As an exception in German:Gefallene Mädchen

Sie sind wie sie da sitzen in einem zugebenermaßen nicht besonders ansprechendem Raum eine angenehme Erscheinung. Adrett hätte meine Großmutter sie genannt und eigentlich gemeint: langweilig.

Sie waren und auch das überrascht mich nicht eine gute Schülerin. Ihre Hefter waren nie geknickt, alle Überschriften doppelt unterstrichen und niemals haben sie Hausaufgaben unter der Bank abgeschrieben. Ihr Lächeln wurde von allen gelobt, schon damals als sie noch gar nicht wussten, wie man es am wirkungsvollsten einsetzt. Sie lächeln mich an und rücken noch ein Stück näher an mich heran. Aber ich bin schon länger im Geschäft der Lächler als Sie und glauben Sie mir: ich lächle nie aus Wohlgefallen. Aber das können sie noch nicht wissen. Im Herbst haben sie angefangen zu studieren und alle haben ihnen versichert: Ihnen stünden alle Türen offen. Schließlich waren sie doch mindestens einmal Klassensprecherin und auch irgendwie an Tierschutz interessiert. Sie konnten gut auswendig lernen und wussten schon vor dem Examen was die Lehrer von Ihnen hören wollten. Das sollte immer so weitergehen, das dachten Sie und alle versicherten Ihnen, dies sei garantiert der Fall. Jetzt aber, da sie ihr Essay in den Händen halten und realisieren, dass die Note nicht ihren Vorstellungen entspricht, entgleist ihr Gesicht und für einen Moment lang erstarrt das Lächeln auf ihrem Gesicht.

Und ja, ich stimme ihnen zu, das ist kein schöner Moment, in dem man realisieren muss, dass man keineswegs zu den Besten gehört, sondern nur zum unteren Mittelfeld. Aber trösten sie sich, sie sind nicht allein. Mit ihnen müssen viele Frauen auf einmal lernen: fleißiges Bienentum ist nicht genug. Die Maxime , die fast allen Frauen zu eigen ist: viel hilft, viel und sichert die beste Klassenarbeitsnote und die feuchte Hand des Stufenschönsten, sprich Erfolg, Glück und Liebe, bei Frauen ist das ja oft ein und dasselbe, funktioniert hier nicht mehr. Ordnungsgemäße Erfüllung ist der Standard führt aber nicht zu Gratifikationen. Fachliche Anerkennung an der Universität aber ist nicht durch eine schöne Handschrift zu erlangen. Hier brillieren nicht die, die am meisten angepasst, sondern diejenigen die sich eigene Ideen zutrauen, die unbequeme Meinungen vertreten oder überhaupt eine Meinung haben und die sich nicht im Mindesten darum scheren gemocht zu werden. Wenig überraschend sind das zumeist Männer, die zwar in der Schule öfter über den Rand malten, aber ziemlich schnell begriffen haben, dass die meist grässlich stupenden Grundschullehrerinnen keine Vorbilder sind für ein Leben mit offenem Ausgang, sondern nur für personifizierte Langweile. Das können sie doch auch möchte ich ihnen sagen und tue es auch, nur leider hören sie oft nicht zu, weil sie vor allem in der Note das Scheitern sehen, und mich ernsthaft fragen ob sie nicht fleißig genug gewesen sein. Dabei ist es das Gegenteil von Anpassung, das sie brauchen. Lesen Sie doch einmal was sie interessiert und formulieren sie doch einmal einen Gedanken ohne auf Absolution zu warten, seien sie doch mal verwegen und wenn das nur heißt mit dem Klassennerd ein Eis essen zu gehen. Träumen sie doch einmal von ganz nach oben und wenn sie morgens aufstehen: versuchen sie doch wenigstens eine Stunde lang, einmal niemanden zu gefallen. Denn ich verrate ihnen etwas: es ist unmöglich von aller Welt gemocht und gelobt zu werden. Das muss man ertragen lernen und man lernt es besser heute als morgen. Überhaupt und auch das ist eine Mädchenkrankenheit, Kritik ist Ansporn und nicht wie sie denken und ich sehe es ihnen ja an, ungerechte Behandlung und schlimmer noch persönlich gemeint. Frauen haben es nicht gelernt und warum das so ist, weiß ich nicht genau, Kritik auszuhalten, von mir aus auch zu hinterfragen oder als Ansporn zu nehmen, sondern sie nehmen sie ausschließlich als Verlängerung einer Auseinandersetzung zwischen Freundinnen wahr, an deren Ende man sich tränenreich in den Armen liegt. Ich kann ihnen versichern, dies ist nicht der Fall. Sie, aber die sie hier vor mir sitzen, mit nur noch mühsam unterdrückten Tränen, sie werden sich in den nächsten Jahren entscheiden müssen, ob sie erfolgreich sein wollen oder nur angepasst bleiben. Beides hat seinen Preis. Welcher ihnen aber als der Höhere erscheint, das müssen sie selbst herausfinden.

Aber ich gebe zu: ich fürchte mich- ein wenig- vor Ihrer Antwort. Deswegen, übrigens lächle ich öfter als mir lieb ist.

Aber sie laufen da schon aus dem Raum heraus, zurück zu ihrem Hofstaat auf dem Flur, die jetzt trösten sollen, und mich beschimpfen, Taschentücher reichen und beruhigend den Rücken streicheln, aber einigen der emsig um sie bemühten Damen wird sich wundern und vielleicht sogar zweifeln, erst an sich, dann aber auch an ihnen. Gemocht wird man selten für das was man ist, sondern nur für das was man selbst gern wäre, ist man es nicht, zerfällt die Bewunderung so schnell wie sie kam. So ist das und vielleicht ist es nicht einmal schlimm.

6 Gedanken zu “As an exception in German:Gefallene Mädchen

  1. Den Unterschied zwischen Hemd und Jacke müssen sie lernen. Daß es Sachkritik gibt, die sie als Person nicht im mindesten tangiert. Wo sie das lernen, wüßte ich auch manchmal gern.

  2. Sehr wahre Worte. Und diese Nicht-Fähigkeit, dann später im Berufsleben sachlich mit Kritik umgehen zu können, erschwert die Zusammenarbeit ungemein. Seufz.

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