As an exception in German: Der B. und die Konservenbüchsen

Der liebenswürdige F., Begleiter längst vergangener Tage lebte als wir vor uns vor vielen Jahren kennen lernten in Göttingen. Gern lebte er dort nicht. Dies hatte nicht wenig mit der Anwesenheit des B. in der gemeinsam angemieteten Wohnung zu tun. Ziemlich oft bin ich damals mit dem Zug nach Göttingen gefahren. Zum einen natürlich weil F. formidabel küsste und ich mich gerne von ihm küssen ließ, zum anderen aber weil er für die Facharztprüfung lernte und ich viele, viele Stunden auf dem Fensterbrett saß und ihn abfragte. Noch heute kann ich einem Schlafwandler gleich viele der Fragen herbeten: “Eine 35 Jahre alte Patientin klagt über Herzschmerzen und Schwindel. Welche Laboruntersuchungen halten sie in diesem Fall für sinnvoll?” “Was verstehen Sie unter einer realen Anämie?” Der F. seufzte und wanderte haarraufend durch das Zimmer und versuchte sich an: Eisenmangel, Aluminiumtoxikation und chronische Niereninsuffiziens zu erinnern. Manchmal erinnerte er sich auch daran mich zu küssen. Aber ich will ja gar nicht vom F. erzählen, sondern vom B. seinem Mitbewohner. Der B. fürchtete sich nicht vor der Facharztprüfung, der B. schrieb, so wenn ich mich recht erinnere, an einer Magisterarbeit zu einem sehr komplizierten, technischen Phänomen, für das ich mich noch weniger interessierte als das “Von-Willebrandt-Jürgens-Symptom”. Gesehen habe ich den B. auch nur sehr selten, denn die meiste Zeit verbrachte er in seinem Zimmer. Manchmal hörte man leise Musik aus seinem Zimmer. Identifizieren konnte ich sie nicht, aber alles nach Schönberg ist, ich gebe es offen zu für mich relativ einheitlicher Klangbrei. Traf man den B. so traf man ihn in der Küche. Der B., der schon lange, vielleicht sogar schon immer in der Wohnung gelebt hatte, verfügte über einen großen und etwas schäbigen Schrank in der Küche ganz allein. Dieser Schrank, ich selbst habe ihn einmal offen stehen sehen, war angefüllt mit Konserven: Thunfisch in Öl. Suppen. Spaghetti. Halbierte Birnen. Chili con Carne. Ja sogar Kohlrouladen und Königsberger Klopse standen fein säuberlich gestapelt in den Regalen. Den Kühlschrank benutzte der B. nie. Andere Lebensmittel als die Konservenbüchsen, sagte der F. habe er den B. nie kaufen sehen. Selbst Getränke habe der B. ausschließlich in Dosenform erworben und so fanden sich am Ende einer jeden Woche, viele plattgedrückte Getränkedosen in der Küche an, jedoch nie eine leere Flasche. Auch den Herd, ich selbst kann es bezeugen, hat der B. nie genutzt. Einmal als ich morgens ein Glas Wasser in der Küche trank, löffelte der B. Kidneybohnen, ganz roh wie sie waren direkt aus der Büchse, bevor wieder in seinem Zimmer verschwand. Andere Konserven sagte der F. würde der B. schon aufwärmen, allerdings ausschließlich auf einem Propangaskocher auf seinem Zimmerboden. Die dreckigen und geleerten Konservenbüchsen aber sammelte der B. in seinem Zimmer bevor er sie am Ende der Woche, ich stand dabei ausspülte und in der Speisekammer zu den vielen, anderen geleerten Büchsen stellte. Bot man dem B. aber an, sich doch mit an den Tisch zu setzen und mit uns Spagetti mit Pinienkernen und scharfem, rotem Pesto zu essen, oder sich ruhig auch ein Stück vom Bananenbrot abzuschneiden, schüttelte er nur ablehnend den Kopf. Schon damals war ich eitel genug, um mein Bananenbrot gegen sein Kopf schütteln zu verteidigen. Warum er nicht einmal probieren wolle, fragte ich ihn? Der B. aber sah mich nur an wie einen im Grunde sehr lästigen Störenfried in einer vollkommenen Welt: Er habe erwiderte er, einen sehr empfindlichen Magen. Daraufhin wusste ich nichts mehr zu sagen. Noch auf der Zugfahrt zurück nach Berlin, sehe ich mich den Kopf schütteln. Auch als F. dann seine Facharztprüfung endlich hinter sich gebracht hatte und wir in der Wohnung mit Freunden und Kollegen aßen und tranken und der F. und ich auf dem Balkon tanzten, hielt sich B. abseits. Nicht einmal ein Bier wollte er trinken, dabei waren sonst am Ende der Woche mehr Bier als Cola-Büchsen auf dem Küchentisch versammelt, aber natürlich waren es Flaschen und keine Dosen. Dann zog der F. zu mir nach Berlin und wir hörten eigentlich nichts mehr vom B. Schließlich aber trennten wir uns und zogen in verschiedene Wohnungen, später dann in andere Länder. Gestern aber rief der F. mich an: “Du glaubst es nicht sagt er am Telefon, aber der B., du weißt noch der B. aus Göttingen hat mir geschrieben. Noch immer lebe er in der gleichen Wohnung, aber die Untermieterin die in F.’s Zimmer zog, habe er schließlich geheiratet, es sei einfach praktischer so gewesen. Im November hätten sie Drillinge bekommen und da der F. ja Arzt geworden sei, wüsste er gern wann man denn am besten mit Beikost anfangen solle. Er, der B. habe sich schon durch viele Sorten Gläschen probiert. Er fände sie sehr bekömmlich.

9 thoughts on “As an exception in German: Der B. und die Konservenbüchsen

  1. Ich kann mich ja immer noch nicht ganz entscheiden, ob ich B. nun sympathisch finden soll oder nicht…:-). Würde aber glaube ich E
    rsteres bevorzugen..

  2. Er scheint ein einsamer Mensch zu sein, der B. Gefangen in seinen Gewohnheiten und seinem Pragmatismus. Solange er sich dabei sicher und gut fühlt, könnte man sich eigentlich für ihn freuen. Mich aber erinnert er an Kafkas Blumfeld und seine Existenz, die Sie hier skizziert haben, stimmt mich irgendwie traurig.

    • Blumfeld, ja das ist wohl dieselbe Tendenz, dieselbe Abwendung von der Welt oder jedenfalls der Versuch desselben. Heiter schien mir der B. nie, wohl aber zwanghaft, gemocht habe ich ihn aber gewiss nicht, denn sein Beharrungsvermögen hatte etwas Hartes und Kaltes und sein Mund einen gemeinen Zug.

  3. Ich hatte mal einen Kommilitonen, der ernährte sich von Montag bis Freitag von kalten Dosenravioli, da er das Mensa-Essen ungesund und nicht schmackhat fand. Am Wochenende ließ er sich von Mama bekochen.

  4. Pingback: Ein weißes Hemd | READ ON MY DEAR, READ ON.

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