As an exception in German: Samstag

Ein Samstag. Ein Samstag geht bei mir so:

Früh stehe ich auf. Die C. weckt mich um halb sechs Uhr. Mit der C. dann zu einem Schwesterchenproblem konferieren. Diesmal jedoch ist kein Paket vonnöten und auch kein Knoblauchgeruch wird haften bleiben an Händen und Haaren. Dann durchatmen, Schreibtisch, die Sonne geht auf und ich gehe hinunter in den Garten. Da liegt eine Taube, tot, im noch feuchten Gras. Ein gebrochener Flügel hängt seitwärts, seltsam verdreht auf der Erde. Eine Wildtaube, denke ich und bewundere die hellrote Brust und das grüne Gefieder, alles sonnendurchdrungen dabei doch längst leblos und kalt. Ein Loch hebe ich aus unter der Tanne. Sechs Krähen kommen und sehen mir zu. Nicht sicher bin ich, ob sie als Grabwächter kommen, passend gekleidet wären sie ja, oder ob sie die Pietät nicht lieber beiseite lassen, um als Grabräuber zu profitieren von der zarten Brust der Taube. Lieber lege ich Steine auf den Erdhügel. Man weiß ja nie. Die Krähen nehmen es hin, mit festem Blick. Dann krächzen sie, ganz Mozart’s Requiem ist es nicht, aber ganz reizlos auch nicht. An meine Großmutter denke ich, geboren in einer ganz anderen Zeit, in Norddeutschland unter flachem Himmel, sie erzählte mir vom grünen Schinderauto, das kam um die verendeten Schafe und Kuhkadaver abzuholen. Immer dann sammelten sich die Krähen auf den Bäumen, in dunklen, schwarzen Wolken. Wie immer, wollte sie etwas anderes erzählen, als das von dem sie eigentlich sprach, aber das habe ich damals nur geahnt. Geträumt habe ich noch jahrelang schlecht, das grüne Schinderauto fuhr als stetig grüßender Charon durch meinen Schlaf hindurch. Der Garten wächst mir über den Kopf. Also versuche ich die Brombeeren einzuhegen, schneide die Rosen herunter, kürze dort Äste, und ziehe hartnäckig an Wurzeln, die sich mit aller Macht an die Erde klammern. Manchmal gewinne ich, aber immer mit schlechtem Gewissen. Dann ist es neun und der ehemalige geschätzte Gefährte der F. wacht auf. Wir tragen die Tassen und Teller, den Honig, Stilfser Käse, Gurken, Wildmangos und warmes Brot auf den Balkon. F. köpft das Ei und meins gleich mit. Dann geht sein Pieper und mit dem Brot in der Hand fährt er ins Krankenhaus. So geht das seit Donnerstag. Es dauert nicht lang sagt er und ich nicke, vor mir das kalte Ei. Das dauert nicht lang, lässt Zeit genug für Abwaschen, Aufräumen, die Betten wechseln, zwei Waschmaschinen, die Suche nach einem Buch und dem Einkauf im Ort. Ich kaufe zwei Kilo Spargel, Erdbeeren, Kichererbsen, neue Kartoffeln und noch mehr von den Wildmangos, die ich so liebe. Überall lange Schlangen, vor dem Pfandautomaten ein Mann, der aus schier unerschöpflichen Tüten und Beuteln, mehr und mehr Bierdosen zu Tage fördert, ich wundere mich oft, ob manche Menscheneinen ganzen Raum voller Pfandflaschen haben, eine unerschöpfliche Quelle, das neue Gold. Noch immer, ist der F. in der Klinik. Also, richte ich Brote und eine Schale Salat, wickele das Bananenbrot ein und radle ins Krankenhaus. „Scheiß-Ärzte“ plärrt ein Mann über den Flur und röhrt seine Tochter hatte doch nur vier Bier. Nun denn. Der F. hingegen diskutiert mit einem Ehepaar, die Frau natürlich Heilpraktikerin und vom festen Glauben beseelt, eine Meningitis lasse sich am besten mit Arnika und Schafgarbe behandeln. Scheiß-Ärzte auch hier, nur ohne Bier, aber Spitzwegrichsaft kann den Verstand auch benebeln. Den Krankenschwestern gebe ich das Bananenbrot, ins Zimmer des F. trage ich Brote und Salat und gehe mit einem Blumenstrauß hinüber ins Altenheim zu den eigentlichen Besitzern des Gartens. Die wollen hören wie es den Nachbarn  geht, aber zum Garten sagen sie nichts, sie riecht am Flieder und er dirigiert mich durch das Zimmer, den richtigen Platz für die Vase zu finden, natürlich ist der richtige Platz nicht hier. Wieder zuhause, keine Spur vom F. Die letzten 200 Seiten von Guntram Vesper’s Frohburg. Ein schwieriges Buch, nicht nur der Länge wegen, sondern das Panorama das sich entfaltet ist kein anregendes, keinen der Menschen die einem begegnen möchte man näher kennen und lernt sie doch kennen, inmitten deutscher Geschichte. Das ist kein guter Ort um jemanden zu treffen. Karl May ist ein roter Faden, der mir kein Anhaltspunkt ist, nie habe ich das Gewäsch des Radebeuler Phantasten für etwas anderes als eben das gehalten und warum es diesem Autor so nahe geht erschließt sich mir nicht. Dabei hat das Buch eindrucksvolle Szenen, die Flucht von fünf Tschechen, die Fahrt der Eltern zur Dreckschenke etwas,auch der zufällig verhinderte Mord an den Großeltern, eine Leiterlänge nur dazwischen, auch die frömmelnde Kultur des Erzgebirges und das Leben der Menschen im Sperrgebiet der Wismut AG, das alles hat wenn schon keinen Charme so doch Detailfülle. Schrecklich vor allem die F*ckgeschichten: Schlüpfer zur Seite, rein, raus, dazwischen Leibesfülle und Frauen bei denen sich der Overall beim Autowaschen spannt, ich weiß nicht ob das nun unabstrahierter Männeratem beim sechsten Kneipenbier ist, Fantasielosigkeit oder die ewige Unentschiedenheit ob es nun Pornographie sein soll oder durch nur das was der Biedermann sich darunter vorstellt. Dafür findet das Buch keine Sprache. Am meisten verdrossen hat es mich auf dem Abort, auf dem ein Jude ein- immerhin- halbjüdisches Mädchen im Dunkeln befingert. Es ist aus der deutschen Phantasie nicht herauszubekommen: der ölige Jude. Aus der Zimmerecke blickt mir mein stets unterkühlt wirkender Großvater entgegen. Aber das deutsche Gedächtnis weiß es besser. 200 Seiten also noch, Kleinmachnow diesmal und die verwickelten Biographien von Aufstieg und Fall der SED Nomenklatura. Christa Wolf  jedenfalls lebte bis in die 70er dort, Maxi Wander und eben jene politischen Figuren, die so schnell fielen, wie sie kamen, hier also Georg Dertinger, Ex-DDR Außenminister und Mitgründer der Ost-CDU. Die Kinder auf Jugendwerkhöfe verteilt, die Eltern verhaftet und die Geliebten gleich mit. Ernst-Thälmann-Straße, Google Maps sagt die Straße heißt noch immer so. Stiege ich auf das Dach, sind es vielleicht vier Kilometer bis dorthin, aber in Kleinmachnow bin ich noch nie gewesen und aus vielen Gründen liegt dieser Ort abseits meiner Wege. Deutsche Geschichte ist eine Falltreppe, die immer nur hinunter und hinab führt, nie jedoch nach außen ins helle Licht. Schließlich kehrt der F. zurück, müde und in der späten Nachmittagssonne liegt er auf dem Sofa und schläft. Der Arm fällt herunter. Das ist er wieder der gebrochene Flügel der Taube. Zwei geschälte Kilo Spargel später wacht der F. auf. Erzähl sage ich und wir sehen auf das Telefon, das wieder beginnt zu klingeln.

4 Gedanken zu “As an exception in German: Samstag

  1. Ich finde es sehr tapfer, dass Sie das Buch tatsächlich zu Ende lesen, obwohl die Figuren so unsympathisch sind, die Geschichte nicht anregend und auch die Sprache plump ist. Ich lese solche Bücher bestenfalls noch quer, wenn ich nicht gleich abbreche und sie beiseite lege. So war das übrigens auch mit dem einzigen Buch von Karl May, das ich mal zu lesen versucht habe. Ich kam nicht sehr weit, und ich glaube, Guntram Vespers Frohburg fange ich gar nicht erst an. Dann schon eher die Trilogie Alle Toten fliegen hoch von Joachim Meyerhoff, die mir vorgestern empfohlen wurde.

  2. Es ist schwierig, das Buch hat viele beunruhigende Momente, die Sprache entspricht an vielen Stellen, wohl auch dem Momentum der Handlung, aber es ist in vielerlei Hinsicht ein abstoßendes Buch, nicht nur der unseligen Sexszenen wegen. Dazu das Sächsische, ein Tonfall der mir in seiner Breiigkeit nicht liegt. Dennoch bin ich immer wieder zurückgekehrt. Mein alter Fehler: nicht aufhören können. Ja, Joachim Meyerhoff habe ich mir auch vorgenommen.

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