As an exception in German: Wir, danach.

Medford. 6 Uhr morgens. Die Stadt schläft noch. Sie schläft tief und fest. Erst die Füße sortieren und dann den Kopf. Leise die Treppe hinuntergehen, noch immer knarrt die achte Stufe. Auf leisen Sohlen durch die Tür und die Straße hinunter zur U-Bahn. Zwanzig Minuten vorbei an roten, blauen oder weißen Holzhäusern, massiven SUV’s und Schildern die überwiegend “Vote Bernie” oder “Vote Hillary” fordern ( ein Glück ),  kein Hund bellt und nirgendwo geht das Licht an. die U-Bahn ist leer, niemand steigt ein und niemand steigt in Harvard oder Porter aus, als der Zug zum dritten Mal hält, stehst du am Bahnsteig und ich laufe dir in die Arme. Zu dir laufen wir, weit ist es nicht und schon bald sitzen wir ans Fenster gelehnt, eine warme Tasse in den Händen und sehen der Stadt von oben beim Aufwachen zu. Seit wir uns kennen, sehen wir uns, wieder und wieder. Ziellos und nie geplant, immer nur stundenweise und niemals nächtelang. So war das und so ist es geblieben, bis heute auf dem Dielenboden. Unter dem Fenster scheppert jemand mit Mülltonnen und du erzählst mir von: einem Traum über den perfekten Roman, einem komplizierten Fall in der Kanzlei und deine Hand wandert über meinen Rücken.Schon immer bleibt sie liegen,immer einen Moment zu lang. Schon immer schiebe ich sie weg. Ich erzähle dir von: einem Plastikbeutel, der mich bis in die Träume verfolgt, dem neuen Roman von Howard Jacobsen, der mich sprachlos macht und dem Wahlkampf in Irland. Golden geht die Sonne auf und taucht dich in einem Topf aus Gold, dabei sind wir Schattenkinder. Du legst den Kopf auf deine Knie. Die dritte Generation, sagen sie und wir schütteln den Kopf. Es sind ja die Schatten. Die Schatten, die nicht weichen wollen, auch nach so vielen Jahren. Vielleicht reden wir soviel, weil wir im Schweigen so geübt waren. Die Pausen in den großelterlichen Sätzen, die nie Atempausen waren, die Satzenden, die uns um die Ohren flogen, der zugehaltene Mund, die blutigen Lippen, all die Stille, die über uns lag wie ein schwerer undurchdringlicher Teppich. Die laute Wut unserer Eltern, die bodenlose Verzweiflung zwischen uns allen, du und ich, noch immer auf dem Boden, merkwürdig manöverieren unsere Sätze zwischen dem Eigentlichen umher. Deine Hand wandert meinen Rücken entlang, langsam und suchend und immer zu lang. Auf der Straße eilen die Menschen zur Bahn, rennen über die Straße, ein Kind sucht nach einem Stein. Wir in der Stille, zählen die Narben, langsam sagst du: Komm und du ziehst mich mit dir in den Strudel der Erinnerungen, diese dunkle Straße in der wir keiner lebenden Seele mehr begegnen, aber wir sind nie mit den Lebenden aufgewachsen, sondern immer nur mit den Toten und den Noch-Nicht-Toten durch die Flure gegangen, auch wir nur ungern geduldete Eindringlinge, kaputt waren die Briefkästen, die Eingänge zu jener Welt verschüttet und auch wir finden unter den vielen Schlüsseln, die wir besitzen selten denjenigen, der passt. Die Traurigkeit hat sich an uns saftgetrunken und auch auf dem Dielenboden, deiner Stimme in meinem Ohr als wir gemeinsam den dunklen Flur betreten, und über uns die Sonne, und selbst jetzt, da ich es aufschreibe, ist die Trauer nicht vorüber. An der Tür, denn ich muss zurückfahren in die kleine Universitätsstadt, wundern wir uns, wer wir wohl sind, wir die Schattenkinder, die Erben der Traurigkeit, die Dritte Generation der Juden des “Danach.” Wir wissen es nicht, wieder wandert deine Hand an meinem Rücken entlang, “Komm zurück zu mir, heute Abend” sagst Du und ich nicke. Diesmal schiebe ich deine Hand nicht weg.

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