As an exception in German: Samstag

Ein Samstag geht bei mir so:

Ich stehe auf bevor alle anderen aufstehen, denn wenn alle aufstehen, wollen nicht alle, aber leider ziemlich viele Menschen etwas von mir. Ich sitze am Schreibtisch und arbeite.Das geht für drei Stunden ziemlich gut. Dann wacht meine Schwester in London auf. Schwesterchen weiß natürlich, was ich am Morgen so mache und leider weiß sie auch, dass ich in Berlin bin. Schwesterchen ruft also an. Read On sagt sie und dann zählt sie gefühlte elf Millionen Freundinnen auf, die ihr Rührei mit Bärlauch essen oder zum Bärlauch-Spaghetti-Essen laden oder Bärlauch-Mandelmilch schlürfen. Soll Dein einziges Schwesterchen, da außen vor stehen?” Leider weiß mein Schwesterchen auch, dass der Berliner Garten ziemlich groß ist und unter den alten Bäumen, wo immer noch die verrostete Gießkanne den Kröten Hotel ist, Bärlauch wächst. Meine Schwester stellt keine rhetorischen Fragen. Ich seufze also , suche die Gummistiefel und mit nichts anderem angetan als einem alten, vielfach geflickten Pullover und einer einstmals dunkelblauen Schlumpfhose und der Schere, gehe ich in den Garten. Natürlich fährt als ich mit den Gartenschlüsseln hantiere der schöne Mann vorbei. Der schöne Mann, der ja nicht umsonst so heißt, lässt sogar die Sonne blaß aussehen. Mich sieht der schöne Mann gar nicht, aber das ist in diesem Fall wohl vor allem ein Glück. Mit Bärlauch beladen also, kehre ich in die Küche zurück. Bärlauch will mit Pinienkernen, hartem Käse, Öl, Pfeffer und Salz geschreddert werden und alles, ich schwöre alles an mir riecht, als hätte ich seit Wochen nichts als Knoblauch gegessenen. Sechs Gläser später, befülle ich ein Päckchen und bin gerade noch vor zwölf auf der Post. Schwesterchen triumphiert. Dann kommt die Biokiste und ich esse zwei Möhren, einen Apfel und ziemlich viel Joghurt, alles schmeckt nach Knoblauch. Wie schön. Ich schwatze mit der Nachbarin. Die Nachbarin hat große Pläne und ich finde mich ziemlich klein. Montag kommt Besuch und zu Schubert’s Impromptus putze ich vor mich hin. Na gut. Ich esse Tomaten und Mozzarella und alles, alles schmeckt nach Knoblauch. Dann finde ich, könnte ich die Zeitung lesen. Die Zeitung in der Hand merke ich, dass ich meine Brille nicht auf der Nase habe, dass hätte ich schon merken müssen als ich mir heftig den Zeh am Türrahmen stieß, denn ich bin blind wie eine Schlange. Also mit der Zeitung in der Hand suche ich die Brille, im Bad ist sie nicht, im Schlafzimmer nicht, sie legt nicht neben der Schlüsselschale und während ich so vor mich hintaste und fühle, ertappe ich mich bei dem Gedanken: was suche ich eigentlich? Jetzt aber ruhig bleiben, Read On, sage ich zu mir und dann fällt es mir wieder ein, ach ja die Brille. Schließlich finde ich die Brille auf dem Balkon. Wie sie da hinkam? Fragen Sie mich bloß nicht. Indes habe ich natürlich die Zeitung verlegt. Also erneutes Suchen. Dann klingelt das Telefon, dann steht die B. in der Tür, dann vertreibe ich eine Spinne, topfe Pflanzen um, kehre den Balkon, schüttle das Bett auf, das Telefon klingelt erneut, die Kinder von unten wollen, das ich ein Holzschwert repariere und als ich wieder mit mir allein bin, erinnere ich mich, dass ich doch etwas suchte. Was war es nur? Mir fällt nichts ein. Besser als grübeln, ist es einen Kuchenteig anzurühren und später kommt der ehemalige, geschätzte Gefährte zum Spaghetti-Essen. Den Kuchen im Ofen fällt es mir wieder ein: Die Zeitung wollte ich doch lesen, aber wo kann sie nur sein. Jetzt ist es fünf. Vielleicht findet sie sich noch an, bevor ich die Brille erneut verlege, das Telefon klingelt irgendjemand vor der Haustür steht und alles von vorn beginnt.

As an exception in German: Die Damen, bitte.

Unsere Sprache so tönt es allerorten sei sexistisch und frauenfeindlich. Unentwegt, so hört man aus wohlunterrichteten Kreisen, werde den Frauen verbal, Gewalt angetan und schon lange sei bekannt, dass es vom ungerechten Einsatz des Pronomens bis zum Faustschlag nur ein kleiner, jedenfalls kein großartig zu differenzierender Schritt sei. Das lese ich jedenfalls, wenn auch mehr so im Vorübergehn in Beiträgen von Frauen, die diesem Zustand auf allen Ebenen den Kampf ansagen. Ignorant wie ich bin habe ich diesem Problem bislang jedoch wenig Beachtung geschenkt. Dies mag auch damit zu tun haben, dass ich zwei Berufe habe und da zudem der Bücherstapel neben meinem Bett beachtlich anwächst, fehlt mir die Muße darüber zu reflektieren, ob die Welt nicht eine schönere wäre, hieße es ab morgen “Julia und Romeo” oder “Gretel und Hänsel.”  Es gibt, denn vor allem in deutschsprachigen Debatten herrscht der feste Glaube, gäbe es nur eine Professur für das Binnen-I- dann sei auch die Welt von Bad Godesberg bis Ost-Schwerin eine bessere, schönere und gerechtere allemal, Lehrstühle und Forschungszentren, neben einer Vielzahl von Aktivistinnen, deren Sprachgebrauch ich nun wie soll ich sagen selbst problematisch finde. Ihr Aufruf der Gegengewalt ist häufig mit Metaphern unterlegt, die Frau nebst Baseball Schläger zeigen: “Smash the patriarchy.”Das ist für mich jedenfalls nur wenig anziehend. Zwar hat mir noch niemand einen Baseball-Schläger über den Schädel gezogen , dafür bekam ich, sie werden lachen, in einem Projekt für Frauengesundheit in Neu-Delhi eine abgeschlagene Glasflasche in den Hals gedrückt. Ich kann Ihnen versichern: angenehm ist es nicht und meine Verhandlungsgposition hat es auch nicht entscheidend verbessert. Andere wiederum gefallen sich in der Vorstellung als QuerulantIn, aber sie erinnern sich zwei Berufe, ich habe mehr als einmal ein Büro mit einem Querulanten geteilt und mir scheint der Ort wo der Pfeffer wächst, noch zu idyllisch für diese Spezies, welchem Pronomen auch immer sie sich zugewandt fühlt. Aber Ignoranz und bemühte Langweile kann keine Ausrede für alles sein, geht es doch um nichts anderes als die Ungerechtigkeit der Welt selbst. Ist frau aber erst einmal sensibilisiert hat sie natürlich Ideen, da will ich nicht fehlen: Apropos,Männer und Frauen, ich stimme zu ist eine zutiefst binäre Kategorie, aber die wahre Ungerechtigkeit tritt erst bei Damen und Herren hervor. Das sei doch höflich mögen Sie sagen, aber da irren sie. Männer werden stets mit “Herr” angeredet, Frauen jedoch niemals als Dame. Stehen Sie also vor der Oper und warten, sagt niemand: Wenn Sie mir folgen, mein Mann!” Frauen aber werden nie als Damen angesprochen. Dame, Read On, ein Telefonat für Sie, habe ich noch nie gehört, dafür aber ständig das brutal klingende, ja, ja Gewalt liegt in den kleinsten Dingen, Frau Read On, am Telefon wartet der X auf sie. Dabei ist das doch gerade das Damen-Dasein ein höchst Erstrebenswertes. Einer Dame schreit man keine Sauereien entgegen, sondern überlegt zweimal, bevor man spricht. Einer Dame hält man die Türen auf und könnten Sie mich sehen, stets bepackt und mit Büchern jonglierend, es wäre mir Wohltat und Segen. . Nach einer Dame richtet sich die Welt. Verspäten Sie sich als QuerulantIn wird man Sie rüffeln, brauchen sie als Dame eine Extra-Viertelstunde, dürfen Sie auf nachsichtiges Nicken hoffen. Die Dame braucht noch einen Moment, klingt doch ganz anders. Damen begegnet man mit Hochachtung und stets mit Respekt. Selbst der größte Flegel gibt sein Bestes in der Nähe einer Dame und löste man das Konzept der Damenwahl vom Geruch ältlicher Tanzschullehrerinnen, ergäben sich Möglichkeiten, die alles Dagewesene bei Weitem überträfen. Konzeptualisierte man es nur richtig wäre die Frauenquote angesichts der überlegenen Hand der Damen, eine lange belächeltes Relikt. Einer Dame pfeift niemand hinterher, sondern zart und nur andeutungsweise beugt man sich mit hingehauchtem oder vielmehr angedeutetem Handkuss über die behandschuhte Hand. Sitzen sie dann damenhaft mit elegant übereinander geschlagenen Beinen beim Tee im Damenzirkel, dann mag die Untergruppe Damen in der Literatur, von mir aus gern diskutieren ob “Dame Julia und Herr Romeo”, nicht geeigneter sei als Titel für zweifelsohne ein Stück großer Weltliteratur. Allerdings hat alles seinen Preis.Sollten Sie und die Ihnen befreundeten Professor*Innen auf Baseballschlägern und anderen Utensilien bestehen und glauben aus dummen Flüchen ließe sich große Kunst machen, sehe ich schwarz für die Revolution der Damen. Aber ich bin auch ignorant, meistens zudem sehr eilig und immer noch mit den Frauen im Slum enger bekannt als mit Ihnen.

As an exception in German: Transitraum

Im Transitraum. Mein eigentliches Zuhause. Immer dazwischen und niemals da. Mit mir heute morgen: Scharen deutscher Rentner, die nach Antalya wollen. Sie sind sich alle zum Verwechseln ähnlich. Die ewig gleichen Jacken, die gleichen hässlich wie grellen Motivshirts, die furchtbaren Sandalen. Die modebewussten unter ihnen tragen Strohhüte. Schwer sind die Menschen, schwer in den Hüften und nicht nur metaphorisch gesprochen: schwer ist ihr Gang in der Welt. Gesprochen wird wenig. Wer weiß , wann man sich zum letzten Mal etwas zu sagen hatte und wenn man doch die Lippen bewegt dann um zu bellen. Gelesen wird die B.Z. und man kann sich gut vorstellen, wie sie die Lippen schürzen um Lügenpresse hinter angehaltenem Atem hervorzupressen. Ihr Verhältnis zur Welt ist das einer Gegenbewegung. Die Frau neben mir spielt versunken ein Spiel auf dem sich bunte Kugeln über den Bildschirm bewegen, ihr Mann beobachtete die Lage am Gate. Die Lage sagt er und es klingt als käme gleich Winterfeldzug hinterher. Ich frage mich oft, ob sie sich manchmal hinwegträumen in eine Welt in der einen jemand auf die Schläfen küsst und die Füße noch nass sind vom schnellen Laufen im Tau. Oder einfach nur leichter Atmen. Ihre Körper auch Zeugen des Aufgegeben Habens, vor allem und unübersehbar: mit sich selbst. Zwei Geschäftsreisende telefonieren mit einer Zentrale. Ergebnisse liefern, sagen sie in den Hörer. Sie sagen es beschwörend, fast schon verzweifelt, ja bestimmt wollten sie Ergebnisse liefern und hoffen die Zentrale, dieser ferne, und doch allmächtige Ort ließe noch einmal Gnade vor Recht ergehen. Fast hat man Mitleid mit den Handlungsreisenden, die dann auch aufspringen und eilenden Schrittes die Reihe nach Bukarest anführen. Ergebnisse liefern, meint man sie beständig flüstern zu hören, Ergebnisse liefern, so als glaubten sie sich am Ende noch selbst. Die Zeitungen sind inzwischen ausgelesen, die Lage am Gate unverändert. Die beiden Rentner zu meiner Linken erzählen sich Blondinenwitze. Bis heute morgen hatte ich angenommen, dieses Genre hätte sich irgendwie von selbst aufgelöst, aber da lag ich wohl falsch. Kennste den, der geht so. Immer so weiter. Dann endlich bewegt sich die Schlange, aber agilere Rentner als das Ehepaar, waren schneller und wieder sind sie die Verlierer. Fast als Letzte steigen sie ein, da sind die beiden Geschäftsreisenden schon längst in der Luft: Ergebnisse liefern. Im Rücken immer die Zentrale. Die Rentner haben im Rücken nur Schmerzen vom ewigen Sitzen ,der Langeweile und dem Gegensatz ihrer Ideen zu denen der übrigen Welt. Jetzt aber auf ein Neues. All-Inclusive. Irgendwann sitze ich dann auch im Flugzeug. In der Luft hängen, mehr ist es nicht und das schon seit so vielen Jahren, wenn nicht schon immer, mein Lebensmotto. Kein Gutes, also, sollten sie sich das fragen.

As an exception in German: Fern und doch so nah

Damals sagt sie, nach dem Autounfall als er wochenlang im Krankenhaus lag, mehr tot als lebendig, da schrie er stundenlang, ganze Nächte hindurch. Aber ihren Namen rief er nie. Peinlich sei ihr das gewesen und unangenehm vor den Krankenschwestern und Ärzten. Den Namen der Frau, nach der er unerbittlich rief, hatte sie vorher noch nie gehört. Die ganze Wohnung hat sie damals auf den Kopf gestellt. Aber gefunden hat sie nichts. Keinen Brief. Keine E-Mail, keine Telefonnummer, nirgendwo auch nicht in längst schon abgestellten und vergessenen Reisetaschen auch nur der kleinste Hinweis, der sie einen Schritt näher herangebracht hätte, an die andere Frau, den anderen Namen, der ihm Rettungsanker war und ganz offensichtlich und überlaut wahrnehmbar: letzte Zuflucht. Oft sagt sie hat sie damals über diese Frau nachgedacht und versucht sie sich vorzustellen. Aber es sei ihr nie gelungen. Aufgefallen sei ihr nichts. Es hätte weder merkwürdige Geschäftsreisen noch Verabredungen zum Tennisspiel gegeben und noch heute sei ihr Mann geradezu berüchtigt für seine Pünktlichkeit. Überrascht aber habe sie vor allem die drängende Sehnsucht seiner Stimme. Schließlich sei er schon als sie ihn kennen lernte, ein nüchterner, ruhiger Mann gewesen, der niemals in ihrer Gegenwart die Stimme erhoben habe. Leidenschaftlich sei er auch in den Anfangstagen ihrer Liebe nie gewesen. Aber in jenen Wochen habe sie ihn schreien hören wieder und wieder, nur diesen einen ihren Namen, nie aber habe er nach ihr gerufen oder nach seiner Mutter oder nach irgendjemand anderen, nur nach dieser einen, anderen Frau, die gänzlich Unbekannte und doch so nah war. Später noch und auch noch heute, viele Monate später, wache sie Nachts oft auf und lauschte seinem Atem: aber er schliefe ganz ruhig, gleichmäßig atmend und nie wieder hätte sie seitdem den Namen jener Frau gehört. Manchmal wenn sie gemeinsam auf dem Markt einkaufen gingen, drehte sie sich um, ob nicht auf einmal doch jemand aus dem Schatten träte und ihm die Hand auf die Schulter läge oder auch nur von Ferne in ihre Richtung sähe, aber noch nie sei ihr etwas aufgefallen und auch er sähe sich nie, nicht einmal im Vorübergehen nach jemand Anderen um. Damals im Krankenhaus habe sie oft überlegt, ob sie die Krankenschwestern nicht einmal fragen sollte, ob eine Frau nach ihrem Mann gefragt hätte, aber es sei ihr dann doch zu unangenehm und ja merkwürdigerweise auch zu privat gewesen. Zwei Tage vor seiner Entlassung aber habe er aufgehört nach jenem Namen zu schreien, vielleicht sagt sie und rührt mit dem Löffel in ihrer Tasse, sei die andere Frau ja tatsächlich gekommen und habe ihm so stelle sie es sich vor, ihm ihre Hand auf die Stirn bis er sich in ihrer Gegenwart beruhigte. Aber auch dies sei natürlich nur Spekulation. Öfter käme es vor, dass sie an jene Frau denke. Wie sie wohl aussehe und was sie wohl macht. Ob sie wohl Nachts irgendwo, vielleicht in einem ganz anderen Land wach liege und nach ihm riefe, so laut, so durchdringend, so fordernd wie er nach ihr? Über seine Zeit im Krankenhaus spräche ihr Mann nicht gern. Sie aber würde ihn gern fragen, nach jenem Namen, nach dieser Frau. Manchmal ertappe sie sich mit seinem Telefon in der Hand und dem Wunsch ihren Namen unter den Kontakten zu finden, nur um einmal ihre Stimme zu hören. Dann schüttelt sie den Kopf und sieht mich an: „Ich muss los“ sagt sie und umarmt mich hastig, “in einer halben Stunde habe ich ihm versprochen, hole ich ihn ab.”

As an exception in German: Aus vergangenen Tagen

„Übrigens sagt der B. als wir telefonieren, hast du schon gehört?“ Der J. ist wieder da!“ „Ernsthaft,?“sage ich und der B. lacht: „Ja, die K. hat ihn gesehen und sogar eine neue Handynummer von ihm.“

Vor Jahren als wir uns alle zum ersten Mal in Berlin trafen und uns so kennen lernten, wie man sich in Berlin eben so kennen lernte, damals mit einer Flasche Bionade in der Hand auf der Langen Nacht des absurden Films in der Volksbühne zum Beispiel oder auf den Stufen des 103, das es schon lange nicht mehr gibt ,sitzend und der Nacht beim Verglühen zusehend, da tanzte, denn in jenen Jahren wurde unentwegt getanzt der J. in unser Leben. Aber dennoch weiß nicht so Recht, ob ich vom J. als von einem Freund sprechen würde, obwohl doch in diesen vergangenen Berliner Sommern alle irgendwie Freunde waren und sich alle Welt immerzu in den Armen lang und ich wohl nie wieder so oft geküsst worden bin wie damals. Natürlich spielte immer irgendwo Musik und meist war die Musik ziemlich gut oder störte zumindest nicht. Trotzdem so ganz und wirklich konnte man mit dem J. nicht befreundet sein. Nicht nur weil er auf Wochen verschwand und niemand so genau wusste wohin eigentlich, nur wenn dann ein gemeinsamer Bekannter vorbei sah, der mit den Schlüsseln des J. in der Hand, erzählte das er die Wohnung hütete, wusste man nichts. Niemals habe ich herausbekommen ob der J. nun nach Sri Lanka oder nur in die Eifel gefahren war. Dann war wieder da und war so liebenswürdig wie großzügig, gab sein Geld aus und das der Anderen gleich mit Aber er tat es so charmant und so passend zu jenen Sommertagen, dass niemand ihm böse sein konnte. Ob der J. eine Freundin oder einen Freund hatte, wusste niemand so genau, er küsste Mädchen wie er mit Männern eng umschlungen auf der Straße tanzte, und vielleicht wusste nicht einmal er selbst es so genau. Einmal nur erinnere ich, dass es Ärger gab wegen eines gebrochenen Versprechens , das zu hässlichen Szenen und einem weinenden Mädchen im Treppenhaus führte, aber selbst gesehen habe ich solche Szenen und auch das Mädchen nie. Ideen hatte der J. viele, aber damit war er nicht allein in jenen Jahren. Ich zum Beispiel träumte vom großen Roman, den ich natürlich niemals schreiben würde und so ging es uns allen, die wir in der Andeutung und einzig in Erwartung des Kommenden lebten. Der J. war darin besonders gut. Das Leben selbst war für den J. stets Konstruktion und immer, das war wichtig: Entwurf. Der J. zerschnitt Jeans von H&M, in Gedanken war er schon bei Gaultier, anderen Tags aber malte er mit Acrylfarben an Fensterscheiben als Protest gegen das weiße Sonnenlicht und am nächsten Tag schon hatte er die Lösung zur Rettung der Welt parat, der J. sprudelte vor Ideen und alles war faunhaft und leicht, so überzeugend wie leicht zu vergessen, das man ihm immer wieder gern zuhörte. So war das in jenem Sommer, schon damals dachte ich, der J. sei eine späte Wiederkehr jenes Christian Buddenbrook, der schon an der Vorstellung des Pfirsichkerns ersticken mochte und doch immer mit that’s Maria im Club der Suitiers begeistern konnte. Aber so wahnsinnig viel habe ich in jenen Jahren weder über die Buddenbrooks noch über den J. nachgedacht. Der B. aber wohnte einmal eine Zeit lang mit dem J. zusammen, aber da war der Sommer schon fast zu Ende und irgendwann hörte der J. auf die Miete zu bezahlen. Ein paar Wochen später dann, löschte der J. einen Elektrobrand mit dem Wassereimer und damit wäre beinahe nicht nur der Sommer zu Ende gegangen. Ziemlich bald zog der B. dann aus, der J. war längst wieder verschwunden, wie immer wusste niemand wohin genau. Vielleicht hat er in Bali oder im Hunsrück neue Sommer gefunden, wer weiß das schon. Irgendwann zogen dann neue Nachbarn ein, die nichts wussten vom J. und den langen Nächten unter dem Balkon. Die Sachen des J. hatten der B. und ich da längst in einen Keller geräumt. Gemeldet, um auch nur nach dem Verbleib seiner Dinge zu fragen, hat der J. sich nie. “Der J. ist wieder da”, sage ich noch einmal zum B. und die Worte klingen seltsam fremd und nach einem anderen, längst vergangenen, Leben bevor wir über ganz andere Dinge sprechen und als ich auflege habe ich den J. schon fast wieder vergessen. Die Sommer jener Jahre sind wohl endgültig und völlig vorbei.

As an exception in German:Gefallene Mädchen

Sie sind wie sie da sitzen in einem zugebenermaßen nicht besonders ansprechendem Raum eine angenehme Erscheinung. Adrett hätte meine Großmutter sie genannt und eigentlich gemeint: langweilig.

Sie waren und auch das überrascht mich nicht eine gute Schülerin. Ihre Hefter waren nie geknickt, alle Überschriften doppelt unterstrichen und niemals haben sie Hausaufgaben unter der Bank abgeschrieben. Ihr Lächeln wurde von allen gelobt, schon damals als sie noch gar nicht wussten, wie man es am wirkungsvollsten einsetzt. Sie lächeln mich an und rücken noch ein Stück näher an mich heran. Aber ich bin schon länger im Geschäft der Lächler als Sie und glauben Sie mir: ich lächle nie aus Wohlgefallen. Aber das können sie noch nicht wissen. Im Herbst haben sie angefangen zu studieren und alle haben ihnen versichert: Ihnen stünden alle Türen offen. Schließlich waren sie doch mindestens einmal Klassensprecherin und auch irgendwie an Tierschutz interessiert. Sie konnten gut auswendig lernen und wussten schon vor dem Examen was die Lehrer von Ihnen hören wollten. Das sollte immer so weitergehen, das dachten Sie und alle versicherten Ihnen, dies sei garantiert der Fall. Jetzt aber, da sie ihr Essay in den Händen halten und realisieren, dass die Note nicht ihren Vorstellungen entspricht, entgleist ihr Gesicht und für einen Moment lang erstarrt das Lächeln auf ihrem Gesicht.

Und ja, ich stimme ihnen zu, das ist kein schöner Moment, in dem man realisieren muss, dass man keineswegs zu den Besten gehört, sondern nur zum unteren Mittelfeld. Aber trösten sie sich, sie sind nicht allein. Mit ihnen müssen viele Frauen auf einmal lernen: fleißiges Bienentum ist nicht genug. Die Maxime , die fast allen Frauen zu eigen ist: viel hilft, viel und sichert die beste Klassenarbeitsnote und die feuchte Hand des Stufenschönsten, sprich Erfolg, Glück und Liebe, bei Frauen ist das ja oft ein und dasselbe, funktioniert hier nicht mehr. Ordnungsgemäße Erfüllung ist der Standard führt aber nicht zu Gratifikationen. Fachliche Anerkennung an der Universität aber ist nicht durch eine schöne Handschrift zu erlangen. Hier brillieren nicht die, die am meisten angepasst, sondern diejenigen die sich eigene Ideen zutrauen, die unbequeme Meinungen vertreten oder überhaupt eine Meinung haben und die sich nicht im Mindesten darum scheren gemocht zu werden. Wenig überraschend sind das zumeist Männer, die zwar in der Schule öfter über den Rand malten, aber ziemlich schnell begriffen haben, dass die meist grässlich stupenden Grundschullehrerinnen keine Vorbilder sind für ein Leben mit offenem Ausgang, sondern nur für personifizierte Langweile. Das können sie doch auch möchte ich ihnen sagen und tue es auch, nur leider hören sie oft nicht zu, weil sie vor allem in der Note das Scheitern sehen, und mich ernsthaft fragen ob sie nicht fleißig genug gewesen sein. Dabei ist es das Gegenteil von Anpassung, das sie brauchen. Lesen Sie doch einmal was sie interessiert und formulieren sie doch einmal einen Gedanken ohne auf Absolution zu warten, seien sie doch mal verwegen und wenn das nur heißt mit dem Klassennerd ein Eis essen zu gehen. Träumen sie doch einmal von ganz nach oben und wenn sie morgens aufstehen: versuchen sie doch wenigstens eine Stunde lang, einmal niemanden zu gefallen. Denn ich verrate ihnen etwas: es ist unmöglich von aller Welt gemocht und gelobt zu werden. Das muss man ertragen lernen und man lernt es besser heute als morgen. Überhaupt und auch das ist eine Mädchenkrankenheit, Kritik ist Ansporn und nicht wie sie denken und ich sehe es ihnen ja an, ungerechte Behandlung und schlimmer noch persönlich gemeint. Frauen haben es nicht gelernt und warum das so ist, weiß ich nicht genau, Kritik auszuhalten, von mir aus auch zu hinterfragen oder als Ansporn zu nehmen, sondern sie nehmen sie ausschließlich als Verlängerung einer Auseinandersetzung zwischen Freundinnen wahr, an deren Ende man sich tränenreich in den Armen liegt. Ich kann ihnen versichern, dies ist nicht der Fall. Sie, aber die sie hier vor mir sitzen, mit nur noch mühsam unterdrückten Tränen, sie werden sich in den nächsten Jahren entscheiden müssen, ob sie erfolgreich sein wollen oder nur angepasst bleiben. Beides hat seinen Preis. Welcher ihnen aber als der Höhere erscheint, das müssen sie selbst herausfinden.

Aber ich gebe zu: ich fürchte mich- ein wenig- vor Ihrer Antwort. Deswegen, übrigens lächle ich öfter als mir lieb ist.

Aber sie laufen da schon aus dem Raum heraus, zurück zu ihrem Hofstaat auf dem Flur, die jetzt trösten sollen, und mich beschimpfen, Taschentücher reichen und beruhigend den Rücken streicheln, aber einigen der emsig um sie bemühten Damen wird sich wundern und vielleicht sogar zweifeln, erst an sich, dann aber auch an ihnen. Gemocht wird man selten für das was man ist, sondern nur für das was man selbst gern wäre, ist man es nicht, zerfällt die Bewunderung so schnell wie sie kam. So ist das und vielleicht ist es nicht einmal schlimm.

As an exception in German: Im Uhrzeigersinn

Vierzigmal sage ich: Ja, hallo, schön dich zu sehen. Eine Endlosschleife fröhlichen Begrüßungsunsinns. Schön, ja, hallo. Repeat. Repeat. Repeat. Nur nicht aufhören. Ja, schön. Hallo. Und alles gut? Nicken und mit den Achseln zucken, dann geht es schneller vorbei. Gut auch: immer wieder Atmen holen. Und bei dir? Busy, sagen mir alle und schwenken ihre Telephone als sei das ein Beweisverfahren. Wer weiß schon, vielleicht ist es ja tatsächlich eins. “Immer noch keinen Mann?” fragen mich die anderen? Und wissen die Antwort schon selbst: Mensch der B. sucht doch auch. Ich suche nicht sage ich und denke: ich habe doch verloren. Ich lerne: Bret Easton Ellis ist auf Twitter. Das reicht eigentlich schon als Verbannungsgrund in die zweite Reihe des Bücherregals. Aber ich lerne noch mehr: Serien sind der neue Roman. Da muss ich lachen. Das irritiert natürlich Binge-Watcher, die mir den Sinn des Lebens oder noch schlimmer “die Politik” mithilfe ziemlich braver Hausmannskost erklären wollen. Ich gähne. Das kann ich ziemlich gut. Die D. ärgert sich wie immer über mich: musst du immer alle irritieren? Ich küsse die D. so lange, sehr schnell hintereinander auf die Wangen bis sie lacht: “meine Haare”, sagt sie und sucht nach ihrem Freund. Der Freund ist Künstler und findet keineswegs, dass eine einzigeFreundin genug sei für so eine sensible Künstlerseele wie die Seine. Die Sonne geht unter und für einen Moment tritt die Welt zurück und man weiß nicht ist es schön oder nur banal oder doch nur der lange Winter?  Mit dem Frühling kommt die Selbsttäuschung, immer aufs Neue glaubt man, dieses Jahr wird der Sommer besonders und groß. Noch einmal glaubt man kommen warme Arme und tiefe Wunden, die doch dazugehören zur Liebe, von der wir immer noch glauben, sie käme auch zu uns, obwohl das nicht stimmt. Besonders nicht für mich. Am Ende bleibt doch nur ein bitterer Zug in der Luft und wie wir verschwimmen auch die Jahre. Am Ende ist die Spree auch nie so blau gewesen wie deine Augen oder andersherum. Die Spree sehe ich nicht mehr gern, deinen Augen zum Trotz. Hier glitzert sie noch einmal, als sei sie kein Brackwasser, sondern ein Fluss  aber ich schließe die Augen und bald darauf winke ich noch einmal in die Runde: Auf bald, ja, schön, schön, klar doch, meld dich doch mal, und schön, ja, schön, freut mich, auf bald und sicher, ruf doch einfach an, schlimmer noch: Alles Gute, man sieht sich und am schlimmsten: Ciao. Alles im Uhrzeigersinn wieder und wieder, schneller und lauter, und stets auf heiter gestellt, bis mich dann doch die Straße und der Weg zurück nach Haus wieder hat.