As an exception in German: Aus vergangenen Tagen

„Übrigens sagt der B. als wir telefonieren, hast du schon gehört?“ Der J. ist wieder da!“ „Ernsthaft,?“sage ich und der B. lacht: „Ja, die K. hat ihn gesehen und sogar eine neue Handynummer von ihm.“

Vor Jahren als wir uns alle zum ersten Mal in Berlin trafen und uns so kennen lernten, wie man sich in Berlin eben so kennen lernte, damals mit einer Flasche Bionade in der Hand auf der Langen Nacht des absurden Films in der Volksbühne zum Beispiel oder auf den Stufen des 103, das es schon lange nicht mehr gibt ,sitzend und der Nacht beim Verglühen zusehend, da tanzte, denn in jenen Jahren wurde unentwegt getanzt der J. in unser Leben. Aber dennoch weiß nicht so Recht, ob ich vom J. als von einem Freund sprechen würde, obwohl doch in diesen vergangenen Berliner Sommern alle irgendwie Freunde waren und sich alle Welt immerzu in den Armen lang und ich wohl nie wieder so oft geküsst worden bin wie damals. Natürlich spielte immer irgendwo Musik und meist war die Musik ziemlich gut oder störte zumindest nicht. Trotzdem so ganz und wirklich konnte man mit dem J. nicht befreundet sein. Nicht nur weil er auf Wochen verschwand und niemand so genau wusste wohin eigentlich, nur wenn dann ein gemeinsamer Bekannter vorbei sah, der mit den Schlüsseln des J. in der Hand, erzählte das er die Wohnung hütete, wusste man nichts. Niemals habe ich herausbekommen ob der J. nun nach Sri Lanka oder nur in die Eifel gefahren war. Dann war wieder da und war so liebenswürdig wie großzügig, gab sein Geld aus und das der Anderen gleich mit Aber er tat es so charmant und so passend zu jenen Sommertagen, dass niemand ihm böse sein konnte. Ob der J. eine Freundin oder einen Freund hatte, wusste niemand so genau, er küsste Mädchen wie er mit Männern eng umschlungen auf der Straße tanzte, und vielleicht wusste nicht einmal er selbst es so genau. Einmal nur erinnere ich, dass es Ärger gab wegen eines gebrochenen Versprechens , das zu hässlichen Szenen und einem weinenden Mädchen im Treppenhaus führte, aber selbst gesehen habe ich solche Szenen und auch das Mädchen nie. Ideen hatte der J. viele, aber damit war er nicht allein in jenen Jahren. Ich zum Beispiel träumte vom großen Roman, den ich natürlich niemals schreiben würde und so ging es uns allen, die wir in der Andeutung und einzig in Erwartung des Kommenden lebten. Der J. war darin besonders gut. Das Leben selbst war für den J. stets Konstruktion und immer, das war wichtig: Entwurf. Der J. zerschnitt Jeans von H&M, in Gedanken war er schon bei Gaultier, anderen Tags aber malte er mit Acrylfarben an Fensterscheiben als Protest gegen das weiße Sonnenlicht und am nächsten Tag schon hatte er die Lösung zur Rettung der Welt parat, der J. sprudelte vor Ideen und alles war faunhaft und leicht, so überzeugend wie leicht zu vergessen, das man ihm immer wieder gern zuhörte. So war das in jenem Sommer, schon damals dachte ich, der J. sei eine späte Wiederkehr jenes Christian Buddenbrook, der schon an der Vorstellung des Pfirsichkerns ersticken mochte und doch immer mit that’s Maria im Club der Suitiers begeistern konnte. Aber so wahnsinnig viel habe ich in jenen Jahren weder über die Buddenbrooks noch über den J. nachgedacht. Der B. aber wohnte einmal eine Zeit lang mit dem J. zusammen, aber da war der Sommer schon fast zu Ende und irgendwann hörte der J. auf die Miete zu bezahlen. Ein paar Wochen später dann, löschte der J. einen Elektrobrand mit dem Wassereimer und damit wäre beinahe nicht nur der Sommer zu Ende gegangen. Ziemlich bald zog der B. dann aus, der J. war längst wieder verschwunden, wie immer wusste niemand wohin genau. Vielleicht hat er in Bali oder im Hunsrück neue Sommer gefunden, wer weiß das schon. Irgendwann zogen dann neue Nachbarn ein, die nichts wussten vom J. und den langen Nächten unter dem Balkon. Die Sachen des J. hatten der B. und ich da längst in einen Keller geräumt. Gemeldet, um auch nur nach dem Verbleib seiner Dinge zu fragen, hat der J. sich nie. „Der J. ist wieder da“, sage ich noch einmal zum B. und die Worte klingen seltsam fremd und nach einem anderen, längst vergangenen, Leben bevor wir über ganz andere Dinge sprechen und als ich auflege habe ich den J. schon fast wieder vergessen. Die Sommer jener Jahre sind wohl endgültig und völlig vorbei.

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