As an exception in German: Samstag /Sonntag

Meine Großmutter sagte: man nimmt sich eben zusammen. Das war ihr kein Sprichwort und auch keine Floskel. Meine Großmutter sprach nicht bildhaft, meine Großmutter nahm sich zusammen und mich nahm sie mit. Einmal zum Beispiel saßen wir in einem Konzert, mir blutete die Nase und als sei es gestern gewesen, sehe ich wie meine Großmutter den Zeigefinger auf ihre Lippen legte und mich schweigen hieß, bevor sie lautlos in ihre Handtasche fuhr und ein Taschentuch herausholte, um es mir zu geben. Da saß ich also mit blutig tropfender Nase und dem weißen Taschentuch, das nicht ausreichte und schwieg wie sie. Wir hörten Franz Schubert’s Dritte Symphonie. Noch immer, lege ich eine Schubert-Platte auf: Schwindelgefühle. Aber das mit dem zusammen nehmen hatte ich verstanden seit jenem Konzertbesuch. Im Moment also wieder ein neuer Versuch des Zusammenreißens. Nichts sagen also zu den vielen Füßen, die auf  auf meinen Zehen stehen, schon am Morgen, immer noch am Abend,nichts Sagen gegen die Schrammen in meiner schon zu lange, zu dünnen Haut. Lieber, neue Pflaster kaufen. Das die Angst sich um die Häuserecken drückt, ist ja nichts Neues und schon lange weiß ich doch, das ein weißes Taschentuch nicht hilft. Nicht gegen das Nasenbluten und auch nicht als Irrlicht gegen die Angst. Sich zusammen nehmen, gegen die Müdigkeit, die älter ist als ich und doch nicht jünger macht. Die Hand vor den Mund halten also und nur im Verborgenen gähnen. Meine Großmutter nickte mir zu. An den Wortkanten habe ich mir die Nase öfter blutig gestoßen, auch wenn ich so häufig auf die Nase falle, dass es sich gar nicht mehr aufzurechnen lohnt, sich also zusammennehmen und nicht nach den alten Narben und neuen Wunden schauen, schon gar nicht nach der nicht heilend wollenden, deines Schweigens. Ob Dich das freut, mir die Worte genommen zu haben, frage ich mich oft, aber dann doch nicht weiter, denn das verstieße ja gegen das Prinzip des Sich Zusammen Nehmens, der goldenen Regel, des Zeigefingers auf den Lippen meiner Großmutter, der ja eine deutliche Sprache sprach. Also weiter im Text, weiter mit dem Hund durch die dunkle Nacht, den Rucksack packen, weiter gehen, an den falschen Türklingen rütteln, nachsehen ob der Schlüssel noch da ist, wieder und wieder so tun als lohne es sich doch, dabei steht das doch ganz außer Frage. Kalte Hände, ein müdes Herz, kein Taschentuch zur Hand, erst recht keine Aussichten und doch damals gelernt, sich zusammen zu nehmen, obwohl es nicht hilft. Ihr half es nicht und mir hilft es nicht und doch lege ich mir den Zeigefinger auf die Lippen, um mich daran zu erinnern, dass kein Schrei gegen die Stille ankommt, die da ist und da bleibt und nicht vergeht.

5 Gedanken zu “As an exception in German: Samstag /Sonntag

  1. Unbedingt reden, etwas sagen, nicht stumm weiterbluten. Sich selbst, aber auch den Anderen zuliebe, die man so zu einem echten Gegenüber macht, zu einem Freund, und nicht zu einem strengen Lehrer, dessen höchsten Lernziel Disziplin ist, losgelöst von Empathie und Freude.

    • Ich weiß nicht so genau, Worte haben für mich doch deutlich an Reiz verloren. Man kann sich auch an das Schweigen gewöhnen. Disziplin sehe ich nicht nur negativ, sondern auch als Überlebensmittel.

      • Disziplin als Überlebensmittel, das gefällt mir. Oder, wie die Frau Rat Goethe sagte: Man muss seine Zuflucht zu allerlei Künsten nehmen, wenn man bestehen will in der Welt. (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, möglicherweise hat sie es ein wenig anders formuliert.)

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