As an exception in German: Apple Hooray!

Am Sonntag Morgen sitze ich im Zug. Ich balanciere einen Korb voller Äpfel, einen Apfelkuchen, ein Buch, mein Telefon,  einen pink-grauen Wollschal und eine Tasche neben, auf und unter meinen Knien. Auf der ersten Stunde der Fahrt sitzen mir zwei Männer gegenüber, die sich gern mit mir unterhalten möchten, aber so recht kommen wir nicht zusammen, denn keine der Sprachen, die ich anbieten kann, sagt den beiden Männern etwas, und umgekehrt ist es genauso. ich bin darüber gar nicht sehr traurig, denn ich möchte mich nur sehr selten im Zug unterhalten, ich langweile mich sehr schnell und kann es nur schlecht verbergen und zu dem mag ich die Bücher auf meinen Knien meistens zu sehr, um sie einer Unterhaltung wegen zuzuklappen. Aber gerne biete ich den beiden Männern, Äpfel aus dem großen Korb an. Das klappt gut: Apple hooray, sagen die beiden Männer, ich nicke und lächele: oh ja, Apple hooray. Äpfel sind etwa wunderbares und Gartenäpfel, die obwohl sie in der kühlen Diele schon seit Monaten lagern sind etwa ganz besonders Herrliches. Ein Mädchen vom Sitz gegenüber macht große Augen und gerne hätte ich auch ihr einen Apfel gegeben, aber ihre Mutter sagt: iiieh und verzieht das Gesicht. Dann lese ich, die Männer unterhalten sich und irgendwann steigen sie aus, nicht ohne noch einmal in den Apfelkorb zu greifen: Apple Hooray, sagen sie und ich nicke und sie winken mir.

Auf ihren Platz setzt sich ein älteres Ehepaar. Sie wollen das erfahre ich nach 30 Sekunden nach Oberstdorf zum Skiurlaub fahren. Ich nicke, denn ich habe ja noch immer das Buch auf den Knien und ich unterhalte mich nur sehr ungern mit Fremden, meistens langweilige ich mich und Ski fahren ist etwas was mich so interessiert wie Elektrotechnik im frühen 20. Jahrhundert. Der Mann deutet auf die beiden Männer, die mit den Äpfeln in der Tasche den Wagenstandsanzeiger studieren und sagt zu seiner Frau: Ich verstehe nicht, warum die hier herkommen, wenn die da in Pakistan solche Turnschuhe tragen und Äpfel haben sie auch noch gestohlen. Oh nein, sage ich, die Äpfel sind von mir und zeige auf den Korb zu meinen Füßen. Mögen sie einen? Der Mann sieht die Äpfel an und sagt: „die sind wohl selbst gemacht?“ Ich weiß nicht so genau wie sich manche Leute das Wachstum an Bäumen erklären, aber ich will es ihm nicht erklären. Deswegen sage ich:oh, Pakistan, woher wissen Sie das? Ich kenne zwar nicht alle Sprachen Pakistans, aber Urdu zum Beispiel hätte ich erkannt, Hindi spreche ich einigermaßen und auch Gujarati hätte ich zumindest zuordnen können. Aber der Mann sieht mich nur an und sagt: das sieht man doch. Ich sehe das nicht und da man vorsichtig sein soll mit herablassenden Bemerkungen, frage ich ob er oft in Pakistan sei? Irgendwo muss man sein Wissen doch herhaben und wenn es von den Straßen Islamabad’s kommt. Nee sagt der Mann, da wolle er auch nicht hin. Dann sage ich, könne ich ihm nicht recht geben. Der Verbleib der Äpfel sei schon geklärt, die Nationalität der Männer nicht, da ich Islamabad nicht gut genug kenne, könnte ich natürlich die Frage nach den Turnschuhen nicht abschließend verifizieren, aber da ich in der Region, Indien sei nun eben ein direkter Nachbar, oft sei, so könnte ich sagen, niemand trägt dort weiße Nike Schuhe. Die meisten Menschen, trügen Plastik Flip-Flops, ob sie auf dem Bau arbeiteten oder in der Fabrik, die zum Beispiel für Nike, Schuhe produziere. Dies sei oft fatal, denn die Chemikalien die für die Schuhe zum Einsatz kämen seien hochgiftig, vor allem der Kleber für die Sohlen, tropfte er auf die nackten Füße und Beine, erzeugten sie Verbrennungen und Verätzungen ganz ohne Feuer und Qualm. Die Männer und Frauen, die in den Fabriken arbeiteten verdienten  unter einem Euro am Tag, niemals kämen sie in die Verlegenheit ein Paar dieser Turnschuhe zu erwerben. Noch mehr Menschen vor allem auf dem Land gingen barfuß. Auch dies sei oft fatal, Schlangen im Gras und Dreck in offenen Wunden vertrage sich nur selten. Die mistgetragenen Schuhe zwischen Delhi und Islamabad aber seien Chappals, die einem ein Schuster an jeder Straßenecke aus Lederresten anfertige. Nicht nur die Armen imitierten sie aus Abfallresten, sondern jede indische und pakistanische Mittelklassefamilie lässt sich beim Schuster der meist schon seit Generationen die Chappals herstellt, dann und wann das abgetragene Paar ersetzen. Auch mein Paar ist vom Hausschuster der Rajasthani’s angefertigt und irgendwo in einem kleinen Laden in Old Delhi klebt mein Fuß im Schlappen zum Werbezweck in einer verräucherten Fensterecke. Die wirklich reichen Inder und wohl auch Pakistani laufen nicht zu Fuß, sie werden gefahren und tragen so weiß ich vom Hören sagen handgenähte Schuhe, kleiner italienischer oder englischer Manufakturen, niemals trügen sie einen Billigschuh der schon für 50 Euro zu bekommen sei. Vielleicht manchmal zu Hause um vor der Playstation herumzuhüpfen, aber als Distinktionsmerkmal, als westliches Statussymbol taugten Nike Sneaker nicht. Der reichste Inder mit dem ich einmal ausging und dem ich eine der schrägsten Nächte meines Lebens verdanke, trug goldene Schuhe mit seinen Initialen, Einzelanfertigung sagte er mir und war nur kurz beleidigt als ich lachte. Deswegen sage ich in Richtung des Mannes gewandt der mich ansieht als sei ich eine sehr, sehr seltsame Erscheinung, scheint es mir sehr verwunderlich warum ausgerechnet ein Paar Plastiktreter, die noch nicht einmal wärmen, wasserdurchlässig und schnell verschlissen sind, zu einem solchen Symbol werden konnten. Noch weniger aber erschließt sich mir der Neid auf solch ein Paar Schuhe, die ich nicht kaufe, denn die Kinder die sie herstellen liegen mir am Herzen. Die Plakate die der Freund des deutschen Exportweltmeisters, Narendra Modi, quer über die Stadt plakatierte um für Kinderarbeit zu werben, halte ich für eine der zynischsten Gewissenlosigkeiten west-östlicher Gier. Für die Schuhe, die man hier offensichtlich zwei Männern neidet, über die keiner von uns etwa weiß, außer das wir ihre Sprache nicht sprechen, bezahlen die Anderen, die sie produzieren einen hohen Preis. Keiner der indischen Fabrikarbeiterinnen oder Fabrikarbeiter, die barfuß zur Arbeit kommen aber haben in Deutschland ein Recht auf Asyl. Vielleicht sind die beiden Männer ja auch ganz anders als Sie offenbar denken mögen, gar keine Flüchtlinge, sondern Sales Agents für Nike, Adidas oder Co, die offenbar die einzigen, europäischen Werte die zählen, auch an den Füßen tragen.

Dann aber, das Buch ist längst zugeklappt, muss ich den Korb mit den Äpfeln, den Kuchen, Buch und Telefon, nicht zu vergessen, den grau-pinken Schal zwischen Knien und Armen jonglieren, denn am Bahnhof wartet schon die C. Aber eigentlich rede ich gar nicht gern mit Fremden im Zug, denn ich langweile mich wirklich furchtbar schnell, aber sollten sie einmal eine Frau sehen, die mit einem großen Korb Äpfel reist, dann bin das wahrscheinlich ich, wenn sie einen Apfel mögen, dann kommen sie gern zu mir und greifen in den Korb, auch wenn wir uns nicht kennen oder gar nicht verstehen: Apple Hooray, scheint mir ein mehr als brauchbarer Anfang.

5 Gedanken zu “As an exception in German: Apple Hooray!

  1. Am genauesten wissen die Leute, wie die Welt aussieht, die sie nie gesehen haben. ( ist von Mark Twain?)
    Schuhe erzählen so viel. Lange Zeit übte ich auf unserem Schulgelände, die Schuhe der Schüler den Schultypen zuzuordnen. Ch war ncht schlecht.

    • Merkwürdig ja, die Welt nur vom negativen Ende her zu verstehen, ja noch die Schuhe der Umgebung werden systematisiert und eingegliedert in ein Konzept des negativen Urteilens. Es verstört mich in der Tat, wie sehr ein paar geklebte Plastikschuhe zum Objekt des Neides und der Weltbewertung werden konnten. Mir fielen ja einige Indikatoren zum Messen des Elends ein, aber Plastiktreter an den Füßen?

      • Keine Schuhe, das ist das Schlimmste, sagte mir in der Kindheit ein Lehrer. Er war in Russland aufgewachsen und musste sommers wie winters barfuß in die Schule gehen. Er und die anderen Kinder liefen von Kuhfladen zu Kuhfladen um sich darin die Füße zu wärmen.
        Da waren Schuhe Reichtum.
        Ein Psychologe hat mir das anderes erklärt. Er sagte, die Füße seien am weitesten vom Kopf weg und am schlechtesten zu beeinflussen. Die Mimik könnte man steuern, die die Körpersprache auch, aber die Zehen können man kaum im Griff haben. So sollte man, wenn man wissen wolle, ob einer lügt, auf die Zehen schauen. Und so würden Schuhe, unbewußt auch, sehr vieles über den Träger erzählen, also nicht nur über den Status, sondern auch über seine Persönlichkeit.
        Vielleicht erfassen wir das alles unbewusst, und das ist dann die Quelle des Neides.

  2. Wir haben ja mehrere Schultypen auf einem Gelände. Das erleichtert die Forschung. Man muss zuerst auf die Füße schauen, wenn sie aus dem Bus steigen und dann auf die Richtung achten, die sie einschlagen.
    Aufreizendes Schuhwerk, hohe Absätze oder ganz billig mit Nieten oder breiten Goldstreifen ist immer Hauptschule. Adidas auch.
    Realschule ist meist im konventionellem Schick gekleidet. Deichmanschuhe aber auch gerne schmale Goldstreifen.
    Das Gymnasium liebt understatement, entweder teuer und zurückhaltend oder eben betont second hand. Converse Turnschuhe.Wildlederstiefel. Sneakers.
    Wer immer rausragt, sind die türkischen oder russischen Jungs. Die ziehen manchmal ihren Gangsterstyle auch am Gymnasium durch.

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