sicher, Adjektiv, gefahrlos,von keiner Gefahr bedroht

Die Buben in der S-Bahn mir gegenüber sind fünfzehn, vielleicht aber auch schon sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Sie wären sicher empört, dass ich sie Buben nenne, aber mir fällt nichts anderes ein. Sie alle sprechen merkwürdig laut und überhoben, fast macht es den Eindruck sie wüssten, dass sie nichts zu sagen haben, aber fürchteten sich vor der Leerstelle, die aufträte, hieße man sie schweigen. Es geht um das Wochenende und die Buben untereinander befragen sich, was zu tun sei  mit den zwei folgenden Tagen. Natürlich saufen, rufen sie sich übereinstimmend zu und es hat etwas unwirklich Komisches, denn sicher bin ich nicht, ob sie es sagen weil sie es tun und heute Abend in schlecht riechenden Kellern, süße Biere kippen oder ob sie an einem karierten Tischtuch Käsebrote kauen und mit Vati vor dem Fernseher enden oder in einem Zimmer sitzen, in dem es gilt irgendwelche Figuren auf dem Computer möglichst schnell ins virtuelle Jenseits zu befördern. Dann aber steigen sie aus und begleiten ihren Abgang mit einem weiteren Schwall von Leerwörtern: „ey der Bitch will ich es zeigen“, und immer wieder „mir doch egal.“ Mich erinnert nichts an den Buben an mich und vor allem nicht an mein sechzehnjähriges Ich. Das war ein verstiegenes Mädchen, in lange Tücher gewickelt und schweigend. Schweigend rauchend und schweigend lesend. Ekstatische Leser waren wir, Jäger auf der Suche nach dem abseitigstem Roman und dem am wenigsten verstandenem Gedicht. Gelebt haben wir, diese schweigsame Runde auf den Dachterrassen und in stillen, überaus stillen Wohnungen, in denen die Stille der eigentliche Besitzer war. Die Stadt A. lag zwar am Meer, aber weich und warm war sie nicht. Heiß und hart, träfe es eher. Das Land A. sagt kaum jemandem etwas. Es ist nicht einmal eine Touristendestination und somit aus europäischer Perspektive quasi non existent. Heute morgen ist auch das Land A. zum sicheren Herkunftsland erklärt wurden und ich musste lachen, boshaft aber dem kann ich nicht helfen: Sicherheit wäre das letzte Gefühl, da mir zu diesen Jahren einfiele. Wir die verschwiegene Runde ,glaubten damals wir würden die Welt und vor allem die Stadt in der wir lebten zu einer anderen machen. Links waren wir und wir sangen, denn wir waren ja verschwiegen die Bandiera Rossa. Ich sehe mich mit D. im Halbdunkeln tanzen, seine kühlen Finger an meinem Rücken und unter uns die Stadt mit ihrem Geruch nach fauligem Obst, dem Meer und offenen Küchen. D. Europaliebhaber und Proustspezialist,der bei einem Kurierdienst arbeitete, keine der Möglichkeiten die den Buben von fünfzehn oder siebzehn Jahren hier offen stehen, lag auch nur im entferntesten in der Reichweite des D. Aber das kümmerte ihn nicht. Oder besser noch: es brachte ihn nichts ins Wanken.Überhaupt nirgendwo habe ich so hartnäckige Liebhaber der europäischen Idee getroffen wie im Land A. Bewaffnet mit dem Dekamaron und Rilke Gedichten in französischer Übersetzung, waren sie hingerissen, wir waren hingerissen, und ja sie liebten Europa, liebten es so wie man nur einmal im Leben liebt, wenn man alles gibt, ohne zu fragen, was man erhält. Nirgendwo war ich Europa näher als im schweigenden, stillen Miteinander hoch über den Dächern, vergraben in den Büchern und  ineinander versunken, waren auch wir. Europa aber hat längst Narben von zerplatzten Träumen hinterlassen in ihren Geschichten und in meiner auch. Ich weiß noch als ich D. zum letzten Mal sah: wir waren ja jung und sie werden lachen,  ja wir waren ja links, wir und die Welt, da zog er mit Plakatfarbe los und übermalte die Werbeplakate der Armee des Landes A: „Wann wird das Leben der Söhne wichtiger sein, als die Ehre der Väter ?“schrieb er. Er kam nicht zurück, sondern ins Gefängnis. So wird das gehandhabt im Lande A. Vaterlandsverrat. D. wusste schon was er schrieb. Lange Jahre haben wir gewartet und die Q. seine Freundin hat sechs Jahre lang auf die Türklinke ihrer Wohnung gestarrt. War er es oder war er es nicht? Man kann sagen und vom wem kann man das schon sagen, dass der D. für Europa ins Gefängnis gegangen ist. Was für eine Liebe.Damals aber als wir nur auf neue Bücher und auf die Liebe, die wir uns  glühend heiß, so wie die Steine im gleißenden Mittagslicht vorstellten, warteten, wussten wir nichts von der Verschwendung die in der Liebe liegt. Ich schrieb Liebesgedichte gegen Bezahlung und lange schrieb ich an einem besonders schlechten Roman. Damals wartete ich schon auf das Unglück und war dann doch überrascht als es kam. Es kam anders zu mir als zu D.

Heute aber an dem Tag an dem ich lerne, dass das Land A. eben sicheres Herkunftsland ist, sitze ich in der S-Bahn und gehe zum Blut spenden, das ist also noch übrig von den Utopien weit über den Dächern und die Krankenschwester, die nach einer Vene sucht, trägt ein weißes Kopftuch. Für einen Moment, bin ich noch einmal in der Straße, in der ich sechzehn Jahre alt war und sehe D.’s Mutter, von den Beinen abwärts gelähmt, wie sie in der Küche Tomaten viertelte und Zwiebeln schälte, während der D. und ich und die anderen süßes Brot mit scharfem Käse aßen, obwohl sie so klagte, das wir dann später nichts mehr essen würden und der D. Raskolnikow spielte, das war seine Paraderolle und sie so stolz wie selbstbewusst sagen hörte: mein Sohn ist ein Europäer. Von Sonntag bis Freitag trug die Mutter des D. ein schwarzes Kopftuch, nur am Freitag legte sie ein weißes, besticktes Kopftuch an, fast identisch mit jenem der Krankenschwester, die langsam und bedächtig die Nadel in meinen Arm schiebt und mir zunickt. Für zehn Minuten  schließe ich die Augen und versuche vergeblich zu vergessen, dass die Mutter des D. über der Verhaftung ihres Sohnes verstarb. Noch einmal sehe ich sie wie sie ernsthaft und aufmerksam ihren Sohn sieht, der mit Worten um Europa, seine große Liebe warb. Im Radio aber, loben Experten den Fortschritt des Landes A. in Fragen der Menschenrechte und betonen die Bedeutung des Landes A. im Rahmen der Bekämpfung des weltweiten Terrorismus. Sicher, ich sehe es noch einmal nach im Duden den mir meine Großmutter mit auf den Weg gab, steht unter sicher:“ ungefährdet, gefahrlos, von keiner Gefahr bedroht, geschützt, Sicherheit bietend und auch: über jeden Zweifel erhaben.“

2 Gedanken zu “sicher, Adjektiv, gefahrlos,von keiner Gefahr bedroht

  1. Ich habe es gerade in den Nachrichten gehört und bin entsetzt. (Noch viel entsetzter bin ich über die Kälte, mit der De Maizière über das Thema spricht. Das ist ein Mensch, dem möchte ich bitte nie die Hand geben müssen. Es wird nicht dazu kommen, dass ich ihm die Hand geben müsste, aber ich sage es schon mal, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass…)

  2. Die Familie De Maizière hat ja eine lange Geschichte in politischem Opportunismus vorzuweisen. Sicher macht es das leichter, aber ganz wie Sie, bliebe meine Hand in der Tasche verborgen. Rückratlosigkeit braucht ja nicht auch noch Claquere.

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