As an exception in German: Fern und doch so nah

Damals sagt sie, nach dem Autounfall als er wochenlang im Krankenhaus lag, mehr tot als lebendig, da schrie er stundenlang, ganze Nächte hindurch. Aber ihren Namen rief er nie. Peinlich sei ihr das gewesen und unangenehm vor den Krankenschwestern und Ärzten. Den Namen der Frau, nach der er unerbittlich rief, hatte sie vorher noch nie gehört. Die ganze Wohnung hat sie damals auf den Kopf gestellt. Aber gefunden hat sie nichts. Keinen Brief. Keine E-Mail, keine Telefonnummer, nirgendwo auch nicht in längst schon abgestellten und vergessenen Reisetaschen auch nur der kleinste Hinweis, der sie einen Schritt näher herangebracht hätte, an die andere Frau, den anderen Namen, der ihm Rettungsanker war und ganz offensichtlich und überlaut wahrnehmbar: letzte Zuflucht. Oft sagt sie hat sie damals über diese Frau nachgedacht und versucht sie sich vorzustellen. Aber es sei ihr nie gelungen. Aufgefallen sei ihr nichts. Es hätte weder merkwürdige Geschäftsreisen noch Verabredungen zum Tennisspiel gegeben und noch heute sei ihr Mann geradezu berüchtigt für seine Pünktlichkeit. Überrascht aber habe sie vor allem die drängende Sehnsucht seiner Stimme. Schließlich sei er schon als sie ihn kennen lernte, ein nüchterner, ruhiger Mann gewesen, der niemals in ihrer Gegenwart die Stimme erhoben habe. Leidenschaftlich sei er auch in den Anfangstagen ihrer Liebe nie gewesen. Aber in jenen Wochen habe sie ihn schreien hören wieder und wieder, nur diesen einen ihren Namen, nie aber habe er nach ihr gerufen oder nach seiner Mutter oder nach irgendjemand anderen, nur nach dieser einen, anderen Frau, die gänzlich Unbekannte und doch so nah war. Später noch und auch noch heute, viele Monate später, wache sie Nachts oft auf und lauschte seinem Atem: aber er schliefe ganz ruhig, gleichmäßig atmend und nie wieder hätte sie seitdem den Namen jener Frau gehört. Manchmal wenn sie gemeinsam auf dem Markt einkaufen gingen, drehte sie sich um, ob nicht auf einmal doch jemand aus dem Schatten träte und ihm die Hand auf die Schulter läge oder auch nur von Ferne in ihre Richtung sähe, aber noch nie sei ihr etwas aufgefallen und auch er sähe sich nie, nicht einmal im Vorübergehen nach jemand Anderen um. Damals im Krankenhaus habe sie oft überlegt, ob sie die Krankenschwestern nicht einmal fragen sollte, ob eine Frau nach ihrem Mann gefragt hätte, aber es sei ihr dann doch zu unangenehm und ja merkwürdigerweise auch zu privat gewesen. Zwei Tage vor seiner Entlassung aber habe er aufgehört nach jenem Namen zu schreien, vielleicht sagt sie und rührt mit dem Löffel in ihrer Tasse, sei die andere Frau ja tatsächlich gekommen und habe ihm so stelle sie es sich vor, ihm ihre Hand auf die Stirn bis er sich in ihrer Gegenwart beruhigte. Aber auch dies sei natürlich nur Spekulation. Öfter käme es vor, dass sie an jene Frau denke. Wie sie wohl aussehe und was sie wohl macht. Ob sie wohl Nachts irgendwo, vielleicht in einem ganz anderen Land wach liege und nach ihm riefe, so laut, so durchdringend, so fordernd wie er nach ihr? Über seine Zeit im Krankenhaus spräche ihr Mann nicht gern. Sie aber würde ihn gern fragen, nach jenem Namen, nach dieser Frau. Manchmal ertappe sie sich mit seinem Telefon in der Hand und dem Wunsch ihren Namen unter den Kontakten zu finden, nur um einmal ihre Stimme zu hören. Dann schüttelt sie den Kopf und sieht mich an: „Ich muss los“ sagt sie und umarmt mich hastig, „in einer halben Stunde habe ich ihm versprochen, hole ich ihn ab.“

17 Gedanken zu “As an exception in German: Fern und doch so nah

    • Ich bin mir nicht sicher. Aber sicherlich ist Angst im Spiel. Vor allem vielleicht weil wir eigentlich nichts wissen über die Menschen und am wenigsten wohl über die von denen wir alles zu wissen glauben.

    • Aber ist nicht genau das das Problem? Dass die größte Angst, vor der wir uns fürchten müssen, die Angst ist? Der Gedanke an die andere Frau wird an ihr nagen, wird ihre Beziehung zu ihm vergiften. Und wenn es zu spät ist, wird er verzweifelt aufklären (das Kindermädchen? eine verstorbene Schwester? eine vermisste Cousine?) Es wird sich herausstellen, dass es sich um eine ganz naive Erinnerung handelt, die andere Frau in keinerlei Konkurrenz zu ihr steht. Doch es wird zu spät sein. Zu tief wird der Riss in ihrem Herzen sein. Die Beziehung wird scheitern. Sie wird sich trennen, weil sie keine Liebe mehr spürt. Oder er, weil er ihre Liebe nicht mehr spürt.
      Und das alles nur, weil sie Angst vor einer Antwort hatte.
      Angst frisst Seelen auf… gabs da nicht mal was?

      • Oder: Er merkt, daß etwas nicht stimmt, und hakt nach, bis sie ihn schließlich nach dem Namen fragt; die Geschichte, die sie dann in dürren Worten umrissen bekommt, wird ihr nicht gefallen. Sie wird versuchen, zu vergessen, sich einzureden, daß das alles lange vorbei ist, aber das Mißtrauen ist da. Er wird sich beobachtet fühlen, seine Normalität wird etwas Angespanntes bekommen. Sie wird sich Vorwürfe machen, daß sie sich nicht auf die Zunge gebissen, und vielleicht ihm, daß er ihr diese Geschichte nicht vorenthalten hat. Immer wieder wird sie überlegen, wo der Punkt ist, vor dem noch alles in Ordnung war.
        Ich glaube, die Angst vor der Frage ist berechtigt.
        Aber wie die Angst loswerden?

  1. Für mich ein Aspekt, ein Ausdruck der Liebe: nicht fragen. Den geliebten Menschen das Gesicht wahren lassen. Man würde der Frau wünschen, daß sie’s gut sein lassen kann, daß sie sich nicht aufreiben muß an dem, was sie nicht weiß. (Unsicherheit ertragen ist sehr, sehr schwer.)

  2. Vielleicht handelt es sich bei jener Frau auch um eine unerfüllte Liebe. Die lässt die Sehnsucht ins Unermessliche steigen und durchdringt die Seele. Vielleicht vergisst man sie deshalb auch nicht.

    Ich hätte ihn gefragt.

    • @arboretum, @Lakritze, @Inch

      Gottfried Benn hat dazu einmal ein schönes Gedicht geschrieben, auch wenn zu viele Rosen darin vorkommen, hier ein Vers:

      „Ich frage dich, du bist doch eines andern,
      was trägst du mir die späten Rosen zu?
      Du sagst, die Träume gehn, die Stunden wandern,
      was ist das alles: er und ich und du?“

  3. Man muss sich wohl klar machen, dass es ein Zeit vor der aktuellen Liebe gab, vielleicht eine Zeit danach geben wird, und auch eine daneben. Kein Paar ist eine Insel.

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