As an exception in German: Verfallsdatum

Ziemlich hoch und sogar sehr unbequem ist der Barhocker auf dem ich sitze. Vor mir zieht die große Stadt vorbei. Mädchen mit Federohrringen kaufen scheußlich riechende Seifen und Badezusätze in einem Laden aus dem Musik knallt. Ein Obdachloser zählt Bierdeckel und er tut dies so konzentriert wie der nur wenig Meter neben ihm stehende Anzugträger, der vermutlich seine Sekretärin am Telefon niederbrüllt. Wahrscheinlich wäre der Obdachlose der konzentriertere ergo der bessere Chef. Tief hängen die Wolken, aber das hindert heute niemanden mehr daran sich eine möglichst großformatige Sonnenbrille aufzusetzen. Ich wippe mit den Füßen und sehe erst gar nicht auf die Uhr. Die B. ist immer zu spät, richtig besorgt wäre ich wohl erst käme sie einmal vor mir an. Neben mir an den langen Holztresen, die alle so individuell wie gleich langweilig sind sitzen zwei Frauen. Sie essen die ziemlich gute Miso Suppe und bestellen den gleichen, sehr dünn geschnittenen, rohen Thunfisch mit scharfem Wasabi, den auch ich gern essen würde, käme doch endlich die B. Mitte dreißig sind die beiden Frauen und ziemlich attraktiv, wenn auch nicht dem eigentlichen Sinne nach schön. Vielleicht verkaufen sie Immobilien oder arbeiten halbtags in einer der vielen Galerien, die in Berlin-Mitte ebenso schnell öffnen wie schliessen. Die eine der beiden Frauen, wippt nervös mit den Füßen und erzählt ihrer Freundin vom Unglück mit einem gewissen Florian. Erst sagt die Frau hätte es ganz gut ausgesehen. Besagter Florian hätte nicht nur Komplimente verteilt, sondern auch angenehme Gewohnheiten und sogar ein ganz komfortables Auto gehabt, noch wichtiger aber: er hätte sogar ein oder zweimal vage Andeutungen in Hinblick auf eine gemeinsame Wohnung gemacht. Die Freundin nickt. Aber in den letzten Wochen sei Florian seltsam distanziert gewesen, eigentlich kaum mehr wiederzukennen. Unnahbar und abweisend und ungern bereit sie mit dem Auto abzuholen. Wohlmöglich hätte dies mit dem Nachmittag zu tun, an dem sie bei einer Freundin lange mit deren Baby geschäkert hätte und nun fürchte der Florian wohl auch sie, sehne sich nach nichts anderem als einem Kind. Die Freundin sieht ernsthaft in ihre Suppe, wohl um der Gefahr zu entgehen, etwas Falsches zu sagen. Dann sagt sie es doch: jetzt nur nicht klammern. Ihre blonde Begleitung jedoch schüttelt den Kopf. Sie sei jetzt 35 und der Florian ihre letzte Chance. Es hätte doch keinen Sinn sich etwas vorzumachen: Frauen hätten eben ein Verfallsdatum und ihres sei ohnehin bald erreicht. Was ihre  Freundin aber antwortet, kann ich nicht mehr verstehen, denn inzwischen ist die B. angekommen und küsst mich zweimal links und zweimal rechts und will mir dringend das Neuste von ihrer Cousine der D. erzählen, die doch im Herbst aus Oldenburg nach Berlin gezogen sei. Ein Medizinstudium habe sie beginnen wollen, aber dann habe sie in der ersten Semesterwochen diesen Mann kennengelernt, der aus Tetrapack Kunstwerke modelliere und ginge ihm nun zur Hand. Nicht zu fassen, sagt die B. und lacht, wenn auch kopfschüttelnd: Sie sagt sie sei seine Muse und sie wolle ein Kind von ihm.

4 Gedanken zu “As an exception in German: Verfallsdatum

  1. Und deshalb braucht eine Frau einen Beruf und ein eigenes Leben: damit sie nicht bei Erreichen des Verfallsdatums, und von ihrem Tetrapack-Artisten verlassen, in ein Loch ohne Boden fällt. (Abgesehen davon scheint mir das Konzept des Verfallsdatums doch sehr fragwürdig: als ob Frauen nur durch und für den männlichen Blick existierten.) Ich würde ja hoffen, B. hätte ihre Cousine kräftig an den Ohren gezogen, aber ich glaube es fast nicht.

    • Die B. hat eine sehr spitze Zunge. Ich bin sehr sicher, dass ihrer Cousine noch die Ohren klingen…Der Tetrapack Artist ist ja eher die Sitze des Eisberges, einer Welt in der Frauen sich doch häufig sehr konventionell durch Zugehörigkeit zu einer starken Schulter definieren und wenn es diese nicht gibt, so doch jedenfalls in einem Kind, die bedingungslose Liebe zu erfahren hoffen, die es nicht gibt.

  2. Dieser Kinderwunsch. Die Hormone und dazu noch ganz viel Irrsinn legen sämtliche Schalter um von Logik auf Unlogik. Aber das ist der tiefere Sinn der Fortpflanzung.

    • Vielleicht, aber vielleicht ist es auch nur die Angst, das wenn schon Florian nicht bleibt, so doch wenigstens ein Kind, die Angst vor dem Alleinsein mindert.

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