Zwischen den Seiten

Jeden Abend wenn ich in den Zug steige, sehe ich die mir unbekannte Frau. Genau wie ich, steht sie im Mittelgang des Zuges der Dublin erst mit den Vororten und dann mit den weiter entfernt liegenden Dörfern und Städten verbindet. Voll ist der Zug, stickig und verbraucht ist die Luft schon beim Einstiegen. Die Lehrerinnen, Bankangestellten, die Mütter mit Kinderwagen, die Rentner und Bauarbeiter sie alle sehen müde aus und oft auch geschafft. Der Zug gleitet anders als ein ICEnicht lautlos durch die Landschaft, sondern rumpelt so vor sich hin und bleibt oft auf der Strecke länger stehen als an den eigentlichen Bahnhöfen. Die Züge und Gleise der Iarnród Éireann, der irischen Bahn sind veraltet und wie der gesamte öffentliche Sektor natürlich chronisch unterfinanziert. Wohl auch deswegen stehen die Frau und ich jeden Abend fast parallel zueinander im Mittelgang. Auffällig ist die Frau dabei nicht. Blass ist sie auf eine Weise, die man im 19. Jahrhundert anämisch genannt hätte, verbunden mit der Aufforderung doch auf ein paar Wochen einen Lungensanatorium aufzusuchen. Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Heute trug  die Frau einen schwarzen Rock aus einem mich irritierendem weil nicht zu identifizierendem schwarzen Stoff und ein blaues Shirt mit angedeutetem weißen Bubi-Kragen,fest geflochten sind ihre fast farblosen Haare und nur zwei kleine hellgrüne Ohrringe nehmen ihrem Gesicht die Strenge. Die Frau liest. Sie steht mit den Füßen ineinander verhakt an einen Sitz gelehnt und liest. Aber nein, sie liest nicht nur, sie ist versunken in eine andere Welt. Sie lächelt vorsichtig und fein, wenn vielleicht ein Liebesbrief endlich doch den richtigen Empfänger bekommt, ich habe sie aber auch schon missmutig auf die Unterlippe beissen sehen, wenn möglicherweise ein liebgewonnener Held etwas besonders Dummes gesagt haben mag, manchmal aber sehe ich sie tief seufzen, weil es doch anders gekommen ist, als sie es vielleicht erwartet hat. Genauso gut aber, habe ich die Frau schon kichern sehen als eine Geschichte wohl Fahrt aufnahm und sich auf einmal alles drehte. Manchmal aber blättert die Frau so hastig durch die Seiten, verschlucken sich ihre Augen fast an den Wörtern, so dringend und so ansichtig ihr Wunsch doch zu erfahren, wie es wohl weitergeht auf der nächsten und übernächsten Seite. Traurig blickte die Frau schon manches Mal ins Leere und packte das Buch in die schwarze Handtasche, die sie bei sich trägt, manchmal sieht sie beschwingt durch das schlierige Fenster bevor sie das Buch weglegt und aussteigt. Immer wieder während jeder Fahrt jedoch muss ich von meinem Buch aufsehen und sie ansehen. Fast schon ehrfürchtig staunend, sehe ich ihr Gesicht hinter dem Buch, das mitfühlt und mitleidet, das hofft und staunt und klagt , dem das Herz schwer wird und das Lachen in den Mundwinkeln zuckt, ihr Gesicht das ganz und gar mit den Figuren lebt, das sich aufhellt und verdunkelt mit den Seiten, das ganz und gar aufgeht im Lesen und ankommt in den Welt die hinter sechsundzwanzig Buchstaben liegt und in jedem Buch auf ein Neues beginnt. Wunderschön ist die Frau, die da mit mir im Mittelgang des Zuges steht, heute ganz staunend versunken in „My brilliant friend“ von Elena Ferrante, und seien Sie versichert, auch wenn sie nicht von Dublin aus weit in die Landschaft fahren, bestimmt gibt es auch in Ihren Zügen eine Leserin ganz unverkennbar wie sie.

Regenwand

Alles deckt der Regen zu. Die Häuser, die Straßen, selbst das Meer, sonst von jedem Winkel des Dorfes aus sichtbar, verschwindet hinter einer undurchdringlichen Wand aus Regen. So perlgrau wie undurchdringlich, kaum wahrnehmbar aber doch unausweichlich, habe ich mir immer das Leichentuch Penelopes, welches sie für Laertes webte, vorgestellt. Dieser dichte Vorhang aus Regen, seidenmatt und dunkelgrau verschluckt die Welt. Als ich hinaus gehe, hält der Regen mich fest bei den Händen. Die Frau des Krämers schimpft über die grauen Wolken als hätten diese ihr persönlich Rache geschworen. Aber die Frau des Krämers hat die Welt schon immer nach ganz eigenen Kriterien betrachtet. Über das Wetter kann sie genauso gut in Rage geraten, wie über den faulen Postboten oder ein Glas sauere Milch. Meine Theorie, das Penelope vielleicht doch in späteren Jahren, das Leichentuch nicht mehr auftrennte und dieses sich nun als Regen über Irland spiegele, findet sie maßlos verhoben. „ Twenty years of waiting for some odd fellow?“, sagt sie zu mir und schüttelt den Kopf. “I would have taught him a lesson”, fügt sie hinzu und zeigt auf den Besen, mit dem ihr Mann täglich den Ladenraum kehrt. „Twenty years“ murmelt sie entsetzt und schüttelt wieder den Kopf. „Read On“ sagt sie, „Du kennst wirklich zu komische Leute.“ Ich nicke, denn mit der Frau des Krämers heißt sich gut zu stellen im Dorf. Durch den dichten Regen laufe ich hinweg und winke den Nachbarn, die ich nur schemenhaft sehe zu. Grauen Gespenstern gleich, winken sie zurück. Zurück zu Haus, öffne ich der Katze die Terrassentür. Mit entgeistertem Blick sieht sie mich an und flüchtet auf den Sessel. Um 13 Uhr klopft der Priester an die Tür. Schon der kurze Weg über den Kirchhof hat ihn völlig durchnässt. Über Rostbeef erzählt er mir vom Besuch einer Messgewand-Ausstellung. Seidengewirkte Stoffe, bestickt mit Kirschen und Grünfinken beschreibt er mir und natürlich horche ich auf, als er mir mit beiden Händen weit ausfahrend ein silbergraues Gewand beschreibt, ein faden wie aus Quecksilber sagt er und ich nicke und füge leise und unhörbar hinzu: oder wie die silbergrauen Perlen des Regens vor dem Fenster. Schließlich geht der Priester um wie der Rest des Dorfes im Pub, das Fußballspiel zu sehen. Ich aber ziehe mit einem Stapel Zeitungen auf das Sofa um. Bald aber schon fallen mir die Augen zu und ich träume von Ithaka, träume vom weinenden Odysseus am Tisch von Nausikaa und als ich wieder aufwache, glaube ich wenigstens für eine Sekunde oder auch zwei, Penelope am Meeressaum zu sehen, die mir durch den weiterhin dichten und so seidenmatt wie perlgrauen Regen zunickt, bevor sie ihre eigenen und ganz verschlungenen Wege geht.

Im Feuer

Es ist ein Knacken, als bräche aus dem Unterholz des Waldes auf einmal ein großer Hirsch hervor. Aber um vier Uhr nachts gibt es keine Hirsche in meinem Schlafzimmer in dem auch kein Waldboden liegt. Das Knacken und Knistern aber bleibt und wird unverdrängbar lauter und als ich aufstehe schimmert es rötlich durch mein Fenster. Erst auf dem Balkon sehe ich, dass es brennt. Es brennt überall. Es brennt zu meiner Linken, es brennt zu meiner Rechten und es brennt auch am Ende der Straße. Das Knacken und Knistern indes wird lauter und noch während Polizei und Feuerwehr sagen, dass sie kommen, versuche ich mich daran zu erinnern, wie man eigentlich ein T-Shirt anzieht. Als es mir wieder einfällt, stehe ich schon unten auf dem Hof und sehe in die Flammen, die bis in die Baumwipfel ragen. Die Bäume hier sind 100 Jahre alt und die Gehwege voller Tannennadeln und Kienäpfel und auch die Zäune sind mehrheitlich aus Holz. Da stehen wir also, die Autobesitzer, die nicht nur Nachbarn sind, sondern schon lange Freunde. Hilflos steht man vor den Flammen, die knistern und knacken, die Funken sprühen und sich langsam ihren Weg von den Reifen in die Karosserie fressen, bis sie schließlich auf ein zweites Auto übergreifen. Hilflos erinnere ich mich des Wasseranschlusses an der Hauswand und setze den Gehweg, die Tannennadeln und die Kienäpfel unter Wasser. Es ist ungefähr so, als wollte man einen Zimmerbrand mit der Blumenvase löschen, aber besser als die lähmende Hilflosigkeit ist es allemal. Dann kommt die Feuerwehr und wenig später auch die Polizei. Es riecht nach verbranntem Gummi und die ausgebrannten Autos stehen am skelettgleich am Straßenrand. Kaffee für die Feuerwehrleute. Es ist halb sechs. “Rigaer 94’ bleibt”, steht an einen Hauspfeiler geschmiert. Aber was bleibt, ist ja kein Projekt, sondern was bleibt ist Nachbar A., Rentner, der mit seinem Renault am Wochenende seine Tochter in Hamburg besuchen fahren wollte und jetzt zurück bleibt. Es bleibt Nachbar B., der so freundlich wie hilfsbereit, heute nicht zur Arbeit fahren wird. Zurück bleiben wir, die wir hier wohnen und nacheinander sehen, wir die Nachbarn sind und schon lange Freunde. Hier kann man auf der Straße Federball spielen, jeden nach einem Glas Wasser fragen, Kinder auch in fremden Badezimmern wickeln und ist Hilfe gefragt gibt es mehr Hände als Probleme. Wir bleiben zurück. Noch später, als ich letzte Dinge in die blaue Tasche werfe und die Rosen aus der Vase nehme, immer schon mit Blick auf die Uhr, da höre ich noch immer das Knacken und Knistern des Feuers und sehe ich die verkohlten Überreste der Nacht frage ich mich, ob und was eigentlich der Traum der „Rigaer 42″ Aktivisten sein soll? Einem Rentnerehepaar das Auto anstecken für eine schönere Welt? Sitzen diejenigen, die sich aufmachen in der Nacht dann in Wohnungen, die auf mich einen verkommenen Eindruck machen und stoßen mit  verranzten Kaffeetassen auf den Sieg an? Oder hüpfen sie auf ungelüfteten Matratzen und singen „Venceremos“? Wie ist das möglich denke ich als ich in der Bahn zum Flughafen sitze, dass sie es nicht hören, das Knacken und Knistern, welches dann rasendes Feuer wird? Können sie den Wasserhahn aufdrehen, ohne dass das wütende Feuer lauter in ihren Ohren rauscht? Fragen sie sich nie, ob nicht vielleicht eine kleine Katze, die unter den Reifen schläft, verkohlt wie die Karosserie? Fürchten sie sich nicht, wenn sie weiterlaufen, dass der Wind das Feuer anfacht und ganze Straßenzüge niederbrennt? Noch als ich in Dublin ins Büro komme, wo alle Welt dem Brexit zürnt und es aus Strömen gießt, höre ich dieses entsetzliche Knacken und Knistern des Feuers und frage mich wie man mit dem Niederbrennen so zufrieden und glücklich leben kann, wie diejenigen die heute Nacht kamen es tun.

2o Meter entfernt übrigens, von den brennenden Autos steht das ehemalige Wohnhaus Jochen Kleppers, der um sich und seine Familie vor der Deportation zu bewahren, Selbstmord beging. “Vorsicht Gas” schrieb er auf den Zettel, den man auf dem Küchentisch fand.

Schwanensee

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Früh aber, das heißt nicht später als Viertel nach Fünf aufstehen und mit den Zehen nach den Flip-Flops angeln. Um diese Zeit läuft der Sand im Stundglas noch nicht so schnell durch die Finger, sondern der Stundenzeiger träumt vom Uhrenbuch, der Minutenzeiger seufzt im Halbschlaf leise weiter und selbst der unerbittliche Sekundenzeiger gähnt noch einmal herzlich. Da aber fahre ich mit dem Rad schon zweimal rechts, die lange Straße hinunter biege links in den Ortskern ein und um halb sechs tauchen meine Zehenspitzen schon ins Wasser. Kühl und glatt ist das Wasser, aber auch dunkel und tief. Die Enten schlafen, selbst die beiden Schwäne vor denen ich mich fürchte haben die Hälse elegant zurückgebogen und träumen vielleicht von einem Ei aus Gold. Schon so viele Sommer fahre ich jetzt zum See und immer schwimme ich die gleiche Strecke, vierzig Minuten und immer ist alles ganz still. Vom Lärm des Tages und der Nächte künden nur die Bierflaschen und Mülltüten, die am Ufer liegen. Einmal, ich glaube es war in meinem ersten Berliner Jahr, trat ich mir die Scherben einer solchen Flasche tief in die Fußsohlen hinein, denn ohne Brille bin ich blind wie eine Natter. Blutend saß ich damals auf dem Baumstamm, aber wiedergekommen bin ich trotzdem, Tag für Tag, und immer ist der See tief und verschwiegen, manchmal wenn die Sonne schon aufgeht auf dem Weg zurück ans Ufer, leuchtet er golden und weiß etwas vom Glück des Sommers. Aber schon meine Großmutter, die mir das Schwimmen beibrachte und an deren Rücken ich klammerte, schwamm sie mit mir ins Tiefe, warnte mich vor dem Herrscher der Meere, dessen jüngerer Bruder, der Nöck nämlich auf dem Boden des Sees die Herrschaft streng in seinen Händen hielte. Die Fische, die man manchmal am vorbeigleiten sieht, sagte meine Großmutter seien des grausigen Herrrscher’s Spione und noch das leiseste Flüstern der Weiden, die ihre Spitzen in die Wasseroberfläche tauchen und auch den Gesang der scheuen Wasserelfen, die mit dem frühen Nebel aus den Tiefen tauchen. Achtsam musst Du sein mein Kind, sagte meine Großmutter und erzählte von Bräuten, die nie mehr die Oberfläche des Sees erreichten, mochte der Bräutigam auch weinen und klagen und auch Männer die mit langen Stöcken nach den Verlorenen suchten seien stets nur mit einer Hand voll Schilf oder Tang von ihren Exkursionen zurückgekehrt. Selbst Taucher habe der Nöck geknackt wie manche Menschen Hummer äßen, denn wenn der Herrscher der Tiefen ein Opfer fordere, helfe kein Jammern, kein Klagen, sondern alles sei vergebens. Ich strampelte dann stets fester mit den Beinen und hoffte niemals würde der Nöck sein Antlitz erheben, wäre ich zugegen. Noch immer, noch heute erreiche ich die Mitte des Sees aber schwimme ich so leise es geht, um ja den Nöck nicht zu wecken, der vielleicht schlafend gegen seinen Muschelthron lehnt, hinter ihm ein halbverwester Brautschleier und eine ganze Galerie vor aller Taucherhelme. Mich aber hat der Nöck mich nicht bemerkt. Schwimme ich zurück, dann sind die Enten aufgewacht und die Entenmütter zählen ihre Kinder, schwerer aber wiegt, dass auch die Schwäne, die ich in heimlichem Bunde mit dem Nöck wähne, längst schon Teewasser aufsetzen und Tanggrütze mit Schilfhalmessenz frühstücken. “Bonjour Monsieur le Cygne” sage ich daher freundlich und rücksichtsvoll wate ich aus dem Wasser zurück ans Ufer. Französisch scheint mir die beste Sprache, denn wer weiß, ob sie nicht eigentlich auf Schloßteichen in der Normandie, Manieren erlernten und so vielleicht sanftmütiger sind gegen mein Beisein an ihrem Frühstückstisch. Scheußlich scharf erscheinen mir ihre Schnäbel, und wer einmal eines Schwans kräftige Floßen-Füße neben sich im Wasser rudern sah, schläft deutlich unruhiger ein. Noch dazu erzählte mir erst gestern der S., das einmal sein Großvater in einen Kampf mit einem Schwan geriet, den er nur unter Einsatz eines Hammers für sich entscheiden konnte. Weder führe ich jedoch einen Hammer mit mir, noch möchte ich mich in einem Handgemenge mit einem Schwan wiederfinden und so mache ich ein freundliches Gesicht, und eile ans Ufer. Da steht manchmal die Sonne, aber heute tropft es von den Bäumen, ich angle erneut nach den Flip-Flops, und fahre zurück nach Haus. Inzwischen sind ja auch die Uhren erwacht und beständig schon nimmt der gelbe Haufen Sand im Stundglas ab.

Rettungsringe

Die Amseln sitzen in den Baumkronen. Sie lachen mich aus. Wenn sie gerade nicht über mich lachen, picken sie Kirschen und haben sie noch nicht genug gelacht, dann spucken sie Kirschkerne zu mir nach unten. Die Stare und Amseln, die Spatzen und auch die Tauben haben schon lange verstanden, dass ich trotz der Holzleiter die schwankend in den Zweigen lehnt ihnen hoffnungslos unterlegen bin. Die Vögel lachen und ich harke angepickte und auf den Boden gespuckte Kirschen und Kirschkerne zusammen. Dann aber gilt es die Erdbeeren vor dem nächsten Regen zu retten. Sonst lachen auch noch die Schnecken über mich und das wäre vielleicht dann doch zu viel des Guten. Patschnass bin ich dann, aber immerhin sind die Erdbeeren gerettet. Gerettet ist vielleicht doch ein zu großes Wort.

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Kleiner ist der Freitagstisch geworden mit den Jahren. Aber meine Hände, die so oft es sich einrichten lässt am Freitag Gemüse hobeln, Fleisch marinieren und einen Kuchen in den Ofen schieben, haben es noch nicht verstanden, dass der Zirkel der alten Damen, die zu mir zum Shabbat kommen kleiner und kleiner wird und so bleibt der Topf mit Briehe wie es heißen muss sehr, sehr groß. An diesem Freitag sind wir zu viert. Aber sind wir es wirklich? Kommen nicht all die Toten auch zu Tisch. Sitzen sie nicht schweigend mit uns am Tisch und legen uns unsichtbar und doch kaum zu übersehen die Hände auf die Schultern? Schließlich sind die Freitagabende doch seit jeher Achterbahnfahrten in die Vergangenheit, die nicht Vergangenheit wird. Schließlich weiß keiner der alten Damen, ob dieser Freitag nicht der letzte gewesen sein wird und wer wird sich dann noch erinnern? Mitten in den Sätzen brechen sie ab oder es bricht lauernd aus ihnen hervor: Lilja war ein schönes Mädchen, sagt B. und sieht mich und alle anderen am Tisch an, sieht uns sehr streng an und für einen Moment, einen sehr langen Moment, herrscht eine angespannte Stille. So als müsse Lilja, die schönste ihrer Schwestern, die wohl wie sie, das zarte Budapester Deutsch sprach und die, so schön gewesen sein muss, wie sonst nur die Mädchen im Märchen, gleich oder doch bald, die Treppen hinauflaufen, klopfen, lachend und ein bisschen atemlos, vielleicht mit roten Wangen zur Tür hineinsehen müsste, weil sie ihre Schlüssel hat liegenlassen oder sich doch für ein anderes Paar Schuh zu begeistern mag und wir alle noch mit einem Hauch ihres Parfums in der Nase, hätten sobald die Tür sich hinter ihr schlösse, alle wie wir da sitzen gesagt: Lilja ist ein schönes Mädchen. Aber niemand kommt die Treppe hinaufgerannt, keiner lässt den Schlüssel liegen und erst recht bleibt der Schuhschrank verschlossen und wir, die wir warten, wenn uns auch Lilja versetzt, ob nicht B. noch etwas hinzufügt, warten auch hier vergeblich, und eine andere Dame erzählt an einer ganz anderen Stelle weiter, von einer Reise nach Odessa vielleicht oder einer Cousine dritten Grades, die auch Lilja geheißen habe und sogar mit einem Rebbe verheiratet gewesen sei. Aber inmitten all des Redens, das ein angestrengtes Gegenanlaufen gegen die große und nicht zu schließende Lücke- die nicht nur Lilja, die wohl ein schönes Mädchen war- hinterlassen hatte, liegt über jedem Freitag Abend eine undurchdringliche Stille, die sich durch keine Sprache, nicht durch das Prager, das Budapester, das Berliner Deutsch durch Hebräisch oder Jiddisch aufheben lässt. Haben wir uns wirklich gerettet, frage ich mich, noch spät in der Nacht als ich den letzten Teller in den Schrank zurückstelle. Rettung ist das nicht ein zu großes Wort?

„Rette mich“, sagt der ehemalige geschätzte Gefährte am Telefon. Air France nämlich schickt ihm Emails, die im warnenden Ton Streiks androhen. Denn vor Monaten schon, immer noch bin ich erstaunt, dass ausgerechnet mir der Einfall kam, saß ich mit der Kreditkarte zwischen den Zähnen vor dem Notebook und erstand Fußballkarten für den F., der schon gestern am Freitagstisch im Trikot zwischen den alten Damen saß. Nun gilt es also den F. nach Paris zu lotsen und schließlich finden sich Zugticket, Reservierung und Schichtende des Krankenhauses glücklich zusammen und wir rasen zum Bahnhof. Ich winke dem F. der mit Trikot, Rosen und Lavendel für die A. gen Frankreich reist, das Stethoskop hängt ihm halb aus der Hosentasche. Der F. der schon als Kind heimlich, denn in der Familie gab es doch gewisses Unbehagen, der deutschen Nationalmannschaft in Israel die Daumen hielt, für ihn so merkwürdig und so fern mir das sein mag, für ihn ist das Spiel dieser Mannschaft, ein Rettungsanker und stetig Vergewisserung hier am rechten Platz zu sein. „Wieder einmal gerettet“, sagt er, bevor die Türen sich schließen. Ich muss lächeln. Aber eigentlich weiß ich es doch, Rettung ist ein zu großes Wort.

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Vor dem Schuss

Haben denn diese Menschen, frage ich mich, keine Blumen zu gießen oder Kinder zu gärtnern? Gibt es keine Schwester die auf einen Anruf wartet oder einen Bruder, der Hilfe bei der Autoreparatur braucht? Warum haben sie so wenig Phantasie im Leben? Und warum zur Hölle studieren sie nicht Zahnmedizin, werden Mechatroniker oder von mir aus Spielhallenbesitzer? Gibt es nicht tausend andere Dinge die einem an einem Donnerstagnachmittag oder Sonntagabend einfallen können? Einen Teich anlegen, Kuchen backen, Fußball sehen, Fußball spielen, in die Schwimmhalle fahren, sich ein Tattoo stechen lassen, sich an der Bushaltestelle so richtig verlieben, in die Sauna zu gehen, ein Geburtstagsgeschenk für die Großmutter kaufen, endlich ein Paar neue Schuhe besorgen, sich mit Freunden auf ein Bier, oder auch zwei oder drei verabreden, den Keller aufräumen, ein Buch lesen, die Stereoanlage so laut aufdrehen bis die Nachbarn mit dem Besenstiel kommen? Wo zum Himmel nehmen sie denn ihr zementiertes Weltbild her, in dem die Anderen kein Recht auf gar nichts haben und nur sie allein wissen was das Ganze sei. Haben sie denn wirklich niemals Zweifel? Verschlucken sie sich eigentlich nie an einer ihrer hasserfüllten Reden? Erschrecken sie sich wirklich nicht sehen sie beim Zähne putzen in den Spiegel?

Warum träumen sie eigentlich nie von lichten und heiteren Dingen, von einer Hochzeit am Strand oder sieben Kindern, die im Garten Fußball spielen? Gibt es denn wirklich niemanden, nicht einen einzigen Menschen, dem sie beim Leben zusehen wollen? Und warum zur Hölle wenn sie schon so am Vaterland hängen, gründen sie keinen Verein, der Bäume in öden Straßen pflanzt, Kinder die das Meer nicht kennen zum Strand fährt oder englische, iranische oder turkmenische Lieder studiert? Warum wenn sie doch G*ttes Namen immerzu im Munde führen, warum singen sie nicht im Kirchenchor oder backen Kekse für den Anbau einer neuen Moschee? Warum haben sie kein anderes Ventil für ihre schäumende Wut? Fitnesstudio, Box-AG, Crosslauf, Schafe scheren oder so laut gegen den Wind anbrüllen, bis sie schließlich heiser werden. Und warum geht ihnen bevor sie mit der Pistole oder dem Messer vor jemanden stehen, keine dieser Fragen durch den Kopf und bewegt sie innerzuhalten, durchzuatmen und zu Sinnen zu kommen, bevor der erste Schuss fällt?

 

Read On mag Mosebach

Manchmal passiert es ganz beiläufig und fast unbemerkt. Aus einem Buch fällt ein Foto heraus oder in einer Dose liegt noch immer eine schon längst nicht mehr duftende Rosenblüte. Ein anderer dreht dann das Photo in den Händen herum oder dreht die schon fast zerfallende Blüte in den Händen und fragt: Wie war das eigentlich bevor wir uns kannten?“ Eine heikle Frage ist das, eine jener Fragen die fast schon zu unschuldig ist und nicht nur deshalb kaum zu beantworten ist. Der Erzähler dieses Buches aber nimmt die Herausforderung an. Und uns nimmt der Erzähler mit. Auch wir stehen in einem Zimmer, das sich für kurze Zeit nur in Licht verwandelt, auf einer Zugfahrt aber nur von Ferne, aus den Augenwinkeln lernen wir die Frau nicht kennen, nein das nicht, aber sehen sie doch mit den Augen desjenigen der mit ihr fuhr. Aber die Geliebte allein ist es nicht, um dies es geht: schließlich gibt es ja immer auch noch die anderen, ein Ehepaar, dass sich ganz ausgesprochen nicht mehr liebt, aber doch sehr erfolgreich ein gemeinsames Leben repräsentiert, einen Patriarchen, der in der Zurückstufung seines Sohnes das größte und wohl auch einzige Vergnügen findet, wir besuchen eine Erbtante, die der Liebe nachtrauert, die es wohl so nie gab. Einem nimmermüden Geschäftsmann sehen wir ganz kurz in die Karten, der enttäuschende Sohn verläuft sich- aber nur fast in Cairo und löst nur fast in Italien einen Waldbrand aus, seine Ehefrau trinkt zu viel und bleibt uns doch als ewig heiter und keineswegs betrunken in Erinnerung. Über weite Strecken liebt man sich ganz ausgesprochen nicht, auf einer Fahrt im Schnee kommt manches ins Rollen, wenn auch ganz anders als Thomas Mann sich das anderswo einmal dachte. Am Ende trennt man sich wieder, die einen bitterer als die Anderen. Schließlich öffnet sich auch die Tapetentür zur eingangs beschriebenen Wohnung noch einmal- den schließlich liebt man nie umsonst in Frankfurt sondern ist stets auch eingebunden in die ökonomischen Zirkel, die doch die Welt zusammenhält. Über allem aber wacht ein Kakadu, ihm und seinem scharfen Schnabel kommt im Geschehen einen nicht unerhebliche Rolle zu. Das alles liest sich so leicht, so flirrend, so fantasievoll und schön, so heiter und leicht erscheint noch der dümmste Zufall und die widrigste Begebenheit, dass man sich am Ende doch leise fragt ob vielleicht alles auch ganz anders gewesen sein mag von dem was davor geschah. So klug und so leuchtend aber ist die Frage: „Wie war das eigentlich bevor wir uns kannten?“ noch selten beantwortet wurden, wenn sich auf diese Frage denn überhaupt antworten lässt.

Martin Mosebach, Was davor geschah, München 2010, Taschenbuch, 9, 90 Euro.