Die Armen

Dankbar sollen die Armen sein, auf jeden Fall aber bescheiden. Forderungen sollen die Armen nicht stellen. Wir wissen es doch besser. Weit weg sollen die Armen wohnen, in Vierteln die uns nichts anzugehen brauchen. Adrett und höflich sollen die Armen sein und nicht etwa lauthals in Bahnen und Bussen grölen, oder gar uns auffordern Platz zu machen. Überhaupt, warum müssen die Armen immer in Gruppen auftreten? Still sollen die Armen sein. Auf gar keinen Fall sollen sie uns mit Musikinstrumenten, Straßenzeitungen oder gar abgebrochenen Lebensgeschichten behelligen. Wir, die wir mit unseren Telefonen in der Hand Wichtigkeit vortäuschen, werden doch wohl noch selbst und in aller Stille entscheiden dürfen wem wir ein Almosen angedeihen lassen. Aber nicht in Alkohol umsetzen, sagen wir gönnerhaft mit unserem Zwei-Euro-Stück in der Hand, als ginge es um Champagner aus Bestlagen und nicht um zwei Flaschen Bier. Aber wir wissen es doch besser und wir sagen es auch: die Armen könnten sich doch nützlich machen. Wir bekommen doch auch nichts geschenkt. Können wir nicht erwarten, dass die Armen die Straßen fegen, auf die wir unsere Pappbecher deppern oder zumindest die Parkanlagen verschönern oder wenigstens die Bänke streichen? Aber muss das wirklich mit Zigarette im Mundwinkel sein? Und warum müssen die Armen unser sauer verdientes Geld an scheußliche Tattoos verschwenden? Überhaupt wir wissen es doch besser: warum können nicht auch die Armen mehr Vitamine essen und sich öfter mal ein Buch ausleihen. Wir sind doch alle längst clean-eater und wissen ganz genau wie authentisch indische Küche zu schmecken hat. Überhaupt man muss es auch wollen und Disziplin, Leistungsbereitschaft und vor allem Dankbarkeit wird man doch wohl auch von den Armen erwarten dürfen. Armut ist im Grunde immer nur eine Willensfrage, wenn wir es können, warum können sie es nicht? Ausnahmen sind echte Bedürftigkeit: Feuer, Wasser und Wirbelstürme qualifizieren für Anteilnahme, ansonsten klebt der Makel an den Armen, den es zu überwinden gilt. An uns können sich die Armen doch ein gutes Beispiel nehmen. Meinungen und noch dazu solche die unseren widersprechen sollen die Armen lieber nicht haben. Wenn sie aber doch eine Weltsicht haben, dann mögen sie uns doch damit verschonen. Wir kümmern uns doch und geht es den Armen nicht gut unter uns? Empört sind wir deshalb beschweren sich die Armen, dazu gibt es doch wirklich keinen Grund. Bestimmt hat der Panflötenspieler an der Ecke keine Lizenz und lärmen dort hinten nicht schon wieder rotzfreche Kinder, die ganz bestimmt nicht die Bildungskarrieren adretter Kinder, die nie Widerworte geben gefährden sollen? Und sitzt nicht schon wieder jemand in der Bahn, der nicht an einem Smoothie nippt, sondern einen Cheeseburger ißt? Wir haben es wirklich nicht leicht mit den Armen und dann seufzen wir tief.

10 Gedanken zu “Die Armen

      • Absolut. Ich seufzte, weil der Text den Nagel auf den Kopf trifft.
        Für Menschlichkeit braucht es kein Geld, sondern ein offenes Herz. Ich hoffe, das habe ich ausreichend, ich versuche zumindest einen offenen Blick für die Unterprivilegierten zu haben und unterstütze sie nach meinen Möglichkeiten (ohne vorschreiben zu wollen, was sie zB mit dem Geld anfangen). Allerdings ertappe ich mich auch dabei, dass ich manchmal genervt bin von dem Geschreie und dem Gedudel in der S-Bahn. Dabei könnte man so schnell einer von ihnen sein und ist es doch sowieso, als Mensch.

      • Ich kann hier nur unterschreiben. Ich ertappe mich allzuoft beim genervten Augen verdrehen und doch ist es genau so, die andere Seite ist immer viel näher, als man es sich selbst sagen mag.

    • Ach, ich weiß nicht. Ich glaube man sollte vorsichtig sein mit qualifizierenden Urteilen. Am Ende wissen wir nichts über andere Menschen und ihr Leben.

      • Armut zermürbt den Menschen, und da kann es leicht passieren, dass man in eine Verwahrlosung abrutscht. Ich habe das einmal beobachtet und nichts für die Person tun können, was wirklich hilfreich oder nützlich gewesen wäre.

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