Zeugen

Vielleicht werden sich einige von Ihnen noch an Herrn Salman erinnern. „Rosenblüte“, sagte Herr Salman, kurz bevor ich im letzten Herbst aus Neu-Delhi zurück nach Europa flog.,Rosenblüte kann ich Sie wohl einmal sprechen?“ Ich nickte und räumte die Stapel auf dem Tisch beiseite um Platz zu machen. Wir sitzen in einem engen und heißen Zimmer, in einer kleinen Slum-Klinik in einem riesigen Slum mitten in Neu-Delhi für den sich niemand, wirklich niemand interessiert. Die moralische Aufmerksamtkeitsökonomie ist hierher noch nicht vorgedrungen. Hier sitzen also Herr Salman und ich. Herr Salman hält eine schwarze Plastiktüte in den Händen. Es ist eine ganz gewöhnliche, schwarze Tüte. Herr Salman hält mir die Plastiktüte entgegen und sagt: das ist alles was von ihnen übrig ist. In der Tüte ist nichts weiter als graue Asche. Ich sitze dort an diesem Tisch und sehe in den Beutel hinein, sehe die graue Asche und sehe Herrn Salman, der nicht viel sagt. Verbrannt sind Frau und Kinder, Eltern, Schwiegereltern, damals in Gujarat. Es ist nicht still dort wo wir sitzen,auf der Straße verkaufen Händler Zwiebeln und Stoffe, Kinder schreien und lachen und auf den engen und heißen Fluren sitzen viele wartende Menschen. Hier im Raum sitzen wir, sitzen vor der Asche und Herr Salman sagt: Ja, ich bin ein Zeuge.

Meine Großmutter verwendete den Begriff „Überlebende“ nie für sich. Gelebt so wie vielleicht Sie oder ihre Eltern hat meine Großmutter nie. Wie sollte das auch gehen. Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, es gäbe die Möglichkeit angesichts der Asche, weiterzuleben. Alles was blieb war mir, die ich ein Kind war, in langen und quälenden Tagen wie Nächten, die Familienmitglieder, die doch Asche geworden waren vorzustellen, sie mir in das Gedächtnis zu brennen, auf das sie für immer bei mir wären. Ihr ganzes Leben hat meine Großmutter, wie auch mein Großvater darauf gewartet, dass ihre Eltern und Geschwister doch an der Tür klingelten und hineinträten zurück ins Leben. Sie mögen sagen, man kann doch nicht ein Leben lang im Wartesaal verbringen und ich sage ihnen: sie haben noch nicht einmal angefangen zu warten. Versprich mir sagte meine Großmutter zu mir, kurz bevor sie starb: warte, bis sie zurückkommen. Ja, meine Großmutter war ein Zeuge.

Das Stück in der Schaubühne beginnt mit einer Frau, die sich vorstellt, ihren Namen sagt, erklärt wo das Dorf, das niemand kennt, liegt. Burundi. 1993 Viereinhalb Jahre alt war sie als ihre Eltern, ihre Geschwister, Großeltern, ja das ganze Dorf in Schutt und Asche gelegt wurde. Das Kind entkommt in ein Waisenhaus und schließlich nach Belgien. Sie sieht uns an die Frau auf der Bühne und sie sagt „Oui, je suis un témoin.“ Ja, ich bin ein Zeuge.

Für einen Moment weiß ich nicht mehr, wen ich höre. Herrn Salman, meine Großmutter, die Schauspielerin Consolate Sipérius? Ich sehe sie wieder die Plastiktüte, sehe wieder den Blick meiner Großmutter, die mich abfragte, Namen, Daten, Lebensläufe, und sehe wie sie auf Antwort warten, denn es ist nicht einfach ein Satz, es ist eine Frage: Oui, je suis un témoin. Und in ihm schwingt schon die Vermutung mit, dass unsere Antwort enttäuscht, denn was wissen wir schon über die Asche, die verstreute und die aufgehobene, die nie gesehene, die allgegenwärtige, die niemals verschwindende, den klagenden Überrest der Frage, warum sie und nicht ich. „Rosenblüte“ sagte Herr Salman, „Rosenblüte, helfen Sie mir?“

Milo Rau, Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Schaubühne Berlin, Juni 2016

 

 

2 Gedanken zu “Zeugen

  1. Warten ist Furchtbar. Der Zeuge ist in einer denkbar schweren Position: wie oft findet man schon jemanden, der wirklich hören und wie Hannah Arendt gesagt hätte: verstehen will? Und dann, wer glaubt mir und bin ich glaubhaft? Es ist wie immer sehr schwierig.

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