Chana

Ein halbes Jahr bist du jetzt tot Chana und heute war ich das letzte Mal in Deiner Wohnung. Am Ende des Monats ziehen dort Leute ein, die dich nicht mehr kennen. Sie und auch kaum jemand sonst kennen Iași, den gar nicht mal kleinen Ort in Rumänien, in dem du geboren wurdest. Aber als Du geboren wurdest, da war Iași ein Zentrum sephardischen Judentums. Dein Vater schrieb für die allererste jiddische Zeitung Korot Haitim und das jiddische Theater, das Franz KIMG_4278afka so gefiel, war wie Du in Iași beheimatet. Aber Dein Iași gibt es nicht mehr. Tojt sind die Juden aus Iași. Tojt war das erste Jiddische Wort was ich lernte, aber ich hatte es nicht von Dir, sondern von meinem Großvater, der hatte Jiddisch im Lager gelernt, meine Großmutter natürlich hielt vom Jiddischen nicht viel. Ghettoluft sagte sie und schüttelte den Kopf.Von Dir aber Chana, hielt meine Großmutter sehr viel und ich sehe euch beiden noch vor mir, wir ihr zusammen saßt und  nur weil sie so viel von Dir hielt Chana, sagte sie nichts, wenn Du mit mir in der Küche verschwandest und immer und ausschließlich  Jiddisch mit mir sprachst. Mathematiklehrerin wolltest du werden, aber als man alle zum Tojt zu farhézn begann, da war kein Platz mehr für Träume und Pläne. Chójeschech: Finsternis kam. Du kamst davon. Meine Großmutter  und du ihr wart beide gescheitert an Jerusalem und so kamt ihr zurück ins héjmland oder das was davon übrig war. Viel war es nicht. Einen Mann, zwei Söhne, später dann eine Änderungsschneiderei. Dein Mann war aus der Terkáj und eines Tage nicht mehr da. Die Söhne, sehr gut in Mathematik gingen zurück nach Israel. Du bliebst in Berlin. Ich war dein méje oder auch dein méjdele  So viele Jahre habe ich bei dir in der Küche verbracht. Woß hert sich naiß?, Was gibt es Neues, wolltest Du wissen und schon saß ich auf dem Stuhl und durfte dir nicht helfn. Eine Biskuitrolle braucht nur zwanzig Minuten,sagtest du, die will ich dir bákn frisch. Stundenlang haben wir geredet und alle meine Jiddischen Wörter habe ich von Dir. Viele davon habe ich übernommen, immer habe ich deinen Tonfall im Ohr. Méjdele, ich weiß gar nicht, der Kójmenkerer, der Schornsteinfeger hat doch kommen wollen hajtn. Und kamst du zurück von den Söhnen aus Israel und wir gingen im Grunewald spazieren, da schütteltest du den Kopf an die Tejtelbojm– an die Dattelpalmen hast du dich nicht gewöhnen können. Der Menjsch muss haben richtige Welder. Die Wälder von Iași gab es ja auch nicht mehr. Und später als sich die Rollen vertauschten und du an meinem Esstisch saßt mit den anderen Davongekommenen, da  wolltest du von mir wieder und wieder das Lied von den Zen Bridern hören. Zen Brider senen mir gewesn. Von Deinen Brüdern und Schwestern, den Eltern hast Du nur ausnahmsweise und andeutungsweise erzählt. Bewaschn in trern.  Die Stimmen aus Iași waren farschtúmt. Vor vier Wochen dachte ich, es ginge schon eine Biskuitrolle nach deinem Rezept zu machen, aber die trojer- die Trauer  ist mir dazwischengekommen. Mejedele hättest du gesagt und wie immer wenn ich traurig war hättest du meinen Kopf in deinen Schoß gezogen und ganz leise, so das nicht einmal ich es verstand ein Lied angestimmt aus Iași einem Ort in Rumänien, den es ohne dich noch weniger gibt. Si is asá  schejne, hast du über mich gesagt und dabei bin ich alles andere, nur nicht schön. Chana du warst die Schöne von uns beiden und Chana-le du und deine Worte, die mich doch hielten, ihr fehlt mir so.

22 Gedanken zu “Chana

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  2. Das hat mich sehr berührt. Hoffe es ist ok dass ich es rebloggt habe-ungefragt. WEnn nicht gib Bescheid, dann mach ich es schnell rückgängig

  3. „Der Mensch muss haben richtige Wälder.“ Das sehe ich genauso wie Frau Chana. Vielen Dank für diesen Text und für das Wort „Tejtelbojm“, das mir – vermutlich in meiner Frankfurter Kindheit – begegnet ist, dessen Bedeutung ich aber nicht kannte.
    Wahrscheinlich hatte sie noch mit etwas anderem Recht, nämlich, dass Sie schön sind. Schönheit, finde ich, hat wenig mit Äußerlichkeiten zu tun. Hübsch sein ist äußerlich, Schönheit ist das, was von innen leuchtet. Das muss sie bei Ihnen gesehen haben.

  4. Chana hatte vollkommen Recht mit den Wäldern. Tejetlbojm ist ein Wort von dem ich glaube, es sollte jeder kennen, nie wieder kann man eigentlich hernach wieder an einer Palme vorbeigehen ohne leise Tejtelbojm vor sich her murmeln. Ich muss immer so lachen, nehme ich es in den Mund. Spannend, dass es ihnen in Frankfurt über den Weg lief. Gerne wüsste ich natürlich wie und wo man in Frankfurt Jiddisch rejdet Leider bin ich weder von außen noch von innen hübsch oder gar schön zu nennen, ich bin vor allem wunderléch und allzu bekannt mit dem umglik. Aber das ist nicht weiter schlimm.

  5. Welche Bloggerin ist nicht ein bisschen wunderlech? Wir müssten sonst wahrscheinlich nicht bloggen. Ich habe übrigens einen kleinen Tejtelbojm auf meinem Balkon (im Winter vor dem Fenster), den ich aus einem Dattelkern gezogen habe. Mit dem Jiddischen ist es in Frankfurt ganz einfach: in meiner Kindheit gab es noch ein paar jüdische Pelzhändler in Frankfurt. Da meine Oma und meine Großtanten Pelzmäntel hatten, und diese auch einmal repariert werden mussten, brachten sie sie manchmal zu einem Pelznäher im Bahnhofsviertel. Der sprach ein gemäßigtes Frankfurter Jiddisch, das wir einigermaßen verstehen, wenn auch nicht sprechen konnten. Später ging ich in der Nähe der Synagoge im Frankfurter Westend zur Schule und hörte dort manchmal ältere Leute Jiddisch reden. Lesen kann ich einfache Texte einigermaßen, gesprochenes Jiddisch kann ich aber nicht mehr gut verstehen, mangels Übung. Sprechen konnte ich es nie. (In Frankfurt kann man, glaube ich, fast alle Sprachen der Welt hören, wenn man aufpasst.)

    • Ich bewundere sehr, dass bei Ihnen auf dem Balkon sogar die Tejtelboim blíen. Mir war nit bawúßt, dass es in Frankfurt nach dem Krieg noch einmal eine Renaissance der jüdischen Kürschner gegeben hat. Aber sicher hat es noch viele ßojbl zum reparieren oder umnähen gegeben. Mir war als hätte ich vor einiger Zeit in der FAZ einmal einen Artikel über den letzten Frankfurter Pelzmacher gelesen, dessen Vater-alles rechtmäßig natürlich, ja, ja, das Geschäft von einem Juden übernommen hatte, und als einer der wenigen wohl auch heute noch im Geschäft sei. Ich glaube Czech war der Name, falls er ihnen etwas sagt. Jiddisch ist eine Sprache die mir sehr nah geht, zu nah vielleicht.

      • Ich erinnere mich leider nicht mehr an Namen. Czech ist, glaube ich, auch kein seltener Name. Ob das eine Renaissance war? Es waren nur wenige, später war das Geschäft auch einmal in griechischer Hand. Das Wort ßoibl kenne ich leider nicht (aber es erinnert mich an „Zobel(pelz). Bei blíen bin ich nicht sicher, ob es „blühen“ oder generell „wachsen“ bedeutet, meine Kenntnisse sind mehr als eingerostet. Jedenfalls wächst der Tejtelbojm, und das schon seit Jahren. Blüten oder Früchte trägt er jedoch nicht. Versuchen Sie es auch einmal mit ein paar Dattelkernen, einer geht bestimmt auf.

      • Oh nein, mein Jiddisch ist so gut wie nicht existent. Ich habe nur ein sprachwissenschaftliches Studium hinter mir und bin darauf gedrillt worden, Ähnlichkeiten und Strukturen von Sprachen zu erkennen. Von ßoibel zu Zobel ist es ja nicht weit. (Abgesehen davon bringe ich ganze Sprachkurse einschließlich Lehrer zur Verzweiflung, weil ich in ersten Lektionen schon immer nach grammatikalischen Strukturen frage. Für mich sind Sprachen in sich völlig logisch, wenn ich deren System einmal verstanden habe, und das will ich möglichst schnell.)

  6. Was für eine schöne Geschichte, und eine traurige.
    Jiddisch kenne ich von Zupfgeigenhansel. Die Platte habe ich noch irgendwo, auf youtube gibt es ein paar Lieder.
    Als Kind kannte ich wenige Juden. Die Krankengymnastin, die wieder zurück gekommen war aus Palästina.
    Eine ältere Dame, mit der meine Mutter immer sprach. Sie trug große bunte Ohrclipse. Und als ich nach dem Grund fragte, nahm sie sie ab. Die Ohrläppchen waren aufgeschlitzt.
    Den Geschäftspartner meines Vaters, ein Riesenkerl mit donnerndem Lachen, der auf dem Arm eine eintätowierte Nummer trug.
    Den Geschäftsmann, der in die Stadt zurückkehrte, in der seine Familie gelebt hatte und deren Einwohner seine Eltern gejagt hatten.

    Er sei doch auch Jude, sagten sie zu meinem Vater. Er solle es doch zugeben. Nein, war er nicht. Er war nur immer anders als die anderen. Redete nie schlecht über Menschen, nahm jeden, wie er war. Das wirkte wohl fremd.

    • Jüdische Geschichte glaube ich, ist immer an irgendeiner Stelle auch eine traurige Geschichte. Jiddisch selbst ist glaube ich auch eine Sprache in der zu gleichen Teilen, das Traurige und das Heitere wohnen, je nachdem wohin man neigt. Die Geschichten, die sie erzählen sind ja auch beides und die Geschichte mit den bunten Ohrclips unter denen die zerschnittenen Ohrläppchen liegen, wird mich wohl immer begleiten. Danke auch dafür.
      Unter die Rippen gefahren, ist mir der Satz, das ihr Vater doch zugeben solle, dass er auch Jude sei. Lémanschém-Um Himmels Willen will man da rufen und es ist ein Satz, der mich schwer schlucken lässt. Ihr Vater aber scheint ein Menjsch zu sein, was im Jiddischen ein wirkliches Kompliment ist.

      Es ist sehr seltsam ohne Chana. Im so dunklem, ersten irischen Jahr, in dem ich glaubte fast zu vergehen, da waren es die täglichen Anrufe dieser Frau, die mich am Land behielten, ohne sie wäre ich längst schon zergangen und ohne sie ist es sehr still. Man wird wohl immer nur einsamer.

      • Man denkt, man würde einsamer. Aber so ist es nicht. Es kommen andere Menschen. Es dauert nur und man muss das Herz und die Augen offen haben.
        Die Ohrläppchen werde ich auch nie vergessen, sie sind auch ein Grund dafür, warum ich mir nie hab Löcher stechen lassen, und Clips trage.
        Ja, mein Vater war ein Mensch mit einem großen Herzen. Er erzãhlte auch, wie es war, als die beiden jüdischen Jungen in seiner Klasse eines Tages fehlten. Er hat als einziger nachgefragt, wo sie denn wären. Und er hat nicht locker gelassen. Man sagte ihm nur, dass sie weggezogen wären. Aber man hatte ihn nun im Auge. Es kam zu einem Femegericht bei der HJ. Sein Englischlehrer war HJ- Führer. Und sie suchen einen Grund. Mein Vater war Ministrant in der Kirche und auch Zwangsmitglied der Hitlerjugend. Beide Veranstaltungen waren Sonntag um 10 Uhr. So ministrierte er mit mit der Uniform unter dem Ministrantenkleid und schlich sich dann von hinten zur HJVeranstaltung. Er wurde irgendann erwischt und kam vor das Femegericht: Entehrung der HJUniform. Und er wurde vom Gymnasium verwiesen. So war das damals.

      • Sicher es kommen andere Menschen, aber so schnell wird niemand mehr kommen der Jiddisch spricht, denn es hat nichts mit Recht haben wollen zu tun, es gibt in Deutschland und schon gar nicht in Irland jüdische Gemeinden und die Dörfer und Stetl des Ostens gibt es schon lange nicht mehr. Die zwölf deutschen Jahren haben eben Konsequenzen und dazu gehört, das es vieles eben nicht mehr gibt.
        Die Geschichte ihres Vaters, die zum Femegreicht führte ist auch dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Ich danke Ihnen sehr und von Herzen, dass sie diese mit mir teilen. Sie bewegt mich wirklich sehr. Vielen Dank. ( Ich habe wirklich sehr ungern Recht.)

      • Menschen fehlen, ihre Kinder wurden nie geboren.
        Eine Kultur ist verschwunden, mit ihr eine Sprache.
        Wie soll das nicht schrecklich sein für alle Zeiten.
        Und schämen werde ich mich auch dafür solange ich lebe.
        Ich muss es nicht, ich tu es.
        So haben Sie leider so recht, Menschen , die noch davon wussten, nehmen alles mit.
        Eigentlich wollte ich Sie nur trösten, aber das kann ich ja nicht.

  7. Pingback: Woanders – Mit Erinnerungen, Erfahrungen, Eltern und anderem |

  8. Xeniana’s Reblog hat mich hergeführt. Ich wollte die Geschichte nochmal in ihrem natürlichen Habitat lesen, da mich das Foto, das Gesicht, der vielschichtige Ausdruck so angesprochen hat.
    Wenn diese Augen Schönheit sahen, würde ich nicht widersprechen.

  9. Ihr lebt ja, ihr Toten, ihr lebt, denn heut lebe ich.
    Einmal wohl mögt ihr gestorben, mögt anders gewesen sein;
    Nun seid ihr und seid so: für mich.

    – Gertrud Kolmar –

    • Ich bringe euch/ Worte/ aus Buchen und Fichten/vom Buchenland/ von Israels horatanzender Jugend schrieb Rose Ausländer, die ja vor allem auch ein Mädchen aus Czernowitz war und die sich glaube ich mit Gertrud Kohlmann viel zu sagen gehabt hätte. Danke für dieses leise und zarte Gedicht, dieser großen Wortzauberin.

  10. Als Kind dachte ich immer, dass Jiddisch ein deutscher Dialekt wäre. Es klang so lustig. Damals kannte ich die Hintergründe nicht.

    Im Studium in London habe ich mit einem griechisch-stämmigen Kanadier „Deutsch“ gesprochen. Sein „Deutsch“ hatte er von Juden in Kanada gelernt, die immer Jiddisch mit ihm gesprochen haben. Sein wichtigstes/wertvollstes Wort war „Menjsch“.

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