As an exception in German: Vor dem Gesetz

Wir waren 18. Ich ein verlorenes Kind und E. war die Sonne. E. war ein strahlender, ein leuchtender Mensch und E. nahm mich mit ins Licht. E. konnte lachen, das Gläser zerbarsten und E. lachte oft. Wir tanzten über den Dächern von Jerusalem und die E. küsste nur die schönsten Männer, das war ja klar. Noch heute, in einer Berliner Wohnung mit trübem Märzhimmel, wird es heller, nur beim Denken an E. E. hatte feuerrot gefärbtes Haar und konnte telefonieren, sich die Fingernägel lackieren und einem zuhören, wie niemand sonst. Am besten verstand sie die Menschen, denen die Worte fehlten. Das war dann wohl ich. E. war streitlustig und fuhr freihändig Fahrrad. E. hielt immer an, sah sie ein verirrtes Kätzchen oder auch nur eine sich sonnende Blindschleiche. Nichts war ihr zu niedrig. E. hatte die längsten Beine der Welt und schlug sie ihre Beine übereinander hielten die Männer wie Frauen zwischen Jerusalem und Tel Aviv den Atem an. Wir tanzten wieder und wieder und Du musstest so lachen über meine Tollpatschigkeit und deine Nase kitzelte mich am Schlüsselbein: Du legtest deine Handflächen an meine Schläfen und küsstest mich auf den Hinterkopf. Schön, dass du  da bist, sagtest du und das war ein Satz, den ich vor dir E. nicht kannte. Ich sehe dich noch E. in deiner weißen Bluse, die mit Alpenveilchen bedruckt war und wärst du ein Buch, E. es würde überborden vor Liebe und Zärtlichkeit, denn das warst du. Ernsthaft war E. sie konnte über das Jahr 1948 so ernsthaft streiten wie über die Musik von Eric Satie. Manchmal denke ich, wenn du noch lebtest was du hättest werden können? Vielleicht würdest ein Theaterfestival in Toronto leiten oder du wärst vielleicht doch Meeresbiologin geworden, denn deine Achtsamkeit für alle Kreatur war so auffällig wie dein leuchtendes Haar. Vielleicht wärst du aber auch nach China gegangen und überall könnte man heute deine Tuschzeichnungen bewundern, denn während ich am Klavier nach Tönen suchte, saßt du am Tisch und sicher glitt dir die Feder über das Papier.Manchmal wenn wir auf dem Balkon saßen und rauchten, denn wir beide rauchten bis uns die Lungen knackten, da machtest du mit deiner Hand eine so zarte, vogelhaft, leichte Bewegung, in der sich die Zerbrechlichkeit der Welt selbst spiegelte. Es ist mir das letzte Bild von Dir geblieben E.

Wenige Wochen später rief Y. mich spätabends an. E. sagte er ist verletzt. Als wir im Krankenhaus ankamen, war E. nicht mehr am Leben.Später erfuhren wir dann, das der Fahrer Crystal Meth genommen hatte. Anders als E. die doch für eine Blindschleiche vom Rad sprang und acht gab, dass niemand zurückblieb, nicht einmal ich, hatte der Fahrer nicht einmal angehalten. Erst Stunden später hat man die E. und ihr Fahrrad gefunden. Erkannt habe ich sie nur an den roten, unverkennbar leuchtenden Haaren. Mehr ist von  E. nicht geblieben.

Monate später bin auch ich zum Prozess gegangen und aufspringen wollte ich, packen und schütteln, ihn den Fahrer, der dort saß anstelle der E. Ihn anschreien wollte ich und wieder und wieder ihm sagen, wie sehr ich die E. geliebt habe, die mir Schwester war und Geliebte. Aber schon damals habe ich mit dem Weinen nicht aufhören können, über das Loch und die Dunkelheit, die jetzt da ist, wo die E. war, die doch das Licht war und nicht der Schatten. Ich höre ihn noch mit seiner heiseren Stimme darüber berichten wie mit dem Konsum der Droge sich alles um ihn herum abnutzte Gegenstände wie Liebgewonnenes, Kleidung und Ideale, alles wird zu Grunde gerichtet bis es zerfällt. Ich wollte, dass er aufhört zu reden, denn mir war als zerschnitten seine Worte wie seine Reifen noch einmal die E., die liebte und lachte, die sich Sorgen machte und die sich immer noch einmal umsah, mit einem Lächeln in den Mundwinkeln bevor sie ging. 19 Jahre alt ist die E. geworden und in diesem Jahr ist sie 10 Jahre tot. 10 Jahre haben nichts vermocht gegen die entsetzliche Leere, die anstelle der E. über die Dächer und Häuser Jerusalems kam.

Und manchmal an Tagen wie diesen an denen einigen nichts anderes als das Beharren auf eine liberalere Drogenpolitik ( was immer das sein soll ) einfällt und andere glauben, Respekt müsse man sich nicht verdienen, da tauchen epigrammgleich die vergessenen Toten auf, die nur in der Erinnerung jener weiterleben, die noch immer die Fingerspitzen der E. auf den Schultern fühlen, aber auch ihr Erinnern ist nur ein flüchtiger Schatten, denn nichts und niemand, keine Entschuldigung, keine Reue, keine öffentlichen Bekenntnisse, kein Gericht und kein Amtsverzicht kann die E. und all die anderen wieder zum Leben erwecken.

4 Gedanken zu “As an exception in German: Vor dem Gesetz

    • Nein, nichts tröstet über die E. hinweg und keine Worte werden ihr gerecht, aber das sie noch einmal, wenn auch nur von fern lebendig werden konnte, das freut mich doch- still und leise.

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