Halle und Leipzig gelegen, dabei sowohl gegen die Elbe als auch gen Thüringen gewandt. Dabei ist Kaisersaschern weniger ein Ort als vielmehr eine Landschaft über die wir wenig wissen und vielleicht auch zu wenig wissen wollen. Was wissen wir schon über Bernburg, einen Ort in dem mehr als 50 Prozent der Bürger, die AfD gewählt haben? Vom Bahnhof aus jedenfalls sehen wir die hohen Kirchtürme und chinesische Studenten, die sich lachend gegenseitig fotografieren. Auf den ersten Blick sieht man nicht viel. Aber mir scheint, es ist an der Zeit sich zu fragen, wie es um Kaisersaschern wohl bestellt ist. Aschersleben aber betritt man, steigt man aus dem Zug quasi durch die Hintertür. Der Weg in die Stadt führt furch einen Park, dessen artifizielle Anlage etwas Eigentümliches hat. Fast glaubt man, die Menschen, die auf Parkbänken sitzen oder sich über die Rosen beugen seien bezahlte Statisten, die in einem großen Film mitwirken. Sie wirken eher wie Zaungäste, die sich ihrer Rolle noch nicht recht bewusst sind. Wir aber lassen den Park bald hinter uns liegen und schon nur durch eine Straße getrennt stehen wir wo der Grafikstiftung Neo Rauch. Groß, viel größer als ich dachte ist der Neubau, und deutlich getrennt vom historischen Kern der Stadt. Ein Ort, der in der Membran der Stadt seinen Platz noch nicht gefunden hat, aber von dem ich glaube, dass diese Stadt ihn braucht. Tritt man hinein, ist man gleich gefangen vom IMG_4371verstörenden Zauber der Bilder und ihrer Geschichten. „Vater und Sohn“ heißt die Ausstellung und schon der Titel verweist auf die Lücke: Neo Rauch hat seinen Vater nie gekannt. Seine Eltern kamen 1960 bei einem der schwersten Zugunglücke der DDR ums Leben. Der vier Wochen alte Sohn wuchs bei den Großeltern in Aschersleben auf. Jetzt in und mit ihren Bildern begegnen sich Vater und Sohn. Max Beckmann, der Hotels und schöne Frauen liebte, soll einmal gesagt haben: das Schicksal begegnet einem manchmal in Form eines Liftboys. Neo Rauch sagt: das Schicksal begegnet einem manchmal in Form eines Stellwerkers. Und es ist das große Porträt „Stellwerk 2“, das hier zur ewigen Klage wird. Das Schicksal wird hier übergroß und tonnenschwer. Es ist durch nichts zurückzunehmen und bleibt wohl dem Liftboy gleich immer zur Stelle.Berührend sind die Bilder in ihrer Schwere. Der kühle und unverstellte Blick des Vaters auf die DDR und ihr ewiges Grau. Daneben Zeichnungen des Sohnes, der vielleicht in seinen Bildern auch nach Kaisersaschern fragt und dessen Bilder nichts auslassen, sich nicht wegducken, nicht vor dem Hässlichen, nicht vor dem Kleinen, sondern es groß machen, so dass wir es sehen können, bis wir in einer Ecke vielleicht auch uns entdecken. Überhaupt ist Max Beckmann nie ganz fern, die Aktbilder Hanno Rauch’s sind ähnlich intensiv wie Quappi. Sie alle zeigen wohl Hanno Rauch’s Frau Helga, in betörend schöner Weise. Es nicht nur ein liebender Blick, sondern und das macht die Traurigkeit nicht kleiner, ein Blick der sich die Zukunft in dieser, seiner Frau vorstellt, ja sich von ihr ein Bild macht.Von anderer Schönheit aber sind die Porträts zweier Affen, die zwar ganz in Schwarz-Weiß gehalten doch ganz lebendig zu uns hinübersehen und wir zwinkern zurück.

IMG_4368IMG_4366Am erstaunlichsten aber an dieser so erschütternd- intimen Ausstellung ist wie der Sohn sich vor dem Vater zurücknimmt, anders als doch Söhne und auch Töchter es üblicherweise halten, wenn sie sich den Eltern nähern. Es kann dann oft nicht scharf konträr und abgrenzend genug sein, aber hier lässt ein Sohn dem Vater, den Vortritt, lässt ihn hinein in den Raum und lässt ihn den Unbekannten erzählen, in Bildern. Ganz am Ende der Ausstellung schon hängt ein Holzschnitt des Vaters: Ein Wartesaal, über den Reisenden, die große Bahnhofsuhr, nein sie zeiht nicht fünf vor zwölf, Koffer, ein Gepäckwagen im Vordergrund, Aufbruch und Langweile, von beidem nicht wenig. Ein Mitropa -Restaurant, müde Gesichter, eine Szene so banal, so alltäglich, ihnen allen so vertraut und nirgendwo eine Warnung, nicht einmal eine Kappe des Liftboys oder ein Handschuh eines Bahnwärters sind zu sehen. Nichts wird passieren und doch alles, alles kann passieren und manchmal geschieht es wirklich und unumkehrbar, und nichts bleibt übrig von dem was einmal war.

Ganz leise gehen die C. und ich aus der Ausstellung heraus, für eine ganze Weile sitzen wir auf einer der Parkbänke und sehen dem so künstlich-wirkenden Leben zu. Später gehen wir über die Straße, Kaisersaschern sage ich zur C. und die C. nickt mir zu. Davon aber soll morgen erzählt werden, für heute ist es genug.

„Hanno & Neo Rauch, Vater und Sohn“, Wilhelmstraße 21–23, D-06449 Aschersleben, Öffnungszeiten: Mittwoch- Sonntag, 11- 17 Uhr, Eintritt: 4 Euro. 

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2 Gedanken zu “Reisen in die deutsche Provinz-Aschersleben(I)

  1. So, jetzt habe ich einen Grund, nach Aschersleben zu fahren. In Bernburg war ich mal sechs Wochen, bin dort sechs Jahre alt geworden. Die Erzieherinnen, erklärte mir mein Vater später, waren früher beim BdM. Da gab es eine Köchin, die muss aus Ostpreißn gewesen sein: ‚Himmel und Erde‘, Königsberger, Milchnudeln… Oh Gott, hab‘ ich gekotzt 🙂 Und den Geruch habe ich heute noch in der Nase. Einige Jungs mit zuviel Heimweh mussten sich morgens vor die versammelte Meute stellen und ihr Laken hoch halten. Unvergesslich schön waren Solbäder in riesigen Badewannen, bereitet und überwacht von Nonnen.

    Bei vielen ostdeutschen Kleinstädten kommt, glaube ich, diese sonderbare Atmosphäre auch durch die tadellosen Straßen und Fassaden in ihrem Gegensatz zu der Trostlosigkeit zustande. Die Leute verstehen nicht, dass die Zeit von Polizeischulen, Kunsthonig-, Senf- und Marmeladenfabriken, Salzbergwerken und Papierfabriken, die die Flüssen vergifteten, mal abgelaufen ist. Vielleicht entdecken junge Berliner und Leipziger, Dresdner und Erfurter diese Städte später einmal, wenn die Molochs unbewohnbar werden.

    Wenn Sie wieder mal Lust auf eine Wochenendfahrt haben: Dessau, Ebertallee. Ihre Meinung zu den beiden Neubauten. Ich finde sie grandios.

    • Unbedingt! Es lohnt sehr. Es ist eine eindrückliche Stadt mit einer ganz eigenen atmosphärischen Dichte. Allein in die Kirche kommt man sehr schwer hinein. Die Neo Rauch Grafik-Stiftung ist fantastisch und wirklich ein Juwel. Ihre Erinnerungen sind ja auch nicht ohne und Sie haben Recht, es gibt Gerüche die behält man auf ewig in der Nase. Auch deswegen gilt das Motto: „Kisch schreib’s auf!“

      Alles was Sie über das Phänomen der deutschen Kleinstadt sagen ist ganz und gar wahr, es wäre den Regionen zu wünschen, verkümmerten sie nicht so mühselig vor sich hin. Dessau mag ich sehr gern, die Meisterhäuser und das Kornhaus sind atemberaubend,die Ebertallee ist notiert. Vielen Dank auch dafür!

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