Die Armen

Dankbar sollen die Armen sein, auf jeden Fall aber bescheiden. Forderungen sollen die Armen nicht stellen. Wir wissen es doch besser. Weit weg sollen die Armen wohnen, in Vierteln die uns nichts anzugehen brauchen. Adrett und höflich sollen die Armen sein und nicht etwa lauthals in Bahnen und Bussen grölen, oder gar uns auffordern Platz zu machen. Überhaupt, warum müssen die Armen immer in Gruppen auftreten? Still sollen die Armen sein. Auf gar keinen Fall sollen sie uns mit Musikinstrumenten, Straßenzeitungen oder gar abgebrochenen Lebensgeschichten behelligen. Wir, die wir mit unseren Telefonen in der Hand Wichtigkeit vortäuschen, werden doch wohl noch selbst und in aller Stille entscheiden dürfen wem wir ein Almosen angedeihen lassen. Aber nicht in Alkohol umsetzen, sagen wir gönnerhaft mit unserem Zwei-Euro-Stück in der Hand, als ginge es um Champagner aus Bestlagen und nicht um zwei Flaschen Bier. Aber wir wissen es doch besser und wir sagen es auch: die Armen könnten sich doch nützlich machen. Wir bekommen doch auch nichts geschenkt. Können wir nicht erwarten, dass die Armen die Straßen fegen, auf die wir unsere Pappbecher deppern oder zumindest die Parkanlagen verschönern oder wenigstens die Bänke streichen? Aber muss das wirklich mit Zigarette im Mundwinkel sein? Und warum müssen die Armen unser sauer verdientes Geld an scheußliche Tattoos verschwenden? Überhaupt wir wissen es doch besser: warum können nicht auch die Armen mehr Vitamine essen und sich öfter mal ein Buch ausleihen. Wir sind doch alle längst clean-eater und wissen ganz genau wie authentisch indische Küche zu schmecken hat. Überhaupt man muss es auch wollen und Disziplin, Leistungsbereitschaft und vor allem Dankbarkeit wird man doch wohl auch von den Armen erwarten dürfen. Armut ist im Grunde immer nur eine Willensfrage, wenn wir es können, warum können sie es nicht? Ausnahmen sind echte Bedürftigkeit: Feuer, Wasser und Wirbelstürme qualifizieren für Anteilnahme, ansonsten klebt der Makel an den Armen, den es zu überwinden gilt. An uns können sich die Armen doch ein gutes Beispiel nehmen. Meinungen und noch dazu solche die unseren widersprechen sollen die Armen lieber nicht haben. Wenn sie aber doch eine Weltsicht haben, dann mögen sie uns doch damit verschonen. Wir kümmern uns doch und geht es den Armen nicht gut unter uns? Empört sind wir deshalb beschweren sich die Armen, dazu gibt es doch wirklich keinen Grund. Bestimmt hat der Panflötenspieler an der Ecke keine Lizenz und lärmen dort hinten nicht schon wieder rotzfreche Kinder, die ganz bestimmt nicht die Bildungskarrieren adretter Kinder, die nie Widerworte geben gefährden sollen? Und sitzt nicht schon wieder jemand in der Bahn, der nicht an einem Smoothie nippt, sondern einen Cheeseburger ißt? Wir haben es wirklich nicht leicht mit den Armen und dann seufzen wir tief.

Am Ende

Am Ende der Hoffnung, ich kann es Ihnen versichern, da ist es still. Nicht einmal ein leiser Windhauch schiebt sich durch den Fensterspalt. Da ist nur diese lähmende, bleierne Stille, nach der nichts mehr kommt. Am Ende ist es ganz leise und von nirgendwoher bellt ein Hund, kein Vogel singt mehr und auch auf der Straße ist niemand zu sehen. Alles ist lautlos und leise, alles ist still. Am Ende der Hoffnung, ich weiß es genau, verlieren sich alle Farben ins Grau. Alles Schränke wie Bücher, die silberne Teekanne und auch das gelbe Tuch versinken im Schatten. Grau wird alles und schließlich bleibt nur die Finsternis. Am Ende der Hoffnung gibt es kein Licht. Am Ende der Hoffnung sind keine Wörter mehr übrig, nicht eine einzige Silbe rettet sich mehr ans Ufer, sondern Worte wie Töne, auch die letzten Noten gehen unter und sinken schnell tief und tiefer bis in das Bodenlose hinab, das nichts mehr hält. Da liegt dann das, was übrig blieb, ein letzter Satz vielleicht, bis auch er verschwindet auf immer und ohne Hoffnung auf Rückkehr, verlorenen gegeben ist. Alles wiegt schwer am Ende der Hoffnung und Glieder wie Gedanken sind seltsam verdreht. Am Ende der Hoffnung bleibt nichts mehr stehen. Am Ende der Hoffnung bleibt nicht einmal mehr ein weißes Blatt Papier.

Sonntag

Sonntag. Ein Sonntag also, der geht so:

Die schwere Katze, die am Tag eigentlich nichts von mir wissen will, liegt schwer auf meinem Bauch, davon wache ich- sie wissen ja früh auf- denn die zimt-und zuckerfarbene Katze ist ziemlich schwer und sehr, sehr warm. Mein Haus ist das letzte im Dorf, zudem oberhalb der anderen Häuser gelegen, und sehe ich aus dem Fenster, kann ich direkt in den einzigen Lebensmittelladen des Ortes sehen. Das ist wichtig, denn man muss schnell sein für die noch ofenwarmen Scones mit Himbeeren und es ist ein Stück von mir im Oberland hinunter ins Dorf. Ich schwatze auf dem Weg mit fast allen Dorfbewohnern, trage Scones, Milch und ein Huhn zurück zu mir und drehe mich wieder zum Fenster, denn Sonntags wandern der Tierarzt und ich. Und sein Auto kann ich von Ferne schon kommen sehen, der Tierarzt trinkt zwei Becher Tee und dann gehen wir los. Schnell muss man sein, denn im Sommer kommen Busse ins Dorf und bald schon ist der Weg den wir gehen überlaufen und ganz und gar nicht mehr so idyllisch wie jetzt im Morgenlicht. Schmal ist der Weg und das Heidekraut dampft noch vom nächtlichen Regen, weit liegt vor uns das Meer, hinter dem nichts mehr kommt, nur das ewige Blau. Der Ginster blüht gelb und der Tierarzt lacht darüber, dass ich natürlich Löwenzahn um Löwenzahn pflücke nur um ihm den Kopf wegzupusten. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Er ist nicht nur von Berufs wegen ein schweigsamer Mann, seine Ehe ist wohl auch deshalb in die Brüche gegangen, weil er in manchen Wochen nur ein-oder zweimal sprach und sonst schwieg. Ein merkwürdiges Duo sind wir, die ewig schwatzende Frau und der schweigende Mann. Irgendwann fragte er mich, ob es mich nicht störe, dass er mir nie antwortete, aber es stört mich nicht, ich habe schon lange gelernt, dass die Fragen, auf deren Antwort man so dringend wartet, keine gibt, auf den Rest kann man, braucht man aber nicht zu reagieren. Zurück im Oberland, sehen wir von Ferne schon die Busse und wir beide seufzen. Touristen. Die Touristen sollen hier das ländliche Irland erleben, das heißt sie rennen vom unteren Dorf hinauf zu mir ins Oberland, dann stellen sie sich vor meine Haustür, bedienen den Türklopfer und lassen sich in vielfachen Posen fotografieren. Am Anfang eilte ich jedesmal zur Tür, ich dachte jemand benötigte Hilfe oder ein Glas Wasser, aber es ist nur die Faszination einmal an einer Löwenklaue gerüttelt zu haben und so liege ich ganz unberührt auf dem alten Sofa und lese die Zeitung, beende Elizabeth Strout’s neues Buch, bügle und schäle Kartoffeln, und sehe immer mal wieder im Ofen nach dem Huhn. Jeden Sonntag um 1 Uhr kommt der Priester, der Dorfkirche St. Sylvester zu mir zu Tisch, der Friedhof der Kirche ist meine Gartenmauer,hier wiederholt sich die ungleiche Konstellation, ich der Jude, er der Katholik, aber wir haben uns schätzen gelernt mit der Zeit und auch heute streiten wir auf das Liebenswürdigste darüber ob die Messe auf Latein gehalten werden sollte oder nicht. Beim Nachtisch kriegen wir uns über Rembrandt’s Selbstporträts in die Haare und wie immer, wenn wir auseinandergehen, freuen wir uns auf den nächsten Sonntag. “Geben Sie acht auf sich Read On”, sagt der Priester und ich nicke. Der Priester macht einen Krankenbesuch, ich aber lese im Garten bevor der Regen mich zurück aufs Sofa zieht, ich telefoniere mit dem Schwesterchen bevor ich für eine Weile die Augen schließe. Als ich die Augen wieder öffne, klopfen Touristen gegen die Scheibe, dort liegt schlafend natürlich die zimt- und zuckerfarbene Katze, die sich nicht stören lässt auch nicht vom hartnäckigen Pochen gegen die Scheibe sie ist ganz Aristokratie, gesegnet mit dem Talent nur das zu sehen, was sie sehen will. Ich aber wundere mich doch, was die Leute die aus Bochum oder Barcelona kommen, wohl sagen würden, schlüge ich gegen ihr Fenster um den Goldfisch im Glas zu einer Reaktion zu bewegen? Dann räume ich auf und ziehe ein neues Buch aus dem Regal. Bevor ich nach warmen Socken suche, sehe ich noch einmal zum Fenster, dort liegt noch immer die Katze und die Touristen sind verschwunden. Für einen Moment sieht es aus als höbe sie den Kopf: ich habe es dir doch gleich gesagt, sagt sie, sie werden bald wieder verschwinden. Aber vielleicht bilde ich es mir auch nur ein, denn das  Abendlicht und die letzte Sonne sind weniger golden, denn Zucker- und zimtfarben wie die Katze, die dort zusammengerollt auf der Fensterbank liegt.

Das Fräulein Read On kauft einen Rock

Seit über sechs Wochen schon, immer genau dann, wenn mein Blick auf die Einladungskarte der L. fällt, erinnere ich mich: Read On Du musst einen Rock kaufen. Das ist nicht einfach: Faltenröcke sind mir ein Graus, die meisten Röcke erinnern zu sehr an Stewardess- Uniformen, wieder andere an strenge Gouvernanten und noch andere haben schreckliche Strasssteine am Saum oder eine Länge, die weder dem Anlass noch meinen Beinen gerecht wird. Nun können Sie sagen, “warum kaufen Sie sich dann kein Kleid?”:, der Grund ist so einfach wie bestechend: ganz unbedingt möchte ich die mauve-farbene Bluse aus Indien tragen, die ich im Vorübergehen auf einem staubigen Markt im Nirgendwo Rajasthans erwarb und in der ich,  es ist nicht neu, nicht schön bin, aber wenigstens von Weitem nicht hässlich aussehe. Vor drei Tagen aber, sehe ich in einem Schaufenster einen Rock: mitternachtsblau und gerade geschnitten,dabei aber weder an eine Stewardess noch an ein strenges Fräulein erinnert und gestern Abend schaffte ich es dann tatsächlich eine halbe Stunde vor Ladenschluss, das Geschäft in dem der verheißungsvolle Rock auf mich wartete zu erreichen. Ich gebe zu, ich sah noch weniger schön aus als sonst: angetan war ich mit meinem alten Wetterfleck, der zudem regendurchweicht an mir klebte und die schweren Stiefel an den Füßen haben es wie auch die Hose nicht besser gemacht und als ich die Türklinke zum Geschäft herunterdrückte, sah überzog Schrecken und Verachtung das Gesicht der Verkäuferin, deren makellose Erscheinung durch nichts zu trüben ist, schon gar nicht durch Regen, widrige Umstände oder auch ein Erdbeben. Schön und makellos, steht sie auf dem hellen Teppich mit einem Tuch in der Hand, das sie nicht einsortiert, sondern auf einem kleinen Beistelltischchen drapiert. Das Geschäft nämlich ist eines von jener Sorte, in denen man eigentlich wie in einer sehr eleganten Hotellobby steht und nicht über Wühltischen gebeugt nach Angeboten grabbelt. Hier steht auf einem langen leeren Tisch, nur eine Vase voll Lilien, von denen ich sofort niesen muss, das macht es nicht besser, tropfe ich doch schon auf den bis dahin makellosen Boden. Fassungslosigkeit über solch eine Störung der Ordnung in einer Welt, in der es Unholde wie mich doch gar nicht gibt, breitet sich im Gesicht der Verkäuferin, die eigentlich ja auch keine Verkäuferin, sondern eine Markenbotschafterin ist aus. Aber es hilft ja nichts und ich brauche ja auch wirklich einen Rock: ich sage also, ich würde so gern den Rock, den mitternachtsblauen, den aus dem Schaufenster anprobieren, haben Sie den in meiner Größe? Sehr langsam und genau, von oben bis unten mustert mich die Verkäuferin, sie sieht mich an als sei ich ein sehr widerwärtiges Insekt, das nur ein Fehler in der Matrix in dieses Geschäft geführt haben mag an und ihren etwas dünnen Mund verzieht sie zu einer schmalen Linie: “Haben Sie denn”, sagt sie ” auf den Preis gesehen?” “Ich habe erwidere ich, ja nicht nach dem Preis gefragt, sondern nach der Größe, wenn Sie dann so freundlich wären?” Dann ist es still, langsam und mit deutlicher Überwindung sucht die Verkäuferin den Rock heraus. Und wie ich es mir gedacht hatte, der Rock dessen Stoff leise knistert und gerade geschnitten, eine Handbreit über meinen Knieen endet und mitternachtsblau schimmert, sieht hübsch aus an mir. Auch mit diesem Rock, das weiß ich schon, werde ich nicht schön sein, nie werde ich so schön sein wie die Mädchen im Märchen, nicht einmal annähernd hübsch bin ich zu nennen, keiner wird wegen mir den Atem anhalten oder sich umdrehen nach mir, aber und ich sehe, obwohl ich Thermounterwäsche trage, dass es gut gehen wird mit mir, dem Rock und der mauvefarbenen Bluse. “Ich nehme den Rock”, sage ich zur Verkäuferin und bezahle den Rock bar. Die Verkäuferin starrt mich mit offenem Entsetzen an und ich zähle das Geld extra langsam vor ihren Augen ab, denn schwer trägt sie an der Idee, dass auch hässliche Menschen genug Geld haben können,  um sich einen schönen Rock zu kaufen.

Hinaus, aufs Meer

IMG_3933 (1)Willst du mir gehen? Nein,lach doch nicht, dies ist eine ernstgemeinte Frage. Komm, steh auf, nimm deine Schuhe und lass mich bloß nicht weiter fragen. Nimm lieber meine Hand in deine, denn den Weg zum Meer, den zeig ich dir. Was sollen uns denn die Häuserfluten, dort hinten schon, bei den schwarzen Felsen brechen sich die Wellen, weißer Gischt auf dunklen Steinen, siehst du sie denn schon? Lass uns lauter kleine Boote falten aus den ganzen Aktenbergen, darauf fahren dann Möwenküken einmal um die halbe Welt. Haben sie kein Recht auf Abenteuer? Komm zieh deine Schuhe aus, lass uns doch nach Muscheln suchen, komm lauf schneller bis zum schwarzen, blanken Stein, dort, aber das darfst du nicht weitersagen kommt bei hellem Sonnenschein die Meerjungfrau. Sie kämmt ihre langen Haare und singt :keine schönen Liebeslieder aber doch aus voller Kehle, Shanties aus vergangenen Tagen und dann und wann die Lorelei. Ja, jetzt machst du große Augen, aber das gehört dazu. Sieh wir können Dampfer zählen, die die kommen und die gehen. Und wenn wir recht freundlich fragen, nimmt uns vielleicht einer mit: morgen schon würden wir an fremden Küsten tanzen oder doch, lieber an der Reling lehnen mit dem Wind im offenen Haar? Oder besser blinde Passagiere? Zusammen mit Bananenkisten führen wir bis Panama. Lange Wochen nichts als Wellen, Wind und Wogen und an deinem Rücken lehnend, wäre ich doch wohlgeborgen und vor allem sorgenfrei. Irgendwo an fremden Stränden unter gelben Lampions stünden wir mit blanken Füßen, sähen auf das Meer hinaus, lauschten ob denn die Sirenen vielleicht doch nochmal begännen uns zu locken tief und tiefer bis zum Fall. Bis ich dir in die Rippen stieße, sanft natürlich ist doch klar, dort ein anderer, schwarzer Felsen, vielleicht dieselbe Meerjungfrau.? Ihr Kamm sagst du und lächelst leise, sei aus altem Rochenhorn. Einzelstücke. Spitzenpreise. Jeder ganz auf seine Weise. Sieh da vorn am Hafenbecken, wie sich tausend Hälse recken: 1000 junge Möwenküken fahren ein auf Aktenbooten. Sind die schnell, jauchzt du, kaum zu glauben, elegant und sehr verschwiegen gehen sie an Land, doch die Boote nicht gedacht zum langen Liegen, wiegen sich im Tropenwind. Papageien und Giraffen wollen nach Europa reisen, schon besteigen sie die Nachen. Das ist wirklich nicht zum Lachen. Denn ob die kleinen Aktenboote solche schweren Lasten tragen? Aber du läufst schon voraus, dort am tiefen Priel willst du mit Kieseln werfen und im Sand seh ich dir zu. Schließlich würde ich müde werden, Meeresrauschen, deine Hände, am Horizont noch Aktenboote, weiße Gischt und hohe Wellen, nichts vergeht und nichts kommt wieder, und am Horizont kein Ende, nur das Meer und ich und du.

Samstag

Samstag. Ein Samstag geht also so.

Früh, natürlich, dem Tag die Stunden zu stehlen, also, sie werden sagen sie machen sich ja lächerlich, jeder weiß doch, dass die Zeit sich nicht betrügen lässt. Sie haben Recht, aber sie wissen nicht wie lächerlich ich wirklich bin. Diesmal aber ist es nicht der Garten, auch nicht der Schreibtisch und auch nicht Schwesterchen das nach mir ruft. Sondern F. der ehemalige geschätzte Gefährte, fährt wie jedes Jahr mit Freunden auf der Arca hinaus aufs Meer oder besser: die Seen, die über Wannsee und Havel miteinander verbunden sind. Die Arca, das alte Boot meiner Mutter, auf dem ich sie nie haben segeln sehen, und obwohl es mir viele Leute versichert haben, das sie es tat, vorstellen kann ich es mir nicht. Längst schon ist die Arca das Boot von F. und lange schon ist die Arca sein ganzer Stolz. Den B. holen wir ab, da schläft der F. schon wieder und zuckt nicht einmal mit den Augenlidern, als der B. mit der Autotür knallt. Talente soll man loben, wo immer man sie entdeckt: Der F. nämlich, ist wirklich zum Schlafen begabt, seine Mutter erzählte mir einmal, dass als die Familie am zentralen Busbahnhof in Jerusalem auf den Bus nach Nahariya wartete, der F. gelehnt an einen Stapel Paletten sofort einschlief und im Gewühl des Reisenden, niemanden auch nicht seinen Eltern oder Brüdern als der Bus schon los fuhr, auffiel, das der F. doch fehlte. Erst als die Brüder einen vierten zum Kartenspiel suchten, fiel auf wer fehlte. In heller Panik also und mit viel Zeter und Mordio, und einer grauenvollen Odyssee fuhr die Familie zurück nach Jerusalem, irrte an Reihen von grünen Egged-Bussen vorbei, bis schließlich der F. noch immer selig schlafend an den Paletten lehnend angetroffen wurde, wie man ihn zurückgelassen hatte. Umgeben war er inzwischen von fünf alten Frauen,die strickend seinen Schlaf bewachten. Der F. behauptet heute, es sei alles ganz anders gewesen, weinend sei er auf der Suche nach Eltern und Brüdern umhergelaufen und schließlich schluchzen vor Erschöpfung eingeschlafen. Aber wer den F. einmal hat schlafen sehen, der weiß, das an dieser Stelle die Dichtung und nicht die Wahrheit spricht. Der F. also schläft selig und der B. erzählt mir freudig, er würde zum dritten Mal heiraten. Meine Frage, warum er denn immer gleich heiraten würde, kommt nicht gut an. Der B. ist überzeugter Romantiker, und jedes Mal aufs Neue, glaubt er die Liebe seines Lebens zum Altar zu führen, immer gibt es Orgelmusik, Blumenkinder, eine Torte mit dem Brautpaar in Zuckerguss und einen strahlenden B. Gäbe es eine Agentur die Hochzeiten, ohne das Leben danach anbiete, ich glaube eine solche fände im B. den idealen Kunden. Stolz, und nur ein bisschen schnippisch übergibt mir der B. eine Hochzeitsliste, auf der das Brautpaar allerlei Nützlichkeiten zur Verbesserung des Hausstandes aufführt und sagt: besser dreimal als keinmal. Dann sind wir da und der F. steckt sich, um sogleich lauter Taue, Kisten und Taschen mit den anderen vier Segelfreunden, alle Ärzte wie er auf das Boot zu befördern. Ich stehe am Ende des Stegs und sehe auf das graue Wasser. Halshoch steht der Schilf und die knorrigen Pfähle sind voller Moos, dann aber ist die Arca fertig beladen und fünfmal sage ich kommt gut zurück und den F. umarme ich einen Moment länger als die anderen vier. Dann sehe ich dem Boot nach, das auch keine schöne Erinnerung ist, und obwohl die fünf schon aufgehört haben mir zu winken und mit Segel und Tauen hantieren, sehe ich dem Boot hinterher, sehe es kleiner und schneller werden und ein wenig peinlich ist es mir schon als ich auch noch das Fernglas aus der Tasche ziehe, um im kleinen schwarzen Punkt weit in der Ferne, die Arca sehen zu glauben, bis der Horizont nur noch leer und spiegelglatt ist. Dann fahre ich zurück.

Kühl ist es im Garten, aber ich bleibe nur kurz, und halte noch einmal das Gesicht in den Flieder, kürze die Rosen und mähe den Rasen, immerhin ist jetzt Licht in der Wildnis, dann schließe ich die Gartenpforte und kehre zurück an den Schreibtisch an dem die Stunden verfliegen, ja, ja, sie wussten es gleich, die Zeit lässt sich nicht betrügen, nein wirklich nicht. Als ich dem O. eine E-Mail schicke mit einem langen Text anbei, muss ich daran denken, wie fest ich darauf gesetzt habe, dir diesen Text zu senden. Für eine Viertelsekunde habe ich überlegt, ob ich es einfach tue, sie sehen meine Lächerlichkeit kennt keine Grenzen, aber gemacht habe ich es natürlich nicht. Zerschlagen liegen meine Worte auf dem Boden. Es ist ja auch keiner da, der sie aufsammeln wollte. Dann gehe ich doch noch einmal in den Garten, es regnet leise , das trifft sich gut, denn im Regen sieht keiner und vor allem man selbst nicht, dass man weint.

Ab Montag dann ein dritter Beruf, es soll ja niemand sagen, ich hätte es nicht versucht.

sicher, Adjektiv, gefahrlos,von keiner Gefahr bedroht

Die Buben in der S-Bahn mir gegenüber sind fünfzehn, vielleicht aber auch schon sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Sie wären sicher empört, dass ich sie Buben nenne, aber mir fällt nichts anderes ein. Sie alle sprechen merkwürdig laut und überhoben, fast macht es den Eindruck sie wüssten, dass sie nichts zu sagen haben, aber fürchteten sich vor der Leerstelle, die aufträte, hieße man sie schweigen. Es geht um das Wochenende und die Buben untereinander befragen sich, was zu tun sei  mit den zwei folgenden Tagen. Natürlich saufen, rufen sie sich übereinstimmend zu und es hat etwas unwirklich Komisches, denn sicher bin ich nicht, ob sie es sagen weil sie es tun und heute Abend in schlecht riechenden Kellern, süße Biere kippen oder ob sie an einem karierten Tischtuch Käsebrote kauen und mit Vati vor dem Fernseher enden oder in einem Zimmer sitzen, in dem es gilt irgendwelche Figuren auf dem Computer möglichst schnell ins virtuelle Jenseits zu befördern. Dann aber steigen sie aus und begleiten ihren Abgang mit einem weiteren Schwall von Leerwörtern: “ey der Bitch will ich es zeigen”, und immer wieder “mir doch egal.” Mich erinnert nichts an den Buben an mich und vor allem nicht an mein sechzehnjähriges Ich. Das war ein verstiegenes Mädchen, in lange Tücher gewickelt und schweigend. Schweigend rauchend und schweigend lesend. Ekstatische Leser waren wir, Jäger auf der Suche nach dem abseitigstem Roman und dem am wenigsten verstandenem Gedicht. Gelebt haben wir, diese schweigsame Runde auf den Dachterrassen und in stillen, überaus stillen Wohnungen, in denen die Stille der eigentliche Besitzer war. Die Stadt A. lag zwar am Meer, aber weich und warm war sie nicht. Heiß und hart, träfe es eher. Das Land A. sagt kaum jemandem etwas. Es ist nicht einmal eine Touristendestination und somit aus europäischer Perspektive quasi non existent. Heute morgen ist auch das Land A. zum sicheren Herkunftsland erklärt wurden und ich musste lachen, boshaft aber dem kann ich nicht helfen: Sicherheit wäre das letzte Gefühl, da mir zu diesen Jahren einfiele. Wir die verschwiegene Runde ,glaubten damals wir würden die Welt und vor allem die Stadt in der wir lebten zu einer anderen machen. Links waren wir und wir sangen, denn wir waren ja verschwiegen die Bandiera Rossa. Ich sehe mich mit D. im Halbdunkeln tanzen, seine kühlen Finger an meinem Rücken und unter uns die Stadt mit ihrem Geruch nach fauligem Obst, dem Meer und offenen Küchen. D. Europaliebhaber und Proustspezialist,der bei einem Kurierdienst arbeitete, keine der Möglichkeiten die den Buben von fünfzehn oder siebzehn Jahren hier offen stehen, lag auch nur im entferntesten in der Reichweite des D. Aber das kümmerte ihn nicht. Oder besser noch: es brachte ihn nichts ins Wanken.Überhaupt nirgendwo habe ich so hartnäckige Liebhaber der europäischen Idee getroffen wie im Land A. Bewaffnet mit dem Dekamaron und Rilke Gedichten in französischer Übersetzung, waren sie hingerissen, wir waren hingerissen, und ja sie liebten Europa, liebten es so wie man nur einmal im Leben liebt, wenn man alles gibt, ohne zu fragen, was man erhält. Nirgendwo war ich Europa näher als im schweigenden, stillen Miteinander hoch über den Dächern, vergraben in den Büchern und  ineinander versunken, waren auch wir. Europa aber hat längst Narben von zerplatzten Träumen hinterlassen in ihren Geschichten und in meiner auch. Ich weiß noch als ich D. zum letzten Mal sah: wir waren ja jung und sie werden lachen,  ja wir waren ja links, wir und die Welt, da zog er mit Plakatfarbe los und übermalte die Werbeplakate der Armee des Landes A: “Wann wird das Leben der Söhne wichtiger sein, als die Ehre der Väter ?”schrieb er. Er kam nicht zurück, sondern ins Gefängnis. So wird das gehandhabt im Lande A. Vaterlandsverrat. D. wusste schon was er schrieb. Lange Jahre haben wir gewartet und die Q. seine Freundin hat sechs Jahre lang auf die Türklinke ihrer Wohnung gestarrt. War er es oder war er es nicht? Man kann sagen und vom wem kann man das schon sagen, dass der D. für Europa ins Gefängnis gegangen ist. Was für eine Liebe.Damals aber als wir nur auf neue Bücher und auf die Liebe, die wir uns  glühend heiß, so wie die Steine im gleißenden Mittagslicht vorstellten, warteten, wussten wir nichts von der Verschwendung die in der Liebe liegt. Ich schrieb Liebesgedichte gegen Bezahlung und lange schrieb ich an einem besonders schlechten Roman. Damals wartete ich schon auf das Unglück und war dann doch überrascht als es kam. Es kam anders zu mir als zu D.

Heute aber an dem Tag an dem ich lerne, dass das Land A. eben sicheres Herkunftsland ist, sitze ich in der S-Bahn und gehe zum Blut spenden, das ist also noch übrig von den Utopien weit über den Dächern und die Krankenschwester, die nach einer Vene sucht, trägt ein weißes Kopftuch. Für einen Moment, bin ich noch einmal in der Straße, in der ich sechzehn Jahre alt war und sehe D.’s Mutter, von den Beinen abwärts gelähmt, wie sie in der Küche Tomaten viertelte und Zwiebeln schälte, während der D. und ich und die anderen süßes Brot mit scharfem Käse aßen, obwohl sie so klagte, das wir dann später nichts mehr essen würden und der D. Raskolnikow spielte, das war seine Paraderolle und sie so stolz wie selbstbewusst sagen hörte: mein Sohn ist ein Europäer. Von Sonntag bis Freitag trug die Mutter des D. ein schwarzes Kopftuch, nur am Freitag legte sie ein weißes, besticktes Kopftuch an, fast identisch mit jenem der Krankenschwester, die langsam und bedächtig die Nadel in meinen Arm schiebt und mir zunickt. Für zehn Minuten  schließe ich die Augen und versuche vergeblich zu vergessen, dass die Mutter des D. über der Verhaftung ihres Sohnes verstarb. Noch einmal sehe ich sie wie sie ernsthaft und aufmerksam ihren Sohn sieht, der mit Worten um Europa, seine große Liebe warb. Im Radio aber, loben Experten den Fortschritt des Landes A. in Fragen der Menschenrechte und betonen die Bedeutung des Landes A. im Rahmen der Bekämpfung des weltweiten Terrorismus. Sicher, ich sehe es noch einmal nach im Duden den mir meine Großmutter mit auf den Weg gab, steht unter sicher:” ungefährdet, gefahrlos, von keiner Gefahr bedroht, geschützt, Sicherheit bietend und auch: über jeden Zweifel erhaben.”