As an exception in German- Martha

Vierzehn Jahre alt war ich und es ist als sei es gestern gewesen. Es waren die billigsten Karten. Stehplätze. Ich stand mit dem Rücken zur Wand und eigentlich sah ich sie nicht. Das Erste was ich von ihr sah war ihre Hand, die über ihren Kopf hinaus zeigte bevor sie vorsichtig und fest zugleich zurück auf den Flügel fand. Beethoven’s Drittes Klavierkonzert. Sofort gehört, vor ihr und selbst so stümperhaft gespielt. Dann kam ihre Hand und alles wurde anders. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt stand ich damals, und ich weiß es noch als sei es gestern gewesen, höre noch immer die Harmlosigkeit des Orchesters, der alte, wohlbekannte Klang, Beethoven, meine erste musikalische Heimat. Nicht Bach, nein Beethoven war es, der für mich Musik wurde. Dann ihre Hand und schon nach den ersten verhaltenen Minuten des Stücks, war alles ganz anders, im Lauf ihrer Hand.  Bald schon musste ich die Augen schließen, und presste den Rücken fest an die Wand. anders war dieser Klang, waren diese Hände auf dem Klavier nicht auszuhalten. Die Schärfe die in der Luft lag, die nichts Harmloses hatte, sondern eine glänzende Kühle, wie die Spitze eines scharfen Messers, in uns fuhr. Uns hinein in die Knochen und weit, weit hinein unter die Haut, bis sie sich auflöste in alle Töne, bis über den Klang hinaus. Das dachte ich damals und denke es heute wieder, wo ich nicht an der Wand stehe, sondern sitze, das ist doch keine Musik, das ist doch kein Klavierkonzert, das sind doch keine Töne, das ist doch kein in Musik verwandeltes Notenpapier, dieses unter-die Haut-fahren und aus dem Sog gibt es kein Herausfinden mehr . Schumann spielen ihre Hände und wieder, werden mir die Knie so weich und ich muss die Augen schließen, vor diesen Händen auf diesem Klavier. Das ist doch keine Musik dachte ich damals und wieder müssen sich meine Hände an den Knien festhalten, so bricht erst ,mit Schumann und dann mit Debussy der Boden unter dieser Musik, unter diesen Händen hinweg. Schumann, der doch der ewige Träumer war, ist hier geradeheraus, und keineswegs harmlos, kein Filou, im Vorübergehen, sondern ein Geliebter der alles, alles will und es in ihren Händen findet.Und auch Debussy, ist kein leichter Faun, sondern unter ihren Händen erzittert seine Welt, und wieder muss man die Augen schließen vor dieser Intensität. Dass das Musik darf, dass das Musik sein soll, dass das Musik ist, konnte ich damals gegen die Wand gelehnt nicht fassen und bis heute ist diese Erschütterung, die in ihren Händen liegt in mir geblieben. Keiner, der vielen Pianisten, die ich hörte zwischen der Wand und dem gestrigen Abend, mögen sie so brilliant wie technisch versiert sein, haben mich so ergriffen, so erschüttert, so erregt wie sie und ihre Hände. Seit damals, immer wieder und es ist die Schonungslosigkeit ihrer Hände, der ich seit jenem ersten Mal nicht mehr entkommen bin. Das muss Musik sein, dachte ich damals und zum Glück lehnte ich gegen die Wand, bevor ihre Hand erneut die Töne anschlug.

Martha Argerich, 26. März 2016, Berliner Philharmonie

 

 

 

 

2 Gedanken zu “As an exception in German- Martha

  1. Martha, zwanzig Jahre ist es her, oder mehr, Hamburg, Musikhalle, schlecht gelaunt wirkte sie und was immer sie auch bedrückt haben mag, sie warf es mit all ihre Seelenkraft in die Musik. Martha, meine Klavierlehrerin sah aus wie sie, die wilde Mähne, das leicht irre Entrücktsein. Martha, gern wäre ich dabei gewesen.

  2. Pianistinnen sind glaube ich sehr fragil und leicht zu erschüttern- wie sollte das auch anders sein, bei dieser enormen Selbstentblößung, die das Klavierspiel eben ist. Seelenkraft gefällt mir sehr und auch ihre Erinnerung, an die andere Martha, ihre Klavierlehrerin.

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