As an exception in German: Samstag

Ein Samstag geht bei mir so:

Ich stehe auf bevor alle anderen aufstehen, denn wenn alle aufstehen, wollen nicht alle, aber leider ziemlich viele Menschen etwas von mir. Ich sitze am Schreibtisch und arbeite.Das geht für drei Stunden ziemlich gut. Dann wacht meine Schwester in London auf. Schwesterchen weiß natürlich, was ich am Morgen so mache und leider weiß sie auch, dass ich in Berlin bin. Schwesterchen ruft also an. Read On sagt sie und dann zählt sie gefühlte elf Millionen Freundinnen auf, die ihr Rührei mit Bärlauch essen oder zum Bärlauch-Spaghetti-Essen laden oder Bärlauch-Mandelmilch schlürfen. Soll Dein einziges Schwesterchen, da außen vor stehen?“ Leider weiß mein Schwesterchen auch, dass der Berliner Garten ziemlich groß ist und unter den alten Bäumen, wo immer noch die verrostete Gießkanne den Kröten Hotel ist, Bärlauch wächst. Meine Schwester stellt keine rhetorischen Fragen. Ich seufze also , suche die Gummistiefel und mit nichts anderem angetan als einem alten, vielfach geflickten Pullover und einer einstmals dunkelblauen Schlumpfhose und der Schere, gehe ich in den Garten. Natürlich fährt als ich mit den Gartenschlüsseln hantiere der schöne Mann vorbei. Der schöne Mann, der ja nicht umsonst so heißt, lässt sogar die Sonne blaß aussehen. Mich sieht der schöne Mann gar nicht, aber das ist in diesem Fall wohl vor allem ein Glück. Mit Bärlauch beladen also, kehre ich in die Küche zurück. Bärlauch will mit Pinienkernen, hartem Käse, Öl, Pfeffer und Salz geschreddert werden und alles, ich schwöre alles an mir riecht, als hätte ich seit Wochen nichts als Knoblauch gegessenen. Sechs Gläser später, befülle ich ein Päckchen und bin gerade noch vor zwölf auf der Post. Schwesterchen triumphiert. Dann kommt die Biokiste und ich esse zwei Möhren, einen Apfel und ziemlich viel Joghurt, alles schmeckt nach Knoblauch. Wie schön. Ich schwatze mit der Nachbarin. Die Nachbarin hat große Pläne und ich finde mich ziemlich klein. Montag kommt Besuch und zu Schubert’s Impromptus putze ich vor mich hin. Na gut. Ich esse Tomaten und Mozzarella und alles, alles schmeckt nach Knoblauch. Dann finde ich, könnte ich die Zeitung lesen. Die Zeitung in der Hand merke ich, dass ich meine Brille nicht auf der Nase habe, dass hätte ich schon merken müssen als ich mir heftig den Zeh am Türrahmen stieß, denn ich bin blind wie eine Schlange. Also mit der Zeitung in der Hand suche ich die Brille, im Bad ist sie nicht, im Schlafzimmer nicht, sie legt nicht neben der Schlüsselschale und während ich so vor mich hintaste und fühle, ertappe ich mich bei dem Gedanken: was suche ich eigentlich? Jetzt aber ruhig bleiben, Read On, sage ich zu mir und dann fällt es mir wieder ein, ach ja die Brille. Schließlich finde ich die Brille auf dem Balkon. Wie sie da hinkam? Fragen Sie mich bloß nicht. Indes habe ich natürlich die Zeitung verlegt. Also erneutes Suchen. Dann klingelt das Telefon, dann steht die B. in der Tür, dann vertreibe ich eine Spinne, topfe Pflanzen um, kehre den Balkon, schüttle das Bett auf, das Telefon klingelt erneut, die Kinder von unten wollen, das ich ein Holzschwert repariere und als ich wieder mit mir allein bin, erinnere ich mich, dass ich doch etwas suchte. Was war es nur? Mir fällt nichts ein. Besser als grübeln, ist es einen Kuchenteig anzurühren und später kommt der ehemalige, geschätzte Gefährte zum Spaghetti-Essen. Den Kuchen im Ofen fällt es mir wieder ein: Die Zeitung wollte ich doch lesen, aber wo kann sie nur sein. Jetzt ist es fünf. Vielleicht findet sie sich noch an, bevor ich die Brille erneut verlege, das Telefon klingelt irgendjemand vor der Haustür steht und alles von vorn beginnt.

9 Gedanken zu “As an exception in German: Samstag

  1. Bärlauch ist aber auch lecker. Hab sofort Anna beauftragt einen Abstecher zum supermarkt zu machen. Zwar wächst Bärlauch auch bei uns im Garten, Maiglöckchen aber auch….. Der Tag klingt lustig kenne ich irgendwie besonders das es immer anders kommt als man denkt und die Sucherei ist ebenso existenziell. Dir ein schönes Wochenende!

    • Ich grüße Anna unbekannterweise. Die Sucherei ist wirklich etwas kurioses. Die Dinge glaube ich, lachen mich oft aus…..Dir eine schöne Woche, wo das Wochenende nun schon vorbei ist.

  2. Ich kann ja Bärlauch nicht leiden, darum hätte ich längst Maiglöckchen dorthin gepflanzt. Ihnen möchte ich zumindest Handschuhe ans Herz legen, ich trage inzwischen beim Zwiebelschneiden immer dünne (ohne Latex), weil sonst meine Finger noch am nächsten Tag danach riechen, egal, wie oft und gut ich sie wasche.

    Hat der Kuchen am Ende auch nach Bärlauch geschmeckt?

    • Ich mag Bärlauch auch nicht zu gern, allerdings mit Schwesterchen kann ich es mir nicht verscherzen. Der Garten zudem ist nicht meiner, ich hüte ihn nur, die eigentlichen Erben sind miteinander verfeindet, die Besitzer im Altenheim und bevor sie fortzogen, legten sie mir den Garten ans Herz. Daher bin ich etwas scheu, was neue Pflanzen und Veränderungen betrifft. Dass ich nun die Handschuhe vergessen habe, sagt ja auch genug über meine eigene Schafskopfigkeit. Der Kuchen wurde erst anderntags angeschnitten und war ganz und gar bärlauchfrei.

  3. Ich wohne gegenüber von einem Friedhof, auf dem Bärlauch in Massen wächst. Das heißt, in den nächsten Wochen rieche ich kaum etwas außer Bärlauch. Bald kommen Flieder und die ersten Rosen hinzu, und schon habe ich Migräne. Trotzdem liebe ich diese Düfte. Allerdings war letztes Jahr ein extrem gutes Bärlauchjahr, da wurde es selbst mir zu viel.

    • Ich bin keine allzu große Knoblauchfreundin, daher sind der Bärlauch und ich nicht allzu gut befreundet. Aber Flieder, Flieder liebe ich sehr. Migräne ist natürlich etwas Scheußliches.

      • Flieder ist großartig! In einem der Nachbarhöfe, auf die ich von meinem Balkon schauen kann, steht ein lilafarbener. Manchmal weht es Duftwolken zu mir hoch. Hach.

        @ Trippmadam: Ich bin im Frühling mal aus dem Leipziger Auenwald geflüchtet, weil es überall nach Bärlauch stank.

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