Sonntag

Sonntag. Ein Sonntag also, der geht so:

Die schwere Katze, die am Tag eigentlich nichts von mir wissen will, liegt schwer auf meinem Bauch, davon wache ich- sie wissen ja früh auf- denn die zimt-und zuckerfarbene Katze ist ziemlich schwer und sehr, sehr warm. Mein Haus ist das letzte im Dorf, zudem oberhalb der anderen Häuser gelegen, und sehe ich aus dem Fenster, kann ich direkt in den einzigen Lebensmittelladen des Ortes sehen. Das ist wichtig, denn man muss schnell sein für die noch ofenwarmen Scones mit Himbeeren und es ist ein Stück von mir im Oberland hinunter ins Dorf. Ich schwatze auf dem Weg mit fast allen Dorfbewohnern, trage Scones, Milch und ein Huhn zurück zu mir und drehe mich wieder zum Fenster, denn Sonntags wandern der Tierarzt und ich. Und sein Auto kann ich von Ferne schon kommen sehen, der Tierarzt trinkt zwei Becher Tee und dann gehen wir los. Schnell muss man sein, denn im Sommer kommen Busse ins Dorf und bald schon ist der Weg den wir gehen überlaufen und ganz und gar nicht mehr so idyllisch wie jetzt im Morgenlicht. Schmal ist der Weg und das Heidekraut dampft noch vom nächtlichen Regen, weit liegt vor uns das Meer, hinter dem nichts mehr kommt, nur das ewige Blau. Der Ginster blüht gelb und der Tierarzt lacht darüber, dass ich natürlich Löwenzahn um Löwenzahn pflücke nur um ihm den Kopf wegzupusten. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Er ist nicht nur von Berufs wegen ein schweigsamer Mann, seine Ehe ist wohl auch deshalb in die Brüche gegangen, weil er in manchen Wochen nur ein-oder zweimal sprach und sonst schwieg. Ein merkwürdiges Duo sind wir, die ewig schwatzende Frau und der schweigende Mann. Irgendwann fragte er mich, ob es mich nicht störe, dass er mir nie antwortete, aber es stört mich nicht, ich habe schon lange gelernt, dass die Fragen, auf deren Antwort man so dringend wartet, keine gibt, auf den Rest kann man, braucht man aber nicht zu reagieren. Zurück im Oberland, sehen wir von Ferne schon die Busse und wir beide seufzen. Touristen. Die Touristen sollen hier das ländliche Irland erleben, das heißt sie rennen vom unteren Dorf hinauf zu mir ins Oberland, dann stellen sie sich vor meine Haustür, bedienen den Türklopfer und lassen sich in vielfachen Posen fotografieren. Am Anfang eilte ich jedesmal zur Tür, ich dachte jemand benötigte Hilfe oder ein Glas Wasser, aber es ist nur die Faszination einmal an einer Löwenklaue gerüttelt zu haben und so liege ich ganz unberührt auf dem alten Sofa und lese die Zeitung, beende Elizabeth Strout’s neues Buch, bügle und schäle Kartoffeln, und sehe immer mal wieder im Ofen nach dem Huhn. Jeden Sonntag um 1 Uhr kommt der Priester, der Dorfkirche St. Sylvester zu mir zu Tisch, der Friedhof der Kirche ist meine Gartenmauer,hier wiederholt sich die ungleiche Konstellation, ich der Jude, er der Katholik, aber wir haben uns schätzen gelernt mit der Zeit und auch heute streiten wir auf das Liebenswürdigste darüber ob die Messe auf Latein gehalten werden sollte oder nicht. Beim Nachtisch kriegen wir uns über Rembrandt’s Selbstporträts in die Haare und wie immer, wenn wir auseinandergehen, freuen wir uns auf den nächsten Sonntag. „Geben Sie acht auf sich Read On“, sagt der Priester und ich nicke. Der Priester macht einen Krankenbesuch, ich aber lese im Garten bevor der Regen mich zurück aufs Sofa zieht, ich telefoniere mit dem Schwesterchen bevor ich für eine Weile die Augen schließe. Als ich die Augen wieder öffne, klopfen Touristen gegen die Scheibe, dort liegt schlafend natürlich die zimt- und zuckerfarbene Katze, die sich nicht stören lässt auch nicht vom hartnäckigen Pochen gegen die Scheibe sie ist ganz Aristokratie, gesegnet mit dem Talent nur das zu sehen, was sie sehen will. Ich aber wundere mich doch, was die Leute die aus Bochum oder Barcelona kommen, wohl sagen würden, schlüge ich gegen ihr Fenster um den Goldfisch im Glas zu einer Reaktion zu bewegen? Dann räume ich auf und ziehe ein neues Buch aus dem Regal. Bevor ich nach warmen Socken suche, sehe ich noch einmal zum Fenster, dort liegt noch immer die Katze und die Touristen sind verschwunden. Für einen Moment sieht es aus als höbe sie den Kopf: ich habe es dir doch gleich gesagt, sagt sie, sie werden bald wieder verschwinden. Aber vielleicht bilde ich es mir auch nur ein, denn das  Abendlicht und die letzte Sonne sind weniger golden, denn Zucker- und zimtfarben wie die Katze, die dort zusammengerollt auf der Fensterbank liegt.

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