As an exception in German: Die Brosche

Ich selbst habe die Brosche nie gesehen. Die B., der die Brosche einmal vor vielen Jahrzehnten gehört hat, kenne ich nur aus den Erzählungen ihrer jüngeren Schwester. Die C. die in der Geschichte der Brosche eine nicht unwichtige Rolle spielt, habe ich gleichfalls nie mit eigenen Augen gesehen. Mir Recht können Sie also zweifelnd fragen, ob ich überhaupt die Richtige sei, die Geschichte der Brosche zu erzählen. Dann lesen Sie am besten nicht weiter. Berufen bin ich keineswegs, nur eben gut bekannt mit der jüngsten der drei Schwestern, der L., die mir mindestens einmal im Monat die Geschichte der Brosche erzählt und stets mit der gleichen Empörung, als erzähle sie mir die Geschichte zum ersten Mal. Am Anfang der Geschichte, die ihren Ausgang vor vielen, vielen Jahrzehnten, fast einem ganzen Jahrhundert nahm, stehen drei Schwestern. Geboren wurden sie in einem der vielen Dörfer, die heute vielleicht in der Ukraine, oder in Polen oder gar in Litauen liegen mögen, aber eigentlich gibt es die Dörfer und die Welt in der Gartenzäune die Häuser säumten und Männer wie Frauen am Freitagabend in die Shul liefen, schon lange nicht mehr. Damals aber lebten in genau so einem Dorf, drei Schwestern, alle drei waren die Töchter des Rabbis, unweit der Synagoge lebend, die niemand Synagoge, sondern die Shul nannten. Den Vater der Mädchen dürfen Sie sich nicht als einen zu heiligen Mann vorstellen. Sicher las er die Bücher, aber mehr noch lernte er wohl von den Streitigkeiten der Nachbarn und von den reisenden Händlern, die ihm Nachrichten brachten, nicht aus Jerusalem und auch nicht aus Berlin, wohl aber aus Breslau und dann und wann wohl auch aus Riga oder Brest. So hatte man immer gelebt und so gedachte man viele, weitere Jahre zu leben. Die drei Töchter würden irgendwann nicht mehr die Töchter des einen, sondern die Frauen, drei anderer Rabbiner in anderen Dörfern werden. Niemand konnte ja ahnen, dass die älteste Tochter, die B. nämlich Hals über Kopf einem Rittmeister verfiel und ihn wohl nicht nur hinter einem Schober küsste, sondern ihm Briefe schrieb, die auch beantwortet wurden. Irgendwann fuhr der Rittmeister fort, nicht aber ohne der B. ewige Liebe zu schwören und ihr als Pfand eine Brosche zu überlassen. Die L. die jüngste der die Schwestern, die die Brosche noch gesehen hat, sagt, die Brosche sei je nachdem wie man sie hielt, schwarz glänzend, als seien die Steine eigentlich überreife Brombeeren gewesen oder aber gliche einem betörendem Rubinrot. Manchmal geht es gut, öfter aber nicht. Der Vater jedenfalls fand die Briefe des Rittmeisters und spie vor Zorn. Schnell, um nicht zu sagen auf das allereiligste wurde eine Hochzeit arrangiert, natürlich nicht mit dem Rittmeister. Es ist geradezu ironisch zu nennen, das die erzwungene Hochzeit mit einem Rabbiner in Jerusalem im damaligen Mandatsgebiet Palästina, der B. das Leben retten würde. Als sie aber das Dorf verließ, so die L. hörte man ihr Schluchzen, Ihr Weinen und Klagen noch viele, viele Kilometer entfernt. Die Brosche und die Briefe des Rittmeisters aber gab die B. ihrer Freundin der C. zur Aufbewahrung, denn für die B. stand fest, das sie sich eher die Zunge abbisse denn den fremden Mann im noch viel fremderen Jerusalem zu heiraten. An dieser Stelle der Geschichte aber seufzt die L. auf. Erkrankt sei die B. auf der widrigen Schiffspassage und bevor sie das Ufer erreichte, war sie schon tot. Nicht lange war es von dieser Nachricht bis zur deutschen Okkupation des Dorfes, deportiert wurden die L. ihre Schwester und die Eltern, nur die L. kehrte irgendwann zurück, nicht jedoch zurück in das Dorf ihrer Elter, Haus wie Shul waren ja ohnehin verloren. Man mag es erneut ironisch nennen, dass die L. den Rabbiner in Jerusalem heiratete, der doch den Rittmeister von der B. fern halten sollte, aber ironisch war es gewiss nicht, es war nur die einzige Adresse, die die L. behalten hatte und der einzige Weg heraus aus Europa. Viele Jahre vergingen, die Ehe der L. war weder glücklich noch unglücklich, Kinder haben die beiden nie bekommen, ein ruhiges könnte man sagen, bis auf die Brosche und die Briefe des Bittmeister’s die der L. keine Ruhe ließen. Als der Rabbiner schließlich verstarb fuhr die L. zurück in das Dorf ihrer Kindheit, die C. lebte schon lang nicht mehr dort, aber es lebten noch Menschen dort, die wussten wo die C. jetzt lebte. Schließlich erreichte die L. die C. und sie hätte sie nicht erkannt, hätte sie nicht die brombeer- oder rubinfarbene Brosche getragen, die der Rittmeister einst der B. schenkte. Die C. war nicht erfreut, sie bestritt schlichtweg die Brosche nur verwahrt zu haben und behauptete die B. habe sie ihr geschenkt, die Briefe jedoch hätte sie längst schon weggeworfen. Dann fiel die Tür ins Schloss. Es war das letzte Mal, das die L. die Brosche sah. Noch immer sagt die L. aber frage sie sich manchmal ob irgendwo der Rittmeister noch immer auf Antwort warte und sich frage, ob die B. seine Brosche wohl noch trage. Aber darauf wird die L. sowenig eine Antwort erhalten, wie ich die Brosche, die jettschwarz oder rubinrot glänzte, je zu Gesicht bekommen werde.

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